Adipositas: „Behandeln, weil Adipositas eine Krankheit ist“
Bericht: Dipl.-Ing. Dr. Manuel Spalt-Zoidl
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Adipositas wird heute als eine chronische und unheilbare Erkrankung verstanden. Im Rahmen der Keynote-Lecture auf der Jahrestagung der Österreichischen Adipositas Gesellschaft wurden Ursachen, Biologie und moderne therapeutische Strategien beleuchtet.
Keypoints
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Adipositas ist eine chronische, unheilbare Erkrankung mit global steigender Prävalenz.
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Die Ursachen von Adipositas sind multifaktoriell und neben Umweltfaktoren stark durch genetische Einflüsse determiniert.
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Biologische Mechanismen „schützen“ vor Gewichtsverlust, sodass Diät und Bewegung allein langfristig meist nicht ausreichen.
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Moderne pharmakologische Therapien greifen gezielt in die zugrunde liegenden biologischen Regelkreise ein und können klinische Effekte erzielen, die jenen bariatrischer Eingriffe nahekommen.
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Adipositas sollte wie andere chronische Erkrankungen langfristig und patient:innenzentriert unabhängig von der medizinischen Fachrichtung behandelt werden.
Adipositas gilt als „Mutter aller Erkrankungen“
Trotz jahrzehntelanger Bemühungen und vielfältiger gesundheitspolitischer Maßnahmen existiert bis dato keine evidenzbasierte Strategie, die auf Bevölkerungsebene zu einer nachhaltigen Reduktion der Adipositasprävalenz geführt hätte. Im Gegenteil – tatsächlich steigt die Zahl der Menschen, die von Adipositas betroffen sind, in jedem Land der Welt an und wird Schätzungen zufolge im Jahr 2030 insgesamt 1,25 Milliarden Menschen umfassen.1 Adipositas gilt, so Prof.em. Arya Sharma, University of Alberta, Kanada, als „Mutter aller Erkrankungen“. Mehr als 229 Krankheitsbilder, darunter Typ-2-Diabetes, Hypertonie und Herzinsuffizienz, werden dadurch gefördert oder deren Behandlung wird erschwert. Sie betrifft außerdem alle Organsysteme, sodass Mediziner:innen, unabhängig von der jeweiligen Fachrichtung, ein gewisses Grundverständnis über die Entstehung und Behandlung von Adipositas haben sollten, betonte Sharma.2
Ursachen der Erkrankung sind komplex und multifaktoriell
Umweltveränderungen wie ein verändertes Nahrungsangebot, reduzierte körperliche Aktivität, veränderte Esskultur, Schlafmangel und psychosoziale Faktoren tragen zwar zur Entstehung bei, erklären den globalen Anstieg der Adipositasprävalenz jedoch nicht allein.3 Ein zentraler Aspekt ist die starke genetische Komponente der Erkrankung. Bereits in den 1970er-Jahren wurde in Zwillings- und Familienstudien eine hohe Erblichkeit belegt.4 Heute sind mehr als 1500 Gene bekannt, die an der Entstehung beteiligt sind. Interessant ist, dass fast alle nicht etwa im Fettgewebe oder im Verdauungstrakt, sondern im Zentralnervensystem exprimiert werden.5 Die eigentliche Gewichtsreduktion finde, so Sharma, ähnlich wie die Regulierung der Körpertemperatur und des Hormonhaushalts, somit zentral statt.
Biologische Mechanismen „schützen“ vor Gewichtsverlust
Konkret sind drei zentrale Systeme an der Gewichtsregulation beteiligt. Das homöostatische System im Hypothalamus „schützt“ den Körper vor Gewichtsabnahme und reagiert auf Kaloriendefizite mit adaptiven Mechanismen wie verstärktem Hunger, Absenkung des Grundumsatzes und vermehrtem Energiesparverhalten.6–8 Das homöostatische System beeinflusst zudem das limbische System, welches die Nahrungsaufnahme unabhängig vom Bedarf durch die Ausschüttung von beispielsweise Dopamin reguliert. Schließlich steuert das exekutive System im Frontallappen bewusste Entscheidungen wie die Planung der Nahrungsaufnahme und die Durchführung von sportlichen Aktivitäten. Letzteres ist biologisch nicht nur am schwächsten ausgeprägt, sondern wird auch als Einziges von Lebensstilinterventionen beeinflusst. Eine langfristige Gewichtsabnahme ist durch Diäten und Bewegung daher schwer zu erreichen, präsentierte der Experte. Zwar kann, unabhängig von der Art der Diät, kurzfristig Gewicht verloren werden, dieses kann jedoch oft nicht langfristig gehalten werden.9
Moderne Arzneimittel greifen direkt in Biologie ein
Eine nachhaltige Behandlung der Adipositas muss, neben Diät und Lebensstilanpassungen, einen Eingriff in das homöostatische und limbische System durch psychologische Verhaltenstherapie, bariatrische Chirurgie oder pharmakologische Therapien umfassen, folgerte der Vortragende (Abb. 1).10
Heute stehen pharmakologische Therapien wie Liraglutid, Naltrexon/Buprion, Orlistat, Semaglutid und Tirzepatid zur Verfügung.11–15 Diese Arzneimittel greifen gezielt in die biologischen Regelkreise ein.16 Dadurch erreichen moderne Arzneimittel vergleichbare metabolische und klinische Benefits wie bariatrische Eingriffe, einschließlich Verbesserungen von Blutdruck, Glukosekontrolle, Schlafapnoe, Gelenkschmerzen und Lebensqualität, betonte Sharma.17
BMI ist für klinische Entscheidungen ungeeignet
Grundlage für den Einsatz der Pharmakologika bildet der Body-Mass-Index (BMI). So sind diese als Ergänzung zu einer kalorienreduzierten Diät und erhöhter körperlicher Aktivität zum Gewichtsmanagement bei Erwachsenen mit einem BMI ≥30kg/m2 oder ≥27kg/m2 bei gewichtsbedingten Begleiterkrankungen angezeigt.11–15
Tatsächlich ist der BMI, so Sharma, jedoch kein optimaler Parameter für klinische Entscheidungen. Er korreliert zwar mit einem erhöhten Risiko, eine klinisch relevante Adipositaserkrankung zu erleiden, erlaubt aber keine Aussage über Krankheitsstadium oder Prognose. Der Experte empfiehlt dagegen, das Edmonton Obesity Staging System (EOSS) einzusetzen. Dieses klassifiziert Adipositas anhand von metabolischen, funktionellen und organischen Schäden und erlaubt eine Einschätzung des Risikos zu sterben unabhängig vom BMI.18
Adipositas wie andere chronische Erkrankungen behandeln
Grundsätzlich erfordert Adipositas eine Langzeitbehandlung, wie es auch bei anderen chronischen Erkrankungen der Fall ist. Die Auswahl und Ziele der Behandlung sollten patient:innenzentriert festgelegt werden und neben dem Gewicht funktionelle, metabolische und psychosoziale Endpunkte umfassen.16
Wichtig ist, so Sharma, dass Behandelnde im Rahmen der pharmakologischen Therapie zwischen möglichen Nebenwirkungen durch Arzneimittel wie Übelkeit, Diarrhö oder Pankreatitis und unerwünschten Ereignissen durch starke Gewichtsabnahme, wie trockener Haut oder Haarausfall, unterscheiden und Patient:innen entsprechend aufklären.19–21
Allgemein ist eine erfolgreiche Adipositasbehandlung nach Einschätzen des Experten weniger komplex als häufig angenommen und kann in großen Teilen im hausärztlichen Bereich erfolgen. „Wenn man in fünf Jahren, unabhängig von der jeweiligen Fachrichtung, die Adipositas nicht adäquat diagnostiziert und behandelt, praktiziert man keine gute Medizin“, schloss Sharma seinen Vortrag.
Quelle:
Gemeinsame Jahrestagung der Österreichischen Adipositas Gesellschaft und der Österreichischen Gesellschaft für Adipositas- und Metabolische Chirurgie. 26.–27. September 2025, Wien.
Literatur:
1 World Obesity Federation 2024: World Obesity Atlas 2024. Verfügbar online: https://data.worldobesity.org/publications/WOF-Obesity-Atlas-v7.pdf ; zuletzt abgerufen am 08.01.2026 2 Horn DB et al.: What is clinically relevant weight loss for your patients and how can it be achieved? a narrative review. Postgrad Med 2022; 134(4): 359-75 3 Tackling obesities: future choices–obesity system atlas. Government Office for Sciences; verfügbar online: https://assets.publishing.service.gov.uk/media/5a7b8811ed915d4147620fb2/07-1177-obesity-system-atlas.pdf ; zuletzt abgerufen am 08.01.2026 4 Börjeson M: The aetiology of obesity in children. a study of 101 twin pairs. Acta Paediatr Scand 1976; 65(3): 279-87 5 Locke AE et al.: Genetic studies of body mass index yield new insights for obesity biology. Nature 2015; 518(7538): 197-206 6 Melby CL et al.: Attenuating the biologic drive for weight regain following weight loss: must what goes down always go back up? Nutrients 2017; 9(5): 468 7 Fothergill E et al.: Persistent metabolic adaptation 6 years after „The Biggest Loser“ competition. Obesity (Silver Spring) 2016; 24(8): 1612-19 8 Wharton S et al.: Obesity in adults: a clinical practice guideline. CMAJ 2020; 192(31): E875-91 9 Mann T et al.: Medicare’s search for effective obesity treatments: diets are not the answer. Am Psychol 2007; 62(3): 220-33 10 Dutton H et al.: 10 of the most asked questions and challenges in obesity. Can J Gen Intern Med 2023; 18: 1-16 11 Saxena® aktuelle Fachinformation. Stand Juli 2025 12 Wegovy® aktuelle Fachinformation. Stand September 2025 13 Mounjaro® aktuelle Fachinformation. Stand Dezember 2025 14 Mysimba® aktuelle Fachinformation. Stand November 2025 15 Xenical® aktuelle Fachinformation. Stand Mai 2023 16 Wharton S et al.: Obesity in adults: a clinical practice guideline. CMAJ 2020; 192(31): E875-91 17 Pedersen SD et al.: Pharmacotherapy for obesity management in adults: 2025 clinical practice guideline update. CMAJ 2025; 197(27): E797-809 18 Padwal RS et al.: Using the Edmonton obesity staging system to predict mortality in a population-representative cohort of people with overweight and obesity. CMAJ 2011; 183(14): E1059-66 19 Filippatos TD et al.: Adverse effects of GLP-1 receptor agonists. Rev Diabet Stud 2014; 11(3-4): 202-30 20 Sami K et al.: Image analyzer study of the skin in patients with morbid obesity and massive weight loss. Eplasty 2015; 15:e4 21 Guo EL et al.: Diet and hair loss: effects of nutrient deficiency and supplement use. Dermatol Pract Concept 2017; 7(1): 1-10
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