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Perspektiven zur Frühdiagnostik

Diagnose der ALS: von Biomarkern bis Kognition und Verhalten

Die Heterogenität der ALS macht eine Diagnose nicht leicht. Dazu kommt, dass die Pathogenese immer noch nicht richtig verstanden ist und dass sich die Frühsymptome mit jenen anderer Erkrankungen überschneiden.

Die amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine heterogene neurodegenerative Erkrankung, die in erster Linie das motorische System betrifft und zu einer fortschreitenden Degeneration der Motoneurone führt.1,2 Klinische Symptome der Schädigung der oberen Motoneurone sind ein erhöhter Muskeltonus (Spastik), unkoordinierte Bewegungen, aktive oder hyperaktive Sehnenreflexe und eine pseudobulbäre Lähmung, während sich eine Schädigung der unteren Motoneurone als Muskelatrophie, Muskelschwäche, verminderter Muskeltonus, Muskelzuckungen und verminderte Sehnenreflexe darstellt.3–5

Zugrunde liegende Genetik und neue Biomarker

Die Pathogenese der ALS ist nicht vollständig geklärt, jedoch sind mehrere molekulare Signalwege beteiligt, die unter anderem zu Veränderungen des RNA-Stoffwechsels, des nukleozytoplasmatischen Transports oder der Autophagie führen und die Bildung von Proteinaggregaten begünstigen. Bislang wurden über 40 ursächliche Gene identifiziert, dazu zählen unter anderem «chromosom 9 open reading frame 72» (C9orf72), die Gene für das TAR-DNA-bindendes Protein (TARDBP), Superoxid-Dismutase 1 (SOD1) sowie «fused in sarcoma» (FUS).6,7 Durch die aktuellen Fortschritte in der klinischen Forschung konnten zudem Biomarker für die ALS identifiziert werden. Die leichte Neurofilamentkette (NfL) ist der bisher am besten validierte Marker. Er kann den Krankheitsverlauf gut abbilden und korreliert mit der Überlebensdauer.8,9 Darüber hinaus werden Proteine, die mit ALS-assoziierten Prozessen in Verbindung stehen, wie das Ribonucleoprotein hnRNP A1, als potenzielle Biomarker untersucht.10–13 Auch bestimmte Mikro-RNAs (miRNAs) wie miR-206, miR-214, miR-374n-5p und miR-143-3p gewinnen als potenzielle diagnostische und prognostische Marker immer mehr an Bedeutung.14,15

Standardisierte Diagnosetools zur frühzeitigen ALS-Diagnosestellung

Allein die klinische Variabilität der ALS stellt bereits eine diagnostische Herausforderung dar. Hinzu kommt, dass eine frühzeitige Diagnose zentral für eine bestmögliche Behandlung ist. Jedoch liegen bisher im Durchschnitt noch immer 10–15 Monate zwischen dem Auftreten erster Symptome und einer ALS-Diagnose. Grund hierfür sind die Vielzahl anderer Erkrankungen mit ähnlichen Frühsymptomen und die Tatsache, dass Patient:innen anfänglich nur selten einen Neurologen aufsuchen.16–18 Dadurch kommt es zu Verzögerungen, oftmals begleitet von überflüssigen und schmerzhaften diagnostischen Untersuchungen und Behandlungen. Der Einsatz neuer, vereinfachter und standardisierter Diagnosetools, wie der überarbeiteten El-Escorial-Kriterien, soll hier Abhilfe schaffen.18 ThinkALS ist ein weiteres dieser neuen diagnostischen Instrumente, die die frühzeitige Überweisung an Neurologen fördern, unnötige Eingriffe vermeiden helfen und so einen schnelleren Zugang zu krankheitsmodifizierenden Behandlungen ermöglichen.19

Generell sollten nach initialer Anamnese und Erfassung der Symptome in der ALS-Diagnostik elektrophysiologische Testungen und Laboruntersuchungen erfolgen, um andere Erkrankungen auszuschliessen. Dabei ist hier ein Rückenmark-MRT jedoch entscheidend, um einen Bandscheibenvorfall oder eine Rückenmarkskompression auszuschliessen. Anschliessend sollten die El-Escorial-Kriterien angewendet werden, die das Vorliegen einer Funktionsstörung ermitteln können und gemäss klinischem Erscheinungsbild und elektromyografischem Befund das Vorliegen einer ALS als «möglich», «wahrscheinlich», «wahrscheinlich – laborgestützt» und «definiert» kategorisieren kann.20 So kann eine ALS bereits in frühen Stadien erkannt und behandelt werden. Im Anschluss sollte eine detaillierte neurologische Untersuchung erfolgen.

Kognition und Verhalten als kritische Komponenten der ALS-Diagnostik

Neben den beschriebenen Diagnosekriterien treten bei 35–50% der ALS-Patient:innen bereits früh im Krankheitsverlauf verschiedene Verhaltens- und kognitive Veränderungen auf. Das Erfassen kognitiver Symptome hilft dabei nicht nur in der Diagnostik, sondern sie können den Krankheitsverlauf abbilden und Aufschluss über die klinische Behandlung geben.21,22 Für die Beurteilung kognitiver Beeinträchtigungen sollte der ALS Cognitive Behavioral Questionnaire angewendet werden, der die soziale Kognition, exekutive Dysfunktionen und Sprachstörungen bewertet. Weitere Messgeräte sind der ALS FTD Questionnaire (ALS-FTD-Q) und das Beaumont Behavioral Inventory.23 Da sich kognitive Symptome im Verlauf der Krankheit verändern, ist es unerlässlich, diese verlaufsmässig zu beurteilen, um die Patient:innenversorgung zu optimieren.24

Zusammengefasst können neue standardisierte Diagnostikmethoden, inklusive kognitiver Tests und verbesserter Biomarker, die Zeit vom Auftreten von Frühsymptomen hin zur ALS-Diagnose verkürzen und in Zukunft die ALS-Prädiktion verbessern sowie eine optimierte Behandlungswahl ermöglichen.

González-Sánchez M et al.: Pathophysiology, clinical heterogeneity, and therapeutic advances in Amyotrophic Lateral Sclerosis: a comprehensive review of molecular mechanisms, diagnostic challenges, and multidisciplinary Management Strategies. Life (Basel). 2025; 15(4): 647

1 Nijs M et al.: The genetics of amyotrophic lateral sclerosis. Curr Opin Neurol 2024; 37: 560-9 2 Van Damme P et al.: European Academy of Neurology (EAN) guideline on the management of amyotrophic lateral sclerosis in collaboration with European Reference Network for Neuromuscular Diseases (ERN EURO-NMD). Eur J Neurol 2024; 31: e16264 3 Goutman SA et al.: Recent advances in the diagnosis and prognosis of amyotrophic lateral sclerosis. Lancet Neurol 2022; 21: 480-93 4 Goutman SA et al.: Emerging insights into the complex genetics and pathophysiology of amyotrophic lateral sclerosis. Lancet Neurol 2022; 21: 465-79 5 Brotman RG et al.: Amyotrophic lateral sclerosis. StatPearls 2025 6 Cady J et al.: Amyotrophic lateral sclerosis onset is influenced by the burden of rare variants in known amyotrophic lateral sclerosis genes. Ann Neurol 2015; 77: 100-13 7 Maurel C et al.: Causative genes in amyotrophic lateral sclerosis and protein degradation pathways: a link to neurodegeneration. Mol Neurobiol 2018; 55: 6480-99 8 Benatar M et al.: Neurofilament light chain in drug development for amyotrophic lateral sclerosis: a critical appraisal. Brain 2023; 146: 2711-6 9 Benatar M et al.: Validation of serum neurofilaments as prognostic and potential pharmacodynamic biomarkers for ALS. Neurology 2020; 95: e59–e69 10 Krishnan G et al.: Poly(GR) and poly(GA) in cerebrospinal fluid as potential biomarkers for C9ORF72-ALS/FTD. Nat Commun 2022; 13: 2799 11 Frohlich A et al.: Transcriptomic profiling of cerebrospinal fluid identifies ALS pathway enrichment and RNA biomarkers in MND individuals. Exp Biol Med 2023; 248: 2325-31 12 Chatterjee M et al.: Plasma extracellular vesicle tau and TDP-43 as diagnostic biomarkers in FTD and ALS. Nat Med 2024; 30: 1771-83 13 Ansari A et al.: Mutations in hnRNP A1 drive neurodegeneration and alternative RNA splicing of neuronal gene targets. Neurobiol Dis 2025; 206: 106814 14 Noh MY et al.: miRNA-214 to predict progression and survival in ALS. J Neurol Neurosurg Psychiatry 2025; 96: 716-20 15 Waller R et al.: Serum miRNAs miR-206, 143–3p and 374b-5p as potential biomarkers for amyotrophic lateral sclerosis (ALS). Neurobiol Aging 2017; 55: 123-31 16 Falcao de Campos C et al.: Delayed diagnosis and diagnostic pathway of ALS patients in Portugal: where can we improve? Front Neurol 2021; 12: 761355 17 Williams JR et al.: Diagnosis pathway for patients with amyotrophic lateral sclerosis: retrospective analysis of the US Medicare longitudinal claims database. BMC Neurol 2013; 13: 160 18 Paganoni S et al.: Comprehensive rehabilitative care across the spectrum of amyotrophic lateral sclerosis. NeuroRehabilitation 2015; 37: 53-68 19 Dave KD et al.: Contributions of neurologists to diagnostic timelines of ALS and thinkALS as an early referral instrument for clinicians. Amyotroph. Lateral Scler Front Degener 2024; 1-10 20 Brooks BR et al.: El Escorial revisited: revised criteria for the diagnosis of amyotrophic lateral sclerosis. Amyotroph Lateral Scler Other Motor Neuron Disord 2000; 1: 293-99 21 Pender N et al.: Cognitive and behavioural impairment in amyotrophic lateral sclerosis. Curr Opin Neurol 2020; 33: 649-54 22 Crockford C et al.: ALS-specific cognitive and behavior changes associated with advancing disease stage in ALS. Neurology 2018; 91: e1370-80 23 Gosselt IK et al.: An overview of screening instruments for cognition and behavior in patients with ALS: Selecting the appropriate tool for clinical practice. Amyotroph Lateral Scler Frontotemporal Degener. 2020; 21: 324-36 24 Didcote L et al.: Predicting ALS informant distress from cognitive and behavioural change in people with ALS. J Neurol 2025; 272: 144

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