Cheilitis actinica und laserassistierte MAL-PDT
Autor:innen:
Dr. med. Tom Schiener
Dr. med. Burkhard Espey
Dr. med. C. Bettina Rümmelein
Hautwerk AG
Zürich
E-Mail: klinik@hautwerk.ch
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Die Unterlippe ist das Solarpanel des Gesichts: Sie sammelt UV-Schäden über Jahre und meldet sich oft erst dann, wenn Rauigkeit, Schuppung und ein unscharfes Lippenrot längst Ausdruck einer potenziell malignen Feldveränderung sind. Die Cheilitis actinica ist deshalb keine kosmetische Bagatelle, sondern ein relevantes Warnsignal und ihre frühzeitige Behandlung eine aktive Prävention des Lippenkarzinoms.1
Keypoints
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Cheilitis actinica ist eine chronische UV-bedingte Feldkanzerisierung der Lippe und sollte nicht als rein kosmetisches Problem verstanden werden. Ulzeration, Blutung, Knotenbildung oder Induration erfordern eine histologische Abklärung.2
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Die Therapie muss onkologische Sicherheit, Funktion, Ästhetik und Patientenpräferenz verbinden.Chirurgisch-ablative Verfahren zeigen robuste Langzeitergebnisse, während PDT als gewebeschonende Feld-therapie mit günstigen kosmetischen Resultaten eine wichtige Option darstellt.3
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Die laserassistierte MAL-PDT nutzt fraktionierte Laserkanäle zur verbesserten Wirkstoffpenetration und ist für die Cheilitis actinica klinisch gut begründet; randomisierte Daten zeigen ein besseres Ansprechen und weniger Rezidive gegenüber Standard-MAL-PDT.4
Mehr als raue Lippen
Die Cheilitis actinica ist eine dermatologische Erinnerung daran, dass eine chronische UV-Exposition nicht nur Stirn, Nase und Glatze zeichnet, sondern auch die Lippen betrifft. Sie betrifft vor allem stark sonnenexponierte, meist helle Hauttypen, gehäuft Männer, Personen mit beruflicher UV-Exposition, Raucher und immunsupprimierte Patienten.5 Klinisch beginnt die Erkrankung häufig unspektakulär: Trockenheit, Schuppung, Atrophie, Rauigkeit sowie ein verblassender Übergang zwischen Vermilion und umgebender Haut. Wenn Erosionen, Ulzerationen, Blutung, knotige Areale oder eine deutliche Induration hinzukommen, muss an die Progression in ein invasives Plattenepithelkarzinom gedacht werden.2
Therapie zwischen Onkologie und Ästhetik
Gerade weil Cheilitis actinica mit Feldkanzerisierung einhergeht, ist die Therapieentscheidung selten trivial. Chirurgische Verfahren wie Vermilionektomie und ablative Laserablation erreichen in systematischen Übersichten die zuverlässigsten Resultate und zeigen die niedrigsten Rezidivraten.3,6
Topische Verfahren zur läsions- oder feldgerichteten Therapie wie 5-Fluorouracil, Imiquimod oder Diclofenac sind attraktiv, weil sie gewebeschonend sind, können in der Praxis aber durch lange Behandlungszeiten, irritative Reaktionen und variable Wirksamkeit limitiert sein. Die publizierte Evidenz ist insgesamt klein, heterogen und oft nicht direkt vergleichbar. Die Schwierigkeit besteht in einem rationalen Match zwischen Befundmuster, onkologischer Sicherheit, kosmetischer Erwartung und Patientenpräferenz.7
Warum PDT in Kombination mit fraktionierten Lasern sinnvoll ist
Die photodynamische Therapie (PDT)folgt einem elegant einfachen Prinzip: Eine topische Vorstufe der Häm-Biosynthese wird appliziert, intrazellulär in Protoporphyrin IX überführt und danach mit Licht im roten Spektralbereich aktiviert. Dabei entstehen reaktive Sauerstoffspezies, die zur selektiven Zerstörung atypischer Zellen beitragen.8 Ablativ-fraktionierte Lasersysteme erzeugen mikroskopische Kanäle, über die Methylaminol-evulinat (MAL) rascher in das behandelte Gewebe gelangen kann. Für den fraktionierten CO2-Laser wurde experimentell gezeigt, dass die MAL-induzierte PpIX-Akkumulation deutlich beschleunigt wird; bereits nach 60 Minuten Inkubation war die oberflächliche Fluoreszenz höher als nach 180 Minuten auf nicht gelaserter Haut.9 Klinisch stützt eine randomisierte Studie an aktinisch feldgeschädigter Haut von Gesicht und Kopfhaut dieses Prinzip: CO2-AFXL-assistierte MAL-PDT mit 1 Stunde Inkubation zeigte über 12 Monate eine vergleichbare präventive Wirkung wie konventionelle MAL-PDT mit 3 Stunden Inkubation.10 Für die Cheilitis actinica zeigte sich in einer prospektiv-randomisierten Studie, dass die Er:YAG-ablativ-fraktioniert assistierte MAL-PDT der Standard-MAL-PDT überlegen war: Die Rate des kompletten Ansprechens lag nach drei Monaten bei 92% versus 59%, nach zwölf Monaten bei 85% versus 29%, und die Rezidivrate war mit 8% versus 50% deutlich niedriger.4
Laserassistierte MAL-PDT in unserer Klinik
In unserer Klinik verwenden wir ein lokal adaptiertes Protokoll der laserassistierten MAL-PDT (Abb.1).
Abb. 1: Therapieablauf der laserassistierten MAL-PDT bei Cheilitis actinica. (1) Desinfektion der aktinisch geschädigten Ober- oder Unterlippe; (2) fraktionierte CO2-Laser-Vorbehandlung zur Verbesserung der Wirkstoffpenetration; (3) messerrückendickes Auftragen von Methylaminolävulinat auf das behandelte Areal mit anschliessender okklusiver Abdeckung; (4) okklusive Einwirkzeit von 1 Stunde zur Aufnahme des Photosensibilisators in das dysplastische Feld; (5) photodynamische Belichtung mit rotem LED-Licht für 13 Minuten mit dem Ziel der selektiven Zerstörung photosensibilisierter Zellen
Nach der Fotodokumentation des Hautbefundes wird die klinisch betroffene Lippe fraktioniert mit einem CO2-Laser vorbehandelt. Der Laser muss jeweils individuell an den Patienten angepasst werden, wobei sich die Standardeinstellung mit 10mJ, 30 Watt und eine Density von 100% (spots/cm2) («static mode») in unserer Klinik bewährt haben. Erst danach wird Methyl-aminolävulinat aufgetragen, für eine Stunde okklusiv belassen und anschliessend mit LED-Licht bei 633nm belichtet. Die Lippe ist dabei kein dankbarer Behandlungsort. Schmerzen, Erythem, Ödem, Krusten und Desquamation gehören zu den erwartbaren Reaktionen der PDT, und gerade die Lippe kann in den ersten Tagen eindrücklich aussehen.11
Fallbeispiel
Bei dem hier vorgestellten 85-jährigen Patienten bestand eine ausgeprägte aktinische Schädigung der Ober- und Unterlippe mit klinischer Cheilitis actinica im Sinne einer Feldkanzerisierung. Zusätzlich bestanden chronische aktinische Hautschäden mit wiederholten Präkanzerosen sowie multiple aktinische Keratosen im Kopf-Hals-Bereich. Klinisch standen wiederkehrende Schmerzen, Erosionen, Krustenbildung und ein deutlich verändertes Lippenrot im Vordergrund (Abb.2A).
Abb. 2A: Klinischer Verlauf des Fallbeispiels. Ausgangsbefund mit ausgeprägter aktinischer Schädigung, Erosionen/Krusten und Feldkanzerisierung der Oberlippe und angrenzender Areale
Therapeutisch erfolgte eine CO2-laser-assistierte MAL-PDT der betroffenen Lippenareale. Nach CO2-Laser-assistierter Ablation bzw. Dermabrasion wurde Methylaminolävulinat aufgetragen, für 60 Minuten belassen und anschliessend mit einer photodynamischen Schmalspektrumlichtquelle belichtet. Postinterventionell erhielt der Patient eine konsequente lokale Behandlung mit einer semipermeablen, vaselinebasierten Formulierung sowie Lippenschutz. Begleitende aktinische Läsionen im Kopf-Hals-Bereich wurden im Verlauf ergänzend mittels Kryotherapie und weiterer PDT behandelt.
Im Verlauf zeigte sich ein sehr gutes therapeutisches Ansprechen mit deutlicher klinischer Rückbildung der aktinischen Cheilitis. Bereits früh postinterventionell war der Befund stabil; bei den weiteren Kontrollen wurde lediglich initial eine minimale Restkrustenbildung dokumentiert. Funktionell berichtete der Patient über eine klare Besserung mit wieder normal möglicher Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme. Kosmetisch und funktionell war das Ergebnis sehr gut; Hinweise auf eine persistierende oder progrediente maligne Transformation im behandelten Areal fanden sich im Verlauf nicht (Abb.2B).
Abb. 2B: Verlaufskontrolle nach laserassistierter MAL-PDT mit deutlicher klinischer Rückbildung und gutem kosmetisch-funktionellem Ergebnis
Fazit
Die Cheilitis actinica verlangt eine aktive therapeutische Strategie, da klinisch oft nicht nur einzelne Läsionen, sondern ein chronisch UV-geschädigtes Feld behandelt werden muss. Entscheidend bleibt dabei die sorgfältige Selektion: suspekte, indurierte oder ulzerierte Areale gehören vor jeder Feldtherapie histologisch abgeklärt. Für geeignete Patienten bietet die laserassistierte MAL-PDT einen überzeugenden Kompromiss zwischen onkologischer Prävention, Gewebeschonung und gutem kosmetisch-funktionellem Ergebnis. Besonders an der Lippe, wo Funktion, Ästhetik und Behandlungsakzeptanz eng zusammenhängen, kann dieses Verfahren eine wertvolle Option im therapeutischen Spektrum darstellen. Regelmässige Nachkontrollen bleiben jedoch unverzichtbar: Die aktinisch geschädigte Lippe vergisst die Sonne leider nicht so schnell wie der Patient den letzten Sonnenbrand.
Literatur:
1 Rodriguez-Blanco I et al.: Actinic cheilitis prevalence and risk factors: a cross-sectional, multicentre study in a population aged 45 years and over in north-west Spain. Acta Derm Venereol 2018; 98(10): 970-4 2 Vasilovici A et al.: Actinic cheilitis: from risk factors to therapy. Front Med (Lausanne) 2022; 9: 805425 3 Trager MH et al.: Actinic cheilitis: a systematic review of treatment options. J Eur Acad Dermatol Venereol 2021; 35(4): 815-23 4 Choi SH et al.: Efficacy of ablative fractional laser-assisted photodynamic therapy for the treatment of actinic cheilitis: 12-month follow-up results of a prospective, randomized, comparative trial. Br J Dermatol 2015; 173(1): 184-91 5 Rodriguez-Archilla A, Irfan-Bhatti A: Risk factors for actinic cheilitis: a meta-analysis. J Dent Res Dent Clin Dent Prospects 2021; 15(4): 285-9 6 Fernández Herranz A et al.: Interventions for treating actinic cheilitis: a systematic review. Oral Dis 2025:1-11. doi:10.1111/odi.70162 7 Ayen-Rodriguez A et al.: Laser therapy for the treatment of actinic cheilitis: a systematic review. Int J Environ Res Public Health 2022; 19(8): 4593 8 Austin E et al.: Photodynamic therapy: overview and mechanism of action. J Am Acad Dermatol 2026; 94(6): 1619-32 9 Haak CS et al.: Fractional laser-assisted delivery of methyl aminolevulinate: impact of laser channel depth and incubation time. Lasers Surg Med 2012; 44(10): 787-95 10 Vrani F et al.: Short incubation fractional CO₂ laser-assisted photodynamic therapy vs. conventional photodynamic therapy in field-cancerized skin: 12-month follow-up results of a randomized intraindividual comparison study. J Eur Acad Dermatol Venereol 2019; 33(1): 79-83 11 Borgia F et al.: Early and late onset side effects of photodynamic therapy. Biomedicines 2018; 6(1): 12
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