«Das Swiss Cancer Institute ist explizit auf die klinische Forschung fokussiert»
Unser Gesprächspartner:
Vincent Gruntz
CEO
Swiss Cancer Institute
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Das Swiss Cancer Institute (SCI) forscht und holt Forschung und ihre Ergebnisse in die Schweiz. CEO Vincent Gruntz spricht im Interview über die jährliche Veranstaltung «Chicago in the Mountains», die Studien des Swiss Cancer Institute und das Verhältnis von klinischer Forschung zu Grundlagenforschung.
Die SCI-Veranstaltung «Chicago in the Mountains» hat gerade stattgefunden. Wie war sie aufgebaut und was waren die Themen?
V. Gruntz: «Chicago in the Mountains» ist ein Format, das wir als Swiss Cancer Institute für die gesamte onkologische Forschungscommunity in der Schweiz anbieten. Viele Kolleginnen und Kollegen können nicht für wenige Tage an die ASCO nach Chicago reisen – also bringen wir die wichtigsten Erkenntnisse in die Schweiz. Das Format hat sich zudem zu einem zentralen Gefäss für die Vernetzung unserer Community entwickelt.
Über drei Tage wählen Expertinnen und Experten aus der ganzen Schweiz die bedeutendsten ASCO-Präsentationen in ihrem jeweiligen Fachgebiet aus und stellen diese den Teilnehmenden vor. Dieses Jahr umfasste das Programm Themenblöcke zu Brust- und gynäkologischen Tumoren, urogenitalen Tumoren, gastrointestinalen Tumoren sowie Lungenkrebs und einen «Hot Topics»-Block. Ergänzt wurde das Programm durch Spezialsessions zu Statistik und Molekularpathologie.
Welche Expert:innen waren beteiligt? Welche Studien wurden vorgestellt?
V. Gruntz: Die Veranstaltung vereinte Expertinnen und Experten aus der ganzen Schweiz. Einen Überblick bietet Tabelle 1. Ausserdem wurden zahlreiche klinische Studien vorgestellt.
Im Bereich Gynäkologie standen unter anderem Studien zu Dostarlimab bei fortgeschrittenem Endometriumkarzinom (ENGOT-EN6/RUBY), Pembrolizumab beim Endometriumkarzinom (NRG-GY018) sowie Mirvetuximab Soravtansin beim rezidivierenden Ovarialkarzinom (MIROVA/AGO-OVAR 2.34) im Fokus.
Beim Brustkrebs wurden Ergebnisse aus einer Vielzahl bedeutender Studien präsentiert, darunter SENOMAC zur Axilladissektion, OPTIMA und lidERA BC zum frühen Brustkrebs, PALMARES-2 zur ET+CDK4/6i-Fortsetzung sowie mehrere Studien zu triple-negativem Brustkrebs (P-RAD, KEYNOTE-522). Hinzu kamen Daten zu neuen Therapieansätzen wie Giredestrant (lidERA BC, SERENA-6), Izalontamab Brengitecan (TNBC), Gedatolisib (VIKTORIA-1), T-DXd (DESTINY-Breast09) und Tucatinib bei HER2-positivem metastasiertem Brustkrebs.
Wie würden Sie das Verhältnis von klinischer Forschung vs. Grundlagenforschung in der Schweiz insgesamt bewerten?
V. Gruntz: Einseitig. Die öffentliche Finanzierung fliesst überproportional in die Grundlagenforschung, während die akademische klinische Forschung strukturell unterfinanziert bleibt. Das ist bedauerlich, denn beide Bereiche sind aufeinander angewiesen: Ohne Grundlagenforschung bleiben wesentliche neue Erkenntnisse aus, die für neue Therapien für Patientinnen und Patienten im Rahmen von klinischen Studien validiert werden. In der Schweiz beobachten wir über die letzten Jahre einen klaren Rückgang akademischer klinischer Studien – einen Trend, den wir dringend umkehren müssen.
Welche Förderungen und Unterstützungen stehen für beide Felder zur Verfügung, sowohl national als auch international?
V. Gruntz: Genau hier liegt das Problem: Eine koordinierte Standortförderung für klinische Forschung, wie sie andere Länder gezielt aufgebaut haben, fehlt in der Schweiz bis heute. Ein Blick nach Australien, Neuseeland oder Belgien zeigt, was möglich ist – dort haben gezielte Förderprogramme, kombiniert mit schnellen und kostengünstigen Bewilligungsprozessen, zu einem markanten Anstieg der Zahl klinischer Studien geführt. Auf internationaler Ebene stehen zwar Programme wie Horizon Europe oder private Stiftungen zur Verfügung, doch auch diese decken den Bedarf bei Weitem nicht. Für das Swiss Cancer Institute bedeutet das konkret: Wir haben heute mehr als 50 potenziell praxisverändernde Studienproposals, die wir mangels Finanzierung nicht aktivieren können. Hier liegt enormes ungenutztes Potenzial – für die Forschung, aber vor allem für die Patientinnen und Patienten.
In welcher Richtung engagiert sich das SCI vermehrt, in klinischer Forschung oder Grundlagenforschung?
V. Gruntz: Das Swiss Cancer Institute ist explizit auf die klinische Forschung fokussiert – das ist unser Kernauftrag und unser Alleinstellungsmerkmal. Konkret koordinieren wir ein Forschungsnetzwerk mit 23 onkologischen Zentren, das sich über die gesamte Schweiz erstreckt, alle onkologischen Disziplinen und Tumorarten abdeckt und akademische klinische Studien ermöglicht, die für Patientinnen und Patienten in der Schweiz direkt relevant sind – also Fragestellungen, die die Industrie aus wirtschaftlichen Gründen nicht bearbeitet.
Welche aktuellen und geplanten Studien des SCI möchten Sie besonders hervorheben?
V. Gruntz: Was ich generell hervorheben kann: Rund 45% unserer abgeschlossenen Studien liefern Ergebnisse, die die medizinische Praxis verändern. Das ist ein aussergewöhnlich hoher Impact. Ein besonderer Vorteil der akademischen Forschung über das SCI-Netzwerk ist, dass neue Erkenntnisse nicht erst nach langen Zulassungsprozessen, sondern unmittelbar und schweizweit Einzug in die Praxis der Onkologinnen und Onkologen finden.
Soll es bezüglich der Forschungsschwerpunkte in der kommenden Zeit Änderungen geben?
V. Gruntz: Die strategische Ausrichtung auf klinische Forschung bleibt unverändert – hier liegen unsere Stärke und unsere Daseinsberechtigung. Dabei übernehmen unsere Forschungsgruppen viel Eigenverantwortung in der Definition ihrer Forschungsschwerpunkte. Über alle Forschungsgruppen hinweg möchten wir die Vernetzung der Daten weiterentwickeln. Innerhalb des SCI, aber auch mit den nationalen Plattformen SPHN, TumorProfiler und NAIPO inklusive der Nutzung von künstlicher Intelligenz bei der Auswertung der vernetzten Daten. Dank Partnerschaften mit der Philas-Stiftung können wir in Zukunft vermehrt klinische Studien im Bereich Gender Medicine in der Onkologie durchführen und die Krankenversicherer unterstützen uns bei der Finanzierung von Therapieoptimierungsstudien.
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