INSIGHTS-GHT: lang wirksame Wachstumshormon-Präparate in der Routine
Bericht:
Christian Fexa
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Mit der Einführung lang wirksamer Wachstumshormon(LAGH)-Präparate wurde die Therapie des Wachstumshormonmangels (GHD) grundlegend erweitert. Wie diese Substanzen im Real-World-Setting eingesetzt werden, untersuchte nun die produktübergreifende INSIGHTS-GHT-Registeranalyse in Deutschland.
Die prospektive, nichtinterventionelle Registerstudie INSIGHTS-GHT dokumentiert produktunabhängig die Anwendung aller drei zugelassenen lang wirksamen GH-Formulierungen rekombinanter Wachstumshormonpräparate (LAGH) in Deutschland. Die Präparate verfolgen unterschiedliche pharmakologische Strategien:
Lonapegsomatropin (Skytrofa®) ist ein Prodrug, bei dem natives GH über einen spaltbaren Linker an einen Methoxypolyethylenglykol-Träger gebunden ist. Nach subkutaner Injektion wird durch enzymatische Spaltung kontinuierlich aktives GH freigesetzt. Somapacitan (Sogroya®) nutzt eine reversible, nichtkovalente Albuminbindung. Durch die temporäre Bindung an Serumalbumin wird der Abbau verzögert und die Halbwertszeit verlängert. Somatrogon (Ngenla®) ist ein Fusionsprotein aus nativem GH und drei Kopien des carboxyterminalen Peptids von humanem Choriongonadotropin. Die erhöhte Molekülgröße reduziert die renale Clearance und verlängert die Wirkdauer.
Alle drei Präparate werden einmal wöchentlich subkutan appliziert und führen zu einem charakteristischen IGF-I-Profil mit Peak nach etwa zwei bis drei Tagen und anhaltender Wirkung über das Dosierungsintervall.
In der vorliegenden Interimsauswertung der ersten 100 Patient:innen unter LAGH-Therapie wurden 70 pädiatrische und 31 erwachsene Personen aus insgesamt 21 Zentren analysiert.
Pädiatrische Kohorte
Von den 70 Kindern und Jugendlichen (<18 Jahre) waren 76% männlich. 70% hatten einen idiopathischen, 30% einen organischen GHD. Das mittlere Alter bei Initiierung der LAGH-Therapie betrug 9,2 ± 3,8 Jahre; 79% der Patient:innen waren präpubertär. Mehr als die Hälfte (56%) waren „Switch“-Patient:innen, die zuvor im Mittel 4,1 ± 2,8 Jahre täglich mit GH behandelt worden waren. Die mittlere Körperlänge zu Therapiebeginn lag bei −1,8 ± 1,4 SDS (SDS = Standardabweichungsscore).
Vor Beginn einer GH-Therapie betrug der mittlere Wert des „insulin-like growth factor-1“ (IGF-I) −2,1 ± 1,1 SDS und der des „insulin-like growth factor binding protein-3“ (IGFBP-3) −2,0 ± 1,5 SDS. Bemerkenswert ist, das in 83% der Fälle eine Startdosis unterhalb der Herstellerempfehlung gewählt wurde (im Median 92% der empfohlenen Dosis). Als mögliche Gründe diskutieren die Autor:innen eine vorsichtige Titrationsstrategie zur Vermeidung supraphysiologischer IGF-I-Spitzen sowie individuelle Anpassungen bei zuvor täglich behandelten Patient:innen. Unerwünschte Ereignisse waren selten – in je einem Fall Kopfschmerz bzw. Epistaxis.
Erwachsene Kohorte
Die 31 erwachsenen Patient:innen (65% männlich) wurden an 6 Zentren behandelt und waren bei Beginn der LAGH-Therapie im Mittel 38,2 ± 15,6 Jahre alt. 84% wiesen einen organischen GHD auf, bei 57% lag der Erkrankungsbeginn im Kindesalter. Alle Erwachsenen wurden von einer täglichen GH-Therapie auf Somapacitan umgestellt. Die Startdosis entsprach in 55% der Fälle der Fachinformation, in 41% lag sie darunter. Therapieassoziierte Nebenwirkungen wurden bislang nicht berichtet.
Fazit und offene Fragen
INSIGHTS-GHT ist das weltweit erste produktübergreifende Register zur GH-Therapie und ermöglicht die vergleichende Beobachtung verschiedener LAGH-Präparate unter Alltagsbedingungen. Die Daten zeigen eine frühe Integration der wöchentlichen Präparate in die Routineversorgung – häufig mit individualisierter, eher konservativer Dosierung. Limitationen ergeben sich aus dem Beobachtungsdesign, der begrenzten Fallzahl und der kurzen Nachbeobachtung. Aussagen zu Wachstumsgeschwindigkeit, metabolischen Parametern, langfristiger Sicherheit oder Adhärenz sind derzeit noch nicht möglich. Ebenso bleibt die Dynamik von IGF-I- und IGFBP-3-Spiegeln im Wochenverlauf ein offener Aspekt.
Die Interimsauswertung des INSIGHTS-GHT-Registers liefert einen ersten systematischen Einblick in die Anwendung von LAGH im Versorgungsalltag. Sie zeigt eine breite Akzeptanz der wöchentlichen Präparate, häufige Dosisanpassungen unterhalb der empfohlenen Startwerte und bislang ein günstiges Sicherheitsprofil. Langfristige Verlaufsdaten werden entscheidend sein, um Wirksamkeit, Sicherheit und Therapieadhärenz im Real-World-Setting valide beurteilen zu können.
Literatur:
1 Woelfle J et al.: First 100 patients receiving long-acting growth hormone therapy: real-world evaluation from INSIGHTS-GHT registry. Orphanet J Rare Dis 2025; 20: 372
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