Ein geschützter Raum für Freude, Frust und Trauer
Unsere Gesprächspartnerinnen:
Dr. med. Anna Raggi
fertisuisse
Zentrum für Kinderwunschbehandlung
Basel und Olten
E-Mail: a.raggi@fertisuisse.ch
Sandra Cesna, MSc
Psychologin
Mental Heroes
Praxis für Psychiatrie und Psychotherapie
Sissach
E-Mail: sandra.cesna@hin.ch
Simone Weber
Yogalehrerin
Co-Inhaberin von Wida Yoga
Basel
E-Mail: simonesusanne.weber@gmail.com
Das Interview führte Mag. med. vet. Sandra Winter-Toman
Viele Menschen mit Kinderwunsch fühlen sich mit ihren Emotionen oft allein gelassen. Um dieser Einsamkeit entgegenzuwirken, hat fertisuisse das kostenlose Online-Angebot «fertisuisse connect» ins Leben gerufen. Es richtet sich an die Patient:innen und bietet einen geschützten Raum für Austausch und gegenseitige Unterstützung. Leading Opinions Gynäkologie & Geburtshilfe hat mit den Organisatorinnen über ihre Erfahrungen mit diesem Angebot und dessen Bedeutung für die Betroffenen gesprochen.
Welche psychischen Belastungen erleben Paare oder Einzelpersonen mit unerfülltem Kinderwunsch besonders häufig?
S. Cesna: Wir müssen zwischen psychischen Belastungen und psychischen Erkrankungen unterscheiden. Eine Belastung ist natürlich der Stress, dem Patient:innen mit Kinderwunsch ausgesetzt sind. Die vielen Termine, die sie wahrnehmen müssen, und die Tatsache, dass ein unerfüllter Kinderwunsch immer noch ein Tabuthema ist, über das sie mit niemandem sprechen können. In vielen Fällen geht die Kinderwunschbehandlung nicht über Monate, sondern über Jahre und es stellen sich auch im Alltag praktische Fragen, wie: «Können wir in den Urlaub fahren?», «Wie kann ich das mit meiner Arbeit regeln?» Die Patient:innen haben oft das Gefühl, überall von Kindern umgeben zu sein, und sehen, dass andere, z.B. die eigene Schwester, schneller und einfacher schwanger werden als sie selbst. Anfangs kann der Start einer Behandlung entlasten, diese Hoffnung relativiert sich jedoch häufig nach negativen Ergebnissen. Nicht selten entwickelt sich daraus eine Depression.
S. Weber: Auch der Kontrollverlust ist für die Betroffenen sehr belastend. Das Gefühl, dass man nichts mehr im Griff hat, auch den eigenen Körper nicht. In unserer Leistungsgesellschaft haben wir ja oft die Vorstellung, dass man etwas nur wirklich wollen und sich engagieren muss, dann klappt es irgendwann, und dann macht man diese Erfahrung und bemerkt, dass man eigentlich nicht wirklich etwas tun kann. Das kann zu Ohnmacht führen und das Vertrauen in den eigenen Körper erschüttern.
A. Raggi: Ohnmacht ist eine gute Beschreibung. Zum ersten Mal im Leben kann man nicht bekommen, was man sich wünscht, und dann beginnt man, an sich selbst zu zweifeln. Man fühlt sich schuldig, dass man etwas nicht schafft, und durch die Isolation und den fehlenden Austausch hat man den Eindruck, dass man etwas falsch gemacht hat. Die Depression ist dann eine Krankheit, die sich daraus entwickeln und mit Angstzuständen beginnen kann.
S. Cesna: Mit diesen Ängsten einhergehend kommt auch sehr oft der Versuch, sich selbst zu optimieren. Ich kenne Frauen, die haben ihren Job gekündigt und waren nur noch zu Hause, in der Hoffnung, so schneller schwanger zu werden.
In welchen Phasen einer Kinderwunschbehandlung ist die psychische Belastung erfahrungsgemäss am grössten?
A. Raggi: Nach der Entscheidung für eine Kinderwunschbehandlung tritt häufig eine gewisse Beruhigung ein, da Betroffene das Gefühl haben, nun aktiv handeln zu können und einen klaren Weg vor sich zu haben. Mit dem Start der Therapie steigt auch die Belastung, meiner Erfahrung nach ist sie aber am grössten in der Wartezeit zwischen der Behandlung und dem Resultat. Zwei Wochen fühlen sich unendlich lang an und durch einen negativen Test steigert sich dieser Stress nochmals enorm. Manche erholen sich danach relativ schnell wieder, bei anderen bleibt dieser Stresszustand aber über einen längeren Zeitraum bestehen.
S. Cesna: Gerade wenn erste Versuche scheitern, ist die Enttäuschung gross. In jeden neuen Schritt wird viel Hoffnung investiert. Wird diese wiederholt enttäuscht, ist das emotional sehr einschneidend.
A. Raggi: Auch wenn die Frauen gut darüber informiert sind, dass ihre Erfolgschancen gering sein können, trifft sie ein negatives Ergebnis oft unvorbereitet. Die grosse emotionale und körperliche Investition verstärkt die Enttäuschung zusätzlich, und das kann ebenfalls sehr belastend sein.
Wie können Betroffene besser mit der emotionalen Achterbahnfahrt zwischen Hoffnung und Enttäuschung umgehen?
S. Weber: Entscheidend ist ein geschützter Raum für Austausch. Im Rahmen von «fertisuisse connect» bieten wir virtuelle Treffen zum Gespräch sowie Yoga- und Achtsamkeitssessions an, ergänzt durch einen Chat. Die Frauen schätzen, dass sie – ob mit Frust, Trauer, Freude oder mit glücklichen Botschaften – Raum bekommen und dass es bei jeder Emotion ein Gegenüber gibt, das meistens auch zurückschreibt. Ich finde das sehr wichtig, um mit dieser Achterbahnfahrt aus Hoffnung und Enttäuschung umzugehen. Zusätzlich kann man mit der Körper- oder mit der Achtsamkeitsarbeit ganz viel erreichen. Man kann lernen, körperlichen Stress mithilfe von Übungen zu reduzieren, z.B. durch Atemübungen oder Meditation. Manche Betroffene erleben es als hilfreich, auch den Blick auf das zu richten, was im eigenen Leben gerade gut oder unterstützend für sie ist, selbst wenn andere Dinge schwierig bleiben. Solche achtsamkeitsbasierten Übungen können in Stressmomenten eine Ressource darstellen.
A. Raggi: Aus meiner Sicht hilft es den Betroffenen, wenn man ihnen bestätigt, dass es normal ist, so zu fühlen. Auf diese emotionale Achterbahnfahrt bereiten wir sie von Anfang an vor und sie merken schnell, dass die körperlichen Belastungen oft weniger problematisch sind als die psychischen. Meiner Erfahrung nach ist es sehr hilfreich, für den Tag des Schwangerschaftstests einen konkreten Plan zu haben, den man auch bei einem negativen Ergebnis umsetzen kann – etwa ein Treffen mit Freunden oder eine Unternehmung, die guttut.
S. Cesna: Ich empfehle, immer nur den nächsten Schritt zu planen, etwa bewusst die Wartezeit zu gestalten und gezielt den Fokus darauf zu richten, was Freude macht. Eine beliebte Strategie ist beispielsweise, gemeinsam essen zu gehen. Ich erarbeite diese Strategien ganz individuell mit den jeweiligen Frauen. Zusätzlich sollte man erwähnen, dass auch ein positiver Test ein Schock sein kann und dass es auch nützlich ist, für diesen Fall einen Plan zu haben.
In den Zoom-Sitzungen werden ausserdem Themen aufgegriffen wie Strategien zum Umgang mit Belastung durch medizinische Prozesse, Stärkung der Partnerschaft, Umgang mit dem sozialen Umfeld, Selbstwert, Körperbild, Stressreduktion, Selbstbewusstsein, Selbstfürsorge, Trauerprozesse bei Fehlgeburten oder biochemischen Schwangerschaften, Schuld und Versagensgefühle, Umgang mit Wartezeiten, Sexualität sowie das Treffen von Entscheidungen im Rahmen der Behandlung und das Entwerfen alternativer Zukunftsbilder.
Wie wichtig ist der Online-Austausch mit Menschen in einer ähnlichen Situation?
S. Weber: Der Austausch ist sehr wichtig und er funktioniert oft selbsttragend: Auf geteilte Erfahrungen folgt meist schnell Resonanz. Freudige wie schwierige Momente haben Platz. Viele Frauen schreiben sich zusätzlich privat oder treffen sich persönlich.
S. Cesna: Wir hatten den Chat am Anfang etwas unterschätzt, weil die Betreuung doch sehr aufwendig ist und viel geschrieben wird. Wir haben aber schnell festgestellt, dass der Umgang untereinander sehr achtsam ist. Wenn z.B. Bilder von Babys gepostet werden, dann so, dass man sie beim Durchscrollen nicht sehen kann, weil das für manche – je nach Phase – einfach angenehmer ist. Erst vor Kurzem hat sich eine Betroffene gemeldet, die schon mehrere erfolglose Transfers hinter sich hatte, und die Reaktionen darauf waren so schön und ermutigend. Es haben mehrere Frauen reagiert, die die gleiche Erfahrung gemacht haben, und plötzlich war klar, man ist nicht so alleine, wie man sich vorher gefühlt hat. Der Austausch in unserem Chat ist auch sehr themenbezogen, es wird zwar sehr viel über Emotionen gesprochen, aber es gibt keinen Klatsch und Tratsch.
S. Weber: Wir geben allen Frauen die Möglichkeit, sich am Anfang vorzustellen, und viele nutzen dies, um ihre ganze Geschichte mit anderen zu teilen. Da kommen zahlreiche Reaktionen, und ich denke, damit haben wir bereits viel bewirkt: Wir geben den Frauen den Raum, endlich auszusprechen, was sie bewegt, und Dinge anzusprechen, die in anderen Kontexten oft tabu sind.
Wie kann man sicherstellen, dass Informationen und Ratschläge in solchen Gruppen seriös bleiben?
S. Weber: Wir als Administratorinnen fügen die Personen der Gruppe hinzu, aber wir moderieren nicht aktiv.
S. Cesna: Bei der Menge an Nachrichten wäre eine aktive Moderation ein Vollzeitjob. Wir lesen aber immer mit und melden Auffälligkeiten an Anna. Medizinische Fragen werden klar an die behandelnden Ärzt:innen zurückverwiesen. Eine Ausnahme bilden hier die Online-Treffen, die werden selbstverständlich psychotherapeutisch begleitet und moderiert.
A. Raggi: Sandra und Simone sind sehr aufmerksam. Es ist schon vorgekommen, dass Behandlungen miteinander verglichen wurden oder es Unklarheiten bezüglich Medikamenten gab. Das wird intern besprochen und wir erklären den Patient:innen, dass Behandlungen individuell auf die Bedürfnisse der jeweiligen Person abgestimmt werden.
Wie bemerken Sie, dass eine Patientin Unterstützungsbedarf über diese digitalen Angebote hinaus hat?
A. Raggi: Wenn Patient:innen zunehmend traurig wirken, sich zurückziehen oder depressive Symptome zeigen, empfehlen wir eine psychologische Begleitung. Gerade in sensiblen Situationen merkt man oft, dass Patientinnen noch stark von Scham geprägt sind und bestimmte Themen nicht offen ansprechen können. Wenn es über längere Zeit nicht gelingt, ins Gespräch zu kommen, oder wenn Signale darauf hindeuten, dass sie sich nicht öffnen möchten, ist das ein wichtiger Hinweis für uns als behandelnde Ärzt:innen, dass sie evtl. nicht von einem Austausch in einem Chat profitieren, sondern eher einen Raum für sich brauchen. Besonders nach belastenden Erfahrungen wie Fehlgeburten oder schwierigen Schwangerschaften besteht häufig eine grosse emotionale Unsicherheit.
S.Cesna: Nach den Online-Meetings bleibe ich immer etwas länger und biete den Teilnehmer:innen an, mich anzusprechen. Ich bin sehr wachsam und achte darauf, wie es den einzelnen Mitgliedern in der Gruppe geht. Im Chat kommen Patient:innen von selbst auf uns zu, weil sie uns kennen und wir alle per du sind, so ist es für sie oft leichter, uns anzusprechen. Das Angebot ist also sehr niederschwellig.
S. Weber: Auch untereinander hören die Frauen einander sehr gut zu, helfen sich gegenseitig und besprechen Empfehlungen für Therapeut:innen.
A. Raggi: Es ist extrem wichtig, dass wir Ärzt:innen und auch das Pflegepersonal aufmerksam sind und gut zuhören. Ich kenne Frauen, die schon jahrelang in Behandlung sind, aber noch nie gefragt worden sind, ob sie psychologische Unterstützung möchten. Mittlerweile ist es aber auch in den ESHRE-Guidelines festgehalten, dass Kinderwunschzentren diese anbieten sollten.
Ebenfalls wichtig ist meiner Meinung nach, dass es Fachpersonen gibt, denen man vertrauen kann, sodass man den Patientinnen nicht nur empfehlen kann, sich professionelle Unterstützung zu holen, sondern auch bei wem konkret. Es stellt eine enorme Erleichterung für Betroffene dar, wenn sie nicht selbst lange suchen müssen.
Welche Vorteile bieten betreute Chatgruppen gegenüber klassischen Selbsthilfegruppen?
S. Weber: Die Chatgruppe ist viel niederschwelliger als eine klassische Selbsthilfegruppe und man kann noch ein Stück weit anonym bleiben, sich dabei aber trotzdem öffnen.
Ein weiterer Vorteil ist, dass Menschen aus verschiedenen Regionen der Schweiz und auch aus dem grenznahen Ausland wie Frankreich oder Deutschland die Gelegenheit haben, sich zu vernetzen, und die Möglichkeit besteht, sich rund um die Uhr und nicht an fixen Terminen auszutauschen. Ausserdem wirkt der Begriff «Selbsthilfegruppe» für viele Betroffene abschreckend, weil es um ein Tabuthema geht, bei dem viele Hemmungen haben, überhaupt darüber zu sprechen.
S. Cesna: Das kann ich bestätigen. Der grösste Vorteil ist für mich, dass die Chatgruppe dauerhaft aktiv bleibt. In meiner Erfahrung aus den letzten zehn Jahren lösen sich klassische Selbsthilfegruppen hingegen oft nach einiger Zeit wieder auf. Das liegt hauptsächlich daran, dass die wenigsten zu den verschiedensten Terminen noch einen zusätzlichen Termin wahrnehmen möchten, für den sie das Haus verlassen müssen. Ausserdem bietet unser Chat einen geschützten Raum rein für Patient:innen von fertisuisse, d.h., alle Teilnehmer:innen haben einen ähnlichen Ablauf bei ihrer Kinderwunschbehandlung und man kennt die behandelnden Ärzt:innen.
Zudem ist der Chat ein Tool, über das wir Infos zu den anderen Veranstaltungen verteilen können.
S. Weber: Wir wollten auch schon Treffen und Yoga-Einheiten vor Ort organisieren und haben den Bedarf dazu in der Gruppe abgefragt. Und es war überhaupt kein Bedürfnis danach da, da der Zeitaufwand für die meisten schlicht zu hoch ist.
S. Cesna: Natürlich ist die Teilnahme an den Online-Treffen auch viel flexibler möglich, man kann auch mitmachen und passiv zuhören, wenn man sich z.B. gerade die Haare machen lässt.
Haben Sie ein Beispiel aus Ihrer Praxis, das zeigt, wie wichtig eine holistische Betreuung während der Kinderwunschzeit sein kann?
S. Cesna: Ich hatte eine Patientin, die durch die Chatgruppe bzw. die Online-Treffen zu mir gekommen ist. Durch eine vertiefte Diagnostik zeigte sich zusätzlicher Bedarf, der sonst unentdeckt geblieben wäre.
S. Weber: Wir haben auch eine Frau, die schon von Anfang an dabei ist, und obwohl sie mittlerweile bereits ein Kind hat, ist sie immer noch extrem aktiv und reagiert dabei häufig sehr unterstützend, indem sie anderen erklärt, dass sie auf ihre behandelnden Ärzt:innen hören und sich nicht vergleichen sollen. Das zeigt mir, dass für sie dieser geschützte Raum extrem wichtig ist, weil sie sich so engagiert.
In einer Session haben wir uns mit der Frage beschäftigt, was es bedeutet, zu empfangen, und wie man körperlich Raum dafür schaffen kann. Dazu haben wir eine Meditation gemacht. Zwei Wochen später erzählte mir eine Teilnehmerin, dass sie schwanger geworden sei und dass diese Meditation für sie rückblickend eine besondere Bedeutung gehabt habe. Natürlich kann man keinen Zusammenhang herstellen, aber für uns war es ein sehr berührender Moment.
Vielen Dank für das Gespräch!
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