Gewichtsreduktion ist bei adipösen Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2 zentral
Autor:
Univ.-Prof. Dr. Thomas C. Wascher
Fachbereich Diabetes,1. Medizinische Abteilung
Hanusch-Krankenhaus, Wien
E-Mail: thomas.wascher@oegk.at
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Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2 (T2D) stehen im bidirektionalen Zusammenhang. Adipositas ist ein zentraler Risikofaktor für die Entstehung des T2D und beeinflusst bei manifestem Diabetes den Krankheitsverlauf, die Therapie und die Prognose. Gewichtsreduktion hat bei adipösen Menschen mit T2D eine zentrale Bedeutung, sie verbessert metabolische Parameter und senkt das Risiko für diabetesassoziierte Folgeerkrankungen.
Erhöhtes Körpergewicht (Übergewicht/Adipositas), dabei insbesondere die viszerale Akkumulation von metabolisch und inflammatorisch aktivem Fettgewebe, ist ein wesentlicher Treiber der Insulinresistenz. Sie ist ein zentrales pathophysiologisches Merkmal des T2D. Viszerales Fettgewebe fungiert als endokrines Organ und sezerniert Adipokine und proinflammatorische Zytokine. Bei vielen adipösen Menschen kommt es zu einer chronischen geringgradigen Entzündung, die die Insulinwirkung in Leber-, Muskel- und Fettzellen beeinträchtigt. Insulinresistenz führt zu einer kompensatorischen Steigerung der Insulinsekretion. In der Folge erreichen die pankreatischen Betazellen ihre Sekretionsreserve, das zweite zentrale pathophysiologische Merkmal, das zur Manifestation und Progression des T2D beiträgt. Adipöse Menschen mit T2D weisen häufiger eine unzureichende glykämische Kontrolle auf und benötigen meist eine höhere Therapieintensität. Adipositas ist auch mit einer erhöhten Prävalenz kardiovaskulärer Risikofaktoren wie arterieller Hypertonie, Dyslipidämie und prothrombotischer Veränderungen bei Menschen mit T2D assoziiert. Die Kombination aus Adipositas und T2D begünstigt mikro- und makrovaskuläre Komplikationen. Dazu zählen diabetische Nephropathie, Retinopathie und Neuropathie ebenso wie koronare Herzkrankheit, Myokardinfarkt und Schlaganfall. Adipositas stellt so einen wichtigen prognostischen Faktor bei manifestem T2D dar. Anzumerken ist, dass hinsichtlich der Mortalität und Morbidität im Bezug auf das Körpergewicht ein U- oder J-förmiger Zusammenhang besteht, der bei einem BMI von 25–30kg/m2 seinen Nadir hat.
T2D-Remission durch Gewichtsreduktion
Gewichtsreduktion ist ein zentrales theTherapieziel bei adipösen Menschen mit T2D. Studien belegen, dass eine Gewichtsabnahme von etwa 5–10% des Ausgangsgewichts zu einer signifikanten Verbesserung der Insulinempfindlichkeit und auch der glykämischen Kontrolle führt. Eine Gewichtsreduktion wirkt sich auch positiv auf metabolische Parameter aus, darunter Blutdruck, Lipidprofil und Entzündungsmarker. Eine Reduktion des Körpergewichts um >10% (besser >15%) ist v.a. früh im Verlauf des T2D in der Lage, eine T2D-Remission zu induzieren. Dabei wird nicht nur die Insulinresistenz reduziert, sondern auch die Betazellfunktion verbessert. Diese durch Gewichtsreduktion induzierte Verbesserung der Betazellfunktion scheint der zentrale Prädiktor für die Dauer einer Remission zu sein. Metaanalysen zeigen deutlich, dass das Ausmaß der Gewichtsreduktion der zentrale treibende Faktor für das Eintreten und die Dauer einer Remission ist. Wichtig ist, dass auch bei normal- bis übergewichtigen Menschen mit einem frühen T2D durch eine Reduktion des Körpergewichts um ca. 10% eine Remission erreicht werden kann.
Menschen mit manifestem T2D verlieren im Vergleich zu nichtdiabetischen Menschen weniger Gewicht in praktisch allen Studien zum Thema Gewichtsreduktion. Die Basis jeder Gewichtsreduktion bildet eine strukturierte Lebensstilintervention, bestehend aus einer kalorienreduzierten, ausgewogenen Ernährung, regelmäßiger körperlicher Aktivität und verhaltenstherapeutischen Maßnahmen. Ergänzend kommen pharmakologische Therapieoptionen zum Einsatz, insbesondere GLP-1-Rezeptoragonisten und der duale Agonist Tirzepatid. In klinischen Studien in einem dezidierten Adipositassetting können mit diesen Substanzen Gewichtsreduktionen von bis zu 12% erreicht werden. Auch bei Menschen mit manifestem T2D kann bei unzureichendem Therapieerfolg konservativer Maßnahmen ein metabolisch/bariatrisch-chirurgischer Eingriff erwogen werden. Daten aus der SOS-Studie (Swedish Obesity Surgery Study) zeigen bei Reduktionen des Körpergewichts um 25–35% lang dauernde Remissionen bei präexistentem T2D und eine reduzierte Morbidität und Mortalität.
Fazit
Adipositas spielt bei manifestem T2D eine zentrale Rolle in der Pathophysiologie, im Krankheitsverlauf und in der Prognose. Eine Gewichtsreduktion ist daher ein wichtiger Teil der Therapie und wirkt sich positiv auf die glykämische Kontrolle, kardiovaskuläre Risikofaktoren und das Auftreten von Folgeerkrankungen aus. Eine ganzheitliche, interdisziplinäre Behandlungsstrategie mit Fokus auf nachhaltige Gewichtsreduktion ist mitentscheidend für ein erfolgreiches Management der Erkrankung.
Literatur:
beim Verfasser
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