«Die Hüfte war damals ein kaum verstandenes Gelenk»
Unser Gesprächspartner:
Prof. Dr. med. Michael Dienst
Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Orthopädische Chirurgie München
E-Mail: michael.dienst@ocm-muenchen.de
Das Interview führte Clara Fruhmann, MA
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Im Gespräch mit Leading Opinions Rheumatologie & Orthopädie erzählt Prof. Dr. med. Michael Dienst, München, nach seinem Vortrag am Hip-Symposium Bern 2026 von der Entwicklung der gelenkerhaltenden Hüftchirurgie, technologischen Trends und klinischen Entscheidungsfindungen.
Herr Professor Dienst, Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit der gelenkerhaltenden Hüftchirurgie. Was hat Sie ursprünglich an diesem Feld fasziniert?
M. Dienst: Ich habe Mitte der 1990er-Jahre in der Orthopädie und Unfallchirurgie begonnen. 1997 habe ich damals arthroskopische Eingriffe an der Hüfte gesehen. Während die arthroskopische Chirurgie an Knie und Schulter bereits sehr weit entwickelt war, befand sich die Hüftchirurgie noch in einem sehr rudimentären Stadium. Man konnte wenig sehen, wenig machen und vieles war schlicht nicht verstanden. Gerade diese Situation hat mich interessiert: ein Gebiet, das noch nicht umfassend erschlossen war. Die Endoprothetik war zu diesem Zeitpunkt bereits gut etabliert, während die gelenkerhaltende Hüftchirurgie noch am Anfang stand.
Sie haben also bewusst ein damals wenig entwickeltes Feld gewählt?
M. Dienst: Ja. Ich habe früh begonnen, mich damit zu beschäftigen, und bereits als Assistenzarzt arthroskopische Eingriffe an der Hüfte durchgeführt. Ich hatte das Glück, einen sehr offenen Klinikchef und Mentor zu haben, der mir diese Entwicklung ermöglicht hat. Parallel dazu habe ich internationale Erfahrungen gesammelt, unter anderem in den USA, in England und in Frankreich. In den USA habe ich operative Fellowships absolviert und dort auch die offene gelenkerhaltende Hüftchirurgie kennengelernt. Das war insbesondere im Kontext des femoroacetabulären Impingements interessant, das zu diesem Zeitpunkt noch ein relativ neues Konzept war.
Wie hat sich dieses Feld seither entwickelt?
M. Dienst: Die Entwicklung war erheblich. Heute ist das femoroazetabuläre Impingement ein zentraler Bestandteil der gelenkerhaltenden Hüftchirurgie. Bereits Anfang der 2000er-Jahre habe ich entsprechende Techniken erlernt und anschliessend begonnen, arthroskopische und offene Verfahren zu kombinieren. Seit 2009 konzentriere ich mich ausschliesslich auf die Hüftchirurgie.
Welche Bedeutung hat das Berner Hüftsymposium für die Weiterentwicklung des Fachs?
M. Dienst: Bern ist international eines der führenden Zentren der gelenkerhaltenden Hüftchirurgie. Viele grundlegende Entwicklungen – etwa im Bereich der Dysplasie oder des Impingements –wurden dort massgeblich geprägt. Das Symposium profitiert von dieser Tradition. Dabei ist nicht nur die Qualität der Vorträge entscheidend, sondern auch der informelle Austausch. Gerade dieser Diskurs, der zwischen den Zeilen abläuft, liefert häufig wertvolle Einblicke, etwa in neue Entwicklungen oder auch in kritische Erfahrungen mit bestimmten Techniken.
Welche aktuellen Entwicklungen wurden dort besonders diskutiert?
M. Dienst: Ein zentrales Thema ist die dreidimensionale Analyse – sowohl präoperativ als auch intraoperativ. Ziel ist es, mechanische Probleme präziser zu identifizieren und Eingriffe besser zu steuern. Intraoperative Unterstützungssysteme können beispielsweise dabei helfen, die Position von Instrumenten oder Korrekturen während der Operation genauer zu bestimmen. Das ist insbesondere für weniger erfahrene Operateur:innen hilfreich, aber auch für versierte Hüftchirurgen in komplexen anatomischen Situationen.
Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz in diesem Kontext?
M. Dienst: Künstliche Intelligenz hat vor allem in der Diagnostik grosses Potenzial. Sie kann bei der Analyse von Bildgebung unterstützen, etwa bei Röntgen-, MRT- oder CT-Aufnahmen, und Auffälligkeiten markieren. Das ist insbesondere für weniger erfahrene Kolleg:innen hilfreich und kann zudem Zeit sparen. Dennoch gilt: Die finale Bewertung muss weiterhin durch den Arzt/die Ärztin erfolgen. Die Bedeutung der KI wird in den kommenden Jahren jedoch deutlich zunehmen.
Ein zentrales Thema Ihres Vortrags war die Frage, wann Patient:innen eher von einer Totalendoprothese als von einem gelenkerhaltenden Eingriff profitieren. Wie treffen Sie diese Entscheidung?
M. Dienst: Grundsätzlich gibt es drei Patient:innengruppen. Erstens Patient:innen mit deutlich geschädigtem Gelenk, ausgeprägten Knorpelschäden und stark eingeschränkter Funktion. Hier ist die Indikation zur Endoprothese in der Regel klar. Zweitens Patient:innen mit gut erhaltenem Gelenk und klarer mechanischer Problematik, etwa bei Impingement. Diese profitieren in der Regel von gelenkerhaltenden Eingriffen. Die grösste Herausforderung stellt jedoch die dritte Gruppe dar: Patient:innen in der Grauzone. Hier liegen bereits degenerative Veränderungen vor, aber die Situation ist nicht eindeutig. Faktoren wie Alter, Beschwerdebild, Beweglichkeit und Erwartungshaltung spielen des Weiteren eine entscheidende Rolle. Die Entscheidung ist in diesen Fällen komplex und muss gemeinsam mit den Patient:innen getroffen werden.
Welche Rolle spielt dabei die Erwartungshaltung der Patient:innen?
M. Dienst: Eine sehr grosse. Wenn bereits relevante degenerative Veränderungen vorliegen, ist es schwierig, hohe Erwartungen durch einen gelenkerhaltenden Eingriff zu erfüllen. Mechanische Probleme lassen sich oft gut korrigieren, aber bestehende Knorpelschäden sind nur begrenzt behandelbar.
Sie behandeln auch Leistungssportler:innen. Gibt es hier besondere Herausforderungen?
M. Dienst: Ja. Viele Sportler:innen unterschätzen die Rehabilitationszeit. Nach einer arthroskopischen Behandlung eines Impingements dauert es in der Regel viereinhalb bis fünf Monate, bis eine Rückkehr zum Sport möglich ist. Zudem ist es häufig so, dass Sportler:innen erst dann kommen, wenn bereits Folgeschäden entstanden sind. Im Gegensatz zum Knie handelt es sich bei der Hüfte selten um akute Verletzungen, sondern meist um eine Kombination aus Fehlstellung, Überlastung und degenerativen Veränderungen.
Zum Abschluss noch eine Frage: Was würden Sie jüngeren Kolleg:innen empfehlen, die sich für dieses Feld interessieren?
M. Dienst: Die gelenkerhaltende Hüftchirurgie erfordert viel Geduld. Die Lernkurve – insbesondere in der arthroskopischen Chirurgie – ist relativ flach. Das bedeutet, dass es Zeit braucht, um die technischen Fähigkeiten sicher zu beherrschen. Formate wie das Berner Hüftsymposium sind jedoch sehr hilfreich, um ein fundiertes Verständnis zu entwickeln. In wenigen Tagen erhält man dort einen umfassenden Überblick über Anatomie, Diagnostik und operative Techniken.
Vielen Dank für das Gespräch!
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