Urolithiasis bei Kindern: neue Optionen bei primärer Hyperoxalurie
Bericht:
Christian Fexa
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Rezidivierende Kalziumoxalatsteine im Kindes- oder jungen Erwachsenenalter, bilaterale Nephrokalzinose oder ein Transplantatrezidiv ohne erkennbare Ursache sollten an eine primäre Hyperoxalurie Typ 1 (PH1) denken lassen. Mit Lumasiran steht erstmals eine gezielte, krankheitsmodifizierende Therapie zur Verfügung. Was kann dies für die Praxis bedeuten?
Die PH1 ist eine autosomal rezessive Stoffwechselerkrankung infolge biallelischer AGXT-Mutationen mit Funktionsverlust der hepatischen Alanin-Glyoxylat-Aminotransferase. Die Akkumulation von Glyoxylat führt über die Lactatdehydrogenase zu einer ungebremsten Oxalatproduktion. Da Oxalat nicht weiter metabolisiert werden kann, ist die renale Elimination obligat. Es resultieren Nephrolithiasis, Nephrokalzinose, rasche CKD-Progression und bei eGFR <30–40 ml/min/1,73 m2 eine systemische Oxalose. Konventionelle Maßnahmen wie Hyperhydratation, Alkalisierung und selektive Pyridoxin-Gabe senken die intratubuläre Oxalatkonzentration, korrigieren jedoch nicht die hepatische Überproduktion. Dialyse kann die kontinuierliche Oxalatbildung nicht ausgleichen. Historisch war die kombinierte Leber-/Nierentransplantation der einzige kurative Ansatz, nun eröffnet Lumasiran weitere Optionen, wie kürzlich publizierte Arbeiten zeigen.1, 2
Klinische Evidenz
Lumasiran ist ein GalNAc-konjugiertes siRNA-Therapeutikum, das selektiv in Hepatozyten aufgenommen wird. Es führt über den RNA-Interferenz-Mechanismus zur Degradation der HAO1-mRNA (Glykolatoxidase). Dadurch wird die Glyoxylatbildung upstream reduziert und die Oxalatproduktion an der Quelle gesenkt. Der Ansatz greift somit direkt in den pathophysiologischen Kern der Erkrankung ein.
Im ILLUMINATE-A-Trial (≥6 Jahre, erhaltene Nierenfunktion) wurde eine 65- bis 70%ige Reduktion der 24-h-Urinoxalatausscheidung erreicht; viele Patient:innen erzielten normnahe Werte. Die eGFR blieb stabil, Steinereignisse nahmen ab. Bei Säuglingen und Kleinkindern (ILLUMINATE-B) reduzierte sich der Urinoxalat/Kreatinin-Quotient um bis zu 89%, begleitet von Stabilisierung oder Verbesserung der Nephrokalzinose. Selbst bei fortgeschrittener CKD und Dialyse (ILLUMINATE-C) kam es zu einer 30- bis 50%igen Senkung des Plasmaoxalats. Langzeitdaten über mehr als vier Jahre zeigen eine anhaltende metabolische Kontrolle ohne relevante neue Sicherheitssignale. Häufigste Nebenwirkung sind milde Injektionsreaktionen.
Praktische Konsequenzen
Im klinischen Alltag sind insbesondere die Urologie und die Nephrologie gefordert.
Für Urolog:innen ist entscheidend: Bei jungen Patient:innen mit bilateralen Kalziumoxalatsteinen, rezidivierender Steinbildung trotz adäquater Metaphylaxe oder Nephrokalzinose sollte frühzeitig an PH1 gedacht werden. Persistierende Hyperoxalurie oder positive Familienanamnese erfordern eine genetische Abklärung.
Für Nephrolog:innen ist wesentlich: Ein früher Therapiebeginn erscheint sinnvoll, da die kontinuierliche Reduktion der hepatischen Oxalatproduktion tubulointerstitielle Schäden begrenzen kann. Das Monitoring umfasst 24-h-Urinoxalat (bei ausreichender GFR), Plasmaoxalat bei CKD, eGFR-Verlauf und sonografische Kontrollen. Lumasiran wird subkutan initial monatlich, später vierteljährlich appliziert.
Lumasiran beeinflusst die Transplantationsplanung. Eine isolierte Nierentransplantation unter RNAi-Therapie ist möglich, erfordert jedoch konsequente Oxalatkontrolle. Intensive Dialyse bleibt bei hoher systemischer Oxalatlast notwendig. Die kombinierte Leber-/Nierentransplantation ist heute eher selektiven Fällen vorbehalten.
Limitationen bestehen weiterhin. Die Evidenz basiert primär auf biochemischen Endpunkten. Individuelle Response-Variabilität ist beschrieben. Langzeitdaten über Jahrzehnte fehlen. Dennoch markiert Lumasiran einen substanziellen therapeutischen Fortschritt.
Fazit
Lumasiran markiert einen Paradigmenwechsel: von supportiver Behandlung zur kausalen molekularen Therapie. Für Urolog:innen und Nephrolog:innen bedeutet dies eine frühere Diagnosestellung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und ein pathogenetisch orientiertes Management der PH1.
Literatur:
1 Dotis J, Fourikou M: The dawn of precision medicine in pediatric nephrology: lumasiran and the era of siRNA therapies for primary hyperoxaluria type 1. J Pers Med 2026; 16(1): 15 2 Bacchetta J et al.: Primary hyperoxaluria(s): from trials to real-life data and pipeline therapies. Kidney Int 2026 Jan 22: S0085-2538(26)00053-0
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