Versorgung tief dermaler Verbrennungen bei Kindern: azelluläre, intakte Fischhaut
Autor:
Dr. Matthias Schaffert
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendchirurgie
Landeskrankenhaus Salzburg
E-Mail: m.schaffert@salk.at
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Die Versorgung tief dermaler Verbrennungen im Kindesalter verlangt nach Wundkonzepten, die maximale Regeneration mit einem schmerz- und traumaarmen Prozedere vereinen. Die biologisch aktive Matrix der intakten Fischhaut bietet hier eine hocheffektive Alternative zur klassischen Autotransplantation. Klinische Fallbeispiele aus der pädiatrischen Praxis demonstrieren, wie das arktische Xenograft die Epithelisierung beschleunigt, die Schmerzkontrolle optimiert und Spalthauttransplantationen im Alltag erfolgreich vermeidet.
Keypoints
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Biologische Aktivität: Die intakte Fischhaut beschleunigt die Geweberegeneration durch eine menschenähnliche Kollagenmatrix und den hohen Gehalt an antiinflammatorischen Omega-3-Fettsäuren.
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Transplantatvermeidung: Selbst bei tief dermalen und grenzwertig drittgradigen Defekten können eine autologe Spalthauttransplantation und deren Entnahmemorbidität häufig vermieden werden.
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Pädiatrischer Benefit: Eine sofortige Schmerzkontrolle und schmerzarme Verbandswechsel minimieren das physische und psychische Trauma für das Kind.
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Effizienz: Seltene Verbandswechsel und die schnelle Überleitung in die ambulante Betreuung entlasten Ressourcen und senken die Hospitalisierungszeit.
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Nachhaltigkeit: Das Medizinprodukt wird als reines Naturprodukt nachhaltig aus den Nebenprodukten der arktischen Fischerei gewonnen.
Thermische Verletzungen zählen im Kindesalter zu den häufigsten Ursachen für langfristige funktionelle und kosmetische Einschränkungen. Insbesondere tiefe Verbrennungen und Verbrühungen (Grad 2b bis 4) stellen das medizinische Team vor eine erhebliche therapeutische Herausforderung. Mit der intakten Fischhaut steht heute ein modernes, nachhaltig gewonnenes Xenograft zur Verfügung, das biologisch aktiv ist und im pädiatrischen Wundmanagement exzellente kosmetische sowie funktionelle Ergebnisse ermöglicht.
Rund 70% aller thermischen Gewebeschäden bei Kindern sind auf Verbrühungen zurückzuführen. Bedingt durch die dünne, sensible Haut von Kleinkindern und das ungünstige Verhältnis von Körperoberfläche zu Körpervolumen können bereits vergleichsweise geringe Mengen mäßig erhitzter Flüssigkeit großflächige, tief reichende Defekte verursachen. Ab einer Schädigung der tiefen Dermis (Grad 2b) ist das Risiko für hypertrophe Narbenbildung und konsekutive Kontrakturen im wachsenden Organismus massiv erhöht.
Zwar bietet die moderne Verbrennungsmedizin ein breites Portfolio an Wundauflagen, ab dem Grad 2b war jedoch bislang häufig eine autologe Hauttransplantation unumgänglich – untrennbar verbunden mit einer entsprechenden Entnahmemorbidität und zusätzlichen Schmerzen.
Moderne biologische Hautersatzprodukte haben die Therapielandschaft hier nachhaltig verändert. Die intakte Fischhaut (Kerecis®) nimmt dabei eine Sonderstellung ein: Ihre dreidimensionale Kollagenstruktur ähnelt der humanen extrazellulären Matrix stark und dient als optimales Leitschienengerüst für einwachsende Keratinozyten und Fibroblasten. Zudem ist sie reich an Omega-3-Fettsäuren, die antiinflammatorisch wirken und die Geweberegeneration über spezifische Zytokine modulieren. Da von Kaltwasserfischen keine Übertragung von viralen Erregern oder Prionen (wie BSE) auf den Menschen bekannt ist, erfolgt die Aufbereitung des arktischen Kabeljaus extrem schonend ohne chemische Quervernetzung, wodurch die native Struktur der Matrix vollständig erhalten bleibt.
Indikationen und Patientenselektion
Prinzipiell kann intakte Fischhaut („intact fish skin graft“; IFSG) bei jeder thermischen Verletzung ab dem Schweregrad 2a/2b eingesetzt werden. Aufgrund der höheren Therapiekosten im Vergleich zu Standard-Wundauflagen empfiehlt sich im klinischen Alltag eine selektive Indikationsstellung. An unserer Klinik setzen wir die intakte Fischhaut routinemäßig ab einer Verbrennungstiefe von Grad 2b ein.
Besondere Prädilektionsstellen sind zirkuläre Extremitätenverletzungen sowie Defekte an den Händen und über großen Gelenken, wo eine maximale funktionelle Elastizität gefordert ist. Durch den frühzeitigen Einsatz von IFSG gelingt es uns in vielen Fällen, eine autologe Hauttransplantation vollständig zu vermeiden oder das notwendige Transplantationsareal zumindest substanziell zu verkleinern.
Klinische Anwendung und praktisches Prozedere
Die Erstversorgung erfolgt in Abhängigkeit von der Defektgröße, der Schmerzintensität und dem Alter des Kindes entweder ambulant unter Analgesie oder stationär in Allgemeinanästhesie. Primär werden lediglich Blasenreste abgetragen; die Wundfläche wird zunächst mit antiseptischen Polyhexanid-Fettgaze-Verbänden konditioniert. Nach zwei bis drei Tagen erfolgt der erste geplante Verbandswechsel, da sich die definitive Verbrennungstiefe zu diesem Zeitpunkt präziser demarkiert und abschätzen lässt.
Bei tief reichenden Befunden wird das nekrotische Gewebe im Operationssaal mit scharfem Löffel, Skalpell oder Dermatom vorsichtig debridiert, bis eine vitale, punktförmig blutende Dermis erkennbar ist. Alternativ ist bei geeigneter Indikation ein enzymatisches Débridement (Nexobrid®) möglich, wobei das nachfolgende Prozedere identisch bleibt.
Das zuvor in steriler Kochsalzlösung aktivierte Fischhautgraft wird anschließend – je nach Defektkonfiguration gemesht oder intakt – in den Defekt eingebracht und bei Bedarf mit resorbierbaren Nähten oder Hautkleber fixiert. Als direkte Wundtrennschicht dient eine weiche Silikonauflage, gefolgt von einem fixierenden Sekundärverband.
Ein wesentlicher Vorteil der IFSG in der Pädiatrie ist die sofort einsetzende, hervorragende Schmerzkontrolle nach Applikation. Viele Kinder können bereits am ersten postoperativen Tag in die ambulante Betreuung entlassen werden. Die weiteren Verbandswechsel erfolgen in Intervallen von 5 bis 7 Tagen. Da die Matrix nicht mit dem Wundgrund verklebt, sind die Wechsel nahezu schmerzfrei und bedeuten für die kleinen Patienten kaum ein psychisches oder physisches Trauma.
Ergebnisse und klinische Erfahrungen
Klinische Daten aus der Erwachsenenmedizin belegen eine signifikant beschleunigte Epithelisierungsrate unter IFSG-Therapie.1 Diese Dynamik deckt sich eins zu eins mit unseren pädiatrischen Erfahrungen: Oberflächliche Wundareale zeigen typischerweise innerhalb von zwei, tief dermale Wunden innerhalb von drei Wochen einen vollständigen Wundverschluss.
Ein besonderer Stellenwert kommt der Methode bei anbehandelten Patienten zu, die uns mit bereits stagnierenden, chronifizierten Wundheilungsstörungen vorgestellt werden. Nach einem konsequenten Débridement des Pseudoeschars setzt die Fischhaut als biologischer Trigger einen völlig neuen Heilungsimpuls und führt die Wunde zur Abheilung.
Selbst bei Patienten mit drittgradigen Verletzungen, bei denen das Graft ursprünglich nur als temporärer biologischer Deckschutz zur Überbrückung bis zur geplanten Spalthauttransplantation gedacht war, beobachten wir unter dem Verband häufig eine so potente, unerwartete Epithelisierung aus den Wundrändern und Adnexen, dass auf die Transplantation letztlich komplett verzichtet werden kann. Unser Einsatzbereich erweitert sich daher zunehmend in Richtung drittgradiger Verbrennungen zur Wundkonditionierung. Die Qualität der resultierenden Regenerathaut steht dem Ergebnis einer Transplantation in puncto Elastizität und Kosmetik kaum nach und übertrifft diese nach Einschätzung der Eltern visuell oft deutlich.2
Fallbeispiele
Fall 1: 10 Monate alter Säugling, Heißwasserverbrühung des linken Beins
Anamnese & Befund
Explosionsartige Entleerung von kochendem Wasser aus einer defekten Mischdüse. Verletzung des gesamten linken Beins (ca. 6% KOF, Grad 2a–b). An der Oberschenkelinnenseite zeigten sich primär weißliche, derbe Wundgründe (Abb.1a).
Therapie
Nach Messerdébridement Demarkierung einer tief dermalen Verletzung am Oberschenkel. Hier erfolgte die Applikation von gemeshtem IFSG. Am Unterschenkel und Fuß zeigte sich ein rosiger Wundgrund mit intakter kapillärer Durchblutung; hier wurde eine synthetische Milchsäure-Copolymer-Membran (Suprathel®) gewählt (Abb.1b).
Verlauf
Komplikationslose, zeitgleiche Abheilung beider Areale mit exzellenter funktioneller Beweglichkeit des Beins im Verlauf (Abb.1c).
Abb. 1c: Abheilung nach Applikation von IFSG und Milchsäure-Copolymer-Membran
Fall 2: 11 Monate alter Junge, Kontaktverbrennung der Handfläche
Anamnese & Befund
Der Patient im Lauflernalter griff mit der linken Hand auf die heiße Glasscheibe eines Holzofens. Es zeigte sich eine tiefe Verbrennung der gesamten palmaren Handfläche (ca. 1% KOF, Grad 2b–3). Das Kind wurde zuvor mehrere Tage extern konservativ anbehandelt; bei Vorstellung imponierten derbe Blasenreste und Nekrosen (Abb.2a).
Therapie
Das chirurgische Débridement legte im Bereich des Hypothenars und der Finger III–V bereits das subkutane Fettgewebe frei (Abb.2b). Deckung des gesamten Defekts mit gemeshter intakter Fischhaut.
Verlauf
Deutliche Wundkonditionierung und Teilepithelisierung. Im Verlauf war lediglich im tiefsten Bereich (Hypothenar) eine fokale Vollhauttransplantation notwendig, das funktionell kritische Areal der Hohlhand heilte unter IFSG narbenfrei aus (Abb.2c).
Fall 3: 3 Jahre alter Patient (Autist), Immersionsverletzung des Fußes
Anamnese & Befund
Das Kind trat versehentlich in einen auf dem Boden abgestellten Topf mit kochender Gulaschsuppe. Schwere Immersionsverbrennung des gesamten rechten Fußes (ca. 2% KOF, Grad 2b–3).
Therapie
Ein primärer Therapieversuch mit einer Milchsäure-Copolymer-Membran schlug aufgrund der Tiefe und einer sekundären Superinfektion fehl (Abb.3a). Nach einem erneuten, konsequenten chirurgischen Débridement wurde als „salvage procedure“ ein sekundärer Wechsel auf gemeshtes IFSG durchgeführt (Abb.3b).
Verlauf
Trotz der initialen Infektion und des Therapieversagens des Vorprodukts führte die entzündungshemmende Wirkung der Fischhaut zu einer raschen Reinigung des Wundgrundes und einer vollständigen Defektheilung mit guter Narbenqualität ohne funktionelle Einschränkungen an den Zehengelenken (Abb.3c). Aufgrund der schwierigen psychosozialen Situation der Familie entzog sich der Patient im weiteren Verlauf der regulären Nachsorge, sodass ein finales Ausheilungsbild der Langzeitergebnisse nicht dokumentiert werden konnte.
Clinical Pearl: der „gelbe Schleim“
Postoperativ transformiert sich die Fischhaut in ein gelbliches, gelartiges Sekret, das einen dezenten Fischgeruch aufweisen kann. Dieser Schleim darf keinesfalls mechanisch entfernt oder mit einer Infektion verwechselt werden! Er enthält die aktiven biologischen Substanzen sowie die einwachsenden Keratinozyten und ist für den Heilungserfolg essenziell.
Zusammenfassung und Fazit für die Praxis
Die intakte Fischhaut bereichert das pädiatrische Wundmanagement um eine hocheffektive, biologisch aktive Therapieoption. Gerade in den chirurgisch und psychologisch anspruchsvollen Fällen des Kindesalters ermöglicht das Xenograft teils überraschende Heilungserfolge und kann autologe Hauttransplantationen unnötig machen. Neben der reinen Regeneration überzeugt die Therapie im klinischen Alltag durch eine exzellente Schmerzkontrolle unmittelbar nach Applikation. Die erweiterten Verbandswechselintervalle (5–7 Tage) verlaufen nahezu schmerzfrei, was den kleinen Patienten wiederholte traumatische Erlebnisse sowie konsekutive Sedierungen oder Narkosen erspart. Durch die rasche Überführung in das ambulante Setting zeigt sich das Verfahren zudem hochgradig kosteneffizient.
Literatur:
1 Luze H et al.: The use of acellular fish skin grafts in burn wound management – a systematic review. Medicina (Kaunas) 2022; 58(7): 912 2 Staubach R et al.: The use of fish skin grafts in children as a new treatment of deep dermal burns – case series with follow-up after 2 years and measurement of elasticity as an objective scar evaluation. J Clin Med 2024; 13(8): 2389
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