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Swiss Obesity Alliance Annual Meeting 2025: Der Kampf gegen die Stigmatisierung

Warum moderne Gesellschaften keine dicken Menschen mögen

Was ist in den modernen Gesellschaften passiert, dass abgemagerte Körper innerhalb weniger Jahrzehnte das geworden sind, was viele Menschen anstreben? Wie kam es, dass abgemagerte Körper, die abgelehnt wurden, weil sie Assoziationen mit Krankheit, Schwäche, Herzenskälte, fehlender Sinnlichkeit und Ekel vor dem Fleisch hervorriefen, nun moralisch aufgewertet, ja sogar überbewertet werden und in erster Linie als Zeichen für die Selbstbeherrschung des Individuums gelten – eines Individuums, dem man daher besser vertrauen kann und das eine Art Held der Moderne ist, welcher der Welle der Adipositas widersteht?

Diese Aufwertung ist jedoch nicht nur moralischer Natur. Sie betrifft auch die Sexualität. Die Dünnen sind demnach begehrenswert geworden. Was also ist passiert, dass die abgezehrten Körper, diese «Knochensäcke», so Georges Brassens in seinem Chanson «La fille à cent sous», wo es weiter heisst: «Skelette zu umarmen, das ist nichts für mich», oder in «Oncle Archibald», wo er singt: «Sag, was soll ich mit so einem klapperdürren Weib, es lebe der schöne, runde, mollige Frauenleib», dass also die abgezehrten Körper erotisiert werden und Sinnlichkeit versprechen?

Die Bewertungen von dick und dünn sind örtlich und kulturell verschieden. Erinnert sei hier an Hans Staden (einen deutschen Landsknecht, der zur Zeit der Entdeckung Brasiliens auf einer portugiesischen Galeone anheuerte). Er verdankte sein Leben nur der Tatsache, dass die Tupinambas, Kannibalen an der Südküste Brasiliens, die ihn gefangen hielten, nur wohlgenährte Männer assen und diese daher mästeten, bevor sie sie «grillten». Staden nutzte diese Zeit, um das Vorstellungssystem seiner Kerkermeister zu durchschauen und es zu destabilisieren. Dadurch gelang es ihm, sich zu befreien. Sein Bericht über dieses Abenteuer gilt aufgrund der kulturellen Dezentrierungsarbeit, die er sichtbar macht, heute als einer der bedeutendsten Texte der Anthropologie, «das erste Buch der Ethnologie», wie Claude Lévi-Strauss sagen würde.1 Von den polynesischen Ha’apori über die Schönheitswettbewerbe für üppige Frauen, die noch Ende des 18. Jahrhunderts stattfanden,2 bis hin zu den Masthäusern in Mauretanien gibt es zahlreiche Beispiele für Kulturen, in denen Mädchen alles dafür taten, um dicker zu werden und somit gut auszusehen.3 Peter Brown und Melvin Konner haben herausgefunden, dass über 80% der 58 traditionellen Kulturen in den Human Relations Area Files*, für welche Daten über die mit der Körperfülle assoziierten Werte vorliegen, eine Vorliebe für üppige Frauen haben.4,5 In vielen traditionellen Kulturen gilt die Fähigkeit, Fett zu speichern, als Zeichen von guter Gesundheit und Vitalität. Menschen mit ausgeprägter Adipositas erreichen dort mächtige und prestigeträchtige soziale Stellungen. Aber auch in den westlichen Kulturen haben sich das Dicksein und seine Wertschätzung im Laufe der Zeit verändert (Abb.1).6,7 In Europa schätzte die mittelalterliche Aristokratie das Ideal der schlanken, zierlichen, zarten Frau mit kleinen Brüsten, wie die Gemälde Cranachs mustergültig zeigen.8,9 Ab der Renaissance wandelte sich das ästhetische Körperideal, die «schönen Frauen» waren «molliger». Korpulenz und Übergewicht wurden zu Zeichen von Reichtum und Erfolg. Sie bezeugen die Loslösung von der Bedürftigkeit und markieren eine soziale Stellung. Sie versprechen Sinnlichkeit.

Abb. 1: Entwicklung des ästhetischen Körperideals im Laufe der Zeit. A) Lucas Cranach der Ältere, Venus mit Amor als Honigdieb, 1537, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. B) Peter Paul Rubens, Venus im Spiegel, 1614/15, Liechtenstein. Die Fürstlichen Sammlungen, Vaduz – Wien. C) Der Twiggy-Stil kam in den 1960er Jahren auf. D) Der Trend zu dünnen Models, der in den 1990er-Jahren auch als «Heroin Chic» bezeichnet wurde, erlebt derzeit ein Comeback. [A) Wikimedia Commons, Public Domain, Foto: Anagoria. B) Wikimedia Commons, Public Domain, Foto: Liechtenstein Museum, Wien, Privatsammlung des Prinzen von Liechtenstein, Vaduz]

«Moderne Gesellschaften bringen Menschen mit Adipositas hervor, können sie aber nicht ertragen»

Um 1930 gab es in Frankreich die ersten Anzeichen für eine Transformation. Aber erst in den 1950er-Jahren setzte sich das Schlankheitsideal mit aller Macht durch und das Übergewicht nahm die Wendung zum Schlechten hin, wie Claude Fischler es ausdrückte.10 Warum ist der Blick auf die Körperfülle von Kultur zu Kultur verschieden und verändert sich auch innerhalb von Kulturen im Laufe der Zeit? Unter gesellschaftlichen Bedingungen der Nahrungsmittelknappheit ist eine grosse Körperfülle eine positive Eigenschaft. So schrieb etwa Jean Trémolières: «Die Venus der Hungergesellschaften ist adipös und die der Konsumgesellschaften ist hager.»11 Das ästhetische Schlankheitsideal kommt zu einer Zeit auf, als der Überfluss sich abzeichnet und sich dann dauerhaft etabliert. Schlankheit wird nun zum Zeichen von Erfolg, Wohlstand, ja sogar Reichtum. Übergewicht hingegen gilt nun nicht nur als unästhetisch, sondern auch als moralisch verwerflich, da der Dicke das Spiel des Teilens nicht mitspielt, sondern nur für sich schaut. Aus dieser Sicht ist Dicksein «moralisch falsch», es steht für Egoismus und zeugt von mangelnder Selbstkontrolle. Allerdings weist Claude Fischler darauf hin, dass zu allen Zeiten, auch wenn das vorherrschende Ideal eher das Übergewicht ist, die gesellschaftlichen Vorstellungen von Adipositas ambivalent sind. Es gibt immer eine Grenze, eine Körperfülle, jenseits deren sich der positive Blick auf die Adipositas wandelt und der Dicke derjenige wird, der sich nicht mehr an die sozialen Regeln hält, der mehr isst, als ihm zusteht.«Es trifft nicht zu, dass man in den modernen Industrieländern schlicht und einfach von einem proadipösen Körperideal zu einem antiadipösen übergegangen ist. 1922 veröffentlichte Henri Béraud ein Buch mit dem Titel ‹Le martyre de l’obèse› (‹Das Martyrium des Dicken›), das mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet und zehn Jahre später von Pierre Chenal verfilmt wurde. Dieses Werk, zweifellos eine der schönsten literarischen Beschreibungen der Ausgrenzung und Diskriminierung, unter der übergewichtige Menschen leiden, zeugt von deren Fortdauer. In Wirklichkeit ist die gesellschaftlich definierte Schwelle für Adipositas gesunken.»10,12

Es gibt also eine Toleranzschwelle für Adipositas, eine Trennlinie zwischen der Akzeptanz und Wertschätzung von Übergewicht und dessen Abwertung.Norbert Elias bezeichnet sie als eine Empfindlichkeitsschwelle, die das Saubere vom Schmutzigen trennt und die sich im Laufe des Zivilisationsprozesses verschoben hat und die Beziehung des Essers zu seinen Nahrungsmitteln entfremdet.13

Die Senkung der Empfindlichkeitsschwelle gegenüber dem Dicksein bringt Dicke ans Licht, die bis dahin unbemerkt geblieben sind. Genauer gesagt, wurden sie nicht als problematisch wahrgenommen. Sie waren Teil der menschlichen Vielfalt, der Vielfalt der Charaktere. Die Senkung der Empfindlichkeitsschwelle überführt sie in die Abnormalität. In diesem Punkt wie auch in dem von Norbert Elias untersuchten Verhältnis zum Körper und zum Tod können die Veränderungen der Vorstellungssysteme auf soziale Veränderungen bezogen werden. Die Transformation der Legitimationsmodalitäten der Eliten und der sozialen Strukturen geht mit einer Veränderung des Verhältnisses zur Ernährung einher, was für den Westen ein historisches Ereignis darstellt: die Überwindung einer atavistischen Unterernährung, die eine Menschheit, die eher an den Umgang mit dem Mangel gewöhnt ist, mit einer wenn nicht völlig neuen, so doch zumindest äusserst ungewöhnlichen Situation konfrontiert. Aber auch die Unverfrorenheit des Kontrasts der Nord-Süd-Beziehungen, die auf der Ebene der Ernährung nicht in der Lage sind, eine atavistische Unterernährung abzuschütteln.14,15 Die Empfindlichkeitsschwelle gegenüber dem Dicksein ist auch durch die Medikalisierung der modernen Gesellschaften gesunken. Die Wissenschaft hat Gründe dafür geliefert, um zu zeigen, was zu viel ist und wie es sein sollte, um neue Schwellenwerte festzulegen und die Körperlichkeit zu ordnen.

Nicht alle Kulturen haben also den gleichen Blick auf die Adipositas, und in den westlichen Kulturen wurde die üppige Körperfülle zu anderen Zeiten mehr geschätzt als heute. Um von einer positiven oder relativ positiven Sichtweise zur Verurteilung zu gelangen, war es daher in den entwickelten Gesellschaften – und zwar auf gesamtgesellschaftlicher Ebene – erforderlich, dass es einer bestimmten Anzahl von Menschen gelang, andere davon zu überzeugen, dass diese Situation wirklich problematisch war.16 Die als «abnormal», als «Abweichung» von der Norm hingestellte Adipositas ist aus dieser Sicht also eine soziale Konstruktion, deren Entwicklungsschritte nachverfolgt werden sollten. Zunächst wurde die Adipositas als ein moralisches Problem dargestellt. Der Dickleibige wurde als asozialer Vielfrass betrachtet, der seinen Appetit nicht zügeln konnte und nicht nur dick, sondern auch «moralisch grob» war.

Die Aufwertung einer schlanken Körperästhetik geht einher mit der Schärfung des Bewusstseins für die Dritte Welt und der Kapitalismuskritik. Wie der Kapitalist das Kapital anhäuft, so häuft der Dicke die Energie an, und zwar in Form von Fett im eigenen Körper. Das traditionelle Bild des Antikapitalismus der 1960er-Jahre zeigt den dickbäuchigen Boss, dicke Zigarre in der Hand, Banknoten quellen seinem dem Zylinder und er verschlingtgierig dievon ihm unterdrückten Arbeiter. Über die Denunziation der «Ausbeutung» der Arbeiter hinaus – eine Folge der Kapitalrendite, die (wie die Adipositas) angehäuft wird, weil sie die «Mehrarbeit» der (kleinen, weil von den Entscheidungen entfremdeten) Arbeiter stiehlt – vermittelt es eine Symbolik, die über das Klassenbewusstsein der Aktivisten, die es verwenden, hinausgeht. Die Figur des Dicken wird von den Karikaturisten eingesetzt, um sowohl den «Kapitalisten», der seine Arbeiter ausbeutet, als auch die überfütterten Länder des Nordensanzuprangern, die durch koloniale oder postkoloniale Wirtschaftsorganisationen die Länder des Südens «aushungern». Übergewicht gilt nicht nur als unästhetisch, sondern auch als unmoralisch. Der Adipöse, wie auch der Vielfraß, ist derjenige, der das Spiel des gegenseitigen Gebens und Nehmens nicht mitspielt, der nimmt, ohne abzuwarten, bis ihm gegeben wird, der bekommt, ohne etwas zurückzugeben, der mehr bekommt, als er gibt, und der sich auch nicht verpflichtet fühlt, etwas zurückzugeben.10 Dicksein ist aus dieser Sicht «moralisch falsch», es steht für Egoismus, und Schlanksein ist im Gegensatz dazu ein Zeichen moralischer Integrität.

Da die Grenze zwischen «zu dick» und «gesund» in Zeit und Raum variiert, kann man in bester Foucaultscher Manier die Entwicklung der Medikalisierung des Übergewichts und seiner Bezeichnung als «Krankheit» als eine neue Form der sozialen Kontrolle interpretieren, die den Prestigeverlust der traditionellen moralischen Institutionen abgelöst hat.17,18 Man kann darin auch einen der Avatare eines Prozesses der sozialen Differenzierung im Dienst der Eliten in einer Logik sehen, die mehr oder weniger der von Pierre Bourdieu beschriebenen Unterscheidung ähnelt.19 Durch die negativen Folgen der Stigmatisierung, der Diskriminierung und der Verschlimmerungseffekte lässt sich das subtile Versteckspiel zwischen dem, was mehr oder weniger explizit in den Bereich der Moral und der Wissenschaft fällt, erkennen. Diese negativen Auswirkungen werden das immer grössere Gewicht der «Äusserlichkeiten» oder der «Tyrannei des schlanken Körpers» unterstützen, durch die die soziale Kontrolle ausgeübt wird und die das Ansehen anderer und des Selbst bestimmt.20–24

Das Gewicht der äusseren Erscheinung

In diesem Zusammenhang ist die Ernährung ein Mittel, um Erscheinungsbilder zu verändern, Körper zu formen, sie zunehmen und abnehmen zu lassen, sie aufblühen zu lassen, sie zu ästhetisieren – sie aber auch zu kontrollieren, zu unterwerfen. Die Biologie hat ihre eigenen Gesetze. Manche setzen sich rigoros durch, Wassermangel ist nicht lange auszuhalten, Nahrungsmangel führt zu Hungersnöten und Mangelerkrankungen. Aber viele «Gesetze» des Körpers, die sich nicht zwingend durchsetzen, lassen den Menschen einen Freiraum, in dem sich soziale und kulturelle Phänomene ohne lebensbedrohliche Folgen entfalten können. Diese Freiheit zeigt sich in der Vielfalt der Wahl und der Verbote von Nahrungsmitteln, in der unendlichen Vielfalt der kulinarischen Arten der Zubereitung oder des Verzehrs. Die Sozialanthropologie erforscht anhand der Ernährung die Vielfalt der Gesellschaften und Kulturen. Die Kontrolle der Ernährung birgt in allen Gesellschaften die Hoffnung auf eine Kontrolle des Körpers und seines Schicksals. Vor dem Hintergrund der Adipositas und der Pflicht zur Gesundheit, die die modernen Gesellschaften kennzeichnen, entspricht die Beherrschung der eigenen Ernährung dem Versuch, den eigenen Körper zu formen und die sozialen Herausforderungen, die mit der Körperfülle einhergehen, zu bewältigen.24,25

«Das Neue war», schreibt François Coupry, «dass das Abnehmen zum Selbstzweck wurde, und zwar aus rein ästhetischen Gründen, die mit dem Alibi der medizinischen Prävention ummantelt wurden […]Man nimmt ab, weil man sein Körperbild nicht gut findet und sich einredet, dass das Dicksein (hypothetisch) krank machen könnte. Das Abnehmen entzieht sich also der Medizin, heute wird die Ernährung unter medizinisch-wissenschaftlichen Vorzeichen wieder zu einem moralischen und theologischen Phänomen.»26 Die Körperfülle wird zum Gegenstand strategischer Herausforderungen, deren Horizonte das Selbstwertgefühl, den beruflichen Erfolg und den Erfolg in der Liebe zugleich umfassen. Das körperliche Erscheinungsbild wird zu einer strategischen Ressource, die von sozialen Akteuren in ihren Beziehungsstrategien eingesetzt wird. Ein «Kapital des Aussehens», das bestmöglich bewirtschaftet werden sollte, um die «beste Rendite» zu erzielen.27

Die heutige Situation äussert sich also in einer Senkung der Sensibilitätsschwelle, d.h. der Körperfülle, ab der man von der Kategorie des normalen oder leicht korpulenten Individuums zur Kategorie des Abweichenden übergeht. Aus dieser Sicht trägt die Erfassung von Adipositas und Übergewicht in den Statistiken des öffentlichen Gesundheitswesens zur Pathologisierung bei und dazu, dass Übergewichtige als Normabweichler bezeichnet werden, wodurch soziale Vorstellungen in ein wissenschaftliches Gewand verkleidet werden.

Während der 1980er- und 1990er-Jahre war die Adipositas Gegenstand zahlreicher Interpretationen in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Die Feministin Susie Orbach sieht die Entwicklung der Adipositas als eine Folge von Herrschaftsverhältnissen. Adipositas, insbesondere bei Frauen, muss als eine mehr oder weniger bewusste Strategie der Ablehnung des ästhetischen Schlankheitsideals interpretiert werden, durch das die männliche Herrschaft über den Körper der Frau zum Ausdruck kommt.28

Viele Analysten sind der Ansicht, dass die Betonung der negativen Dimension der Figur der Adipösen mit dem Bewusstsein einhergeht, dass die Ressourcen gut genutzt werden müssen, was auf die erste Ölkrise Anfang der 1970er-Jahre zurückgeführt werden kann; die Gestalt des verhassten Dicken wäre das umgekehrte Bild einer modernen Gesellschaft, die von Überproduktion und Verschwendung besessen ist.29 Der vom französischen Bildungsminister Michel Allègre verwendete Ausdruck «das Mammut abspecken» bezieht sich auf einen Plan zum Abbau von Arbeitsplätzen im Bildungssektor.

Der Psychologe Richard Gordon spinnt diese Analyse weiter, indem er sie ebenfalls an den Geschlechterfragen festmacht. «Die derzeitige Epidemie dieser (ernährungsbedingten) Krankheiten ist ein Spiegel der Ambiguitäten der weiblichen Identität in einer Zeit des Wandels und der Verwirrung. Vielleicht werden Essstörungen deutlich seltener, wenn Frauen dereinst in der Lage sein werden, wirkliche Macht in der Welt zu erlangen, und wenn die Grösse und Form ihres Körpers nicht mehr der Massstab für ihren Wert sein werden.» Angesichts der Lage auf dem Gebiet der Adipositasbliebe noch viel zu tun im Hinblick auf die Gleichheit der Geschlechter. Eine der interessantesten Analysen von Richard Gordon ist eine Analogie zwischen der Adipositas und jener Krankheit, die die Psychiater des 19. Jahrhunderts stark beschäftigte: der Hysterie. Diese verschwand, wie wir wissen, mit ihrem Jahrhundert und den Ärzten, die wie Charcot ihren Ruhm durch deren Studium begründet hatten. Richard Gordon betrachtet sie als eine Ausdrucksform des Unbehagens dieser Zeit ebenso wie die Essstörungen der Gegenwart.30 Adipositas und Essstörungen wären daher in eine breitere soziale Problematik einzuordnen: die Verjugendlichung der Gesellschaft, die Ablehnung des Alterns und der Alterungszeichen, die Idealisierung jugendlicher Körperformen, die zu unterschiedlichen Forderungen führen, deren Spektrum von Verfahren der Schönheitschirurgie über kosmetische Produkte bis hin zu Kontrollmechanismen der Ernährung reicht.10

Senkung der Empfindlichkeitsschwelle

Wir sind nicht von einer Gesellschaft, in der dicke Menschen geliebt wurden, zu einer Gesellschaft geworden, in der sie gehasst werden. Es gab immer einen Grad an Fettleibigkeit, der als abnormal betrachtet wurde. Was sich geändert hat, ist, dass die Grenze zwischen «zu dick» und «wie man sein sollte» gesunken ist. Das hat dazu geführt, dass eine Körperfülle, die früher akzeptabel, ja sogar wünschenswert war, heute nicht mehr akzeptabel ist.

* Die Human Relations Area Files sind eine ethnologische Datenbank, die an der Yale University auf Initiative des Anthropologen George Murdock eingerichtet wurde. In Zusammenarbeit mit den wichtigsten europäischen Institutionen sammelt sie einen grossen Teil der einschlägigen Literatur des19. und 20. Jahrhunderts.5

1 Staden H: Nus, féroces et anthropophages. Paris: Métailié, 1979 2 Ellis W: À la recherche de la Polynésie d‘autrefois. Publications de la Société des Océanistes 1972; N° 25 3 De Garine I, Pollock NJ: Social aspects of obesity. London: Gordon and Breach Publishers, 1995 4 Brown PJ, Konner M: An anthropological perspective of obesity. Ann New-York Academy Sci 1987; 499: 29-46 5 Clarke JA, Henige D: The human relations area files: Two Perspectives. Behavioral & Social Sciences Librarian 1985; 3: 45-52 6 Bruch H: Les yeux et le ventre. Paris: Payot, 1975 7 Beller A: Fat and thin. A natural history of obesity. New York: McGraw-Hill, 1977 8 Hubert A: Adaptabilité humaine: biologie et culture. Du corps pesant au corps léger: approche anthropologique des formes. Diététique et médecine 1997; 83-8 9 Hubert A (dir.): Corps de femmes sous influences. Cahiers de l’OCHA 2004; n°10 10 Fischler C: L’Homnivore. Paris: Odile Jacob, 1990 11 Trémolières J et al.: Manuel élémentaire d’alimentation humaine. Paris: ESF, 1968 12 Fischler C: La symbolique du gros. In: Communications 1987; 46: 255-78 13 Elias N: La civilisation des mœurs. Paris: Calman Levy, 1973 14 De Castro J: Géographie de la Faim. Paris: Seuil, 1964 15 Ziegler O et al.: Faut-il démédicaliser la prévention de l’obésité? Ann Endocrinol (Paris) 2003; 64(5 Pt2): 45-51 16 Germov J, Williams L: The epidemic of dieting women: The need for a sociological approach to food and nutrition. Appetite 1996; 27: 97-108 17 Foucault M: 1978-79: Naissance de la biopolitique. Paris: Gallimard, 2004 18 Ascher F: Le mangeur hyper-moderne, une figure de l’individu éclectique. Paris: Odile Jacob, 2005 19 Bourdieu P: La distinction. Paris: Editions de Minuit, 1979 20 Amadieu JF: Discrimination à l’embauche, de l’envoi du CV à l’entretien. 2005; https://lelicenciement.fr/infos%20et%20stats/Discriminations.pdf ; dernier accès le 20.1.2026 21 Waysfeld B: Le Poids et le Moi. Paris: Armand Colin, 2003 22 Poulain JP: Sociologie de l’obésité. Paris: PUF, 2009 23 Tibère L et al.: Adolescents obèses face à la stigmatisation. Obésités 2007; 2: 173-81 24 Hubert A, Poulain JP: Le corps mangeant. Le corps 2008; 4: 6-9 25 Poulain JP: Sociologies de l’alimentation. Paris: PUF, 2018 26 Coupry F: Éloge du gros dans un monde sans consistance. Paris: Robert Laffont, 1989 27 Pagès-Delon M: Le corps et ses apparences. L’envers du look. Paris: L’Harmattan, 1989 28 Orbach S: Fat is feminist issue. New York: Berkley Books, 1979 29 Schwartz H: Never satisfied: a cultural history of diets. Fantasies and fat. New-York: MacMillan, 1986 30 Gordon RA: Anorexie et boulimie anatomie d’une épidémie sociale. Paris: Stock, 1992

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