Rheumatische Erkrankungen: Mikrobiom als Schlüsselfaktor
Bericht:
Mag. Nicole Bachler
Sie sind bereits registriert?
Loggen Sie sich mit Ihrem Universimed-Benutzerkonto ein:
Sie sind noch nicht registriert?
Registrieren Sie sich jetzt kostenlos auf universimed.com und erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln, bewerten Sie Inhalte und speichern Sie interessante Beiträge in Ihrem persönlichen Bereich
zum späteren Lesen. Ihre Registrierung ist für alle Unversimed-Portale gültig. (inkl. allgemeineplus.at & med-Diplom.at)
Die mikrobielle Zusammensetzung im Darm beeinflusst maßgeblich dessen Barrierefunktion. Ist diese durchlässig, können Metaboliten oder auch Bakterien die Epithelbarriere überwinden und proinflammatorische Immunreaktionen triggern. Dies könnte bei Autoimmunerkrankungen wie rheumatoider Arthritis oder systemischem Lupus erythematodes (therapie-)relevant sein.
Keypoints
-
Die Ernährung hat einen wesentlichen Einfluss auf das Mikrobiom im Darm und dessen Barrierefunktion.
-
Eine durchlässige Darmbarriere triggert durch die Translokation von Pathobionten eine Überstimulierung des Immunsystems und damit das Entstehen von Autoimmunerkrankungen.
-
Fasten verändert durch die Entstehung von Ketonkörpern das Mikrobiom und beeinflusst die Klinik bei RA positiv.
-
Eine pflanzenbasierte Ernährung (Lenticin) hat potenziell antiinflammatorische Effekte bei RA.
-
Resistente Stärke in der Ernährung kann den Krankheitsverlauf von SLE verbessern.
Die Ernährung wirkt über das Mikrobiom auf den gesamten Organismus und beeinflusst auch verschiedene Immunmechanismen – z.B. bei rheumatischen Erkrankungen, informiert Univ.-Prof. Dr. Martin A. Kriegel, Sektion für Rheumatologie und Klinische Immunologie, Medizinische Klinik D, Universität Münster, Deutschland, in seinem Vortrag im Rahmen der Jahrestagung 2025 der Schweizer Gesellschaft für Rheumatologie (SGR). „Bekannte und gut mit Daten belegte Einflussfaktoren für das Mikrobiom sind Antibiotika und prozessierte Lebensmittel, die zu Dysbiose führen und chronische Immunerkrankungen sowie metabolische Erkrankungen fördern können“, ergänzt Kriegel, und weiter: „Beim Neugeborenen ist das Mikrobiom essenziell für die Entwicklung des Immunsystems. Eine Formula-only-Diät begünstigt aufgrund der fehlenden Immunglobuline der Muttermilch nachweislich das Risiko für Asthma bronchiale und Allergien bei diesen Kindern.“
Zahlreiche epidemiologische Studien zeigen, dass die Inzidenz von Autoimmun- und allergischen Erkrankungen stetig steigt, während es zu einer Abnahme von Infektionskrankheiten kommt (Hygiene-Hypothese). Durch Veränderungen der mikrobiellen Zusammensetzung im Darm wird dessen Barrierefunktion durchlässiger, wodurch mikrobiell erzeugte Metaboliten transloziert werden und in der Folge Immunantworten auslösen können. Denn sowohl Pathogene als auch Kommensalen im Darm stimulieren immunregulatorische Signalwege.1
Durchlässige Darmbarriere und Translokation von Mikroben
„Mechanistisch stellt sich immer mehr heraus, dass die Darmbarriere beim Menschen durchlässiger geworden ist“, so Kriegel. Vor allem ultraprozessierte Nahrung führt zu einer dünneren Mukus-schicht im Darm und damit zu einer durchlässigen Darmbarriere. Immunzellen sind daher mit verstärkten Interaktionen durch Antigene der Mikrobiota konfrontiert, was zu einer Überstimulierung des angeborenen und adaptiven Immunsystems führt.1,2
„Mikrobielle Bestandteile oder auch lebende Bakterien können die Epithelbarriere überwinden und gelangen ins Gewebe bzw. in die Blutbahn“, erläutert Kriegel weiter. Diese Translokation kann zwar primär keine Infektionen auslösen, aber bei genetisch prädisponierten Personen sehr wohl proinflammatorische, fehlgeleitete Immunreaktionen triggern, was relevant für die Entwicklung chronischer Autoimmunerkrankungen und von Krebs ist.2–4
Abb. 2: Umsiedelung der Mikrobiota bei chronischer Inflammation (modifiziert nach Ruff WE et al. 2020; Pereira MS, Kriegel MA 2023; McPherson AC et al. 2021)2–4
„Obwohl diese komplexen Prozesse noch nicht ganz verstanden sind, sind ihre Grundprinzipien – Darmbarriere, Mikrobiom und Immunaktivierung – bei unterschiedlichen Erkrankungen ähnlich“, unterstreicht Kriegel.5,6
Rheumatoide Arthritis
„Die Pathogenese der rheumatoiden Arthritis (RA) ist komplex, Umweltfaktoren spielen ebenso eine Rolle wie die Ernährung, die wiederum die Mund- und Darmmikrobiota beeinflusst“, stellt Kriegel fest. Rauchen und Periodontitis gelten ebenfalls als Risikofaktoren, die auf die Epigenetik einwirken und bei genetisch prädisponierten Personen verschiedene Prozesse fördern, wie beispielsweise die vermehrte Citrullinierung und Aktivierung des Immunsystems.7,8
„In der Klinik ist TNF ein wichtiger therapeutischer Angriffspunkt. Allerdings werden in Zukunft sowohl in der Primär- als auch in der Sekundärprävention mehrere Triggerfaktoren zu adressieren sein. Wie etwa mit dem Rauchen aufzuhören und die Periodontitis zu behandeln“, unterstreicht Kriegel. Und hier kommen auch die Ernährung und das Mikrobiom als weiterer Triggerfaktor ins Spiel.
Ernährung und Fasten
Ältere skandinavische Studien zeigten bereits vor einigen Jahrzehnten einen klinischen Nutzen von Fasten auf die RA.9,10 „Bereits eine Woche Fasten kann deutliche klinische Effekte zeigen, zugleich ist jedoch die Umsetzung im Alltag für die Patienten schwierig“, gibt Kriegel zu bedenken. Und auch die Evidenzlage variiert je nach Studienprotokoll. Die interventionelle deutsche NutriFast-Studie erforscht kausale Zusammenhänge zwischen Ernährung, Mikrobiom und Erkrankungen und ist auch eine ernährungsmedizinische Kooperation zwischen Klinik und der Mikrobiom- bzw. Metabolomforschung.11 Interventionelle Studien sind laut Kriegel hilfreich, um die Mechanismen zu verstehen, wie Bakterien und ihre Interaktionen kausal zusammenhängen. Faktum ist, dass sich das Mikrobiom bei RA durch Fasten verändert. Dabei scheint u.a. das ernährungssensible Bifidobacterium adolescentis eine bedeutende Rolle zu spielen, das bei RA-Patienten durch Fasten reduziert werden kann.12–14 Dies zeigt sich auch übereinstimmend in einer bedeutenden Studie mit übergewichtigen Patienten.15
Einfluss der Darmbarriere
In einer RA-Kohorte wurden die Level von B. adolescentis quantifiziert, und es wurde eine direkte Korrelation zu einem Darmbarriere-Marker gefunden. Bei Patienten mit Reizdarmsyndrom wurde dieses Bakterium ebenfalls als Darmbarrierefunktion-störend identifiziert.16 Kriegel: „Beim Fasten steigen die Ketonkörper an, sie stellen damit einen sehr guten Biomarker für die Compliance der Patienten dar.“ Ketonkörper (β-Hydroxybutyrat) wiederum hemmen nachweislich das Wachstum von B. adolescentis.15 Dies stützt das Paradigma, dass eine ketogene Ernährung zur Produktion von Ketonkörpern führt, welche als Metaboliten das Wachstum von ungünstigen Bakterien hemmen, und umgekehrt, dass eine Dysbiose bzw. Pathobionten zu einem Verlust der Darmbarriere und zur Aktivierung des Immunsystems führen. Auch die subklinische Entzündung und Th17-Zellakkumulation bei adipösen Patienten werden offenbar durch diese Bakterien gefördert.14 Anhand von Immunzellen von Arthritispatienten konnte zudem gezeigt werden, dass B. adolescentis die Arthritisachse aktiviert und im Arthritismodell Arthritis fördert.17
„Klinische Effekte des Fastens können zunehmend mechanistisch plausibilisiert werden. Daher könnten Metaboliten als neue, gezielte Mikrobiomtherapien oder Bakterien als Therapietargets genutzt werden“, skizziert Kriegel.
Pflanzenbasierte Ernährung
Bei übergewichtigen Patienten reduzierte eine vegane Ernährung das TNF-Signaling.18 In der randomisierten, kontrollierten Studie „Plants for Joints“ mit einem multidisziplinären Lifestyle-Programm bei RA-Patienten brachte eine pflanzenbasierte Ernährung deutliche Vorteile, auch wenn die Studie nicht placebokontrolliert war.19 Zudem zeigten sich Verbesserungen der Darmbarriere. Somit könnte die Stabilisierung der Darmbarriere einen zentralen Wirkungsweg der pflanzenbasierten Ernährung darstellen.
In einer weiteren Untersuchung zum Thema „Targeted Metabolomics“ erwies sich Lenticin (Hypaphorin) als stark erhöhter Metabolit und „best responder“. Lenticin ist in Hülsenfrüchten wie z.B. Linsen enthalten.20
Resistente Stärke bei systemischem Lupus erythematodes
Eine Ernährung mit resistenter Stärke kann durch die Veränderung des Mikrobioms die Darmbarriere stärken und zu Verbesserungen beim systemischen Lupus erythematodes (SLE) führen.6 Resistente Stärke ist – im Gegensatz zur schnell im Dünndarm resorbierbaren Stärke (Weißbrot) – resistent gegen die Verdauung im Dünndarm, gelangt dadurch in den Dickdarm und wird dort fermentiert. Die Folgensind das Wachstum von „guten“ Bakterien, die Produktion von kurzkettigen Fettsäuren (SCFA), Stärkung der Barriere und Abnahme der Translokation z.B. von Darmbakterien wie Lactobacillus reuteri, Enterokokken oder B. adolescentis. SCFA gelten als zentrale Mediatoren bei SLA und erhöhte SCFA-Spiegel gehen mit einer besseren Krankheitskontrolle der SLA einher.21,22
Fazit
Factbox
Zukünftig könnten Metaboliten als neue, gezielte Mikrobiomtherapien bzw. Bakterien als Therapietargets genutzt werden.„SLE und RA sind sehr unterschiedliche Erkrankungen: Lupus mit einer Interferon-Signatur, RA eher TNF-/Th17-getrieben. Entsprechend finden sich unterschiedliche mikrobielle Pathobionten“, fasst Kriegel zusammen. Das sind Laktobazillen bei SLE und Bifidobakterien bei RA, die durch bestimmte Ernährungsinterventionen gehemmt werden können. „Eine ballaststoffreiche Ernährung kann bei entzündlichen Erkrankungen die Darmbarriere stärken und dadurch die Krankheitsaktivität günstig beeinflussen“, hält Kriegel fest. Jede Ernährung wirkt auf das Mikrobiom und verändert nicht nur die Metaboliten, sondern auch das Immunsystem und das Organsystem. So kann resistente Stärke SLE verbessern, Fasten oder ketogene Ernährung fördert Ketonkörper, die als Biomarker dienen und Pathobionten hemmen können. Vegane Ernährung mit Linsen kann antiinflammatorische Effekte bei RA bewirken.
Kriegel abschließend: „Durch Interventionsstudien und weitere präklinische Forschung könnte in Zukunft eine personalisierte Ernährung in Kombination mit Immuntherapien als neuer, vielversprechender Therapieansatz entwickelt werden.“
Quelle:
„Fasting, nutrition and the microbiome in rheumatic diseases“, Vortrag im Rahmen der Jahrestagung der Schweizerische Gesellschaft für Rheumatologie (SGR), 4. September 2025, Interlaken, Schweiz
Literatur:
1 Bach JF: The hygiene hypothesis in autoimmunity: the role of pathogens and commensals. Nat Rev Immunol 2018; 18(2): 105-20 2 Ruff WE et al.: Host-microbiota interactions in immune-mediated diseases. Nat Rev Microbiol 2020; 18(9): 521-38 3 Pereira MS, Kriegel MA: Translocating Lactobacillus torments tumors via tryptophan catabolism. Cell 2023; 186(9): 1821-3 4 McPherson AC et al.: Systemic immunoregulatory consequences of gut commensal translocation. Trends Immunol 2021; 42(2): 137-50 5 Matei DE et al.: Intestinal barrier dysfunction plays an integral role in arthritis pathology and can be targeted to ameliorate disease. Med 2021; 2(7): 864-783 6 Zegarra-Ruiz DF et al.: A diet-sensitive commensal lactobacillus strain mediates TLR7-dependent systemic autoimmunity. Cell Host Microbe 2019; 25(1): 113-27 7 Dehner C et al.: The microbiome in systemic autoimmune disease: mechanistic insights from recent studies. Curr Op Rheum 2019; 31(2): 201-7 8 McInnes IB, Schett G: The pathogenesis of rheumatoid arthritis. N Engl J Med 2011; 365(23): 2205-19 9 Kjeldsen-Kragh J et al.: Controlled trial of fasting and one-year vegetarian diet in rheumatoid arthritis. Lancet 1991; 338(8772): 899-902 10 Kjeldsen-Kragh J et al.: Changes in laboratory variables in rheumatoid arthritis patients during a trial of fasting and one-year vegetarian diet. Scand J Rheumatol 1995; 24(2): 85-93 11 Hartmann AM et al.: To eat or not to eat-an exploratory randomized controlled trial on fasting and plant-based diet in rheumatoid arthritis (NutriFast-Study). Front Nutr 2022; 9: 1030380 12 Thompson KN et al.: Alterations in the gut microbiome implicate key taxa and metabolic pathways across inflammatory arthritis phenotypes. Sci Transl Med 2023; 15(706): eabn4722 13 Wu G et al.: A core microbiome signature as an indicator of health. Cell 2024; 187(23): 6550-65 14 Pereira MS et al.: Fasting modulates the human gut microbiome and reduces an IL-17+/IFNg+ T cell-inducing gut pathobiont in patients with rheumatoid arthritis. EULAR 2024/Ann Rheum Dis 2024; 83(1): 51.2-52 15 Ang QY et al.: Ketogenic diets alter the gut microbiome resulting in decreased intestinal Th17 cells. Cell 2020; 181(6): 1263-1275. E16 16 Bootz-Maoz H et al.: Diet-induced modifications to human microbiome reshape colonic homeostasis in irritable bowel syndrome. Cell Rep 2022; 41(7): 111657 17 Häupl T et al.: Intestinal microbiota reduction followed by fasting discloses microbial triggering of inflammation in rheumatoid arthritis. J Clin Med 2023; 12(13): 4359 18 Link VM et al.: Differential peripheral immune signatures elicited by vegan versus ketogenic diets in humans. Nat Med 2024; 30(2): 560-72 19 Walrabenstein W et al.: A multidisciplinary lifestyle program for rheumatoid arthritis: the ‚Plants for Joints‘ randomized controlled trial. Rheumatology 2023; 62(8): 2683-91 20 Wagenaar C et al.: Long-term effectiveness of a lifestyle intervention for rheumatoid arthritis: two-year follow-up after the ,Plants for Joint‘ randomized clinical trial. Ann Rheum Dis 2024; 83: 203-4 21 Hornero RA et al.: TNF and type I interferon crosstalk controls the fate and function of plasmacytoid dendritic cells. Nat Immunol 2025; 26(9): 1540-52 22 Heidt C, Kriegel MA: Mikrobiom, Ernährung und Rheuma. rheuma plus 2025; 24(5): 1-10
Das könnte Sie auch interessieren:
Atypische Frakturen & Bisphosphonate
Bisphosphonate sind Standard in der Osteoporosetherapie und wirksam in der Prävention osteoporotischer Frakturen. Allerdings sind sie in seltenen Fällen mit atypischen Frakturen, vor ...
Selten, aber relevant: Methotrexat kann Knochen schädigen
Bei Schmerzen und Insuffizienzfrakturen der unteren Extremität unter Therapie mit Methotrexat besteht der Verdacht auf eine seltene, aber relevante MTX-Osteopathie. Rheumatolog:innen ...
Osteologische Mythen im Faktencheck
Rund um die Osteoporose und ihre Behandlung kursieren nicht nur unter Betroffenen, sondern selbst in Fachkreisen einige falsche Annahmen. Diese halten sich hartnäckig, obwohl solide ...