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Tabu Menopause – das Ende des Schweigens

Zwischen Schutz und Sprachlosigkeit

Historisch wurde die Menopause überwiegend als Verlust interpretiert: In der Antike und Frühen Neuzeit galt sie medizinisch als Erschöpfung oder Krankheit und im 19. sowie frühen 20. Jahrhundert verstärkte eine ausgeprägte Pathologisierung diese Sicht, indem sie psychische und körperliche „Störungen“ in den Vordergrund rückte. Erst seit dem späten 20. und vor allem im 21. Jahrhundert gewinnen sozialwissenschaftliche und medizinische Perspektiven an Einfluss, die die Menopause als natürliche Lebensphase verstehen, ihre Vielfalt betonen und zu einer schrittweisen Enttabuisierung sowie Neubewertung beitragen.

Sprache ist weit mehr als ein Werkzeug unserer Verständigung; sie bildet das unsichtbare Gerüst unserer Wirklichkeit. Sie legt fest, was sagbar ist – und was nicht. Die Menopause gehört trotz ihrer universellen biologischen Bedeutung bis heute zu jenen Lebensphasen, über die bevorzugt geschwiegen wird. Dieses Schweigen ist kein beiläufiges Versäumnis, sondern Ausdruck tief verwurzelter kultureller Muster. Um zu verstehen, warum das „Tabu Menopause“ so beständig ist, lohnt sich ein Blick auf das Wesen von Tabus, deren archaische Wurzeln und gegenwärtige Wirkung in Medizin, Gesellschaft und individueller Erfahrung.

Ursprung eines ambivalenten Begriffs

Der Begriff „Tabu“ stammt vom polynesischen „ta pu“ und bezeichnet etwas „Heiliges und Geschütztes“ oder „Unreines und Unberührbares“. Als James Cook im 18. Jahrhundert in der Südsee erstmals auf dieses unsichtbare Regelwerk stieß, beschrieb er ein System symbolischer Grenzen, das nicht allein religiöse Rituale strukturierte, sondern die gesamte soziale Ordnung.1 Dank seiner international bekannten Reiseberichte erreichte der ambivalente Begriff „Tabu“ Europa und erhielt dort einen festen Platz im Sprachgebrauch. Der Doppelcharakter des Tabus – zugleich heilig und unrein, gefährlich und geschützt – wirkt bis heute weiter. Tabus zeichnen Grenzen des Unsagbaren, deren Macht gerade darin liegt, dass sie nicht benannt, sondern nur gespürt werden.

Tabu als soziales Steuerungsprinzip

Mit unterschiedlichen Präferenzen und Zugangsweisen versuchten Religionswissenschaft, Ethnologie, Sozialwissenschaft, Sprach- und Literaturwissenschaft, dieses universelle Phänomen zu erklären. Pioniere der modernen ethnografischen Forschung wie James George Frazer2 und Wilhelm Wundt3 legten Grundlagen für das Verständnis des Tabubegriffs in kulturellen Systemen. Sigmund Freud sicherte mit „Totem und Tabu“ (1913) dem Begriff einen prominenten Platz im schwelenden Diskurs.4 Aktuelle Ansätze verstehen Tabus als bewegliche, kulturabhängige Instrumente sozialer Steuerung. Sie entstehen dort, wo Emotionen, Körperlichkeit, Macht, Moral und Identität berührt werden.5 Sie schaffen Ordnung, markieren Grenzen, schützen – und können zugleich hemmen. Bis heute zeigt sich, wie eng Sprache, Kultur und Macht miteinander verflochten sind.

Formen von Tabus

Unabhängig von Zeit und Kultur lassen sich vier Grundformen erkennen. Da sind zunächst die Tabus aus Furcht, wie sie bereits in frühen Gesellschaften beschrieben wurden und die auf religiösen oder magischen Vorstellungen beruhen. Daneben existieren Tabus aus Taktgefühl, die dem emotionalen Schutz dienen und unseren Umgang mit Krankheit, Schmerz und Sterblichkeit prägen. Eine weitere Gruppe bilden Tabus sozialer Normierung, die Körperlichkeit, Sexualität und Ausscheidungen betreffen und bis heute schambesetzt sind. Schließlich finden sich ideologische Tabus, die darüber entscheiden, welche Begriffe und Perspektiven überhaupt sagbar sein dürfen. Gemeinsam bilden alle diese Tabus ein kulturelles Regelsystem, das definiert, was als legitim gilt – und was im Schatten verbleiben muss.

Illusion der Enttabuisierung

Unsere Gegenwart präsentiert sich gerne so, als hätten wir alle Tabus überwunden. Doch ein genauerer Blick zeigt, dass sich Tabus lediglich verlagert haben. Themen wie Armut, psychische Erkrankungen, Abhängigkeit, Demenz, familiäre Gewalt, Unfruchtbarkeit oder Sexualität im Alter gehören weiterhin zu den besonders verschwiegenen Bereichen. Die gesellschaftliche Zurückhaltung in diesen Bereichen ist selten Ausdruck von Taktgefühl; sie bedeutet vielmehr eine zusätzliche Last für jene, die betroffen sind.

Ambivalenz der Tabus

Schützende, funktionale Tabus sichern Identität, wahren Privatsphäre und ermöglichen respektvollen Umgang. Hemmende, dysfunktionale Tabus hingegen blockieren offene Sprache, verhindern gesellschaftliche Entwicklung und isolieren Betroffene. Das Schweigen über körperliche und psychische Veränderungen in der Menopause ist ein gutes Beispiel für ein solches dysfunktionales Tabu. Symptome wie Erschöpfung, kognitive Beeinträchtigungen („brain fog“), Schlafstörungen, Hitzewallungen oder depressive Verstimmungen führen zu beruflicher Belastung und langfristigen Einschränkungen für Einkommen und Pension. Millionen Frauen erleben diese Veränderungen in einer Lebensphase hoher Verantwortung – beruflich wie privat. Dennoch bleibt die Menopause unterrepräsentiert: in Forschung, Ausbildung und auch im öffentlichen Diskurs. Zugleich prägen verzerrte mediale Darstellungen ein Bild, das weder der Realität entspricht noch zu einem offenen Umgang beiträgt.

Sprache der Menopause

Auffällig ist die Sprache, die die Menopause begleitet. Historisch finden sich euphemistische oder poetisierende Umschreibungen wie innere Wandlung oder Herbst des Lebens. Sie erscheinen freundlich und weich, transportieren aber unterschwellig ein Narrativ des Verlusts.

Die moderne Fachsprache wiederum wirkt durch Begriffe wie Klimakterium, perimenopausale Phase oder GSM korrekt, aber distanziert. Viele Frauen berichten, dass diese Termini zwar medizinisch präzise, aber lebensfremd auf sie wirken – als würde ein natürlicher Prozess in die Sprache der Pathologie überführt. Auch die Reduktion auf Symptome wie Libidoverlust oder Hormonverfall verstellt den Blick auf den Gesamtprozess, der immer auch psychische, soziale und existenzielle Dimensionen umfasst.

Schweigen im Berufsleben

Die Folgen dieser Sprachlosigkeit sind messbar. Die MenoSupportAustria-Studie6 zeigt eindrücklich, wie stark die Menopause die berufliche Realität prägt. Über 90% der 1720 befragten Arbeitnehmerinnen berichteten über Erschöpfung und Schlafstörungen, zwei Drittel über deutliche Beeinträchtigungen im Arbeitsalltag. 20% der Befragten reduzierten ihre Arbeitszeit, 12% wechselten den Job. Gut 8% gingen früher in den Ruhestand, in der Altersgruppe über 55 waren es sogar 14,4%. Gleichzeitig wünschten sich 65% vor allem eines: dass das Thema nicht länger verschwiegen, sondern in einer Weise angesprochen wird, die entlastet, statt zu beschämen. Trotzdem bleiben betriebliche Unterstützungsangebote marginal – das Schweigen erzeugt zusätzliche Belastung.

Tabus im privaten Umfeld

Missverständnisse, Entfremdung, Verunsicherung in der Sexualität – in den Medien stereotype Darstellungen, mit denen sich Frauen nicht identifizieren können. Die Sprachlosigkeit verstärkt die individuelle Belastung und erschwert es, Erfahrungen offen auszusprechen oder Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Schutz und Schweigen

Ein zeitgemäßer Umgang mit der Menopause erfordert keine grenzenlose Offenlegung privater Erfahrungen, sondern die Fähigkeit, zwischen funktionalen und dysfunktionalen Tabus zu unterscheiden. Funktionale Tabus wahren Privatsphäre und schützen vor Grenzüberschreitungen – etwa indem Kommentare zu körperlichen Veränderungen unterbleiben, intime Fragen behutsam gestellt werden oder Stimmungsschwankungen nicht zum Gegenstand humoristischer Bemerkungen werden.

In der ärztlichen Praxis bedeutet dies, persönliche Fragen zum Thema Menopause behutsam zu stellen, zuzuhören, ohne sofort zu bewerten. Die Menopause muss benannt werden dürfen, ohne Ausweichen und ohne Pathologisierung. Funktionale Tabus zeigen hier ihren Wert: in der sensiblen Einbettung persönlicher Fragen und der Zurückhaltung gegenüber vorschnellen Zuschreibungen. Doch dort, wo Schweigen Beratung und Behandlung verhindert, verliert das Tabu seine Berechtigung.

Eine professionelle ärztliche Haltung erfordert daher, das hemmende Tabu zu überwinden, das den offenen Umgang mit der Menopause behindert und Belastungen verstärkt. Ärztinnen und Ärzte sollten Beschwerden ernst nehmen, Erwartungen klären und die Menopause weder trivialisieren noch dramatisieren. Gelingen kann dies durch strukturiertes Wissen in Ausbildung und Fortbildung sowie innerhalb einer Arbeitswelt, die durch klare Kommunikation und gesundheitliche Unterstützung entlastet, statt zu ignorieren.

Die Sonderfachgrundausbildung sowie die Schwerpunktmodule der Facharztausbildung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe (ÄAO 2015) bieten hierfür wesentliche Grundlagenmodule.6,7 Ergänzend gibt die deutsche S3-Leitlinie „Peri- und Postmenopause“ (AWMF 2020/2024) evidenzbasierte Empfehlungen, die auch für Österreich herangezogen werden.8 Internationale Empfehlungen von EMAS und NAMS weisen darauf hin, dass medizinische Evidenz stets mit psychosozialen Aspekten verbunden sein muss.9,10

Perspektivenwechsel

Ein bewusster Umgang mit Tabus – ihre Funktion zu erkennen und ihre Dysfunktion zu überwinden – ist entscheidend. Es braucht eine Haltung aller Beteiligten, die die Menopause mit all ihren Symptomen weder romantisiert noch dramatisiert, sondern benennt, erklärt und begleitet.

Das Ende des Schweigens bedeutet, Sprache als Werkzeug der Aufklärung und Entlastung zu begreifen. Wenn die Menopause nicht als Mangel, sondern als natürlicher Übergang verstanden wird, entsteht eine Atmosphäre, in der Frauen ihre Erfahrungen offen aussprechen – ohne Scham, ohne Defizitdenken, ohne den Druck, sie verbergen zu müssen.

Erst dann kann die Menopause aus ihrem tabuisierten Schatten treten: als Teil des Lebens, der nicht verschwiegen, sondern akzeptiert und gestaltet werden kann.

1 Cook J, Banks J: Three voyages of Captain James Cook round the world. Vol. 1. London: Longman, 1821 2 Frazer JG: Der goldene Zweig. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch, 1989 3 Wundt W: Völkerpsychologie. Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythos und Sitte. 10 Bände. Leipzig: Alfred Kröner Verlag, 1926 4 Freud S: Totem und Tabu. Hamburg: Nikol Verlag, 2014 5 Douglas M: Ritual, Tabu und Körpersymbolik. Frankfurt/Main: Fischer Verlag, 2004 6 Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin: MenoSupportAustria-Studie 2024. https://blog.hwr-berlin.de/menosupportaustria/ ; zuletzt aufgerufen am 5.12.2025 7 Bundesministerium für Gesundheit und Frauen: ÄAO 2015, Sonderfach Frauenheilkunde und Geburtshilfe. BGBl II Nr. 147/2015 8 Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause (Registernummer 015-062). Erstveröffentlichung 2020, aktualisiert 2024 9 European Menopause and Andropause Society (EMAS): EMAS Clinical Guide: Practical recommendations on menopause management. Maturitas 2021; 145: 1-14 10 North American Menopause Society (NAMS): The 2022 Hormone Therapy Position Statement of The North American Menopause Society. Menopause 2022; 29(7): 767-94

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