© Sergey - stock.adobe.com

Serie Umwelt & Gesundheit

Hitzewellen und heisse Tage – werden wir uns daran gewöhnen?

Hitze ist eines der wichtigsten Klimarisiken in der Schweiz. Die Hitzetage nehmen an Häufigkeit und Intensität zu und gefährden die Gesundheit gewisser Bevölkerungsgruppen. Das Tessin und einige Westschweizer Kantone haben es vorgemacht – nun implementieren auch immer mehr Deutschschweizer Kantone Hitzeaktionspläne. Mit Erfolg?

Die negativen Folgen von Hitze auf die Gesundheit haben sich im Sommer 2003 besonders eindrücklich gezeigt: Geschätzte 1400 Todesfälle wurden in der Schweiz auf die anhaltend hohen Temperaturen zurückgeführt. Insgesamt starben in Europa ca. 70000 Personen infolge von Hitze. Seitdem wurde in der Schweiz viel unternommen, um die Bevölkerung vor Hitze zu schützen.

Wer ist gefährdet?

Hitze ist Stress für den Körper. Aufgrund der Thermoregulation wird die Körpertemperatur auch bei sehr hohen Umgebungstemperaturen, u.a. durch Schwitzen, im Normalbereich gehalten. Werden die Adaptionsmechanismen zu stark beansprucht oder versagen, kann die Gesundheit leiden. Das Risiko ist am grössten bei über 75-Jährigen, Menschen mit chronischen Erkrankungen, Kindern, schwangeren Frauen und Personen, die im Freien arbeiten. Daneben gibt es eine Reihe von weniger bekannten Risikofaktoren, wie soziale Isolation oder niedriger sozioökonomischer Status. Menschen mit einem geringen Einkommen arbeiten öfter in Berufen, bei denen man hohen Temperaturen ausgesetzt ist, und leben häufiger in Wohnungen, in denen wegen des Mangels an Grünflächen in der Umgebung die Temperaturen höher sind. Auch das Geschlecht spielt eine Rolle: «Aus der Forschung wissen wir, dass die hitzebedingte Sterblichkeit bei älteren Frauen höher ist», sagte Dr. Martina Ragettli vom Swiss Tropical and Public Health Institute (Swiss TPH) in Basel. Woran das liegt, ist unklar. Mögliche Erklärungen sind, dass Frauen im Durchschnitt älter werden als Männer und im hohen Alter entsprechend vulnerabel sind oder dass sie weniger schwitzen und sich deshalb schlechter adaptieren können.

Die aus gesundheitlicher Sicht optimale Temperatur liegt in der Schweiz bei 21°C. Hier ist die Zahl der Todesfälle am niedrigsten, wie Untersuchungen zur Expositionswirkungsbeziehung von Temperatur und Sterblichkeit in den Monaten Mai bis September im Zeitraum von 2003 bis 2016 zeigen.1 Bereits bei moderat erhöhten Temperaturen zwischen 25 und 30 Grad kommt es dagegen zu einer Zunahme des Sterberisikos. «Diese Zunahme ist zwar gering», wie Ragettli sagte, «aber weil diese Temperaturen häufiger auftreten, für das Sterbegeschehen relevant.»

Kantonale Unterschiede beim Hitzeschutz

«Klimaschutz ist wichtig», erklärte die Wissenschaftlerin vom Swiss TPH, «aber wir müssen uns auch an die hohen Temperaturen anpassen.» Dies geschieht auf drei Ebenen, wie die vom Swiss TPH entwickelte Hitze-Massnahmen-Toolbox 2021 mit kurz-, mittel- und langfristigen Präventions- und Anpassungsmassnahmen zeigt. Die erste Ebene (A) dient zur Information und Sensibilisierung von Behörden, Gesundheitsfachleuten und Bevölkerung. Dazu gehören zum Beispiel der Flyer «Die drei goldenen Regeln für Hitzetage», die kostenlos beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) bezogen werden kann, oder die im Sommer vom Kanton Basel-Stadt in Zusammenarbeit mit Pro Senectute betriebene Hitze-Hotline.

Die zweite Ebene (B) betrifft das Management von Extremereignissen wie einer Hitzewelle. Hier geht es vor allem um frühzeitige Warnung und zeitnahe Massnahmen zum Bevölkerungsschutz. Ein Beispiel sind die meteorologischen Hitzewarnungen. In einigen Kantonen, vor allem in der Westschweiz und im Tessin, wurden schon vor Längerem Hitzeaktionspläne eingeführt. Diese legen fest, welche Massnahmen umgesetzt werden sollen und wer dafür zuständig ist. Wie ein kürzlich erschienener Bericht zeigt, nimmt die Zahl der Hitzeaktionspläne auch in den Deutschschweizer Kantonen zu.

Die dritte Ebene (C) betrifft die langfristige Anpassung; sie erfordert ein multisektorales Engagement, darunter auch städteplanerische Massnahmen, wie die Reduktion von Hitzeinseln und die Schaffung von Grünflächen in urbanen Regionen. «Hier geht es auch darum, soziale Ungleichheiten zu reduzieren», so Ragettli.

Wie wirksam sind die Massnahmen?

Wie das Monitoring im Zeitraum zwischen 1980 und 2023 zeigte, kam es im Hitzesommer 2022 (mit Tagesmitteltemperaturen von z.T. ≥27°C) in der Schweiz zu weniger hitzebedingten Todesfällen als in den beiden Hitzesommern 2015 und 2003. «Das bedeutet, ein Hitzetag mit 30 Grad hat heute eine geringere Wirkung, als das vor 20 Jahren der Fall war», sagte Ragettli. Zudem habe man zeigen können, dass die Abnahme der hitzebedingten Todesfälle in den Kantonen, die über einen Hitzeaktionsplan verfügten, grösser war. Insgesamt zeige sich aber vor allem eine bessere Anpassung an moderat hohe Temperaturen (<25°C), während die Sterblichkeit an heissen (25 bis <27°C) und sehr heissen Tagen (≥27°C) zunehme.

Gesundheitspersonen sind gefordert

Interessante Informationen zum Umgang der Bevölkerung mit Hitze liefern Befragungen zur Hitzekompetenz im Auftrag des BAG und des Bundesamts für Umwelt (BAFU).2 Eine Umfrage bei über 50-jährigen Personen ergab, dass sich in der Westschweiz 76% und im Tessin 66% der gesundheitlichen Risiken von Hitze bewusst waren; in der Deutschschweiz waren es 46%. Als wichtigste Informationsquelle nutzten die befragten Personen klassische Medien wie Radio und Fernsehen, Zeitungen und Wetter-Apps, aber auch Familienmitglieder, Freunde und Bekannte. Gesundheitsfachpersonen wurden dagegen selten genannt. «Hier gibt es noch viel Potenzial», sagte Ragettli. Ärzte und Apotheker hätten einen guten Zugang zu älteren und vulnerablen Personen und könnten diese daran erinnern, sich einerseits zu schützen und gegebenenfalls andererseits ihre Medikamente bei hohen Temperaturen anzupassen.

Tagung der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (AefU), 15. Mai 2025, Solothurn

1 Ragettli MS et al.: Explorative assessment of the temperature–mortality association to support health-based heat-warning thresholds: a national case-crossover study in Switzerland. Int J Environ Res Public Health 2023; 20: 4958 2 Einsehbar unter: www.bag.admin.ch de/gesundheitsbezogene-hitzeschutzmassnahmen-wo-steht-die-schweiz

Back to top