Ageismus und Wege dagegen – Frauen mit HIV in der ärztlichen Praxis
Autorin:
Dr. Christina Sophie Engelhard
Internistische infektiologische Schwerpunktpraxis
Berlin
E-Mail: praxis@m-50.de
Sie sind bereits registriert?
Loggen Sie sich mit Ihrem Universimed-Benutzerkonto ein:
Sie sind noch nicht registriert?
Registrieren Sie sich jetzt kostenlos auf universimed.com und erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln, bewerten Sie Inhalte und speichern Sie interessante Beiträge in Ihrem persönlichen Bereich
zum späteren Lesen. Ihre Registrierung ist für alle Unversimed-Portale gültig. (inkl. allgemeineplus.at & med-Diplom.at)
Seit 2021 ruft die WHO unter dem Hashtag #AWorld4AllAges zum Kampf gegen Ageismus weltweit auf und fordert mehr Forschung und Aufklärung zu diesem Thema.1 Gerade ältere Frauen*, die mit HIV leben, werden häufig Opfer von Stigmatisierung und machen in der ärztlichen Praxis frustrierende oder geringschätzende Erfahrungen. Sensibilisierung diesbezüglich ist der erste Schritt, Prozesse in unseren Gesundheitssystemen zu verändern und Bewusstsein für einen respektvollen und wertschätzenden Umgang miteinander zu schaffen.
Keypoints
-
Intersektionale Diskriminierung bedeutet: Verschiedene Stigmata verstärken sich gegenseitig: Sexismus, Ableismus, Ageismus, Rassismus.
-
„Medical gaslighting“ setzt eine Intention des Absprechens von Symptomen und Krankheitserleben voraus – treffender ist der Begriff „medizinische Invalidierung“.
-
Ageismus kostet das Gesundheitssystem viel Geld und erhöht die Mortalität der Betroffenen.
-
Epistemische Demut ist das Ziel einer wohlwollenden und respektvollen Kommunikation mit der Patientin in der ärztlichen Praxis.
Definition und Ausprägung von Ageismus
Ageismus kann irgendwann jeden betreffen. In einer Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes vom März 2023 in Deutschland berichten 45%, bereits Diskriminierung aufgrund ihres Alters erfahren zu haben.2 Während die anglizistischen Begriffe „gender health gap“ und „medical gaslighting“ aktuell immer mehr medial debattiert werden, ist Ageismus noch für viele ein weniger geläufiges Phänomen.
Madonna provozierte in ihrer emotionalen Rede im Winter 2016 zu „Women of the Year“ der Billboard Awards mit der Aussage: „(…) and finally do not age, because to age is a sin – you’ll be criticised, you’ll be vilified and you will definitely not be played on the radio.“3 Madonna kritisiert hier offen die Diskriminierung älter werdender Frauen in unserer Gesellschaft. Dieses Zitat soll zeigen, dass besonders Frauen ab einem gewissen Alter zunehmend mit gesellschaftlicher Abwertung zu kämpfen haben.
Die WHO berichtet, dass jeder zweite Mensch global Vorurteile gegenüber älteren Menschen hat.4 Ageismus wird im Deutschen synonym mit dem Begriff Altersdiskriminierung verwendet. Allerdings gibt es Ageismus in beide Richtungen: Gegen jüngere Menschen gerichtet spricht man derzeit noch anglizistisch von „youngerism“ und gegenüber älteren Personen von „adultism“. Geprägt wurde der Begriff Ageism zwischen 1975 und 1982 durch den amerikanischen Gerontologen Robert N. Butler (†2010), der Gründungsdirektor des National Institute on Aging der US National Institutes of Health war und zu diesem Thema forschte und aufklärte.5
Man kann Ageismus aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Dabei unterteilt man ihn in die institutionelle, zwischenmenschliche und internalisierte Ausprägung:6 Die institutionelle Manifestation beschreibt die Diskriminierung durch Gesellschaft/Politik und Institutionen wie z.B. bei der Arbeitsplatzsuche im höheren Alter. Zwischenmenschlich kann Ageismus beobachtet werden, wenn wir älteren Menschen u.a. gewisse Dinge nicht mehr zutrauen oder sie aufgrund ihrer mangelhaften digitalen Kompetenz auslachen. In der Expression des internalisierten Ageismus hat der Mensch selbst sein Vertrauen in sich verloren. Doch wo liegt der Ursprung von Ageismus? Gelebter Alltags-Ageismus zeigt sich durch internalisierte Annahmen, übernommene Vorurteile und erlernte Handlungsmuster.6
Intersektionale Diskriminierung bei Frauen mit HIV
Betrachtet man derzeit das Alter von Menschen mit HIV in Deutschland, sind bereits ca. 40% dieser Personen über 55 Jahre alt.7 Der Anteil der Frauen liegt in Deutschland bei ca. 20%, in Österreich etwas höher.8 Blicken wir auf unser Gesundheitssystem und hier explizit auf die Minorität von Frauen mit HIV in Europa, können wir oft zusätzliche Stigmata hinzurechnen. Die Kategorie der Diskriminierung, die auch die HIV-bezogene Stigmatisierung mit einschließt (als chronisch erworbene Erkrankung), ist der Ableismus. Hierunter fallen alle Arten der gesundheitlichen Einschränkungen angeborener oder erworbener Ätiologie oder „Abweichungen von der sogenannten medizinischen Norm“.9
Wenn mehrere Stigmatisierungsformen zusammenkommen, wie Sexismus, Ageismus, Rassismus und HIV-assoziierte Stigmatisierung, spricht man wissenschaftlich von intersektionaler Diskriminierung. Es addieren sich die Diskriminierungsformen nicht nur, sondern es kommt zu einer gegenseitigen Verstärkung.10 Besonders für dieses Phänomen der intersektionalen Diskriminierung sollten wir im Umgang mit Frauen in der ärztlichen Praxis besonders sensibilisiert sein.
Kommunikation in der ärztlichen Praxis
Die Behandlung von Frauen über 55 Jahre mit HIV erfordert u.a. wegen perimenopausaler hormoneller Veränderungen des weiblichen Zyklus eine fachlich komplexe Sichtweise auf die berichteten Symptome. Auch Fragen nach Schwierigkeiten in der gelebten Sexualität gehören zur Routine. Statistisch gesehen sprechen Frauen eher nicht von selbst über ihre Beschwerden.11 Manche Substanzen der HIV-Therapie wirken bei Frauen anders als bei Männern und manche Substanzen wie Tenofovirdisoproxil sind bei Vorliegen einer Osteoporose eher zurückhaltend einzusetzen.
„Medical gaslighting“ und medizinische Invalidierung
Blicken wir jedoch jenseits der fachlichen Expertise konkret auf die Kommunikation und das erwähnte Risiko der intersektionalen Diskriminierung, kann es in manchen Fällen im Rahmen der medizinischen Behandlung zu dem Phänomen des „medical gaslighting“ kommen. Der Begriff aus dem englischen Sprachgebrauch beschreibt ein Absprechen oder das Bagatellisieren von berichteten Symptomen, sodass sich die Patientin im ärztlichen Gespräch nicht ernst genommen fühlt. Diesen Begriff hört man häufiger in den Medien – jedoch impliziert das „medical gaslighting“ eine Intention, also das bewusste Absprechen von Symptomen oder Krankheitserleben. Anders ist das bei der Bezeichnung der medizinischen Invalidierung.12 Diese impliziert auch das unbewusste Bagatellisieren von Symptomkomplexen. Genauso ist dies auch bei jeglicher Art der Diskriminierung möglich. Ageismus kann ebenfalls unbewusst und bewusst hervorgebracht werden. In der Abbildung 1 ist als Negativbeispiel ein ärztlicher Besuch beim Neurologen wegen Schwindels skizziert: Anstatt weiterer Abklärung wird das Vertigo-Symptom unspezifisch und ohne weitere Diagnostik als Folge des Alterns und der HIV-Medikation interpretiert und die Patientin mit einem weiteren Rezept nach Hause geschickt.
Abb. 1: Negativbeispiel ärztlicher Kommunikation
Folgen intersektionaler Diskriminierung
Wer sich in der ärztlichen Sprechstunde nicht mehr ernst genommen fühlt, kann dadurch die Motivation zur Stärkung der eigenen Gesundheitskompetenz verlieren. Gesundheitskompetenz entspricht der Fähigkeit, Informationen zum Erhalt der eigenen Gesundheit zu finden, zu verstehen und dann zu bewerten und umzusetzen.13
Die zunehmende Digitalisierung führt dabei zusätzlich je nach digitalem Wissen der einzelnen Person zu einem unbeabsichtigten Digital-Ageismus bis hin zu einer digitalen Exklusion, z.B. wenn eine Betroffene aufgrund des Mangels an digitalen Kompetenzen die Zwei-Faktor-Authentifizierung als Voraussetzung für viele Gesundheitsportale und Apps nicht einsetzen kann. Folglich kann dieses Fehlen der digitalen Gesundheitskompetenz dazu führen, dass die Person nicht in der Lage ist, Onlinetermine zu buchen oder Einsicht in die in Deutschland kürzlich etablierte eigene digitale Patientenakte zu erhalten.
In Konsequenz kann das Phänomen der medizinischen Invalidierung zu einer schlechteren medizinischen Versorgung der Patientin führen und Folgen wie Frustration, Rückzug, soziale Isolation oder möglicherweise psychische Erkrankungen nach sich ziehen.14 Wirtschaftlich gesehen kosten Folgeerkrankungen, die durch o.g. Strukturen hervorgerufen werden, das Gesundheitssystem und den Staat Milliarden.6
Wege weg von Ageismus
Wie kann die Ärzteschaft im Beruf Ageismus und anderen Diskriminierungsformen entgegenwirken? Die Basis sind die Eigenreflexion über ggf. versteifte Annahmen und das Bewusstwerden darüber in der Situation. Hier betrachtet man in den Sozialwissenschaften das Machtgefälle zwischen ärztlicher Expertise und Patientin. Dieses Machtgefälle an Wissen (griech. episteme) wird auch als epistemische Ungerechtigkeit15 bezeichnet. Damit wird das vermeintliche Wissensgefälle zwischen ärztlicher Expertise und Wissen der Patientin beschrieben.
Letztendlich sollte die Patientin die Expertin für ihr Krankheitserleben und die damit zusammenhängende Alltagseinschränkung sein und die ärztliche Seite die fachliche Versiertheit hinsichtlich Symp-tomerkennung, Diagnostik und Therapie haben. Gefordert wird von der ärztlichen Rolle, zur Vermeidung der erwähnten Diskriminierungskategorien in der Kommunikation jedes Mal neu eine respektvolle epistemische Demut zu zeigen. Abbildung 2 zeigt eine gelungene Kommunikation beim Besuch der ärztlichen Sprechstunde wegen Schwindel. Im letzten Ausschnitt sieht man eine zufriedene Patientin, die sich wertgeschätzt und ernst genommen fühlt.
Abb. 2: Gelungene ärztliche Kommunikation
Ausblick
Hinsichtlich des „gender health gap“ und damit einhergehender systemischer Verzerrungen in unseren Gesundheitssystemen ist es unabdingbar, sich intersektionaler Diskriminierung bewusst zu werden und flächendeckend Aufklärungsarbeit zu leisten. Weitere klinische Studien müssen, wie vom PREDICT(„increasing the participation of the elderly in clinical trials“)-Projekt16 der EU-Kommission gefordert, ältere Menschen und vor allem auch Frauen einschließen, um sicherere Therapien zeitnah gewährleisten zu können.
Es bleibt die Aufforderung gemäß WHO, dem Ageismus die Stirn zu bieten und sich des Phänomens intersektionaler Diskriminierung bewusst zu werden. #fightgenderhealthgap #AWorld4AllAges
* Anmerkung: Frauen sind in diesem Artikel definiert als weiblich gelesene Personen und geboren mit Uterus.
Literatur:
1 WHO: The global strategy and action plan on ageing and health 2016–2020: towards a world in which everyone can live a long and healthy life. https://iris.who.int/server/api/core/bitstreams/1764ed07-0c8b-4b7c-9cc7-33cd1c3182dc/content ; zuletzt aufgerufen am 27.4.2026 2 Antidiskriminierungsstelle des Bundes: 45 Prozent der Menschen in Deutschland haben Altersdiskriminierung erlebt. https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/aktuelles/DE/2025/20250325_pm_altersbericht.html ; zuletzt aufgerufen am 27.4.2026 3 Madonnaʼs full acceptance speech at Billboard Women In Music 2016: https://www.billboard.com/video/madonnas-full-acceptance-speech-at-billboard-women-in-music-2016-7624369/ ; zuletzt aufgerufen am 27.4.2026 4 Officer A et al.: Healthy life expectancy and population ageing: how are they related? Int J Environ Res Pub Health 2020; 17: 3159 5 Wortsman P: Robert N. Butler:Pioneer in study of aging. https://www.cuimc.columbia.edu/news/robert-n-butler-pioneer-study-aging ; zuletzt aufgerufen am 27.4.2026 6 WHO: Global report on ageism. 2021. https://iris.who.int/server/api/core/bitstreams/71ad96a0-d29a-4457-9d54-52029c24c76c/content ; section 1.1.2, S.3-5; zuletzt aufgerufen am 27.4.2026 7 Robert Koch Institut: Epidemiologisches Bulletin, 47/2025; HIV in Deutschland 2024. https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2025/47_25.pdf?__blob=publicationFile&v=4 ; zuletzt aufgerufen am 27.4.2026 8 Leierer G et al.: 47th Report of the Austrian HIV Cohort Study. https://aids.at/wp-content/uploads/2025/01/47_Kohortenbericht_September_2024_oeffentlich.pdf ; zuletzt aufgerufen am 27.4.2026 9 Langmann E, Weßel M: Leaving no one behind: successful ageing at the intersection of ageism and ableism. Philos Ethics Humanit Med 2023; 18(1): 22 10 Bowleg L: The problem with the phrase women and minorities: intersectionality – an important theoretical framework for public health. Am J Pub Health 2012; 102(7): 1267-73 11 Marwick C: Survey says patients expect little physician help on sex. JAMA 1999; 281(23): 2173-4 12 Fuss A et al.: We didn‘t start the fire…or did we? – a narrative review of medical gaslighting and introduction to medical invalidation. Transl Gastroenterol Hepatol 2024; 9: 73 13 Sørensen K et al.: Health literacy and public health: a systematic review and integration of definitions and models. BMC Public Health 2012; 12: 80 14 Levy BR et al.: Ageism amplifies cost and prevalence of health conditions. Gerontologist 2020; 60(1):174-181 15 Fricker M: Epistemic injustice: power and the ethics of knowing. Oxford: Oxford University Press 2007
Das könnte Sie auch interessieren:
Eosinophilie und Reiseanamnese: an Parasiten denken
Eine erhöhte Zahl von eosinophilen Granulozyten im Blut kann unter anderem ein Hinweis auf eine Infektion mit Parasiten sein. Vor allem bei entsprechender Reise- oder Migrationsanamnese ...
Eradikation bei EHEC-Dauerausscheidung mit Antibiotika
Mit dem Akronym EHEC (enterohämorrhagische Escherichia coli) werden Shigatoxin (Stx) produzierende, humanpathogene E.-coli-Stämme (STEC) bezeichnet. Neben zytotoxischen, mit einem ...
Malaria: Diagnostik und Behandlung nach aktuellen Leitlinien
Gleich mehrere Leitlinien zum Thema Malaria wurden im vergangenen Jahr aktualisiert. Dies betrifft die WHO-Guidelines, die deutsche S1-Leitlinie und die Malaria Treatment Recommendations ...