Die Grenzen des ALSFRS-R als ALS-Verlaufsindikator
Bericht: Dr. rer. nat. Torsten U. Banisch
Die Heterogenität der ALS erschwert die Beurteilung der Krankheitsprogression. Skalen wie die ALSFRS-R können Orientierung bieten, stossen aber auch in Real-World-Settings an ihre Grenze, wie eine aktuelle Studie zeigt.
Die amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine seltene neurodegenerative Erkrankung, bei der ein progressiver Verlust der Motoneurone zu Muskelschwäche, Paralyse und letztendlich zum Tod führt.1,2 ALS-Patient:innen weisen eine Vielzahl an Symptomen auf, die sukzessive die Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) behindern und die Lebensqualität beeinträchtigen.3,4 Das Voranschreiten der Erkrankung kann in klinische und funktionelle Meilensteine unterteilt werden, die im klinischen Setting mit der ALS Functional Rating Scale – Revised (ALSFRS-R) erfasst werden.5–7 Jedoch scheint die Sensitivität der ALSFRS-R besonders in frühen und späten Erkrankungsstadien mangelhaft. Zudem wird das klinische Profil einzelner Patient:innen nicht immer gut abgebildet, da vier verschiedene und unterschiedlich ausgeprägte Funktionsbereiche (bulbär, Fein- und Grobmotorik und Atmung) zusammengefasst werden.8–11
Real-World-Studie zu ADL-Einschränkungen im Krankheitsverlauf
Die hier vorgestellte Studie analysierte Daten aus dem krankheitsspezifischen Programm ALS (Adelphi), das Fragebögen zur Arbeitsbelastung von Neurolog:innen (n=59), deren Perspektive zur ALS-Behandlung und Patient:innenformulare (n=379) einschloss. Auch Angaben zu 24 unterschiedlichen ADL über den Krankheitsverlauf hinweg waren enthalten.12–15 Ziel war es, einen Einblick in die Interpretation von ALSFRS-R-Werten bei der Überwachung des Krankheitsverlaufs und des Funktionsverlusts bei der ALS zu erhalten.
ALSFRS-R im Lichte von Real-World-Daten
Die Real-World-Daten konnten zeigen, dass eine Reihe von ADL, darunter Haus- und Gartenarbeit, Gehen ohne Hilfsmittel, Kochen, Einkaufen und Reisen, im Vergleich zu anderen ADL bereits stark mit einem Verlust der Unabhängigkeit bei höheren ALSFRS-R-Werten (d.h. einer weniger fortgeschrittenen Erkrankung) verbunden waren. Dabei war jeder Rückgang um einen Punkt auf der ALSFRS-R mit dem Verlust eines Unabhängigkeitslevels verbunden, was einen klaren Zusammenhang zwischen ALSFRS-R und dem Grad der ADL-Unabhängigkeit zeigt. Jedoch konnten die Veränderungen auf der ALSFRS-R die Auswirkung des Krankheitsverlaufs auf die ADL nicht vollständig widerspiegeln. Somit spielen weitere, hier nicht erfasste Faktoren ebenfalls eine entscheidende Rolle. Der fortgeschrittenste Krankheitsmeilenstein, die Versorgung mit einer Ernährungssonde, war mit einem mittleren ALSFRS-R-Wert von 25,1 assoziiert – wenn der ALSFRS-R-Wert 24 Punkte erreicht, ist daher ein höherer Unterstützungsbedarf zu erwarten (Abb.1). Dies bedeutet aber auch, dass die ALSFRS-R-Skala in fortgeschrittenen Stadien an Relevanz verliert, da bei einem Wert ≤24 die Unabhängigkeit der Patient:innen möglicherweise bereits vollständig verloren oder erheblich eingeschränkt ist.16
Abb. 1: ALSFRS-R-Werte für ausgewählte Krankheitsmeilensteine (modifiziert nach Mehdiyoun NF et al.)16
Ansätze zur Erweiterungen des ALSFRS-R
Zusammen zeigten die Studienergebnisse die Grenzen der ALSFRS-R auf: Vor allem die homogene Gewichtung über alle vier Funktionsbereiche hinweg scheint nicht geeignet, um den heterogenen Verlauf der ALS abzubilden, insbesondere für die Beurteilung einzelner Patient:innen. Ergänzungen der ALSFRS-R durch Punkte zu den einzelnen Funktionsbereichen und/oder die Inklusion weiterer Messgrössen sind demnach erforderlich, um eine umfassende Bewertung des Zustands der Patient:innen zu ermöglichen.
Quelle:
Mehdiyoun NF et al.: Evaluating ALSFRS-R as an indicator of disease milestones and functional independence: An observational study of US neurologists and their patients with amyotrophic lateral sclerosis. J Neurol Sci. 2026; 481: 125732
Literatur:
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