© Sascha - stock.adobe.com (Generiert mit KI)

Physische und psychische Belastungen in der ärztlichen Praxis

Resilienz – Theorie und Realität

Kraftvoll in den Tag starten, Diagnosen stellen, Therapiepläne erstellen, die Bedürfnisse der Patient:innen wahrnehmen und darauf eingehen – und das alles selbst in außergewöhnlich belastenden Situationen professionell meistern. Hohe Arbeitslasten effizient bewältigen und am Ende des Tages gestärkt aus allen physischen, emotionalen und kognitiven Anstrengungen hervorgehen – das klingt wie ein Idealzustand. Für viele Ärzt:innen bleibt dies jedoch oft ein unerreichter Traum.

Gesundheitspersonal ist vergleichsweise hohen Belastungen ausgesetzt und arbeitet in einem Spannungsfeld vielfältiger Interessen. Die Fähigkeit, diesen Belastungen standzuhalten, langfristig produktiv und gesund zu bleiben, definiert man als Resilienz. Besonders in der Hämatoonkologie zeigen Studien alarmierende Zahlen: Bis zu drei Viertel der Ärzt:innen sind gefährdet, unter Burnout oder Depressionssymptomen zu leiden. Dieser Artikel beleuchtet, welche Faktoren Resilienz beeinflussen, welche Maßnahmen auf System-, Organisations- und Individualebene greifen und warum Resilienz für alle Beteiligten entscheidend ist.

Resilienz – vom System zur individuellen Ebene

Resilienz im Gesundheitssystem wird in der aktuellen Forschung als ein dynamischer Prozess und ein mehrstufiges Konstrukt definiert. Sie beschreibt die Fähigkeit eines komplexen Systems, trotz Störungen, Krisen oder unzureichender Ressourcen funktionsfähig zu bleiben und Leistungen zu erbringen. Dabei ist die Systemresilienz als eine Synergie zu verstehen, die auf verschiedenen Ebenen wirkt, welche stark miteinander verbunden sind.

Systemresilienz

Auf der Makroebene entsteht Systemresilienz aus den Wechselwirkungen der darunterliegenden Ebenen. Beispielsweise hängt die individuelle Resilienz von Mitarbeitenden stark davon ab, welche Unterstützung durch Strukturen und Prozesse auf Systemebene bereitgestellt wird.

Organisationale Resilienz

Auf der Meso- bis Makroebene beschreibt organisationale Resilienz die Fähigkeit von Einrichtungen wie Krankenhäusern, Trends und Bedrohungen zu antizipieren, Ereignisse zu bewältigen und daraus zu lernen. Dazu gehören strukturiertes Krisenmanagement, flexible Abläufe und die Fähigkeit, Prozesse kurzfristig anzupassen.

Team- oder gemeinschaftliche Resilienz

Die Resilienz eines Teams übersteigt die Summe der individuellen Widerstandskraft seiner Mitglieder. Entscheidende Faktoren sind Teamfamiliarität – das Wissen über Stärken und Schwächen der Kolleg:innen – sowie transformationale Führung, die psychologische Sicherheit schafft und Wertschätzung vermittelt. Während individuelle Resilienz die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden unterstützt, ist Teamresilienz essenziell für die Kontinuität der Versorgung.

Individuelle Resilienz

Die individuelle Resilienz wird durch kognitive und personale Merkmale, emotionale Kompetenzen, soziale Faktoren sowie körperliche Ressourcen beeinflusst. Zu den kognitiven und personalen Merkmalen zählen Selbstwirksamkeit, Optimismus, sachliche Kausalanalyse, Zielorientierung und Kohärenzgefühl. Sie helfen, Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen und das Leben als verstehbar, handhabbar und sinnvoll zu erleben.

Emotionale Kompetenzen wie Emotionsregulierung, das Erleben positiver Gefühle und Akzeptanz fördern die psychische Widerstandskraft und erweitern den Denk- und Handlungsspielraum. Soziale Faktoren – Unterstützung durch Familie, Freund:innen oder Kolleg:innen, Pflege sozialer Netzwerke sowie Empathie und Kommunikationsfähigkeit – stärken die Bewältigungskompetenz und den Aufbau stabiler Beziehungen.

Körperliche Ressourcen bilden die Basis für Belastbarkeit: Gesunde Ernährung, Bewegung und ausreichende Erholung tragen entscheidend zur physischen und psychischen Widerstandskraft bei. Individuelle Resilienz lässt sich wie ein innerer Werkzeugkasten verstehen: Je mehr „Werkzeuge“ vorhanden sind und gepflegt werden, desto flexibler kann auf unterschiedliche Herausforderungen reagiert werden.

Wer profitiert von besserer Resilienz von Ärzt:innen?

Bessere Resilienz schützt nicht nur die persönliche Gesundheit der Mediziner:innen, sondern verbessert die Versorgungsqualität für Patient:innen und sichert die Stabilität des gesamten Gesundheitssystems.

Resilienzfördernde Maßnahmen zeigen auf der persönlichen Ebene der Ärzt:innen vielfältige positive Effekte. So reduzieren gezielte Resilienz-Interventionen und Kommunikationstrainings nachweislich Burnoutsymptome, besonders emotionale Erschöpfung und Depersonalisierung. Resiliente Ärzt:innen berichten zudem über eine höhere Arbeitszufriedenheit sowie eine verbesserte Work-Life-Balance. Eine ausgeprägte psychische Resilienz geht außerdem mit einem geringeren Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen einher. Darüber hinaus deuten Studien darauf hin, dass eine höhere Resilienz auch mit einem reduzierten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einer insgesamt niedrigeren Sterblichkeit verbunden ist. Nicht zuletzt trägt Resilienz zur beruflichen Beständigkeit bei, da sie die Motivation stärkt, langfristig im Beruf zu verbleiben, und somit dem zunehmenden Fachkräftemangel entgegenwirkt.

Abb. 1: Individuelle Resilienz von Ärzt:innen

Für Patient:innen ergeben sich durch resiliente Ärzt:innen deutliche Verbesserungen in der Versorgungsqualität. Eine höhere Resilienz, die häufig mit einer ausgeprägten empathischen Haltung einhergeht, ist statistisch mit besseren klinischen Behandlungsergebnissen verknüpft. Zudem erhöht sich die Patient:innensicherheit, da resiliente Mediziner:innen auch unter hohem Arbeitsdruck konzentriert bleiben und seltener Behandlungsfehler machen. Eine gute ärztliche Kommunikation fördert darüber hinaus die Therapieadhärenz erheblich: Patient:innen befolgen Behandlungsempfehlungen deutlich häufiger, wobei die Wahrscheinlichkeit einer korrekten Umsetzung bei guter Kommunikation etwa 1,62-mal höher liegt. In diesem Zusammenhang steigen auch das Vertrauen in die behandelnde Person sowie die allgemeine Zufriedenheit der Patient:innen mit der medizinischen Betreuung.

Auf System- und Organisationsebene trägt Resilienz wesentlich zur Stabilität und Weiterentwicklung des Gesundheitswesens bei. Vor allem Teamresilienz stellt sicher, dass die medizinische Versorgung auch in Krisensituationen, etwa während einer Pandemie, aufrechterhalten werden kann, selbst wenn einzelne Mitarbeitende an ihre Belastungsgrenzen stoßen.

Einrichtungen mit resilientem und zufriedenem Personal profitieren zudem von einer höheren wirtschaftlichen Stabilität, da Fluktuation, krankheitsbedingte Ausfälle und ineffiziente Ressourcennutzung reduziert werden. Darüber hinaus fördern resiliente Strukturen die Innovationskraft von Organisationen, indem sie einen kontinuierlichen Lernprozess ermöglichen, aus Krisen zu lernen und das System nachhaltig für zukünftige Herausforderungen zu stärken.

Kommunikation als effektives Tool

Wenn wir Adhärenz und die stabile Resilienz von Ärzt:innen gemeinsam betrachten, rückt ein oft übersehener Hebel in den Mittelpunkt: die Gesprächsführung. Nicht neue Maßnahmen oder zusätzliche Aufgaben sind entscheidend, sondern die Qualität der alltäglichen Interaktion mit Patient:innen. In der Gestaltung dieses Austauschs liegt ein wirksamer Ansatz zur Bewältigung vieler Herausforderungen im medizinischen Alltag.

Wie navigieren wir nun durch dieses komplexe Feld der Patient:innen-Kommunikation, um die positiven Effekte der Patient:innenzufriedenheit, der Adhärenz, mit gleichzeitiger Steigerung von Resilienz und Wohlbefinden zu erzielen? Welche Techniken des Gesprächsablaufs gilt es hierbei zu berücksichtigen?

Finden Sie im Folgenden wirksame Impulse, die einen Patient:innen-Dialog zu mehr Resilienz und Adhärenz führen können.

Einstieg – bauen Sie schon zu Beginn eine persönliche Verbindung auf.

Dies klingt vielleicht selbstverständlich, doch fragen Sie sich:

  • Suche ich bewusst Blickkontakt mit Patient:innen und deren Angehörigen?

  • Spreche ich die Patient:innen mit dem Namen an und stelle ich mich selbst in aller Ruhe vor?

  • Wirke ich ruhig und achtsam oder bin ich gedanklich schon beim nächsten Termin?

  • Lasse ich Patient:innen die ersten Sätze auch bis zum Ende explorieren und höre ich wirklich und unvoreingenommen zu?

Beachten Sie diese Punkte und machen Sie aus einem hektischen Einstieg, der den potenziellen Stress aller Teilnehmenden steigern könnte, eine von Beginn an vertrauensbildende Maßnahme. Genießen Sie den Vorteil emotionaler Ansteckung – starten Sie das Gespräch ruhig und souverän, wird sich diese Ruhe übertragen und als Rückkoppelung erneut auf Sie einwirken. Ein positiver Kreislauf setzt sich in Gang.

Klärung

Stellen Sie Patient:innen offene und explorierende Fragen und verzichten Sie auf vorschnelle Interpretationen.

Je mehr Menschen die Möglichkeit haben, mehr von sich und der eigenen Situation zu berichten, desto mehr Vertrauen bauen sie zum Gegenüber auf, besonders dann, wenn ihnen wertfrei zugehört wird. Beobachten Sie sich beim nächsten Gespräch, wie schwer oder leicht es Ihnen fällt, den Ausführungen wirklich zu folgen, ohne bereits beim Zuhören vorschnelle Lösungen parat zu haben.

Emotionen anerkennen

Um vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen, ist es für Menschen von großer Bedeutung, eine Validierung der eigenen Emotionen vom Gegenüber wahrzunehmen.

Dies bringt das Gespräch von zeitweilig viel zu kühler Sachlichkeit in eine verbindende Atmosphäre. Erleben Menschen ein paar Worte der Zustimmung zur Schwere der eigenen Situation, lassen sich regelrechte Entlastungsanzeichen beobachten. Menschen verlieren dann blockierende Anspannung und öffnen sich für weitere, wesentliche Informationen, die womöglich sonst verborgen bleiben. Je weniger Sie gegen Widerstände argumentieren müssen, desto geringer ist der persönliche Energieaufwand – eine weitere Einzahlung auf Ihr Resilienz-Konto.

Vermittlung

Um die Beziehung weiterhin auf einem Niveau der Gemeinsamkeit und Vertrautheit zu halten, ist die Weitergabe von Diagnosen oder Therapieplänen ein zusätzlicher Baustein dialogorientierter Gesprächsführung. Verlieren Sie sich im Fachjargon oder sprechen Sie mit den Patient:innen auf Augenhöhe, also angepasst an die Situation und Kenntnisse Ihrer Patient:innen?

Fachsprache erzeugt Distanz, schafft Unsicherheit und reißt vielleicht zuvor gebaute Beziehungsbrücken ab. Ist Ihnen die Macht Ihrer Worte auch immer bewusst? Ein unbedachtes „Das macht mir ein bisschen Sorgen“ kann für Sie die Beschreibung einer Bagatelle sein, für Patient:innen jedoch der zweifelsfreie Aufruf zur Regelung des Nachlasses. Unsere Worte erzeugen unmittelbar Bilder im Kopf unserer Gesprächspartner:innen, diese Worte können Steine in den weiteren gemeinsamen Weg legen oder ihn gemeinsam leicht begehbar machen. Routine im Umgang mit Krankheiten kann zu Leichtfertigkeiten führen, die schnell unbedacht verbalisiert werden.

Neigen Sie zu „klaren Ansagen“ bei Behandlungsplänen, die unwiderruflich durchgeführt werden müssen? Wenn ja, dann verlieren Sie Patient:innen durch mögliche Reaktanzreaktionen oder weitere Widerstände. Suchen Sie die Ko-Kreation für die nächsten Schritte und gestalten Sie in Dialogform einen Behandlungsablauf, an dem Patient:innen mitarbeiten. Selbst bei zwingend notwendigen Behandlungsplänen, die keine Abweichung erlauben, ist es dennoch von Vorteil, Patient:innen einzubeziehen und hypothetische Fragen zu stellen, um festzustellen, wie sich Patient:innen emotional und kognitiv mit den nächsten Schritten verbunden fühlen. „Wer ein Warum hat, kann jedes Wie ertragen“, dieses Zitat von Viktor Frankl bietet auch in der Vermittlung von Diagnosen und Therapien einen wesentlichen Leitsatz. Das „Wie“ entsteht durch Teilhabe und Dialog. Diese Techniken dienen dazu, dem Patient:innen-Gespräch die Last zu nehmen, da sie auf den Faktoren Gemeinsamkeit, Akzeptanz und Verbindung aufbauen. Kommunikation wird kohärent und authentisch, und diese Faktoren sind für die Steigerung und Festigung der eigenen Resilienz entscheidend.

Fazit

Resilienz ist weit mehr als individuelle Belastbarkeit – sie ist ein dynamisches, mehrstufiges Konzept, das auf System-, Organisations-, Team- und Individualebene wirkt. Gerade im anspruchsvollen medizinischen Alltag, wie dem der Hämatoonkologie, ist sie entscheidend, um die Gesundheit der Ärzt:innen zu schützen, die Qualität der Patient:innenversorgung zu sichern und die Stabilität des Gesundheitssystems zu gewährleisten.

Während körperliche, emotionale, soziale und kognitive Ressourcen die persönliche Resilienz stärken, spielen Teamdynamik, Führung und organisationale Strukturen eine ebenso zentrale Rolle. Ein besonders effektives Instrument, das alle Ebenen miteinander verknüpft, ist die gezielte, empathische Kommunikation mit Patient:innen. Durch wertschätzenden Dialog, aktive Einbindung in Therapieentscheidungen und die bewusste Anerkennung von Emotionen lässt sich nicht nur die Patient:innenzufriedenheit steigern, sondern zugleich die eigene Widerstandskraft festigen.

Letztlich zeigt sich: Resilienz ist ein ganzheitlicher Prozess, der persönliche Gesundheit, berufliche Zufriedenheit und die Qualität der medizinischen Versorgung gleichermaßen stärkt.

● Alabi RO et al.: Mitigating burnout in an oncological unit: a scoping review. Front Public Health 2021; 9: 677915 ● Boissy A: From satisfaction to engagement: lessons in improving the patient experience. Cleve Clin J Med 2016; 83(11 Suppl 1): 19-22 ● Förster C, Füreder N: Wie können Führungskräfte zur Resilienz von (Gesundheits-)Organisationen beitragen? Lehren aus der aktuellen COVID-19 Krise. Austrian Management Review 2021; 11: 48-57 ● Hahad O et al.: Psychological resilience, cardiovascular disease, and mortality – insights from the German Gutenberg Health Study. J Psychosom Res 2025; 192: 112116 ● Hendrikx IEM et al.: Is team resilience more than the sum of its parts? A quantitative study on emergency healthcare teams during the COVID-19 pandemic. Int J Environ Res Public Health 2022; 19(12): 6968 ● Nembhard IM et al.: A systematic review of research on empathy in health care. Health Serv Res 2023; 58(2): 250-63 ● Otth S: Steigerung der Resilienz Kompetenz bei Führungskräften durch Einzelcoaching. Ein Fallstudienvergleich. (Masterthesis). Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW 2019 ● Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Resilienz im Gesundheitswesen: Wege zur Bewältigung künftiger Krisen. Gutachten 2023. Berlin: MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2023 ● Wert K et al.: Communication training helps to reduce burnout during COVID-19 pandemic. Health Serv Res Manag Epidemiol 2023; 10: 23333928221148079 ● Zolnierek KBH, DiMatteo MR: Physician communication and patient adherence to treatment: a meta-analysis. Med Care 2009; 47(8): 826-34

Back to top