Die Parkinsonerkrankung – Highlights vom AD/PD 2026
Bericht:
Dipl.-Ing. Dr. Manuel Spalt-Zoidl
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Durch den frühen Nachweis von α-Synuklein und eine entsprechende biologische Definition der Parkinsonerkrankung (PD) wird ein neuer Weg für krankheitsmodifizierende Behandlungen geebnet. Auf der International Conference on Alzheimer’s and Parkinson’s Diseases (AD/PD) 2026 zeigten führende Expert:innen jüngste Fortschritte für die Prävention, Früherkennung und Behandlung dieser Erkrankung.
Keypoints
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Das Risiko für PD kann durch die Vermeidung hochgiftiger Herbizide, organischer Lösungsmittel, hochverarbeiteter Lebensmittel und von Mikroplastik beträchtlich reduziert werden.
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SAA können bei hypnosmischen Patient:innen wertvolle Informationen für die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung einer symptomatischen PD liefern.
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Moderne Behandlungsansätze wie monoklonale Antikörper, die gegen aggregierte Formen des α-Synukleins gerichtet sind, und orale LRRK2-Inhibitoren liefern positive Signale für krankheitsmodifizierende Thearpieansätze.
Prävention von Parkinson
Die PD ist einem dramatischen Wachstum unterworfen, eröffnete Prof. Dr. Fabrizio Stocchi, University San Raffaele, Rom, seinen Vortrag. Während die PD 2015 6,3 Millionen Menschen betraf, sind es im Jahr 2040 Schätzungen zufolge 17,5 Millionen Menschen (Abb. 1).1 Um die Ätiologie der Erkrankung zu ergründen, müssen die relativen Beiträge von Genetik, Epigenetik und Umwelt in Betracht gezogen werden. Große Studien mit fast 13000 Betroffenen zeigten, dass Varianten wie GBA1 und LRRK2 mit 10,4 und 3,0% die häufigsten genetischen Ursachen der PD ausmachen.2 Wichtig ist, so Stocchi, dass in nur 15% der PD-Fälle eine genetische Ursache vorliegt. Unter den vermeidbaren Risikofaktoren ist vor allem der Kontakt mit hochgiftigen Herbiziden zu nennen. Tatsächlich könnte eine umfassende Expositionsprophylaxe 46 von 100 PD-Fällen verhindern (95% CI: 21–77).3 Weitere Risikofaktoren umfassen organische Lösungsmittel, Mikroplastik, hochverarbeitete Lebensmittel und Typ-2-Diabetes.4–7
Stocchi erläuterte, dass körperliche Aktivität eine der wichtigsten Maßnahmen darstellt, um das Risiko für PD zu verringern. Metaanalysen mit fast 550000 Menschen belegten eine signifikante relative Risikoreduktion von 29% (RR: 0,71; 95% CI: 0,58–0,87) durch moderate bis starke körperliche Betätigung.8 Überraschenderweise tragen auch Nikotin- und Koffeinkonsum zu signifikant geringeren PD-Risiken von 0,39 (95% CI: 0,32–0,47) beziehungsweise 0,69 (95% CI: 0,59–0,80) bei.9,10 Die protektiven Effekte des Tabakkonsums sind jedoch nicht auf Nikotin, sondern höchstwahrscheinlich auf die Inhibition der Monoaminoxidase B (MAO B), die Hochregulierung von Cytochrom P450 oder mikrobiotische Veränderungen zurückzuführen.11
Stocchi schloss, dass die Prophylaxe der PD einen kombinierten Ansatz aus einer Reduktion der Umweltexposition, erhöhter körperlicher Aktivität, angepasster Ernährung, einer Darmsanierung und einen gezielten Eingriff in molekulare Signalwege, wie jene des „Leucine-rich repeat kinase 2“-Gens (LRRK2), erfordert.12
Früherkennung bei hypnosmischen Patient:innen
Heute ist die Aggregation fehlgefalteter α-Synuklein-Proteine als zentraler Mechanismus für die Entstehung der PD und der Demenz mit Lewy-Körperchen anerkannt, so Kenneth Marek, Yale University, USA.13 Federführend für die neue Definition dieser Krankheitsbilder unter dem Begriff der neuronalen Synukleinerkrankung („neuronal synuclein disease“, NSD) ist die Parkinson’s Progression Markers Initiative (PPMI).14
Durch den Einsatz sogenannter Seed Amplification Assays (SAA) ist ein Nachweis der NSD-Pathologie bereits in einem präsymptomatischen Zeitfenster möglich, betonte der Vortragende. So konnten SAA im Rahmen eines groß angelegten PD-Screenings bei mehr als 100000 Menschen mit Hyposmie im Alter von 50 bis 59 Jahren, 60 bis 69 Jahren und 70 bis 79 Jahren einen positiven α-Synuklein-Nachweis bei 47, 60 beziehungsweise 72% der Getesteten erbringen und so eine hohe Wahrscheinlichkeit der Entwicklung einer symptomatischen PD belegen (Abb. 2).
Abb. 2: Ergebnisse eines Seed Amplification Assay (SAA) bei hypnosmischen Menschen im Alter von 50–59, 60–69 und 70–79 Jahren
Marek gab jedoch zu bedenken, dass SAA gegenwärtig nur binäre Ergebnisse zulassen. Die Entwicklung quantitativer Biomarker-Tests stelle eine wesentliche Voraussetzung für die Stadieneinteilung der Erkrankung und den Einsatz krankheitsmodifizierender Therapien dar.
Quantifizierung von pathologischem α-Synuklein
Durch den Einsatz einer Immun-Infrarot-Sensortechnologie könnte eine solche Quantifizierung realisiert werden, so Prof. Klaus Gerwert, Deutschland. Die Grundlage des Konzepts liegt in der Absorption von infrarotem Licht (IR) bei bestimmten Wellenlängen durch Streckungen und Schwingungen kovalenter Bindungen in der Aminosäurestruktur.
Die zunehmende Fehlfaltung von α-Synuklein im Verlauf der PD und der damit assoziierte Übergang der α-Helix- in die β-Faltblatt-Struktur verschiebt die Amplitude der IR-Absorption von 1652cm-1 bei Gesunden in Richtung 1627cm-1 bei Menschen mit PD. In einer Validationskohorte mit 72 gesunden Personen und 62 Patient:innen mit PD erreichte der Test, so der Vortragende, bereits eine Spezifität von 97% und eine Sensitivität von 92% für die Unterscheidung dieser Populationen.15
α-Synuklein und LRRK2 als mögliche Behandlungsziele
Basierend auf dem Pathomechanismus der PD haben monoklonale Antikörper, die gegen aggregierte Formen des α-Synukleins gerichtet sind, das Potenzial, neuronale Toxizität zu reduzieren, den Transfer pathogener Aggregate zu verhindern und den Progress der Erkrankung zu verlangsamen, erörterte Dr. Tania Nikolcheva, Schweiz.16,17
Die Wirksamkeit und die Verträglichkeit dieser Arzneimittel wurden unter anderem bei Menschen mit PD im Frühstadium als Add-on-Therapie zu L-Dopa oder MAO-B-Hemmern ausgewertet. Die Teilnehmer:innen wurden in einem 1:1-Verhältnis randomisiert, um den Antikörper (n=293) oder Placebo (n=293) alle vier Wochen als intravenöse Infusion über einen Zeitraum von mindestens 76 Wochen hinweg zu erhalten. Der primäre Endpunkt war die Zeit bis zum bestätigten Progress motorischer Symptome anhand des Movement Disorder Society-Unified Parkinson’s Disease Rating Scale Teil III (MDS-UPDRS Teil III OFF). Das Arzneimittel war mit einer numerisch längeren medianen Zeit bis zur Krankheitsprogression gegenüber Placebo assoziiert (61,1 vs. 49,7 Wochen). Das Ergebnis fiel mit einer Hazard-Ratio von 0,84 (95% CI: 0,69–1,01; p=0,066) allerdings nicht signifikant aus.18
Neben der Fehlfaltung von α-Synuklein werden auch lysosomale Dysfunktionen als zentrale Mechanismen für die Pathogenese der PD angesehen.19,20 Während die Erkrankung mit einer erhöhten LRRK2-Aktivität einhergeht, führt dessen Hemmung zu einer Normalisierung der lysosomalen Funktionen.21 Zudem deuten natürlich vorkommende „Loss-of-Function“-Varianten der Kinase darauf hin, dass dessen Hemmung keinen Einfluss auf die Mortalität hat.22 LRRK2 ist somit, laut Dr. Tien Dam, USA, ein attraktives Target für krankheitsmodifizierende Behandlungen. Gegenwärtig werden orale LRRK2-Inhibitoren im Rahmen von Phase-I-Studien evaluiert und zeigen erste positive Sicherheitssignale.
Quelle:
International Conference on Alzheimer’s and Parkinson’s Diseases and related neurological disorders (AD/PD) 2026, 17.–21. März 2026, Kopenhagen, Dänemark
Literatur:
1 Dorsey ER et al.: The emerging evidence of the parkinson pandemic. J Parkinsons Dis 2018; 8(s1): S3-8 2 Westenberger A et al.: Relevance of genetic testing in the gene-targeted trial era: the Rostock Parkinson’s disease study. Brain 2024; 147(8): 2652-67 3 Ahmed H et al.: Parkinson’s disease and pesticides: A meta-analysis of disease connection and genetic alterations. Biomed Pharmacother 2017; 90: 638-49 4 Goldman SM et al.: Risk of Parkinson disease among service members at marine corps base camp lejeune. JAMA Neurol 2023; 80(7): 673-81 5 Krzyzanowski B et al.: Air pollution and Parkinson disease in a population-based study. JAMA Netw Open 2024; 7(9): e2433602 6 Wang P et al.: Long-term consumption of ultraprocessed foods and prodromal features of Parkinson disease. Neurology 2025; 104(11): e213562 7 Aune D et al.: Diabetes mellitus, prediabetes and the risk of Parkinson’s disease: a systematic review and meta-analysis of 15 cohort studies with 29.9 million participants and 86,345 cases. Eur J Epidemiol 2023; 38(6): 591-604 8 Fang X et al.: Association of levels of physical activity with risk of parkinson disease: a systematic review and meta-analysis. JAMA Netw Open 2018; 1(5): e182421 9 Palacios N et al.: Caffeine and risk of Parkinson’s disease in a large cohort of men and women. Mov Disord 2012; 27(10): 1276-82 10 Hernán MA et al.: A meta-analysis of coffee drinking, cigarette smoking, and the risk of Parkinson’s disease. Ann Neurol 2002; 52(3): 276-84 11 Rose KN et al.: Clearing the smoke: what protects smokers from Parkinson’s disease? Mov Disord 2024; 39(2): 267-72 12 Jennings D et al.: LRRK2 inhibition by BIIB122 in healthy participants and patients with Parkinson’s disease. Mov Disord 2023; 38(3): 386-98 13 Simuni T et al.: A biological definition of neuronal α-synuclein disease: towards an integrated staging system for research. Lancet Neurol 2024; 23(2): 178-90 14 https://www.ppmi-info.org/ ; letzter Zugriff am 07.04.2026 15 Schuler M et al.: Alpha-synuclein misfolding as fluid biomarker for Parkinson’s disease measured with the iRS platform. EMBO Mol Med 2025; 17(6): 1203-21 16 Angot E et al.: Are synucleinopathies prion-like disorders? Lancet Neurol 2010; 9(11): 1128-38 17 Vekrellis K et al.: Targeting intracellular and extracellular alpha-synuclein as a therapeutic strategy in Parkinson’s disease and other synucleinopathies. Expert Opin Ther Targets 2012; 16(4): 421-32 18 Nikolcheva T et al.: A Phase 2b, multicenter, randomized, double-blind, placebo-controlled study to evaluate the efficacy and safety of intravenous prasinezumab in early-stage Parkinsonʼs disease (PADOVA): Rationale, design, and baseline data. Parkinsonism Relat Disord 2025; 132: 107257 19 Rocha EM et al.: LRRK2 and idiopathic Parkinson’s disease. Trends Neurosci 2022; 45(3): 224-36 20 Dehay B et al.: Lysosomal impairment in Parkinson’s disease. Mov Disord 2013; 28(6): 725-32 21 Khan NL et al.: Mutations in the gene LRRK2 encoding dardarin (PARK8) cause familial Parkinson’s disease: clinical, pathological, olfactory and functional imaging and genetic data. Brain 2005; 128(Pt 12): 2786-96 22 Di Maio R et al.: LRRK2 activation in idiopathic Parkinson’s disease. Sci Transl Med 2018; 10(451): eaar5429
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