© crispywork - stock.adobe.com

Überall vorhanden, Risiken noch unklar, Handeln notwendig

Mikroplastik und Gesundheit – was Ärztinnen und Ärzte wissen sollten

Kunststoffe sind aus unserem Alltag nicht wegzudenken – ihre kleinsten Fragmente, Mikro- und Nanoplastik, sind längst überall: in der Luft, im Wasser, in Lebensmitteln und sogar im menschlichen Körper. Eine umfassende Übersichtsarbeit von Thompson et al.1 fasst jetzt über zwei Jahrzehnte Forschung zusammen: Mikroplastik entsteht aus ganz unterschiedlichen Quellen, ist global verbreitet, gelangt in Menschen – und könnte gesundheitliche Auswirkungen haben.

Was bisher bekannt ist

Als Mikroplastiken sind feste Kunststoffpartikel in der Größe ≤5mm definiert. Diese Teilchen entstehen u.a. durch Reifen- und Textilabrieb, Kosmetika, Farben und Fragmentierung größerer Kunststoffobjekte. Nachgewiesen wurde Mikro-/Nanoplastik in fast allen Umweltkompartimenten – und erste Daten belegen die Aufnahme durch Menschen. Laut Thompson et al. könnte sich der Eintrag in die Umwelt bis 2040 möglicherweise verdoppeln. Es gibt Hinweise auf schädliche Effekte auf mehreren Ebenen biologischer Organisation – vom Zellstoffwechsel über Organismen bis hin zu ganzen Ökosystemen. Beim Menschen ist die Evidenz dafür jedoch begrenzt. Der Artikel von Thompson et al. betont, dass zwar viele Maßnahmen diskutiert werden, aber klare Evidenz zur Wirksamkeit noch fehlt – und die Plastikproduktion als Ganzes reduziert werden muss, wenn irreversible Schäden vermieden werden sollen.

Forschung aus Wien – kurz ergänzt

Parallel zur erwähnten Publikation hat die Gruppe um Prof. Lukas Kenner (MedUni Wien) gezeigt, dass Nanoplastiken z.B. in Zellkulturen aufgenommen und weitergegeben werden und bei Tiermodellen innerhalb von Stunden im Gehirn nachgewiesen wurden. Auch wenn direkte menschliche Krankheitsfolgen noch nicht bewiesen sind, verdeutlichen diese Mechanismen: Mikro-/Nanoplastik kann tief in biologische Systeme eingreifen.

Praxisrelevanz für Ärzt:innen

Auch wenn konkrete Krankheitsbilder noch ausstehen, sollten Ärzt:innen Umweltfaktoren, wie Mikro-/Nanoplastik-Exposition, künftig stärker bedenken, etwa bei chronischen Entzündungen, Tumorwachstum oder Stoffwechselstörungen. Beratungsschwerpunkte sind die Reduktion des Kunststoffverbrauchs, sauberes Trinkwasser, reduzierte Luft- bzw. Staubbelastung – alles Ansatzpunkte für die Prävention. Wichtig sind vernetzte Forschung und Versorgung, medizinische Studien, die Umweltparameter integrieren, Beobachtungsprogramme bezüglich der Exposition vorantreiben und auch interdisziplinär erarbeitet werden sollten (z.B. Onkologie, Umweltmedizin, Public Health).

Ausblick – Call to Action

Die Arbeit von Thompson et al. zeigt: Forschung zu Mikroplastik ist kein Randthema mehr. Es braucht konkretes Handeln:

  1. Mehr Forschungsförderung, insbesondere in Österreich – interdisziplinär und praxisnah

  2. Monitoring-Infrastruktur für Umwelt- und Humanproben (Staub, Wasser, Blut, Organmaterial) etablieren

  3. Weiterbildung und Aufklärung: Ärztinnen/Ärzte müssen das Thema Mikroplastik in Fortbildungen sehen – und Patienten gezielt beraten werden.

  4. Strukturelle Veränderungen: Kunststoffproduktion verringern, Kreislaufwirtschaft ausbauen, politisch regulieren – nur Einzelmaßnahmen reichen nicht.

Fazit

Die Evidenz für eine umfassende Umwelt- und Gesundheitsbelastung durch Mikro- und Nanoplastik wächst. Für Ärzt:innen in Österreich heißt das: Umweltbelastung durch Mikroplastik kann künftig relevant sein – für Prävention, Beratung und Forschung. Ein proaktiver Blick auf dieses Thema ist gerechtfertigt und überfällig.

1 Thompson RC et al.: Twenty years of microplastic pollution research–what have we learned? Science 2024; 386(6720): doi: 10.1126/science.adl2746 www.science.org/doi/epdf/10.1126/science.adl2746

Back to top