Urothelkarzinom: neue diagnostische Strategien und therapeutische Entwicklungen
Autor:innen:
Dr. Teresa Kreuzbauer
Dr. Kilian M. Gust
Comprehensive Cancer Center und Universitätsklinik für Urologie
Medizinische Universität Wien
E-Mail: kilian.gust@meduniwien.ac.at
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Das Urothelkarzinom der Harnblase zählt weiterhin zu den häufigsten malignen Erkrankungen in der Urologie und stellt trotz erheblicher Fortschritte eine therapeutische Herausforderung dar. Insbesondere neue Entwicklungen in der Bildgebung, bei intravesikalen Therapien sowie im Bereich der perioperativen Systemtherapie führen zu einer zunehmenden Differenzierung der Behandlungsstrategien. Wir befassen uns mit den wichtigsten Neuerungen des Jahres 2026 und beleuchten deren potenzielle klinische Relevanz.
Keypoints
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Die mpMRT entwickelt sich zu einem wichtigen Baustein der präoperativen Diagnostik.
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BCG bleibt Standard beim Hochrisiko-NMIBC, wird jedoch zunehmend durch neue Kombinationstherapien ergänzt.
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Innovative intravesikale Therapien eröffnen neue Perspektiven bei BCG-unresponsiver Erkrankung.
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Die perioperative Therapie des MIBC wird komplexer, aber auch effektiver.
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Eine präzisere biologische und klinische Patientenselektion wird entscheidend für den optimalen Einsatz neuer Therapien sein.
Diagnostik im Wandel: MRT vor TUR-B gewinnt an Bedeutung
Ein wesentlicher Paradigmenwechsel zeichnet sich in der Primärdiagnostik des Harnblasenkarzinoms ab. Die multiparametrische MRT der Harnblase (mpMRT) etabliert sich zunehmend als ergänzendes Instrument zur präoperativen Beurteilung der lokalen Tumorausdehnung. Mit dem VI-RADS-Score steht ein standardisiertes Bewertungssystem zur Verfügung, das eine zuverlässige Abschätzung einer Muskelinvasion erlaubt und in mehreren prospektiven Untersuchungen validiert wurde.1,2
Insbesondere bei Patienten mit Verdacht auf ein muskelinvasives Blasenkarzinom (MIBC) kann eine vor der TUR-B durchgeführte MRT wertvolle Informationen für die weitere Therapieplanung liefern. Mögliche Vorteile einer präoperativen MRT sind:
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bessere Einschätzung der Resektionstiefe
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Priorisierung der operativen Dringlichkeit
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frühzeitige Identifikation von Patienten für eine multimodale Therapie
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Referenzbefund für spätere Verlaufskontrollen
Langfristig könnte diese Entwicklung zu einer stärker individualisierten Therapiesequenz führen und die Rolle der TUR-B als primär diagnostisches Verfahren beim MIBC verändern.3
NMIBC: BCG bleibt Standard – neue Strategien rücken näher
Trotz intensiver Forschungsaktivitäten bleibt die intravesikale BCG-Therapie der Goldstandard für Patienten mit Hochrisiko-NMIBC. Langfristige Analysen zeigen weiterhin eine hohe onkologische Effektivität mit niedrigen Progressionsraten bei akzeptabler Toxizität.4 Gleichzeitig besteht weiterhin ein hoher Bedarf an zusätzlichen Therapieoptionen, insbesondere für Patienten mit BCG-unresponsiver Erkrankung.
Kombinationstherapien: BCG und Immuncheckpoint-Inhibition
Mehrere randomisierte Phase-III-Studien untersuchen die Kombination von BCG mit Immuncheckpoint-Inhibitoren, darunter CREST (Sasanlimab), POTOMAC (Durvalumab) und ALBAN (Atezolizumab).5–7 Die bisher verfügbaren Daten zeigen:
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Verlängerung des ereignisfreien Überlebens (EFS)
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höhere Komplettremissionsraten in ausgewählten Patientengruppen
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gleichzeitig erhöhte Raten therapieassoziierter Nebenwirkungen
Insbesondere die zuletzt präsentierten Ergebnisse der POTOMAC-Studie zeigen einen klinisch relevanten Vorteil der Kombination Durvalumab plus BCG6 bei Patienten mit papillären und insbesondere T1-Tumoren, sodass wir die Zulassung dieser Kombination in Europa noch in diesem Jahr erwarten können.
Neue intravesikale Therapieoptionen
Insbesondere bei BCG-unresponsivem NMIBC zeigen mehrere innovative Therapieansätze vielversprechende Ergebnisse:
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Nadofaragene firadenovec (Gentherapie)
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Nogapendekin alfa inbakicept (NAI; IL-15-Rezeptoragonist)
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TAR-200 (kontinuierliche intravesikale Gemcitabin-Freisetzung)
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TAR-210 (kontinuierliche intravesikale Erdafitinib-Applikation bei FGFR3-Alterationen)
Für Nadofaragene firadenovec konnten dauerhafte Komplettremissionen über mehrere Jahre nachgewiesen werden.8 Auch für Nogapendekin alfa inbakicept wurden hohe Komplettremissionsraten und ein anhaltender Blasenerhalt berichtet.9 Besonders großes Interesse gilt derzeit TAR-200, das in den SunRISe-Studien beeindruckende Remissionsraten bei gleichzeitig günstiger Verträglichkeit zeigte.10
Diese Ansätze könnten künftig für ausgewählte Patienten eine organerhaltende Alternative darstellen und die therapeutischen Möglichkeiten zwischen intravesikaler Therapie und radikaler Zystektomie erweitern.
Risikostratifizierung bleibt eine Herausforderung
Die aktuelle EAU-Risikoklassifikation berücksichtigt zusätzliche klinische Parameter wie Alter, Tumorgröße und Multifokalität.11 Trotz dieser Erweiterungen bleibt offen, ob die derzeitigen Modelle ausreichend präzise sind, um Patienten im Zeitalter neuer Immun- und Targeted-Therapien optimal zu stratifizieren. Molekulare Biomarker, zirkulierende Tumor-DNA sowie genomische Risikosignaturen könnten künftig eine wichtige Ergänzung darstellen.12
MIBC: dynamische Entwicklung der perioperativen Therapie
Beim muskelinvasiven Blasenkarzinom zeigt sich derzeit die größte therapeutische Dynamik. Während die neoadjuvante Cisplatin-basierte Chemotherapie mit ddMVAC oder Gemcitabin/Cisplatin weiterhin den etablierten Standard darstellt,13 gewinnen neue perioperative Konzepte zunehmend an Bedeutung.
Immuntherapie und Antikörper-Wirkstoff-Konjugate im Fokus
Die Phase-III-Studie NIAGARA konnte erstmals einen signifikanten Überlebensvorteil durch die Integration einer perioperativen Immuntherapie mit Durvalumab demonstrieren und markiert damit einen wichtigen Meilenstein in der Behandlung des MIBC.14
Parallel dazu untersuchten die laufenden Studien EV-304/KEYNOTE-B15 und EV-303/KEYNOTE-905 Kombinationen aus Enfortumab Vedotin und Pembrolizumab als perioperative Therapie sowohl bei Cisplatin-ungeeigneten als auch bei Cisplatin-geeigneten Patient:innen.15,16
Auf dem ASCO GU Cancers Symposium 2026 präsentierte Daten zeigten:
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pathologische Komplettremissionsraten von nahezu 50%
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hohe Raten pathologischer Tumorregression
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vielversprechende Signale hinsichtlich ereignisfreien Überlebens
Die Kombination aus Antikörper-Wirkstoff-Konjugat und Immuncheckpoint-Inhibitor wird die perioperative Therapie des MIBC nachhaltig verändern und auch möglicherweise blasenerhaltende Konzepte ohne lokale Therapie ermöglichen.
Offene Fragen und zukünftige Entwicklungen
Trotz der bemerkenswerten Fortschritte bleiben zahlreiche klinisch relevante Fragen unbeantwortet:
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Sollte die mpMRT routinemäßig vor TUR-B eingesetzt werden?
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Welche Patienten profitieren tatsächlich von einer Kombination aus BCG und Immuntherapie?
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Wann werden neue intravesikale Therapieformen breite klinische Anwendung finden?
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Ist bei exzellentem Therapieansprechen eine Deeskalation möglich?
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Können hohe pCR-Raten künftig blasenerhaltende Strategien unterstützen?
Insbesondere die Entwicklung valider molekularer Biomarker wird entscheidend sein, um Therapieentscheidungen künftig stärker zu individualisieren.
Literatur:
1Panebianco V et al.: Multiparametric magnetic resonance imaging for bladder cancer: development of VI-RADS (Vesical Imaging-Reporting And Data System). Eur Urol 2018; 74(3): 294-306 2 Woo S et al.: Diagnostic Performance of Vesical Imaging Reporting and Data System for the Prediction of Muscle-invasive Bladder Cancer: A Systematic Review and Meta-analysis. Eur Urol Oncol. 2020; 3(3): 306-15. Erratum in: Eur Urol Oncol 2020; 3(6): 811. Erratum in: Eur Urol Oncol 2020:S2588-9311(20)30168-1 3 EAU Guidelines on Muscle-invasive and Metastatic Bladder Cancer 2026 4 Babjuk M et al.: EAU Guidelines on Non-Muscle-Invasive Bladder Cancer 2026 5 Balar AV et al.: CREST Trial. EAU Congress 2025 6 DeSantis et al.: POTOMAC: durvalumab plus BCG in high-risk NMIBC. EAU 2026/ASCO GU 2026 7 Roupret et al.: ALBAN (GETUG-AFU 37): a phase III, randomized, open-label international trial of intravenous atezolizumab and intravesical Bacillus Calmette-Guérin (BCG) versus BCG alone in BCG-naive high-risk, non-muscle-invasive bladder cancer (NMIBC). Ann Oncol 2026; 37(1): 44-52 8 Boorjian SA et al.: Nadofaragene firadenovec in BCG-unresponsive NMIBC. Lancet Oncol 2024 9 Chamie K et al.: Nogapendekin alfa inbakicept for BCG-unresponsive NMIBC. N Engl J Med Evid 2024 10 Steinberg RL et al.: SunRISe-1: TAR-200 in BCG-unresponsive NMIBC. J Clin Oncol 2025 11 Babjuk M et al.: Updated EAU NMIBC Risk Groups. Eur Urol 2021 12 Powles T et al.: Biomarker development in bladder cancer. Nat Rev Urol 2025 13 Vale CL: Adjuvant and neoadjuvant chemotherapy in MIBC. Lancet 2022 14 Powles T et al.: NIAGARA Trial. N Engl J Med 2024 15 Galsky MD et al.: KEYNOTE-B15/EV-304. ASCO GU 2026 16 Rausch S et al.: KEYNOTE-905/EV-303. ASCO GU 2026
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