„PSMAddition muss die Therapie des mHSPC in Österreich verändern“
Unser Gesprächspartner:
Univ.-Prof. Dr. Gero Kramer
Leiter der Prostatakarzinomambulanz Universitätsklinik für Urologie
Comprehensive Cancer Center (CCC)Medizinische Universität Wien, AKH Wien
E-Mail: gero.kramer@meduniwien.ac.at
Das Interview führte Christian Fexa
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Die PSMAddition-Studie könnte die Behandlung des metastasierten hormonsensitiven Prostatakarzinoms grundlegend verändern. Was die Studie, die mit maßgeblichem Beitrag von österreichischer Seite durchgeführt wurde, bedeutet und warum die Nuklearmedizin dabei eine entscheidendere Rolle spielt, als viele wissen, erkärt der Co-Autor der Studie Univ.-Prof. Dr. Gero Kramer, Leiter der Prostatakarzinomambulanz an der MedUni Wien/AKH Wien.
Auf dem ESMO-Kongress in Berlin wurde in der Presidential Session die PSMAddition-Studie zur Lutetium-PSMA-Therapie präsentiert. Sie sind Co-Autor der Studie und haben 36 Patienten rekrutiert, von denen 31 randomisiert werden konnten – weltweit eine der erfolgreichsten Rekrutierungszahlen. Ein großartiger Erfolg für Österreich. Was braucht es dafür?
G. Kramer: Wir sind natürlich sehr stolz auf diesen Erfolg – es ist ein Grund, zu feiern.
Zunächst braucht es für eine solche Studie eine hervorragend funktionierende interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Nuklearmedizin. Eine Studie, die von zwei Fachrichtungen – der Uroonkologie und der Nuklearmedizin – gemeinsam durchgeführt wird, ist organisatorisch anspruchsvoll. In einem solchen Setting so viele Patienten einzuschließen, ist absolut beispielhaft. Diese Kooperation möchte ich besonders hervorheben, sie zeigt, wie wichtig die Nuklearmedizin nicht nur für unser eigenes Fach, sondern für viele Disziplinen geworden ist.
Weiters benötigt es eine gut funktionierende Studienlandschaft. Am AKH ist diese gegeben, aber auch andere österreichische Zentren haben zur PSMAddition-Studie maßgeblich beigetragen – etwa die Urologie in Linz. Es ist entscheidend, Österreich als erfolgreichen Studienstandort zu erhalten und die Zentren sowohl qualitativ als auch strukturell weiter auszubauen. Nur so können wir international mithalten und Therapien besser verstehen. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie: Wer Studien durchführt, betreut Patienten besser – und genau das wollen wir.
Ein weiterer Schlüsselfaktor sind die Zuweiser. Die Kooperation mit dem niedergelassenen Bereich funktioniert hervorragend. Angesichts des Workloads vieler Kolleg:innen ist es wirklich bemerkenswert, wie viel zusätzliche Zeit sie sich nehmen, um mit uns Kontakt zu halten, Patienten abzustimmen und geeignete Fälle zuzuweisen.
Nicht zuletzt braucht es ein engagiertes Studienteam aus vielen Berufsgruppen. Die Arbeit von Studienassistent:innen und Studiennurses ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Diese Stellen müssen ausreichend vorhanden und gut dotiert sein. Nur wenn all diese Faktoren ineinandergreifen, gelingt es, so viele Patienten so rasch in eine Studie einzuschließen.
Was genau wurde in der PSMAddition-Studie untersucht?
G. Kramer: Die Studie beschäftigt sich mit der Standardtherapie des metastasierten hormonsensitiven Prostatakarzinoms (mHSPC). Diese besteht derzeit aus einer Androgendeprivationstherapie in Kombination mit einem ARPI, einem Androgenrezeptor-Pathway-Inhibitor. Diese Therapie ist etabliert und wirksam.
Das Besondere an der PSMAddition-Studie war, diese starke Standardtherapie als Kontrollarm zu verwenden und randomisiert gegen eine zusätzliche Radioligandentherapie mit 177Lutetium-PSMA-617 (Lutetium-PSMA) zu untersuchen – als Add-on. Es handelt sich um die erste Phase-III-Studie in diesem Setting. Lutetium-PSMA hatte bereits in früheren Studien (VISION, PSMAfore) im kastrationsresistenten Stadium ein verlängertes radiografisches progressionsfreies Überleben (rPFS) gezeigt.
In die PSMAddition-Studie wurden Patienten mit mHSPC eingeschlossen, die mindestens eine PSMA-positive Läsion aufwiesen. Der primäre Endpunkt, das rPFS, wurde mit einer Hazard-Ratio von 0,72 und einem p-Wert von 0,002 erreicht – ein klarer signifikanter Vorteil für die Patienten, konsistent in allen Subgruppen. Fast alle metastasierten Patienten haben PSMA-exprimierende Läsionen, weshalb Lutetium-PSMA eine gezielte Therapie für viele Betroffene darstellt. Zwei Drittel der Teilnehmenden waren „high risk“, die Hälfte de novo – also ein ausgesprochen fortgeschrittenes Patientenkollektiv.
Hinzu kommt, dass Lutetium-PSMA gut verträglich ist. Die beiden häufigsten Nebenwirkungen, Anämie und Mundtrockenheit, sind gut beherrschbar. Anämie vom Grad 3 war selten, und der trockene Mund trat meist nur in Grad 1 auf.
Welche Resultate gab es in Bezug auf das Gesamtüberleben?
G. Kramer: Die Interimsanalyse zeigte beim Gesamtüberleben – einem sekundären Endpunkt – noch keinen signifikanten Vorteil, jedoch einen positiven Trend. Das Follow-up läuft. Der Crossover nach radiografischer Progression ist hier mitzubedenken; dadurch relativiert sich die Aussagekraft des Gesamtüberlebens. Andere Parameter wie PSA-Ansprechen, rPFS, mCRPC-Entwicklung oder symptomatische Skelettkomplikationen sprechen klar für den Kombinationsarm mit Lutetium-PSMA.
Was bedeutet PSMAddition für Sie persönlich?
G. Kramer: Für mich ist PSMAddition eine durchweg positive Studie, und Lutetium-PSMA sollte für das mHSPC zugelassen werden. Unser oberstes Ziel muss sein, das kastrationsresistente Stadium so lange wie möglich hinauszuzögern – denn in diesem Stadium sterben die Patienten. Deshalb ist eine frühzeitige Therapieintensivierung entscheidend.
Aktuell laufen zwei weitere Studien mit ähnlichem Ansatz im mHSPC-Setting: CAPItello-281 und AMPLITUDE. Beide untersuchen den Einsatz neuer Medikamente möglichst früh im Krankheitsverlauf.
Welche Rolle spielt die Nuklearmedizin heute – und künftig?
G. Kramer: Die Nuklearmedizin ist ein unverzichtbarer Partner, denn viele zukünftige Therapien basieren auf dem Prinzip der Theranostik. Allerdings fehlt es vielerorts massiv an Ausstattung – Personal, Betten und Infrastruktur. Die jetzt zugelassenen Therapien müssen für alle Patienten verfügbar sein; das ist derzeit nicht gegeben. Hier ist die Gesundheitspolitik dringend gefordert.
Die Lutetium-PSMA-Therapie ist erst der Anfang einer Reihe neuer nuklearmedizinischer Therapieoptionen. Vor diesem Hintergrund ist die hervorragende Zusammenarbeit mit den Kolleg:innen von der Nuklearmedizin umso wertvoller. Interdisziplinäre Studien zwischen so unterschiedlichen Fächern sind anspruchsvoll – aber sie sind die „Königsdisziplin“. Und diese Krone konnten wir uns nun gemeinsam aufsetzen.
Kann PSMAddition die Behandlung des mHSPC in Österreich verändern?
G. Kramer: Ich würde nicht sagen: kann, sondern: muss. Die Ergebnisse müssen Eingang in die Versorgung finden. Österreich hat viel Erfahrung in der Behandlung des kastrationsresistenten Prostatakarzinoms. Besonders spannend ist eine von uns mit der Nuklearmedizin durchgeführte Studie, in der Patienten im hormonsensitiven Stadium ohne Hormontherapie ausschließlich mit Lutetium behandelt wurden – weltweit eine der ersten Erfahrungen in diesem Setting. In Zukunft werden weitere Radionuklide wie Actinium untersucht. Wir stehen am Anfang einer sehr spannenden Entwicklung – diagnostisch wie therapeutisch.
Kann sich ein solcher Erfolg wiederholen? Was braucht es gesundheitspolitisch?
G. Kramer: Die Gesundheitspolitik hat eine wesentliche Rolle: Sie schafft die Voraussetzungen dafür, dass solche Studien überhaupt durchgeführt werden können. Österreich muss seine Studienzentren ausbauen und finanziell stärken, um wieder eine international führende Position einzunehmen.
Dazu braucht es Opinion Leader in der Uroonkologie, die vorangehen, und ebenso politische Entscheidungsträger, die die Bedeutung neuer therapeutischer Innovationen erkennen, früh handeln und unterstützen. Die medizinische Revolution mit neuen Strategien und Medikamenten wird oft unterschätzt – gesundheitspolitische Reaktionen sind häufig zu spät und zu zögerlich. Alle zugelassenen Therapien müssen den Patienten zur Verfügung stehen. Es ist Aufgabe der Universitäten, der Urologie und der Uroonkologie, die Politik hier in die Verantwortung zu nehmen und strategisch eingebunden zu werden.
Sie sprechen das Smart Screening an – warum ist es so wichtig?
G. Kramer: Auch wenn mein Spezialgebiet das metastasierte Prostatakarzinom ist, möchte ich natürlich, dass es gar nicht erst dazu kommt. Dafür brauchen wir strategische Konzepte wie das Smart Screening. Es ist in der Umsetzung einfacher, als viele glauben, und durch die Einbindung der Uroonkologie und akademischer Strukturen sind sogar Kostenersparnisse möglich. Ziel muss sein, die richtigen Patienten früh zu erkennen – bevor eine Metastasierung eintritt.
Welche Bedeutung hat das Comprehensive Cancer Center am AKH?
G. Kramer: Das Comprehensive Cancer Center verbindet uns alle mit dem Ziel, einen wissenschaftlich exzellenten und international führenden Standort zu schaffen. Es bringt Fachrichtungen zusammen und ermöglicht es den beteiligten Disziplinen, akademisch erfolgreich zu sein und Patienten bessere Therapien zugänglich zu machen. Darüber hinaus hat es eine enorme politische Bedeutung, weil es zeigt, wie gut Zusammenarbeit funktionieren kann und welche Ergebnisse sie liefert.
Wir müssen Barrieren zwischen Fächern, Standorten und Kolleg:innen abbauen und Medizin neu denken – nach Krankheitsentitäten organisiert. Nur gemeinsam können wir Forschung und Patientenversorgung verbessern.
Welche Rolle spielt die Österreichische Gesellschaft für Urologie?
G. Kramer: Die Österreichische Gesellschaft für Urologie spielt dabei eine wichtige Rolle: Sie bringt Expert:innen aus unterschiedlichen Zentren zusammen und spricht mit vereinter Stimme. Sie ist ein zentraler Motor für notwendige Entwicklungen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Literatur:
1 Tagawa S et al.: Phase III trial of [177Lu]Lu-PSMA-617 combined with ADT + ARPI in patients with PSMA-positive metastatic hormone-sensitive prostate cancer (PSMAddition). ESMO 2025 Berlin, Oral Presentation, Presidential Session
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