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Psychoonkologie in der Palliation

<p class="article-intro">Die Medizin hat die Aufgabe, Menschen praktisch von der Zeugung an zu begleiten, um zum Gelingen des Lebens so gut wie möglich beizutragen. Geburt, Kindheit, das Erwachsenenalter sowie die Lebensphase des Alters sind Lebensbereiche, in denen Ärzte wichtige unterstützende, heilende oder rettende Personen sind. Die letzte Phase eines Menschenlebens verdient es daher, genau wie alle anderen Lebensabschnitte gewürdigt zu werden.</p> <p class="article-content"><div id="keypoints"> <h2>Key Points</h2> <ul> <li>Psychoonkologie in der Palliation hat eine Vermittlerrolle zwischen den somatischen und medizinischen Notwendigkeiten einerseits und den psychologischen und seelisch-geistigen Anspr&uuml;chen des Menschen andererseits.</li> <li>Neben Lebensqualit&auml;t kann durch sorgsame und ausgewogene psychoonkologische Begleitung f&uuml;r den krebskranken Menschen ein Weg gefunden werden, der eine m&ouml;glichst hohe Selbstwirksamkeit und Dialogf&auml;higkeit mit seinen Mitmenschen und seiner Umwelt katalysiert.</li> </ul> </div> <p>Es ist der Medizin in gemeinsamer Zielsetzung mit verwandten Berufsgruppen vorbehalten, Menschen, die aus dem Leben gehen, auch auf diesem letzten Weg so zu begleiten, dass eine gute Schmerzbehandlung, eine den Umst&auml;nden angemessene hohe Lebensqualit&auml;t und nicht zuletzt ein sinnerf&uuml;lltes Aus-dem-Leben-Gleiten erm&ouml;glicht werden.<br /> Dieser letzte Lebensabschnitt bezieht sich auf viele unterschiedliche Altersgruppen und es gibt in der Art und Weise des Verlaufs sowie in dessen Zeitrahmen sehr individuelle Schwankungsbreiten. Dies ist eine wesentliche Herausforderung, wenn man sich die Rolle der Psychoonkologie im Rahmen der Palliation vorstellt.</p> <h2>Werte ver&auml;ndern sich durch die Krankheit</h2> <p>Krebs ver&auml;ndert das Leben und meist auch die Einstellung zum Leben und zu Verh&auml;ltnissen, welche pl&ouml;tzlich eine ganz andere Wertigkeit bekommen. Die meisten Betroffenen wollen die verbleibende Zeit gut n&uuml;tzen und nicht mehr unn&ouml;tigen Dingen oder Belastungen durch Mitmenschen ausgesetzt sein.<sup>1</sup><br /> Der bekannte Heidelberger Medizinpsychologe Rolf Verres lehrt uns: &bdquo;Seit Jahren wird in der wissenschaftlichen und praktischen Krebsmedizin viel &uuml;ber die Lebensqualit&auml;t der Patienten nachgedacht. Immer mehr &Auml;rzte und Patienten erkennen, da&szlig; es nicht nur darauf ankommt, wie lange der Patient dank der Therapie leben kann, sondern auch darauf, wie er leben kann. Dem m&ouml;glichen Gewinn an Lebenszeit stehen die Belastungen durch die Krankheit und durch die Behandlungsma&szlig;nahmen gegen&uuml;ber.&ldquo;<sup>2</sup><br /> Es liegt also besonders an der palliativen Betreuung, die Lebensqualit&auml;t in k&ouml;rperlicher, psychologischer und ebenso in geistiger Hinsicht im Auge zu behalten und gegebenenfalls nach sorgf&auml;ltiger medizinischer Diagnose und Einsch&auml;tzung von Behandlungsschritten Abstand zu nehmen, die wohl f&uuml;r kurze Zeit somatisch eine gewisse Verbesserung bringen w&uuml;rden, jedoch die Selbstwirksamkeit, die Anteilnahme und das bewusste Abschiednehmen vermindern k&ouml;nnten.<br /> Schon die Namensgebung der Palliation verdeutlicht klar ihren Auftrag: zu lindern, zu tr&ouml;sten, zu begleiten und dabei alle verf&uuml;gbaren und der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit der Situation entsprechenden Mittel aufzubringen, um den todkranken bzw. sterbenden Menschen einen Weg aus dem Leben zu erm&ouml;glichen, der w&uuml;rdevoll und human ist und sowohl den Patienten als auch deren Angeh&ouml;rigen einen Abschied erm&ouml;glicht. Der Trauerforscher Jorgos Canacakis hat uns ins Bewusstsein gerufen, dass Abschied nehmen ja nicht nur bedeutet, dass wir jemanden verlieren, sondern vor allem, dass wir &ndash; die Zur&uuml;ckbleibenden &ndash; etwas &bdquo;bekommen&ldquo;: eben den Abschied in der Gestalt eines vollendeten und erf&uuml;llten Lebens. Die Psychoonkologie hat neben den klaren Aufgaben, die medizinisch und psychologisch begr&uuml;ndet sind (Schmerzlinderung, Erhalten einer passablen k&ouml;rperlichen Verfassung so lange wie m&ouml;glich, Ringen um Lebensqualit&auml;t, Schaffung eines angenehmen Ambientes im Setting des Spitals oder des Hospizes etc.) auch den Auftrag, den geistigen und spirituellen Bed&uuml;rfnissen des Menschen Rechnung zu tragen. Es w&auml;re falsch, hier mit rein philosophisch-ethischen Gedanken allein das Auslangen finden zu wollen. Vielmehr kann hier ein Aspekt Beachtung finden, der sich in der existenziellen Erf&uuml;llung und nicht zuletzt in der Sinnfindung widerspiegelt. Sinnfindung ist auch in der letzten Zeit des Lebens m&ouml;glich und wichtig.</p> <h2>Letzte Lebensphase in W&uuml;rde</h2> <p>&bdquo;Ein &sbquo;Pallium&lsquo; ist ein r&ouml;mischer Umh&auml;ngemantel, der den Bemantelten vor Wind und Wetter sch&uuml;tzt. Eine sorgende, lindernde Begleitung ist das, was im Kern den Palliativgedanken ausmacht.&ldquo;<sup>3</sup><br /> In der modernen, ganzheitlichen Behandlung von Menschen, die an Krebs erkrankt sind, spielt die Palliativmedizin eine immer wichtigere Rolle. Da die Inanspruchnahme von Palliation zumeist einen Endpunkt im Ringen um Gesundheit und Heilung darstellt, wird diese Thematik oft in den Schatten gestellt. Zu Unrecht. Palliation ist eine wesentliche M&ouml;glichkeit, dem leidenden Menschen bei aller Problematik und Aussichtslosigkeit das h&ouml;chstm&ouml;gliche Ma&szlig; an Lebensqualit&auml;t zu geben. Am Ende des Lebens ist der Mensch nicht nur mit der Verg&auml;nglichkeit und der Finalit&auml;t konfrontiert, sondern steht auch vor der Frage, ob es in dieser Lebensphase den Aspekt der W&uuml;rde und Sinnhaftigkeit geben kann.<br /> &bdquo;Vier Schl&uuml;sselbereiche leiten unser Verst&auml;ndnis von universellen existenziellen Bed&uuml;rfnissen, die wir in der Palliativmedizin vorfinden. Diese sind 1. das Ich (die Person), 2. der freie Wille, 3. der Sinn (im Leben) und 4. die Angst.&ldquo;<sup>4</sup><br /> Die Palliation stellt sich der Herausforderung, den Patienten zu helfen, ihre W&uuml;rde, ihr Selbstverst&auml;ndnis und ihr Selbstwertgef&uuml;hl auch in der letzten Zeit ihres Lebens zu erhalten. Die Person beh&auml;lt auch im Angesicht des Todes ihre Einzigartigkeit und Einmaligkeit. Die Psychoonkologie bzw. die seelisch-geistige Unterst&uuml;tzung des terminal Kranken versucht den freien Willen und damit die sinnstiftende Entscheidungskraft so lange wie m&ouml;glich zu erhalten. Hier kommt zum Tragen, dass nicht nur die Heilung oder Behandlung des Menschen wichtig ist, sondern auch die Dimension des Tr&ouml;stens. Psychoonkologie hat in der Palliation einen wichtigen Stellenwert, da sich f&uuml;r die Patienten tiefe existenzielle Fragen &uuml;ber die Sinnhaftigkeit ihres Lebens auftun und der nahende Tod Angst macht: die Angst, nicht mehr wirken zu k&ouml;nnen, auf dieser Welt nichts mehr gestalten zu k&ouml;nnen, die Angst, dass alles durch den Tod vernichtet und damit sinnlos werden k&ouml;nnte. Dazu kommt oft die Ungewissheit &uuml;ber das &bdquo;Danach&ldquo;, wobei sich hier die spirituelle bzw. spezifisch religi&ouml;se Dimension menschlichen Lebens er&ouml;ffnet.<br /> Psychoonkologie hat die schwierige Aufgabe, den Menschen auf seinem individuellen Weg aus dem Leben hinaus zu begleiten. In eben dieser &bdquo;Ummantelung&ldquo;, unter dem Schutz des Palliums, wird durch erkl&auml;rende, tr&ouml;stende und Verst&auml;ndnis vermittelnde Worte eine Linderung dieses &Uuml;bergangs erm&ouml;glicht. Beruhigung und Zuspruch, auch durch eine ad&auml;quate k&ouml;rperliche Ber&uuml;hrung, sind wichtig. Die Optimierung der lokalen Gegebenheiten (Zimmer, Bett, Einrichtung, Atmosph&auml;re im Sterbezimmer) soll die intensive Betreuung unter Miteinbeziehung nahestehender Angeh&ouml;riger f&ouml;rdern.</p> <p><img src="/custom/img/files/files_data_Zeitungen_2016_Jatros_Onko_1603_Weblinks_Seite58.jpg" alt="" width="438" height="506" /></p> <h2>Nichts tr&auml;gt so sehr wie eine Aufgabe im Leben</h2> <p>Wenn Viktor Frankl davon spricht, dass einen Menschen nichts so sehr tr&auml;gt wie eine &bdquo;Aufgabe im Leben&ldquo;, dann liegt die Aufgabe des leidenden und sterbenden Menschen darin, dem Leben noch einen letzten Sinn abzuringen (Abb. 1). Es kann sehr bedeutend sein, den Angeh&ouml;rigen noch etwas Wichtiges zu sagen, Frieden mit sich und anderen zu schlie&szlig;en und eine Haltung, eine Einstellung zu finden, in der der Sterbende loslassen kann und f&uuml;r einen &Uuml;bergang in eine andere Dimension seine pers&ouml;nliche innere Bereitschaft findet.<br /> Die Psychoonkologie entfernt sich hier von der Aufgabe der Resilienzerh&ouml;hung und f&ouml;rdert die M&ouml;glichkeit der Akzeptanz der unausweichlichen Lage. Viktor Frankl hat den Begriff der Einstellungs&auml;nderung als dritte Kategorie der Wert- und Sinnverwirklichung im Leben (neben sch&ouml;pferischen und Erlebniswerten) sogar als die h&ouml;chste Form der menschlichen Leistung beschrieben. Die Akzeptanz der &bdquo;tragischen Trias&ldquo; &ndash; Leid, Schuld und Tod &ndash; kann so durch eine profunde und wissenschaftlich belegte Betreuung im Sinne einer palliativen Psychoonkologie zu einem Bestandteil einer tiefen menschlichen, w&uuml;rdevollen und lindernden Begleitung des sterbenden Menschen werden.</p></p> <p class="article-footer"> <a class="literatur" data-toggle="collapse" href="#collapseLiteratur" aria-expanded="false" aria-controls="collapseLiteratur" >Literatur</a> <div class="collapse" id="collapseLiteratur"> <p><strong>1</strong> Mori H: Die Bedeutung der Sinnorientierung nach Viktor E. Frankl f&uuml;r die Lebensqualit&auml;t von Frauen mit Brustkrebs. Master Thesis 2012<br /><strong>2</strong> Verres R: Die Kunst zu leben. Krebsrisiko und Psyche. M&uuml;nchen: Piper, 1997<br /><strong>3</strong> Schulz-Kindermann F: Psychoonkologie: Grundlagen und psychotherapeutische Praxis. Weinheim: Beltz, 2013; 166<br /><strong>4</strong> &Uuml;bertragen aus: Kissane D, in Chochinov H, Breitbart W: Handbook of Psychiatry in Palliative Medicine. New York: Oxford University Press, 2009; 325</p> </div> </p>
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