Vom Wundarztgehilfen zum Begründer der 1. Wiener chirurgischen Schule
Autoren:
Priv.-Doz. Dr. Friedrich H. Moll, MA, FEBU1
Univ.-Prof. Dr. Shahrokh F. Shariat2
1 Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Universität Düsseldorf
Kurator Museum, Bibliothek und Archiv zur Geschichte der Urologie,
Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V. Düsseldorf, Berlin
E-Mail: friedrich.moll@uni-koeln.de
2 Leiter der Universitätsklinik für Urologie
Medizinische Universität Wien
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Vincenz von Kern prägte die Wiener Chirurgie an der Schwelle zur Moderne und avancierte vom steirischen Wundarztgehilfen zum Begründer einer operativen Schule. Sein Werk zum Blasensteinschnitt markierte den Höhepunkt seiner Karriere, womit er zeigte, dass medizinischer Fortschritt weiter gefasst auch Lehre, die ärztliche Haltung und kritische Selbstprüfung beinhaltet.
Keypoints
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Kern machte den Seitensteinschnitt zu einer präzisen, lehrbaren Operationsmethode.
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Sein Hauptwerk von 1828 erschien am Ende der klassischen Lithotomieära.
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Er steht für die Entwicklung der Chirurgie vom Handwerk zur Wissenschaft.
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Mit dem Operateurinstitut begründete er in Wien eine moderne chirurgische Schule.
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Sein Erbe ist eine Medizin des Prüfens, Dokumentierens und Weitergebens.
Wer in Wiener Antiquariaten oder in internationalen Antiquariatskatalogen blättert, stößt noch immer auf jenes Handbuch von 1828 – mal im zeitgenössischen Ledereinband, mal als unaufgeschnittener Buchblock im Interimseinband. Es fasst den damaligen Wissensstand zum Blasensteinschnitt zusammen, ordnet den lateralen Steinschnitt wissenschaftlich ein und vermittelt ihn so, dass formal ausgebildete Wundärzte die Operation reproduzierbar ausführen konnten. Erschienen ist das Werk zu einem Zeitpunkt, zu dem die Technik des Seitensteinschnitts ihren Zenit erreicht hatte – kurz bevor sie durch die sog. blinde Blasensteinlithotripsie von Jean Civiale (1792–1867) und Charles Heurteloup (1793–1864) sowie, mit Einführung der Äther- und Lachgasnarkose ab 1847 in Europa (1846 durch Morton in den USA), durch die effizientere Sectio alta zunehmend abgelöst wurde.
Wer war der Autor dieser Publikation? Und wie sah das akademische Umfeld in Wien an der Wende zum 19.Jahrhundert aus, in dem ein solches Werk entstehen konnte? Im Folgenden wollen wir versuchen, den Lebensweg von Vincenz von Kern nachzuzeichnen und den Einfluss umreißen, den sein Dienstantritt auf dem neu geschaffenen Lehrstuhl für praktische Medizin am 18.April1805 auf die operative Medizin und die sich daraus entwickelnde Urologie als „Chirurgie der Harnwege“ an der Wiener Medizinischen Fakultät hatte.
Vincenz von Kern stammte aus einfachen Verhältnissen. Er begann seine Ausbildung als Wundarztgehilfe und wurde zu einer der prägenden Figuren der Wiener Medizin des frühen 19.Jahrhunderts. Sein Lebensweg steht exemplarisch für den damals keineswegs selbstverständlichen Übergang der Chirurgie vom Handwerk zur wissenschaftlich fundierten Disziplin. Operateure waren lange Badern und Barbieren zugeordnet und unterstanden den Regeln der Zunftordnungen. Für die Urologie ist Kern vor allem als Meister des perinealen Seitensteinschnitts von Bedeutung. Er gilt als einer der letzten großen Lithotomisten Europas. Zugleich war er Wegbereiter einer neuen operativ-chirurgischen Kultur, die strukturierte akademische Ausbildung, technische Präzision und kritisches Denken miteinander verband.
Ein steirischer Aufstieg
Vincenz von Kern wurde am 20.Jänner 1760 in Graz als Sohn eines verarmten Privatbeamten geboren. Sein Weg in die Medizin war nicht vorgezeichnet. Nach der Gymnasialzeit trat er bei einem Grazer Wundarzt in die Lehre – jenem handwerklich organisierten Zweig der Heilkunde, der im josephinischen Bildungssystem ebenso wie im übrigen deutschsprachigen Raum noch streng von der akademischen Universitätsmedizin getrennt war.
Über Stationen als approbierter Wundarzt in Salzburg, Triest und Venedig kam Kern 1783 nach Wien. Er wurde Praktikant am Bürgerspital am Schweinemarkt, einem Gebäudekomplex, der sich nördlich des heutigen Albertinaplatzes, früher Spitalplatz, vom heutigen Lobkowitzplatz, früher Schweinemarkt, bis zur Kärntner Straße erstreckte. Parallel dazu studierte er an der Universität Wien. 1784 erwarb er den Magistergrad der Chirurgie und Geburtshilfe, 1790 wurde er zum Dr.chir., 1799 schließlich zum Dr.med. promoviert.
Dieses Qualifikationsniveau war mehr als eine persönliche Auszeichnung. Es markierte für die sich parallel zur Chirurgie ausdifferenzierende Urologie und die bis dahin handwerklich geprägte operative Medizin auch formal den Übertritt vom Handwerks- in den akademischen Stand. Bei den damaligen Standesgrenzen war das alles andere als selbstverständlich. Erst der Erwerb des Doktortitels in der Medizin verlieh Kern im k.k. Österreich jene fachlich-akademische Autorität, die nötig war, um Chirurgie als universitäres Fach zu etablieren.
Von 1797 bis 1805 wirkte Kern als Professor für Chirurgie und Geburtshilfe am 1791 errichteten k.k. Lyzeum Archiducale Lyceum Labacense in Laibach, Ljubljana. Diese aufklärerische Bildungseinrichtung war zwischen Gymnasium und Universität angesiedelt und bot Ausbildungen in Philosophie, Medizin und Chirurgie, Theologie sowie Sprach- und Landwirtschaftskurse an. Dort machte Kern sich nicht nur als Operateur einen Namen, sondern auch als früher „Public health“-Akteur: Bereits 1801 – nur fünf Jahre nach Edward Jenners Erstbeschreibung der Pockenimpfung von 1796 – führte er in der Krain die Vakzination mit Kuhpocken systematisch ein. Das geschah zu einem Zeitpunkt, als das Verfahren in weiten Teilen Europas noch umstritten war. Sein pragmatisches Risikokalkül, „das kleinere von zwei Übeln zu wählen“, verweist auf einen Arzt, der empirische Abwägung über dogmatische Gewissheiten stellte.
Wien 1805: Geburt einer Schule
Auf Betreiben des im April 1803 von Kaiser Franz I. (1768–1835) neu ernannten Protomedicus Andreas Joseph Freiherr von Stifft (1760–1836) wurde Kern im Rahmen der neuen Studienordnung für Mediziner von 1804 im Jahr 1805 nach Wien berufen. Stifft war Direktor des medizinischen Studiums in Wien, Präses der Medizinischen Fakultät bis zu seiner Pensionierung 1834 und medizinischer Bücherzensor. Er strebte den Aufbau einer leistungsfähigen zivilchirurgischen Universitätsausbildung an. Was Kern in den folgenden zwei Jahrzehnten in Wien aufbaute, gilt in der medizinhistorischen Literatur als die erste der drei großen Wiener chirurgischen Schulen – lange vor der Ära Billroth-Albert.
Bereits 1807 setzte Kern bei Kaiser Franz I. zwei Gründungen durch, die für die Folgegenerationen prägend wurden: das k.k. Operateurinstitut am Allgemeinen Krankenhaus und eine chirurgische Lesegesellschaft mit eigener umfangreicher Fachbibliothek. Als Vorbild des Operateurinstituts diente die 1785 gegründete Josephs-Akademie zur Ausbildung von Militärchirurgen. Medizinisch-chirurgische Schulen bestanden pa-rallel auch in Salzburg (1806–1875), Innsbruck (1782–1869, mit Unterbrechungen), Lemberg, Olmütz (1790–1855), Graz (1788–1863), Laibach und Ofen. Das einheitliche Doktorat der gesamten Heilkunde wurde in Österreich erst 1872 eingeführt. Die Schulen waren strategische Weichenstellungen einer Disziplin, die sich aus dem zünftigen Handwerk heraus als akademisches Fach an der Universität etablieren wollte.
Das Operateur (Operations-)Institut, mit kaiserlichem Erlass vom 7.Februar 1807 konstituiert, bot zweijährige strukturierte Spezialkurse für Absolventen einer Wundarztlehre und dreijährige Kurse für Studiosi ohne Lehre an. Es vergab Staatsstipendien von 300 Gulden und bildete eine große Zahl von Chirurgen aus, die sich verpflichteten, später an Lehrstühlen und Spitälern in allen Teilen der Monarchie tätig zu werden.
Eine Reihe kaiserlicher Verordnungen und Hofkanzleidekrete sicherte den Absolventen Vergünstigungen und berufliche Bevorzugungen zu. Die Zahl der Studierenden war zunächst auf sechs beschränkt. Sie wurden bei öffentlichen Stellenvergaben vorgereiht und erreichten als Militärärzte rascher einen höheren Offiziersrang als Kollegen ohne diese Ausbildung.
Abb. 1: Studienhinweis 1844 für das zwei- bis dreijährige Studium der Chirurgie für Civil- und Landwundärzte. Die Militärärzte wurden im Josephinum ausgebildet. Repro Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung
Diese personelle Diaspora wurde zum eigentlichen Multiplikator der Wiener chirurgischen Schule. Kerns Schüler trugen seine Methodik, seine Maßstäbe und seine Lehrkultur von Mailand bis Lemberg, von Prag bis Padua – und sogar bis nach Russland. Damit institutionalisierte Kern etwas, das heute selbstverständlich erscheint, damals aber einen Bruch mit der zünftischen Tradition bedeutete: eine universitär verankerte operative Ausbildung mit Anspruch auf Qualität, Reproduzierbarkeit und dokumentierte Verantwortung (Abb.1 und 2).
Abb. 2: Vincenz von Kern legt erstmals nach 20 Jahren klinischer Tätigkeit eine systematische operative Übersicht vor – eine Publikationsform, die zur Grundlage jener statistischen Klinikberichte werden sollte, die zum Ende des 19. Jahrhunderts den Standard operativer Kliniken bildeten
Die chirurgische Lesegesellschaft war das intellektuelle Komplement zum Operateurinstitut. Kern legte den Grundstock für eine Büchersammlung, die bei seinem Tod bereits mehrere tausend Bände umfasste und den Ärzten zur Schulung, Ausbildung und für die tägliche klinische Arbeit zur Verfügung stand. In einer Zeit, in der medizinische Literatur teuer und fragmentiert war und oft nur durch persönliche Korrespondenz greifbar wurde, schuf Kern damit eine Infrastruktur des Wissens. Er verstand – und das ist die eigentliche Modernität dieser Geste –, dass exzellente Chirurgie nicht im Operationssaal allein entsteht. Sie braucht Wissen, kollegialen Austausch, schriftliche Dokumentation und die Bereitschaft, etablierte Verfahren kritisch zu prüfen.
Dieser kritische Geist prägte auch sein Wirken in der Wundbehandlung. Kern wandte sich entschieden gegen die damals vorherrschenden, oft drastischen Lokaltherapien mit aggressiven Salben, scharfen Tinkturen und reizenden Verbandstoffen. Er gilt als einer der frühen Vorkämpfer der offenen Wundbehandlung. Seine programmatische Schrift Avis aux chirurgiens formulierte diese Haltung in europäischer Reichweite, blieb von den Zeitgenossen jedoch weitgehend unverstanden – ein Schicksal, das Kern mit anderen Vordenkern der Wundtheorie teilen sollte.
Aus heutiger Sicht erscheint sein Ansatz wie eine konzeptionelle Vorstufe jener Prinzipien, die ein halbes Jahrhundert später unter den Namen Semmelweis und Lister die Chirurgie revolutionieren sollten.Naturgemäß verfügte Kern noch nicht über das mikrobiologische Verständnis, das diese Entwicklungen später tragen sollte, da noch ein anderes theoretisches Konzept, nämlich das der Miasmen und Kontagien, der Wissensstand dieser Zeit war.
Der Stein, der Schnitt und 334 Patienten
Aus urologischer Sicht ist Kerns Name untrennbar mit dem Blasensteinschnitt verbunden. 1803 reiste er eigens nach Venedig zu Francesco Pajola (1741–1816), um dessen Technik des lateralen Steinschnitts (Sectio lateralis nach Cheselden) am lebenden Patienten zu studieren. Diese Reise war Ausdruck seines Selbstverständnisses einer neuen operativen Medizin: Kern wollte nicht nur operieren im handwerklichen Sinne, sondern lernen, vergleichen, verbessern. Allein anhand der vorhandenen Literatur – etwa von Lorenz Heister (1683–1758), William Cheselden (1688–1752), Tommaso Alghisi (1669–1713) oder Claude-Nicolas Le Cat (1700–1768) – war es zu jener Zeit de facto unmöglich, den Seitensteinschnitt zu erlernen (Abb.3).
Abb. 3: (a) Francesco Pajola (1741–1816), Sala del Bibliotecario, Scuola Grande di San Marco, Venedig; Pietro Longhi (1702–1785), 1780–1785. Pajola hält ein Lithotome caché in der Hand und verweist damit auf eine Publikation von Claude-Nicolas Le Cat. (b) Le Cat, „Parallèle de la Taille Latérale de Mr. Lecat avec celle du Lithotome-Caché“. (c) Lithotome caché nach Le Cat, Tafel III der Publikation. Repro Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung
Was Kern danach in Wien entwickelte, war chirurgische Präzisionsarbeit unter Bedingungen, die heute kaum vorstellbar sind. Es gab keine zufriedenstellende Anästhesie – Äther wurde erst 1846 durch Morton eingeführt –, keine Antisepsis und keine perioperative Versorgung im modernen Sinn. Dennoch erreichte Kern klinische Ergebnisse, die international Aufsehen erregten.
In seinem Hauptwerk „Die Steinbeschwerden der Harnblase, ihre verwandten Übel, und der Blasenschnitt bei beiden Geschlechtern“ (Wien 1828, Mechitaristen-Congregation) dokumentierte Kern minutiös 334 laterale Lithotomien. Nur 31 Patienten verstarben perioperativ – eine Letalität von rund 9%. In einer Epoche, in der die Letalität nach Steinschnitt je nach Technik und Zentrum häufig zwischen 20 und 50% lag, war dies ein bemerkenswertes Ergebnis und machte Kern zu einem der angesehensten Lithotomisten Europas.
Der Band ist zugleich ein eindrucksvolles Dokument chirurgischer Selbstbeobachtung. Neun Kupferstiche zeigen Operationstisch, Instrumente, Technik und entfernte Konkremente. Darin zeigt sich der Geist einer Medizin, die beginnt, sich selbst empirisch zu reflektieren: nicht mehr als Kunstfertigkeit des Einzelnen, sondern als reproduzierbare, dokumentierbare und lehrbare Praxis – gewissermaßen eine frühe Form jener Ergebnisorientierung, die heute als „outcomes research“ bezeichnet wird (Abb.4–6).
Abb. 4: links: Vincenz Ritter von Kern (1760–1829). Stich von Leybold, der Publikation von 1828 beigegeben. Oben: Frontispiz, „Die Steinbeschwerden der Harnblase“. Repo Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung
Abb. 5: Links: Tafel der Instrumente zum Steinschnitt; Reprint des Werks Vincenz von Kerns, Nitze-Leiter-Forschungsgesellschaft, Wien 2006. Rechts: Tafel IV, Fig. 3: Lagerung des Patienten und Position der Gehilfen während der Operation sowie Handhaltung des Operateurs, dessen linker Daumen stets dem Messer folgt. Kupferstich, 1827, von Josef Lanzedelly (1772–1832). Die Abbildung zeigt den typischen Habitus von Operateuren der Zeit; während die Patientenlagerung gut zu erkennen ist, lässt sich die Schnittführung im Stich ohne farbliche Reproduktion nur aus der Stellung der linken Hand erahnen. Repro Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung
Abb. 6: (a) Verdeutlichung der Trennung von Harnröhre, Prostata und Blasenhals bei der Sectio lateralis nach Vincenz von Kern, Kupferstich, 1827. (b) Die korrespondierende Tafel aus der Publikation Le Cats – ein Beleg für Kerns gute Literaturkenntnis. Repo Moll-Keyn, mit freundl. Genehmigung
Die Ironie der Geschichte liegt darin, dass dieses Hauptwerk zum Zeitpunkt seines Erscheinens bereits methodisch überholt war. Schon 1824 hatte Jean Civiale in Paris die erste erfolgreiche transurethrale Lithotripsie am lebenden Patienten durchgeführt. Dieses Verfahren entfernte Blasensteine nicht mehr durch perinealen Schnitt, sondern zertrümmerte sie in situ, sodass sie auf natürlichem Weg ausgespült werden konnten. Damit war ein Paradigmenwechsel eingeleitet, der die jahrhundertealte Tradition des Steinschneidens innerhalb weniger Jahrzehnte beenden sollte. Kern hatte die Lithotomie auf einen technischen und ergebnisbezogenen Höhepunkt geführt. Gerade dadurch wurde er, fast tragisch, zugleich zu ihrem Vollender und ihrem letzten großen Vertreter. Nicht zufällig charakterisierte ihn die spätere Medizingeschichtsschreibung als „den letzten in der langen Reihe europäischer Lithotomisten“.
Die eigentliche Pointe seines Werks liegt jedoch woanders: Während sein lithotomisches Hauptwerk Anerkennung fand, gerade weil es das Ende einer Ära markierte, blieb sein eigentlich vorausweisender Beitrag – die Avis aux chirurgiens zur offenen, schonenden Wundbehandlung – zu Lebzeiten weitgehend unbeachtet.
Was bleibt
Vincenz von Kern starb am 16.April 1829 in Wien, ein Jahr nach Erscheinen seines Hauptwerks. Seine Operationstechnik wurde innerhalb weniger Jahrzehnte durch die endourologische Lithotripsie Civiales und später, nach Einführung von Anästhesie und Antisepsis, teils durch den suprapubischen Zugang verdrängt. Seine eigentliche Leistung überdauerte die Methode jedoch deutlich.
Kern hinterließ keine bloße Technik, sondern eine Schule. Seine Schüler übernahmen Lehrstühle in Wien, Prag, Pest, Padua und Krakau und trugen seinen Stil durch die Habsburgermonarchie: strukturierte Ausbildung, kritische Prüfung des Überlieferten, sorgfältige Dokumentation und einen konsequenten Anspruch an operative Qualität. Aus dieser ersten Wiener chirurgischen Schule entwickelten sich – über Joseph von Wattmann (1789–1866) und Franz Schuh (1804–1865) – jene Linien, die später in den Kliniken Leopold von Dittels (1815–1898) und Theodor Billroths mündeten und das Wiener AKH zu einem Zentrum der europäischen operativen Medizin und schließlich auch der Urologie machten. Kern führte die laterale Lithotomie zur Vollkommenheit – und musste zugleich erleben, wie sie durch neue Verfahren entbehrlich wurde. Sein schriftlicher Diskurs mit Jean Civiale, „Bemerkungen über die neue, von Civiale und Le Roy verübte Methode, die Steine in der Harnblase zu zermalmen und auszuziehen“ (1826), war de facto bereits eine Popularisierung der neuen endourologischen Methode. Wenn auch von Kern eine Mortalität um die 10% hatte (in der Regel war diese mit ca. 20% zu dieser Zeit noch höher), hatte die neue minimalinvasive Methode Civiales eine Mortalität von ca. 2%, was teils die Zeitgenossen auch anzweifelten. Diese neue Methode war auf jeden Fall – bis zur Einführung der Listerschen Antisepsis – mit einer deutlich geringeren Mortalität behaftet. Kern wurde für eine Methode gefeiert, die bereits verging, und verkannt für ein Denken, das noch kommen sollte. Darin liegt die Tragik vieler Pioniere: Die Geschichte gibt ihnen recht, indem sie sie überholt. Was bleibt, ist nicht allein das Werkzeug, sondern die Haltung, mit der es geführt wurde: die Bereitschaft, das eigene Tun zu prüfen, zu dokumentieren, zu lehren, zu hinterfragen (Abb.7).
Abb. 7: Medizinisch-chirurgische Zeitung, 1826: Vincenz Ritter von Kern, „Bemerkungen über die neue, von Civiale und Le Roy verübte Methode, die Steine in der Harnblase zu zermalmen und auszuziehen“. Repo Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung
In diesem Sinne war Kern weniger Lithotomist als Operateur im emphatischen Sinn des Wortes. Er wusste, dass Können vergänglich ist, dass Methoden veralten und Techniken durch bessere abgelöst werden. Was nicht veraltet, ist der Habitus, der sie hervorbringt: die Verbindung von handwerklicher Präzision, intellektueller Redlichkeit und institutioneller Verantwortung. Genau diesen Habitus hat Kern in Wien verankert, indem er Operationssaal und Bibliothek, Werkstatt und Studierstube, Patient und Protokoll zusammendachte.
Darin liegt seine Modernität. Medizin ist nicht die Summe ihrer Verfahren, sondern eine Form geistiger Praxis, die sich selbst gegenüber rechenschaftspflichtig bleibt. Jede Generation muss ihre Techniken neu erlernen, ihre Evidenz neu prüfen, ihre Indikationen neu schärfen. Was sie von ihren Vorgängern erbt, ist nicht das gelöste Problem, sondern die Art, wie man Probleme löst. Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft, die uns Kern – über zwei Jahrhunderte und mehrere Paradigmenwechsel hinweg – zu sagen hat: Eine Disziplin überlebt nicht durch ihre Methoden, sondern durch ihre Maßstäbe. Eine Schule lebt nicht von dem, was sie weiß, sondern von der Art, wie sie zu wissen lernt. Und ein Arzt wird nicht durch das erinnert, was er beherrschte, sondern durch das, was er weitergab.
Genau darin liegt die bleibende Aktualität von Vincenz von Kern – weniger als Operateur denn als Lehrer einer Haltung, die Medizin überhaupt erst dauerhaft macht.
Literatur:
● Acquarelli M: Die Ausbildung der Wundärzte in Niederösterreich. Unter der Herrschaft der Habsburger vom 18. bis zum 19. Jahrhundert. Schriften des Archivs der Universität Wien, Bd. 25. Göttingen: Vienna University Press/Vandenhoeck & Ruprecht, 2017 ● Angetter-Pfeiffer D: Zur Etablierung einer Leitoperation in der Steintherapie. In: Moll FH, Halling T, Shariat SF (Hrsg.): Urologie in Österreich. Von Wien in die Welt. Berlin/Heidelberg: Springer, 2025. 25-45 ● Cheselden W: The Anatomy of the Human Body. 4. Aufl. London: Bettesworth and Hitch, 1732. 341-2 ● Fischer G: Chirurgie vor 100 Jahren. Historische Studie. Leipzig: F. C. W. Vogel, 1876 ● Gächter A et al.: Transfer of knowledge in urology: a case study of Jacob Eduard Polak (1818–1891) and the introduction of contemporary techniques of lithotomy and lithotripsy from Vienna to Persia in the mid-19th century. Urol Int 2019; 102(1): 1-12 ● Gröger H: Vincenz Kern und die urologische Chirurgie. In: Gröger H, Marberger M (Hrsg.): Vincenz Kern. Die Steinbeschwerden der Harnblase und der Blasenschnitt. Reprint. Wien: Internat. Nitze-Leiter-Forschungsgesellschaft fur Endoskopie, 2006. 9-13 ● Hauri D: Die Steinschneider. Eine Kulturgeschichte menschlichen Leidens und ärztlicher Kunst. Berlin/Heidelberg: Springer, 2013 ● Kern V: Bemerkungen über die neue, von Civiale und Le Roy verübte Methode, die Steine in der Harnblase zu zermalmen und auszuziehen. Wien: PP Congregatio Mechitaristen, 1826 ● Kern V v 1809, 1825 (2. Aufl.) Avis aux chirurgiens pour les engager à accepter et d‘introduire une méthode plus simple, plus naturelle et moins dispendieuse dans le pansement des blessés. Deutsche Übersetzung von Schaul J B 1810, Enke, Stuttgart ● Kern V: Die Steinbeschwerden der Harnblase, ihre verwandten Übel, und der Blasenschnitt bei beiden Geschlechtern. Wien: PP Congregatio Mechitaristen, 1828 ● Landes RR: Tommaso Alghisi: Florentine Lithotomist (1669–1713). J Hist Med Allied Sci 1952; 7(4): 325-49 ● Lohff B: Die Josephs-Akademie im Wiener Josephinum. Die medizinisch-chirurgische Militärakademie im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik 1785–1874. Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2019 ● Moll FH et al.: Die Erteilung der Venia legendi als Gradmesser einer einsetzenden Fachdifferenzierung. Urologie 2022; 61(9): 996-1010 ● Moran ME: Urolithiasis. A Comprehensive History. New York: Springer, 2013 ● Phillebois A: Taschenbuch der Wiener K.K. Universität. Für das Jahr 1805. Wien: Joseph Gerold, 1805 ● Poisson SD, Double FJ et al.: Rapports: Recherches de Statistique sur l’affection calculeuse, par M. Le docteur Civiale. Comptes Rendus Hebdomadaires des Séances de l’Académie des Sciences 1835; 1: 171–2 ● Sachs M, Winkelmann O: Die operative Technik der Lithotomie in ihrer historischen Entwicklung seit der Antike. In: Skopec M, Zykan M (Hrsg.): Lithotomie versus Lithotripsie. Historisch und Rezent. Schriften der Internationalen Nitze-Leiter-Forschungsgesellschaft für Endoskopie, Bd. 4. Wien: Literas, 2004. 11-28 Rosser MJ: Commentary: The Paris Academy of Science report on Jean Civiale’s statistical research and the 19th century background to evidence-based medicine Int Journal of Epidemiology 2001 30:1249–1250 ● Schleiss von Löwenfeld MJ: Die Lithotripsie in Bezug auf Geschichte, Theorie und Praxis derselben. Unter Benützung der neuesten Erfahrungen der französischen Ärzte hierüber. Mit 8 Tafeln. München: Literarisch-artistische Anstalt, 1839 ● Sigmund CL: Das k.k. chirurgische Operations-Institut in Wien. Darstellung der Geschichte sowie der inneren Einrichtungen des Institutes und Übersicht aller darin bisher gebildeten Operateurs. Wien: Braumüller und Seidel, 1841 ● Tröhler U: William Cheselden’s 1740 presentation of data on age-specific mortality after lithotomy. J R Soc Med 2014; 107(4): 165-6
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