Männliche Infertilität: Varikozelen-OP mit Fokus auf Spermien-DNA-Fragmentierung
Autoren: Dr. Johannes Stäblein, BSc
o. Univ.-Prof. Dr. Germar-M. Pinggera, PLL.M., FECSM
Universitätsklinik für Urologie
Medizinische Universität Innsbruck
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Die Varikozelenoperation steht im Spannungsfeld zwischen operativer Kausaltherapie und assistierten Reproduktionstechniken. Parallel haben sich Samenparameter wie die Spermien-DNA-Fragmentierung als prognostisch bedeutsame Biomarker etabliert. Wie sind Evidenzlage, Einordnung und klinische Konsequenzen zu interpretieren?
Die Varikozele gilt als häufigste chirurgisch korrigierbare Ursache männlicher Subfertilität und wird bei einem relevanten Anteil infertiler Männer nachgewiesen. Klinisch steht sie seit Jahrzehnten im Spannungsfeld zwischen operativer Kausaltherapie und dem raschen Übergang zu assistierten Reproduktionstechniken (ART). Parallel dazu haben sich „erweiterte“ Samenparameter wie die Spermien-DNA-Fragmentierung (SDF) als prognostisch bedeutsame Biomarker etabliert, insbesondere im Kontext wiederholter ART-Misserfolge und erhöhten Fehlgeburtsrisikos. Dieses Spannungsfeld ist der Hintergrund, vor dem die aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse von Agarwal et al.1 zu interpretieren ist: Sie untersucht, ob eine Varikozelenoperation („varicocele repair“, VR) konventionelle Spermiogrammparameter im Vergleich zu jenen von unbehandelten Kontrollen verbessert – eine methodisch anspruchsvollere Fragestellung als reine Vorher-Nachher-Vergleiche ohne Kontrollgruppe.
Studiendesign und methodische Besonderheit
Agarwal et al.1 führten eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse durch und verglichen Veränderungen konventioneller Spermiogrammparameter nach VR mit Veränderungen in einer unbehandelten Kontrollgruppe über denselben Zeitraum. Gerade dieser kontrollierte Vergleich der Veränderungswerte stellt den wesentlichen Vorteil der Studie dar, da er zeitabhängige Veränderungen, Spontanschwankungen im Verlauf sowie Regression-zur-Mitte-Effekte verlässlicher berücksichtigt als reine Prä-/Post-Analysen ohne externe Kontrollgruppe.Insgesamt wurden (je nach Endpunkt) mehrere Studien und mehrere tausend Patienten berücksichtigt; insgesamt wurden Daten von 2420 Männern untersucht (1424 operiert vs. 996 Kontrollen). Die Analysen nutzen standardisierte Mittelwertdifferenzen (SMD) und berichten konsequent hohe Inter-Studien-Heterogenität (I2 meist >97%).
Konsistente Verbesserungen zentraler Spermiogrammparameter
Die Metaanalyse zeigt in der Gesamtschau signifikante postoperative Verbesserungen in mehreren klassischen Parametern zugunsten der VR jeweils gegenüber unbehandelten Kontrollen:
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Spermienkonzentration: SMD: 1,739 (95% CI: 1,129–2,349; p<0,001; I2=97,6%)
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Gesamtspermienzahl: SMD: 1,894 (95% CI: 0,566–3,222; p<0,05; I2=97,8%)
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Progressive Motilität: SMD: 3,301 (95% CI: 2,164–4,437; p<0,01; I2=98,5%)
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Gesamtmotilität: SMD: 0,887 (95% CI: 0,036–1,738; p=0,04; I2=97,3%)
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Normale Morphologie: SMD: 1,673 (95% CI: 0,876–2,470; p<0,05; I2=98,5%)
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Ejakulatvolumen: keine signifikante Änderung (SMD: 0,313; 95% CI: −0,242 bis 0,868)
Die Sensitivitätsanalysen ergaben, dass keine Einzelstudie die Gesamtaussage „kippt“, was für eine gewisse Robustheit der Richtungseffekte spricht. Publikationsbias wurde jedoch für Spermienkonzentration und progressive Motilität berichtet, nicht jedoch für die übrigen Endpunkte.
Zentrales Interpretationsproblem Heterogenität – klinisch geht es dennoch in eine Richtung
Die sehr hohe Heterogenität (I2 vielfach ≈98%) ist der methodische „Elefant im Raum“ und deutet auf substanzielle Unterschiede zwischen Studien hin (z.B. Patientenselektion, Varikozelengrad, Operationsmethode, Nachbeobachtungszeit, Laborstandards). Gleichzeitig ist aus klinischer Perspektive bedeutsam, dass die Effektrichtung über Parameter hinweg überwiegend konsistent zugunsten der VR ausfällt und der kontrollierte Vergleich mit zeitparallel beobachteten Nichtoperierten einen plausiblen Nutzen wahrscheinlicher macht als reine Vorher-Nachher-Designs. Damit liefert die Studie ein Argument dafür, VR nicht nur als „optional“ zu betrachten, sondern als evidenzgestützte kausale Intervention bei klinischer Varikozele und infertilem Paar.
Diese steht im Einklang mit älteren, aber weiterhin häufig zitierten randomisierten und metaanalytischen Arbeiten, die ebenfalls Verbesserungen nach Varikozelenoperation zeigen, z.B. die randomisierte Studie von Abdel-Meguid et al.2 sowie die Metaanalyse von Baazeem et al.3 und die Metaanalyse von Schauer et al.4
Varikozelenoperation: mehr als „Spermiogramm-Kosmetik“
In der modernen Andrologie wird diskutiert, dass konventionelle Parameter nicht alle klinisch relevanten Dimensionen der Spermienqualität abbilden. SDF ist hier besonders wichtig, weil hohe Fragmentationsraten mit ungünstigen Reproduktionsergebnissen assoziiert sind. Eine große Metaanalyse zu IVF/ICSI zeigte, dass hohe SDF-Werte mit reduzierter Schwangerschaftsrate und erhöhter Fehlgeburtenrate assoziiert sind.5 Auch die Metaanalyse von Robinson et al.6 stützt die Relevanz von Spermien-DNA-Schäden für ART-Outcomes.
Hier wird der Vorteil einer Varikozelenoperation klinisch greifbar: Sie ist – im Gegensatz zu rein empirischen Strategien (Antioxidantien, Lifestyle-Interventionen) eine Behandlung einer potenziell ursächlichen, anatomisch-funktionellen Störung. Dass VR nicht nur konventionelle Parameter beeinflussen kann, sondern auch mit einer Reduktion von DNA-Fragmentation einhergeht, stützen mehrere Metaanalysen: Birowo et al.7 berichten eine signifikante DFI-Reduktion nach Varikozelektomie,LiraNeto et al.8 kommen ebenfalls zum Schluss, dass Varikozelektomie SDF-Raten reduziert, besonders bei präoperativ erhöhten Werten. Damit lässt sich VR argumentativ als zweistufiger Nutzen fassen:
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Verbesserung klassischer Spermiogrammparameter, wie von Agarwal et al.1 gezeigt
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potenzielle Verbesserung der „Qualitätsebene“ DNA-Integrität, die für Implantation und Fehlgeburtsrisiko relevant sein kann
Relevanz für Schwangerschafts- und Lebendgeburtenraten
Die Arbeit von Agarwal et al.1 fokussiert auf konventionelle Parameter, nicht primär auf klinische Endpunkte wie Schwangerschaft oder Lebendgeburt. Dennoch existiert ergänzende Evidenz, dass Varikozelenbehandlung auch klinische Outcomes verbessern kann: Birowo et al.werteten in einer systematischen Übersichtsarbeit mit Metaanalyse eine höhere Schwangerschaftsrate und Lebendgeburtenrate nach Varikozelentherapie gegenüber Nichttherapie aus.9 Diese Daten sind besonders relevant für Beratungsgespräche, weil Paare selten „eine bessere Motilität“ als Ziel formulieren, sondern eine Schwangerschaft bzw. Lebendgeburt. Aus klinischer Sicht unterstützt die Gesamtschau damit eine Strategie, VR als vorgelagerte Option ernsthaft zu prüfen, bevor ART-Eskalationen erfolgen, insbesondere, wenn eine klinisch palpable Varikozele vorliegt und das Zeitfenster dies zulässt.
Heterogenität der SDF-Strategien und die Chance der kausalen Therapie
Eine globale Umfrage10 zeigt, dass das Management erhöhter SDF international stark variiert; häufig werden Lifestyle-Maßnahmen und empirische Antioxidantien eingesetzt, bevor ART empfohlen wird. Gerade vor diesem Hintergrund wirkt VR als „harte“ kausale Option: Während Antioxidantien-Protokolle und Lebensstiländerungen sinnvoll sein können, sind sie in der Regel unspezifisch. Bei einer klinischen Varikozele hingegen existiert ein konkretes, behandelbares Substrat. Das macht die VR in vielen Konstellationen attraktiv, z.B. bei:
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klinischer Varikozele + auffälligem Spermiogramm (klassische Indikation),
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klinischer Varikozele + (grenzwertigem) Spermiogramm, aber erhöhter SDF,
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wiederholten Fehlgeburten/ART-Misserfolgen, wenn männliche Faktoren plausibel sind und eine Varikozele vorliegt.
Als strukturierender Rahmen zur Indikationsstellung von SDF-Testung und zur Diskussion testikulärer Spermiengewinnung bei persistierend hoher SDF wird die EAU-Konsultationshilfe von Tharakan et al. häufig zitiert.11 Wichtig ist: Diese Arbeit positioniert Testikulärspermien/TESE nicht als Routine, sondern als Option in ausgewählten Situationen. In diesem Algorithmus kann VR als vorgelagerte, weniger invasive kausale Therapie eine zentrale Rolle spielen.
Evidenz und Forschungsbedarf
Trotz überzeugender Richtungseffekte sind mehrere Limitationen zu betonen:
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sehr hohe Heterogenität (I2), die eine präzise Quantifizierung des „typischen“ Effekts erschwert
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Publikationsbias bei einzelnen Endpunkten (Konzentration, progressive Motilität), was Effektstärken überschätzen kann
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Endpunktfrage: Verbesserte Spermiogrammparameter sind klinisch plausibel, ersetzen aber nicht zwingend robuste Daten zu Lebendgeburten in klar definierten Subgruppen.
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Subgruppen-Unsicherheit: Welche Patienten am meisten profitieren (z.B. Varikozelengrad, Alter, Ausgangs-SDF, weibliche Faktoren), bleibt unzureichend standardisiert
Schlussfolgerung
Die systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse von Agarwal et al.1 liefert, aufgrund des kontrollierten Änderungsvergleichs, ein besonders starkes Argument dafür, dass die Varikozelenoperation bei infertilen Männern mit klinischer Varikozele konventionelle Spermiogrammparameter signifikant verbessert. Der entscheidende Vorteil der Varikozelenoperation liegt jedoch nicht allein in statistisch besseren Laborwerten, sondern in ihrem Charakter als kausale, potenziell fertilitätssteigernde Intervention: Sie behandelt eine identifizierbare Ursache, kann die Notwendigkeit oder Intensität von ART reduzieren und ist zudem mit einer Reduktion der Spermien-DNA-Fragmentierung assoziiert, einem Parameter, der mit Fehlgeburt und ART-Erfolg zusammenhängt. Damit sollte VR in der andrologischen Beratung nicht als „add-on“, sondern als evidenzgestützte Kernoption in einem stufenweisen, paarzentrierten Vorgehen betrachtet werden, insbesondere dann, wenn ein sinnvolles Zeitfenster für eine kausale Therapie besteht.
Literatur:
1 Agarwal A et al.: Impact of varicocele repair on semen parameters in infertile men: asystematic review and meta-analysis. World J Mens Health 2023; 41(2): 289-310 2 Abdel-Meguid TA et al.: Does varicocele repair improve male infertility? An evidence-based perspective from a randomized, controlled trial. Eur Urol 2011; 59(3): 455-61 3 Baazeem A et al.: Varicocele and male factor infertility treatment: a new meta-analysis and review of the role of varicocele repair. Eur Urol 2011; 60(4): 796-808 4 Schauer I et al.: The impact of varicocelectomy on sperm parameters: a meta-analysis. J Urol 2012; 187(5): 1540-7 5 Zhao J et al.: Whether sperm deoxyribonucleic acid fragmentation has an effect on pregnancy and miscarriage after in vitro fertilization/intracytoplasmic sperm injection: a systematic review and meta-analysis. Fertil Steril 2014; 102(4): 998-1005 6 Robinson L et al.: The effect of sperm DNA fragmentation on miscarriage rates: a systematic review and meta-analysis. Hum Reprod 2012; 27(10): 2908-17 7 Birowo P et al.: The effects of varicocelectomy on the DNA fragmentation index and other sperm parameters: a meta-analysis. Basic Clin Androl 2020; 30: 15 8 Lira Neto FT et al.: Effect of varicocelectomy on sperm deoxyribonucleic acid fragmentation rates in infertile men with clinical varicocele: a systematic review and meta-analysis. Fertil Steril 2021; 116(3): 696-712 9 Birowo P et al.: The benefits of varicocele repair for achieving pregnancy in male infertility: a systematic review and meta-analysis. Heliyon 2020; 6(11): e05439 10 Farkouh A et al.: Controversy and Consensus on the Management of Elevated Sperm DNA Fragmentation in Male Infertility: aglobal survey, current guidelines, and expert recommendations. World J Mens Health 2023; 41(4): 809-47 11 Tharakan T et al.: European Association of Urology Guidelines Panel on Male Sexual and Reproductive Health: aclinical consultation guide on the indications for performing sperm DNAfragmentation testing in men with infertility and testicular sperm extraction in nonazoospermic men. Eur Urol Focus 2022; 8(1): 339-50
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