Primäre und sekundäre Traumatisierung in der Geburtshilfe
Die Geburt, der Beginn eines Lebens, wird in der Gesellschaft häufig als wunderschön und einzigartig verklärt. Doch die Realität im Gebärsaal kann für die werdenden Eltern und das begleitende Fachpersonal schnell zur traumatischen Erfahrung werden, welche sie ein Leben lang begleitet. Von einem Moment zum anderen kann Vorfreude in Todesangst umschlagen. Eine Folge hiervon ist die posttraumatische Belastungsstörung nach Geburt («childbirth-related PTSD», CB-PTSD), welche zunehmend in den Fokus der perinatalen Forschung rückt. Die sekundäre Traumatisierung (STS) von Hebammen, Geburtshelfer:innen und geburtshilflichen Pflegekräften bleibt ein weitgehend tabuisiertes Thema im klinischen Alltag.
Wenn jede dritte Frau ihre Geburt als traumatisch angibt und ebenso jede dritte geburtshilfliche Fachperson ihren Beruf nach einem traumatischen Ereignis wechseln will, kann das in Zeiten von demografischem Wandel und Personalknappheit im Gesundheitssystem gravierende Folgen für die Gesellschaft haben. Dieser Beitrag versucht einen Überblick über beide Traumatisierungsformen zu geben, beleuchtet ihre Verbindung und leitet konkrete Handlungsempfehlungen für den klinischen Alltag ab.
Definitionen und klinisches Bild
Die primäre Traumatisierung der Gebärenden und ihrer Begleitpersonen beschreibt die subjektive Erfahrung einer Geburt als psychisch überwältigend, gekennzeichnet durch Gefühle von Bedrohung, Kontrollverlust und Hilflosigkeit, mit kurz- und mittelfristigen Folgen für die Gesundheit. CB-PTSD erfüllt die diagnostischen Kriterien des DSM-5 mit den vier klassischen Symptomclustern: Intrusionen (Flashbacks, Albträume), Vermeidungsverhalten, negative Veränderungen in Kognition und Stimmung sowie Hyperarousal.1 Entscheidend ist hierbei, dass die subjektive Wahrnehmung und Bewertung der Geburt durch die Mutter massgeblicher sind als die objektiv klinische Einschätzung. Eine medizinisch komplikationslose Geburt kann durch die Gebärende als traumatisierend erlebt werden.2
Die sekundäre traumatische Belastung («secondary traumatic stress»; STS) entsteht bei Fachpersonen durch Konfrontation mit fremdem Traumaerleben, in der Geburtshilfe etwa durch schwere perinatale Komplikationen, intrauterine Todesfälle oder das Miterleben von würdeverletzender Behandlung von Gebärenden.3 STS teilt die gleichen Symptomcluster wie PTSD, unterscheidet sich jedoch durch seinen oft akuten Beginn nach einem belastenden Ereignis und die fehlende direkte körperliche Bedrohung der betroffenen Person.3
Epidemiologie und Risikofaktoren
Global berichtet circa ein Drittel der Frauen, die Geburt eines Kindes als traumatisch erlebt zu haben.4 Rund 4,7% der Mütter entwickeln eine vollständige CB-PTSD, weitere 12,3% klinisch relevante subsyndromale Symptome (PTSS), das entspricht weltweit schätzungsweise 6,6 Millionen betroffenen Müttern pro Jahr.1,5 In Hochrisikogruppen (z.B. im Zusammenhang mit Notfallsectio, Frühgeburt oder Präeklampsie) liegen die CB-PTSD-Raten mit 18,5% deutlich höher.6
Auch beim geburtshilflichen Fachpersonal ist die Datenlage besorgniserregend. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass ca. ein Drittel der Belegschaft in der Geburtshilfe von STS betroffen ist.3 Rund 9 von 10 aller geburtshilflich tätigen Fachpersonen erlebt im Verlauf ihres Berufslebens mindestens ein klinisch belastendes Ereignis am Arbeitsplatz.7
Vorbestehende psychische Erkrankungen oder Traumaerfahrungen (u.a. sexuelle Gewalt), eine ausgeprägte Geburtsangst, Notfallsectio oder instrumentelle Entbindung sowie eine als unzureichend wahrgenommene Unterstützung durch das betreuende Team gelten als starke Risikofaktoren für die Entwicklung einer CB-PTSD.2,5
Beim Fachpersonal spielen neben geburtshilflichen Notfällen und perinatalen Todesfällen eine hierarchisch geprägte Arbeitsumgebung, hohe Arbeitsbelastung, Personalengpässe und fehlende institutionelle Unterstützung nach kritischen Ereignissen eine prädisponierende Rolle bei der Entwicklung einer STS.3
Folgen und gegenseitige Verstärkung
Eine traumatisch erlebte Geburt hinterlässt oft Spuren, die weit über den physischen Heilungsprozess hinausgehen. Die schwerwiegendste Folge ist die Entwicklung einer geburtsbezogenen posttraumatischen Belastungsstörung (CB-PTSD), die bei etwa 3,1% bis 15,7% der Frauen auftritt.5 Diese geht häufig mit perinatalen Depressionen einher und beeinträchtigt massiv die Lebensqualität der Mutter, im schlimmsten Fall bis zu Suizidgedanken reichend.2,5 Besonders gravierend sind die Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Bindung, das Neugeborene selbst kann zum traumatisierenden Trigger werden und mütterlichen Disstress auslösen. Zudem korreliert ein Geburtstrauma mit einer erhöhten Rate an Stillproblemen sowie einer ausgeprägten Angst vor weiteren Schwangerschaften (sekundäre Tokophobie) und einer verminderten Zufriedenheit in der Partnerschaft.5
Auch das geburtshilfliche Personal bleibt von den Turbulenzen im Gebärsaal nicht unberührt. Ein zentrales Problem der sekundären Traumatisierung ist die sogenannte «compassion fatigue» (Mitgefühlserschöpfung), die zu einer emotionalen Abstumpfung führt.4 Weitere Symptome wie emotionale Erschöpfung, Schlafstörungen, Reizbarkeit und anhaltende Schuldgefühle haben direkte Auswirkungen auf die Patientenversorgung. Die beruflichen Folgen sind gravierend. Hohe STS-Werte korrelieren signifikant mit der Absicht, den Beruf zu verlassen, häufigeren Fehlzeiten und einem allgemeinen Burnout-Syndrom.3,14 In einigen Studien gaben bis zu 30% der befragten Geburtshelfer:innen an, die Tätigkeit im Gebärsaal nach einem schweren Ereignis aufgegeben zu haben.3
Primäre und sekundäre Traumatisierungen bedingen und verstärken sich gegenseitig.1 Eine STS-bedingte emotionale Abstumpfung des medizinischen Personals beeinträchtigt die Qualität der patientenzentrierten Versorgung. Eine emotional distanzierte Betreuung wiederum kann bei den Gebärenden das Gefühl der Hilflosigkeit verstärken, Geburten werden vermehrt als traumatisierend wahrgenommen. Traumatisierte Teams greifen zudem häufiger zu defensivmedizinischen Handlungsweisen wie Interventionen aus Angst vor Komplikationen, was wiederum das Risiko traumatisch erlebter Geburten erhöht. Es entsteht ein gefährlicher Kreislauf, der gezielt mit strukturellen Interventionen durchbrochen werden muss (Abb. 1).
Abb. 1: Trauma in der Geburtshilfe: die duale Belastung von Mutter und Fachpersonal
Internationale Handlungsempfehlungen
Mehrere Studien und internationale Fachgesellschaften beschäftigen sich mit der Problematik der Traumatisierung in der Geburtshilfe. Die FIGO unterstützt als operativen Rahmen die International Childbirth Initiative (ICI) mit ihren zwölf Schritten zu einer sicheren und respektvollen Geburtshilfe, welches die Rechte der Mütter als auch die Arbeitsbedingungen des Fachpersonals adressiert. Diese umfassen unter anderem die Behandlung jeder Frau mit Würde und Respekt unter Wahrung des informierten Einverständnisses (Schritt 1), eine kontinuierliche Geburtsbegleitung durch Begleitpersonen oder Fachpersonal (Schritt 4), konsequente Anwendung evidenzbasierter Massnahmen (Schritt 6) und die Vermeidung nichtindizierter Eingriffe (Schritt 7). Schritt 10 fordert ausdrücklich eine supportive Personalpolitik, da eine respektvolle Patientenversorgung nicht gelingen kann, wenn das Fachpersonal selbst nicht wertschätzend behandelt wird.8
Das American College of Obstetricians and Gynecologists und ein europäischer Expertenkonsensus empfehlen, in Kliniken universell «trauma-informed care» zu implementieren. Praktisch bedeutet dies, Fachpersonal über die breite Inzidenz von Trauma und seinen Folgen zu schulen, es zu ermächtigen, traumaassoziierte Symptome zu erkennen, eine traumasensible vorurteilsfreie Kommunikation zu implementieren, im Rahmen von Untersuchungen eine sichere Umgebung für Patientinnen zu schaffen und das Wissen um Trauma in die klinische Praxis ganzheitlich einfliessen zu lassen, um aktiv einer Retraumatisierung vorzubeugen. In der Geburtshilfe kann das konkret bedeuten, vor körperlichen Untersuchungen um Erlaubnis zu fragen, Eingriffe anzukündigen und zu erläutern oder Kleidung so lange wie möglich zu belassen.9,10
Was können wir im Alltag tun?
Um das Risiko von traumatisch erlebten Geburten für die werdenden Eltern und das begleitende Personal zu senken, lassen sich aus den Empfehlungen der Fachgesellschaften und Experten einige praktische Schritte ableiten:8–10
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Pränatales Screening: Frauen mit psychischen Vorerkrankungen, Traumaanamnese (insbesondere sexuelle Gewalt) oder ausgeprägter Geburtsangst frühzeitig erfassen, gezielt begleiten und bei Bedarf psychologische Unterstützung frühzeitig einleiten
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«Trauma-informed care»: Fort- und Weiterbildungen zu traumasensibler Kommunikation und respektvoller Geburtsbegleitung für das Fachpersonal verpflichtend einführen und anbieten
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Kommunikation: vor körperlichen Untersuchungen aktiv um Erlaubnis bitten, medizinisch notwendige Eingriffe klar kommunizieren, Entscheidungen gemeinsam treffen, bei Notfalleingriffen so bald wie möglich nachbesprechen
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Perinatale Betreuung: werdende Mütter ermutigen, im Geburtsplan insbesondere ihre Wünsche zur Kommunikation und Entscheidungsfindung sowie persönliche Ängste schriftlich festzuhalten. Dieser Plan soll gemeinsam mit dem Team vor der Geburt besprochen werden.
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Routinemässiges Debriefing nach jeder Geburt: kurzes internes Teamdebriefing nach jeder Geburt durchführen, nach potenziell traumatischen Ereignissen (Notfallsectio, perinataler Tod, schwere Komplikationen) erweitertes strukturiertes Debriefing für das Team sowie das Angebot einer späteren Nachbesprechung für die Eltern
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Institutionelle Rahmenbedingungen schaffen: ausreichend Personal, angepasste Schichtmodelle und klare Zuständigkeiten sicherstellen, damit primäre und sekundäre Traumatisierung frühzeitig erkannt und adressiert werden können
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Peer-Support-Strukturen für das Fachpersonal: niedrigschwellige, vorurteilsfreie Unterstützungsangebote für das Personal etablieren, eine offene, nichtverurteilende Fehlerkultur aktiv vorleben, in der Vorfälle analysiert statt angeprangert werden
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Qualitätssicherung: standardisierte Patientinnenbefragungen in die Routinenachsorge integrieren, Ergebnisse regelmässig im Team auswerten und formale Beschwerdemechanismen aktiv und niedrigschwellig kommunizieren
Zusammenfassung und Ausblick
Die primäre und sekundäre Traumatisierung in der Geburtshilfe sind miteinander verflochtene Phänomene, deren Prävalenz und klinische Relevanz unterschätzt werden. Ihre Folgen, von perinataler Depression, gestörter Mutter-Kind-Bindung und Stillproblemen bis zu Berufsausstieg, einer erhöhten Zahl an Krankheitstagen und «compassion fatigue» beim Fachpersonal, belasten Individuen, Teams und das gesamte Gesundheitssystem gleichermassen. Zukünftig bedarf es systematischer Prävalenzerhebungen im deutschsprachigen Raum, da aktuelle Daten vor allem aus dem Ausland vorliegen, der Implementierung standardisierter Screeninginstrumente für CB-PTSD und STS sowie der institutionellen Verankerung traumasensibler Versorgungskonzepte, sowohl für Patientinnen als auch für das Fachpersonal. Eine respektvolle Geburtshilfe ist keine Option, sondern eine Grundvoraussetzung für Patientensicherheit, Personalgesundheit und Systemstabilität. Am kommenden SGGG-Kongress in St. Gallen soll es im Workshop von der Schweizer Arbeitsgemeinschaft für Psychosomatische Gynäkologie und Geburtshilfe (SAPGG) unter Mitarbeit des Jungen Forums und der AFMM um die sekundäre Traumatisierung in der Geburtshilfe gehen und darum, welche Auswirkungen diese auf unseren Arbeitsalltag hat. Im Rahmen der Podiumsdiskussion mit der Referentin Prof. Dr. phil. Antje Horsch wollen wir eine Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch bieten und gemeinsam Schritte für die Implementierung von Präventionsmassnahmen erarbeiten. Wir freuen uns über rege Teilnahme am Freitag, den 26. Juni um 10:30 Uhr!
Literatur:
1 Heyne CS et al.: Prevalence and risk factors of birth-related posttraumatic stress among parents: A comparative systematic review and meta-analysis. Clin Psychol Rev 2022; 94: 102157 2 Kranenburg LW et al.: Traumatic childbirth experience and childbirth-related post-traumatic stress disorder (PTSD): A contemporary overview. Int J Environ Res Public Health 2023; 20(4): 2775 3 Kendall-Tackett K, Beck CT: Secondary traumatic stress and moral injury in maternity care providers: A narrative and exploratory review. Front Glob Women‘s Health 2022; 3: 835811 4 Tzitiridou-Chatzopoulou M et al.: Traumatic birth experience and breastfeeding ineffectiveness: A literature review. Mater Sociomed 35(4): 325-33 5 Horsch A et al.: Childbirth-related posttraumatic stress disorder: Definition, risk factors, pathophysiology, diagnosis, prevention, and treatment. Am J Obstet Gynecol 2024; 230(3S): S1116-S1127 6 Yildiz PD et al.: The prevalence of posttraumatic stress disorder in pregnancy and after birth: A systematic review and meta-analysis. J Affect Disord 2017; 208, 634-45 7 Healy S et al.: Maternity care providers‘ experiences of work-related serious events (MATES): An international survey. PLoS One 2025; 20(2): e0317682 8 Miranda J et al.: FIGO statement on respectful care: Addressing disrespectful maternity care. Int J Gynaecol Obstet 2025; 171(3): 983-92 9 American College of Obstetricians and Gynecologists. Caring for patients who have experienced trauma: ACOG Committee Opinion No. 825. Obstet Gynecol 2021; 137(4): e94–e99 10 Ayers S et al.: Traumatic birth and childbirth-related post-traumatic stress disorder: International expert consensus recommendations for practice, policy, and research. Women Birth 2023; 37(2): 362-7
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