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Psychoonkologie in der Palliation
Jatros
Autor:
Harald Mori, MSc
Psychotherapeut/Psychoonkologe<br> Supervisor/Delphintherapeut<br> E-Mail: haraldmori@aon.at
30
Min. Lesezeit
14.07.2016
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<p class="article-intro">Die Medizin hat die Aufgabe, Menschen praktisch von der Zeugung an zu begleiten, um zum Gelingen des Lebens so gut wie möglich beizutragen. Geburt, Kindheit, das Erwachsenenalter sowie die Lebensphase des Alters sind Lebensbereiche, in denen Ärzte wichtige unterstützende, heilende oder rettende Personen sind. Die letzte Phase eines Menschenlebens verdient es daher, genau wie alle anderen Lebensabschnitte gewürdigt zu werden.</p>
<p class="article-content"><div id="keypoints"> <h2>Key Points</h2> <ul> <li>Psychoonkologie in der Palliation hat eine Vermittlerrolle zwischen den somatischen und medizinischen Notwendigkeiten einerseits und den psychologischen und seelisch-geistigen Ansprüchen des Menschen andererseits.</li> <li>Neben Lebensqualität kann durch sorgsame und ausgewogene psychoonkologische Begleitung für den krebskranken Menschen ein Weg gefunden werden, der eine möglichst hohe Selbstwirksamkeit und Dialogfähigkeit mit seinen Mitmenschen und seiner Umwelt katalysiert.</li> </ul> </div> <p>Es ist der Medizin in gemeinsamer Zielsetzung mit verwandten Berufsgruppen vorbehalten, Menschen, die aus dem Leben gehen, auch auf diesem letzten Weg so zu begleiten, dass eine gute Schmerzbehandlung, eine den Umständen angemessene hohe Lebensqualität und nicht zuletzt ein sinnerfülltes Aus-dem-Leben-Gleiten ermöglicht werden.<br /> Dieser letzte Lebensabschnitt bezieht sich auf viele unterschiedliche Altersgruppen und es gibt in der Art und Weise des Verlaufs sowie in dessen Zeitrahmen sehr individuelle Schwankungsbreiten. Dies ist eine wesentliche Herausforderung, wenn man sich die Rolle der Psychoonkologie im Rahmen der Palliation vorstellt.</p> <h2>Werte verändern sich durch die Krankheit</h2> <p>Krebs verändert das Leben und meist auch die Einstellung zum Leben und zu Verhältnissen, welche plötzlich eine ganz andere Wertigkeit bekommen. Die meisten Betroffenen wollen die verbleibende Zeit gut nützen und nicht mehr unnötigen Dingen oder Belastungen durch Mitmenschen ausgesetzt sein.<sup>1</sup><br /> Der bekannte Heidelberger Medizinpsychologe Rolf Verres lehrt uns: „Seit Jahren wird in der wissenschaftlichen und praktischen Krebsmedizin viel über die Lebensqualität der Patienten nachgedacht. Immer mehr Ärzte und Patienten erkennen, daß es nicht nur darauf ankommt, wie lange der Patient dank der Therapie leben kann, sondern auch darauf, wie er leben kann. Dem möglichen Gewinn an Lebenszeit stehen die Belastungen durch die Krankheit und durch die Behandlungsmaßnahmen gegenüber.“<sup>2</sup><br /> Es liegt also besonders an der palliativen Betreuung, die Lebensqualität in körperlicher, psychologischer und ebenso in geistiger Hinsicht im Auge zu behalten und gegebenenfalls nach sorgfältiger medizinischer Diagnose und Einschätzung von Behandlungsschritten Abstand zu nehmen, die wohl für kurze Zeit somatisch eine gewisse Verbesserung bringen würden, jedoch die Selbstwirksamkeit, die Anteilnahme und das bewusste Abschiednehmen vermindern könnten.<br /> Schon die Namensgebung der Palliation verdeutlicht klar ihren Auftrag: zu lindern, zu trösten, zu begleiten und dabei alle verfügbaren und der Verhältnismäßigkeit der Situation entsprechenden Mittel aufzubringen, um den todkranken bzw. sterbenden Menschen einen Weg aus dem Leben zu ermöglichen, der würdevoll und human ist und sowohl den Patienten als auch deren Angehörigen einen Abschied ermöglicht. Der Trauerforscher Jorgos Canacakis hat uns ins Bewusstsein gerufen, dass Abschied nehmen ja nicht nur bedeutet, dass wir jemanden verlieren, sondern vor allem, dass wir – die Zurückbleibenden – etwas „bekommen“: eben den Abschied in der Gestalt eines vollendeten und erfüllten Lebens. Die Psychoonkologie hat neben den klaren Aufgaben, die medizinisch und psychologisch begründet sind (Schmerzlinderung, Erhalten einer passablen körperlichen Verfassung so lange wie möglich, Ringen um Lebensqualität, Schaffung eines angenehmen Ambientes im Setting des Spitals oder des Hospizes etc.) auch den Auftrag, den geistigen und spirituellen Bedürfnissen des Menschen Rechnung zu tragen. Es wäre falsch, hier mit rein philosophisch-ethischen Gedanken allein das Auslangen finden zu wollen. Vielmehr kann hier ein Aspekt Beachtung finden, der sich in der existenziellen Erfüllung und nicht zuletzt in der Sinnfindung widerspiegelt. Sinnfindung ist auch in der letzten Zeit des Lebens möglich und wichtig.</p> <h2>Letzte Lebensphase in Würde</h2> <p>„Ein ‚Pallium‘ ist ein römischer Umhängemantel, der den Bemantelten vor Wind und Wetter schützt. Eine sorgende, lindernde Begleitung ist das, was im Kern den Palliativgedanken ausmacht.“<sup>3</sup><br /> In der modernen, ganzheitlichen Behandlung von Menschen, die an Krebs erkrankt sind, spielt die Palliativmedizin eine immer wichtigere Rolle. Da die Inanspruchnahme von Palliation zumeist einen Endpunkt im Ringen um Gesundheit und Heilung darstellt, wird diese Thematik oft in den Schatten gestellt. Zu Unrecht. Palliation ist eine wesentliche Möglichkeit, dem leidenden Menschen bei aller Problematik und Aussichtslosigkeit das höchstmögliche Maß an Lebensqualität zu geben. Am Ende des Lebens ist der Mensch nicht nur mit der Vergänglichkeit und der Finalität konfrontiert, sondern steht auch vor der Frage, ob es in dieser Lebensphase den Aspekt der Würde und Sinnhaftigkeit geben kann.<br /> „Vier Schlüsselbereiche leiten unser Verständnis von universellen existenziellen Bedürfnissen, die wir in der Palliativmedizin vorfinden. Diese sind 1. das Ich (die Person), 2. der freie Wille, 3. der Sinn (im Leben) und 4. die Angst.“<sup>4</sup><br /> Die Palliation stellt sich der Herausforderung, den Patienten zu helfen, ihre Würde, ihr Selbstverständnis und ihr Selbstwertgefühl auch in der letzten Zeit ihres Lebens zu erhalten. Die Person behält auch im Angesicht des Todes ihre Einzigartigkeit und Einmaligkeit. Die Psychoonkologie bzw. die seelisch-geistige Unterstützung des terminal Kranken versucht den freien Willen und damit die sinnstiftende Entscheidungskraft so lange wie möglich zu erhalten. Hier kommt zum Tragen, dass nicht nur die Heilung oder Behandlung des Menschen wichtig ist, sondern auch die Dimension des Tröstens. Psychoonkologie hat in der Palliation einen wichtigen Stellenwert, da sich für die Patienten tiefe existenzielle Fragen über die Sinnhaftigkeit ihres Lebens auftun und der nahende Tod Angst macht: die Angst, nicht mehr wirken zu können, auf dieser Welt nichts mehr gestalten zu können, die Angst, dass alles durch den Tod vernichtet und damit sinnlos werden könnte. Dazu kommt oft die Ungewissheit über das „Danach“, wobei sich hier die spirituelle bzw. spezifisch religiöse Dimension menschlichen Lebens eröffnet.<br /> Psychoonkologie hat die schwierige Aufgabe, den Menschen auf seinem individuellen Weg aus dem Leben hinaus zu begleiten. In eben dieser „Ummantelung“, unter dem Schutz des Palliums, wird durch erklärende, tröstende und Verständnis vermittelnde Worte eine Linderung dieses Übergangs ermöglicht. Beruhigung und Zuspruch, auch durch eine adäquate körperliche Berührung, sind wichtig. Die Optimierung der lokalen Gegebenheiten (Zimmer, Bett, Einrichtung, Atmosphäre im Sterbezimmer) soll die intensive Betreuung unter Miteinbeziehung nahestehender Angehöriger fördern.</p> <p><img src="/custom/img/files/files_data_Zeitungen_2016_Jatros_Onko_1603_Weblinks_Seite58.jpg" alt="" width="438" height="506" /></p> <h2>Nichts trägt so sehr wie eine Aufgabe im Leben</h2> <p>Wenn Viktor Frankl davon spricht, dass einen Menschen nichts so sehr trägt wie eine „Aufgabe im Leben“, dann liegt die Aufgabe des leidenden und sterbenden Menschen darin, dem Leben noch einen letzten Sinn abzuringen (Abb. 1). Es kann sehr bedeutend sein, den Angehörigen noch etwas Wichtiges zu sagen, Frieden mit sich und anderen zu schließen und eine Haltung, eine Einstellung zu finden, in der der Sterbende loslassen kann und für einen Übergang in eine andere Dimension seine persönliche innere Bereitschaft findet.<br /> Die Psychoonkologie entfernt sich hier von der Aufgabe der Resilienzerhöhung und fördert die Möglichkeit der Akzeptanz der unausweichlichen Lage. Viktor Frankl hat den Begriff der Einstellungsänderung als dritte Kategorie der Wert- und Sinnverwirklichung im Leben (neben schöpferischen und Erlebniswerten) sogar als die höchste Form der menschlichen Leistung beschrieben. Die Akzeptanz der „tragischen Trias“ – Leid, Schuld und Tod – kann so durch eine profunde und wissenschaftlich belegte Betreuung im Sinne einer palliativen Psychoonkologie zu einem Bestandteil einer tiefen menschlichen, würdevollen und lindernden Begleitung des sterbenden Menschen werden.</p></p>
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<a class="literatur" data-toggle="collapse" href="#collapseLiteratur" aria-expanded="false" aria-controls="collapseLiteratur" >Literatur</a>
<div class="collapse" id="collapseLiteratur">
<p><strong>1</strong> Mori H: Die Bedeutung der Sinnorientierung nach Viktor E. Frankl für die Lebensqualität von Frauen mit Brustkrebs. Master Thesis 2012<br /><strong>2</strong> Verres R: Die Kunst zu leben. Krebsrisiko und Psyche. München: Piper, 1997<br /><strong>3</strong> Schulz-Kindermann F: Psychoonkologie: Grundlagen und psychotherapeutische Praxis. Weinheim: Beltz, 2013; 166<br /><strong>4</strong> Übertragen aus: Kissane D, in Chochinov H, Breitbart W: Handbook of Psychiatry in Palliative Medicine. New York: Oxford University Press, 2009; 325</p>
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