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Gesundes Altern

«Healthy Longevity darf kein Luxusgut sein»

An der Universität Basel ist der Swiss Campus for Healthy Longevity entstanden. Wie man gesund altert, soll hier untersucht werden, und das Wissen darüber soll der gesamten Bevölkerung zugänglich gemacht werden. Im Interview berichtet die bekannte Altersforscherin und Initiantin Prof. Dr. med. Heike Bischoff-Ferrari über ihre Visionen, aktuelle Studien und warum die wichtigsten Massnahmen für gesunde Langlebigkeit in der Schweiz für die meisten Menschen erschwinglich sind.

Frau Prof. Bischoff-Ferrari, fast alle Menschen möchten möglichst lange und gesund leben. Wie viel davon haben wir selbst in der Hand?

H. A. Bischoff-Ferrari: Sehr viel mehr, als die meisten Menschen annehmen. Unsere Gene erklären anhand verschiedener Untersuchungen nur 6 bis 50 Prozent der Variabilität unserer Lebenserwartung. Die übrigen 50 bis 94 Prozent gehen auf das Umfeld, sozioökonomische Bedingungen und vor allem auf den Lebensstil zurück. Das ist eine ermutigende Botschaft: Wir können etwas tun.

Die Sanitas-Stiftung machte im letzten Jahr eine Umfrage in der Schweiz. Die Menschen wollen nicht um jeden Preis uralt werden. Was wir uns alle wünschen, ist eine Verlängerung der gesunden Jahre bei einer möglichst kurzen Phase der Gebrechlichkeit und einer Kompression der chronischen Erkrankungen zum Lebensende hin. In dieser Umfrage wünschten sich die Menschen Unterstützung in Form von Programmen, die für alle Menschen zugänglich sind. Die Schweiz liegt mit 84 Jahren Lebenserwartung und 71 gesunden Lebensjahren europaweit an der Spitze. Diese Position müssen wir nutzen, um das Modellland für Healthy Longevity zu werden.

Welche Voraussetzungen und Funktionen sind wichtig, damit wir gesund altern?

H. A. Bischoff-Ferrari: Die WHO hat im Konzept der «Intrinsic Capacity» sechs Schlüsselfunktionen definiert: Mobilität, Kognition, mentale Gesundheit, Sehen, Hören sowie Ernährung und Vitalität. Wer diese sechs Domänen stärkt, hat eine höhere Lebensqualität und eine bessere Gesundheit. Dazu kommen die Lebensstilfaktoren mit der besten Evidenz: mediterrane Ernährung, 6000 bis 8000 Schritte pro Tag, soziale Interaktion, sieben bis acht Stunden Schlaf, Umgang mit Stress, lebenslanges Lernen und Nichtrauchen. Neu ist, dass wir diese Effekte heute molekular messen können. Wer sich bewegt und gesund isst, ist biologisch oft jünger als sein kalendarisches Alter.

Sie haben kürzlich eine Pilotstudie zum WHO-Programm ICOPE gestartet. Was ist das für ein Programm – und was war das Ziel der Pilotstudie?

H. A. Bischoff-Ferrari: ICOPE – Integrated Care for Older People – ist das Präventionsprogramm der WHO für gesundes Alter. Die Optimierung der sechs Schlüsselfunktionen bietet die Basis des WHO-ICOPE-Programms. Der Ansatz ist radikal anders als in der klassischen Medizin: funktionsorientiert und personenzentriert statt diagnosezentriert. Die Leitfrage lautet nicht «Welche Krankheit haben Sie?», sondern «Was brauchen Sie, um aktiv zu bleiben?».

Zusammen mit Pro Senectute Kanton Zürich haben wir die Pilotstudie ICOPE-SWISS lanciert, um die Umsetzbarkeit des Programms zu prüfen. Unser Ziel war es, 100 Teilnehmende zu rekrutieren. Die Antwort auf unsere Ausschreibung war so überwältigend, dass wir das Rekrutierungsziel innerhalb einer Woche erreichten. Das zeigt: Das Bedürfnis nach evidenzbasierter, niederschwelliger Gesundheitsförderung ist enorm.

Wie geht es nun weiter mit dem ICOPE-Projekt?

H. A. Bischoff-Ferrari: Als Nächstes möchten wir zusammen mit Pro Senectute die Effektivität des Programms und den ökonomischen Vorteil des Programms umfänglich evaluieren. Dabei unterstützt uns Prof. Matthias Schwenkglenks vom Institut für Gesundheitsökonomie der Universität Basel. Die grosse Phase der ICOPE-SWISS-Studie soll in fünf Schweizer Kantonen stattfinden. Geplant ist eine multizentrische, zweijährige, randomisierte, kontrollierte Studie mit 1000 Teilnehmenden, die 70 Jahre oder älter sind. Davon erhält die Hälfte eine personalisierte, durch eine ICOPE-Pflegefachperson koordinierte Multikomponentenintervention. Die übrigen 500 Personen bilden die Kontrollgruppe mit Standardversorgung; ihre Befunde werden an die Hausärztinnen und Hausärzte weitergeleitet. Wir haben die Finanzierung eingereicht und hoffen auf eine Zusage.

An welche Zielgruppe richtet sich ICOPE und welche Interventionen wollen Sie untersuchen?

H. A. Bischoff-Ferrari: Wir richten uns an selbstständig zu Hause lebende Menschen, die in mindestens zwei der sechs ICOPE-Funktionen eine erste Beeinträchtigung aufweisen. Das ist genau der Punkt, an dem man durch Prävention, also die integrierte Stärkung der «Intrinsic Capacity», noch sehr viel bewirken kann. Die Interventionen sind alle evidenzbasiert und niederschwellig: ein einfaches Kraft- und Gleichgewichtstraining für zu Hause, individuelle Ernährungsberatung mit Fokus auf mediterrane Kost, Hörgeräteversorgung bei nachgewiesener Schwerhörigkeit, Sehkorrektur, kognitives Training und gezielte Förderung sozialer Interaktion.

Das Entscheidende ist die Personalisierung: Eine ICOPE-Pflegeexpertin schnürt für jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer ein massgeschneidertes Paket. Primärer klinischer Endpunkt ist die Stärkung der Intrinsic Capacity über zwei Jahre. Sekundär untersuchen wir Stürze, Hospitalisationen, Gebrechlichkeit und Einschränkungen im täglichen Leben – sowie die Kostenwirksamkeit aus Sicht des Gesundheitssystems. Letzteres ist für die Skalierung entscheidend.

Welche langfristige Vision verfolgen Sie mit ICOPE?

H. A. Bischoff-Ferrari: ICOPE soll die nationale Plattform für gesundes Altern in der Schweiz sein und für jede Person ab 70 Jahren zugänglich. Wir wollen den Beweis erbringen, dass funktionsorientierte Prävention nicht nur die Lebensqualität verbessert, sondern auch ökonomisch tragfähig ist. Gelingt uns das, kann die Schweiz weltweit zum Modell werden, wie sich WHO-Empfehlungen in die reale Versorgung übersetzen lassen.

Am 13. März haben Sie an der Universität Basel den «Swiss Campus for Healthy Longevity» gegründet, wozu wir Ihnen herzlich gratulieren. Welche Ziele verfolgt der Campus?

H. A. Bischoff-Ferrari: Vielen Dank! Die Gründung des Swiss Campus for Healthy Longevity ist für mich der konsequenteste Schritt aus über zwei Jahrzehnten Forschung. Unsere Vision: wissenschaftsbasierte Healthy Longevity für jeden Menschen zugänglich machen.

Wir bauen Europas führendes Ökosystem für gesundes Altern – einen Campus, der Wissenschaft, Medizin, Public Health, Wirtschaft, öffentliche Hand und Industrie zusammenbringt. Im Verbund mit 16 weltweit führenden Universitäten haben wir Zugang zu den Forschungsdaten von mehr als 178000 longitudinal beobachteten Menschen. Dabei haben wir verschiedene Aktionsfelder: kollaborative Spitzenforschung, ein Trainingsprogramm für die nächste Generation der Wissenschaft und die Anwendung gesunder Langlebigkeit, schnelle Translation in die klinische Praxis und Implementierung im Public-Health-Bereich – etwa über ICOPE-SWISS. Die Schweiz soll global das Referenzland werden, das Healthy Longevity-Wissenschaft in einen echten Nutzen für die Bevölkerung überführt.

«Longevity» wird oft mit Angeboten für eine zahlungskräftige Klientel verbunden. Ist das nicht ein Dilemma?

H. A. Bischoff-Ferrari: Doch, und es ist einer der Hauptgründe, warum es den Swiss Campus gibt. Auf dem kommerziellen Longevity-Markt werden teure Tests, Infusionen und Supplemente angeboten – oft mit fehlender Evidenz und fehlendem Sicherheitsnachweis.

Unser Gegenmodell ist konsequent: wissenschaftsbasiert, sicher und für jede Person zugänglich. Die wirksamsten Hebel – wie Bewegung, Ernährung, Schlaf, soziale Interaktion, Achtsamkeitstraining – kosten wenig oder nichts. Bei ICOPE-SWISS arbeiten wir bewusst mit Pro Senectute zusammen, um die Menschen dort zu erreichen, wo sie sind. Healthy Longevity darf kein Luxusgut sein, sondern muss demokratisiert werden!

Untersuchen Sie auch pharmakologische Interventionen? Welche Ansätze sind vielversprechend?

H. A. Bischoff-Ferrari: Auch das ist ein Schwerpunkt am Swiss Campus for Healthy Longevity – wir nennen es «die Medizin von morgen»: eine Medizin, die nicht einzelne Krankheiten, sondern direkt den biologischen Alterungsprozess adressiert und verlangsamt, was ja – wie aktuelle Studien zeigen – über die besprochenen Lebensstilfaktoren bereits erreicht werden kann. Wir prüfen daher vor allem kombinierte Ansätze, die auf einfachen Lebensstilfaktoren aufbauen, wie im Projekt «Precision Age», einer hochqualitativen randomisierten Studie mit biologischen Altersmarkern als Endpunkt, bei Menschen im Alter von 55+ mit einem ungesunden Lebensstil. Dieses Projekt in Zusammenarbeit mit der Universität Basel soll diesen Herbst starten. Das Pilotprojekt zur Machbarkeit läuft.

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Erstes globales Partnermeeting. In der Mitte unten Prof. H. A. Bischoff-Ferrari, links von ihr zwei führende Forscher auf dem Gebiet der Altersbiologie: Prof. Tony Wyss-Coray (Stanford University) und Prof. Steve Horvath (UCLA), Erfinder der epigenetischen Uhr

Welche anderen Interventionen erforschen Sie und Ihre Kollegen?

H. A. Bischoff-Ferrari: An erster Stelle steht DO-HEALTH, die grösste europäische Interventionsstudie zu gesundem Altern, die wir aus der Schweiz koordinieren. Bei 2157 Menschen über 70 Jahre haben wir drei einfache und kostengünstige Interventionen untersucht: täglich 2000IE Vitamin D, 1Gramm Omega-3-Fettsäuren und ein einfaches Heimkrafttraining. In der Kombination aller drei Interventionen haben wir über drei Jahre eine Reduktion der Pre-Frailty um 39 Prozent und eine Reduktion invasiver Krebserkrankungen um 61 Prozent festgestellt. Omega-3 allein reduzierte das Auftreten von Infektionen um 11 Prozent und Stürze um 10 Prozent. Und wir konnten erstmals beim Menschen zeigen, dass diese einfachen Interventionen das biologische Alter verlangsamen, gemessen mit etablierten epigenetischen Uhren wie PhenoAge, GrimAge2 und DunedinPACE.1 Bisher kannten wir solche Effekte nur aus Mausmodellen.

Darüber hinaus stehen die schon besprochenen Precision-Age- und ICOPE-SWISS-Studien im Vordergrund. Daneben werten wir derzeit die vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte STRONG-Studie aus. STRONG untersuchte bei 800 Menschen im Alter von 75+, inwieweit Molkeprotein und körperliches Training Gebrechlichkeit, Muskelmasseverlust und Stürze reduzieren können.

Wie gelingt der Transfer evidenzbasierter Interventionen in die Praxis?

H. A. Bischoff-Ferrari: Das ist die zentrale Frage – und das grösste Defizit der heutigen Forschung. Wir haben eine überwältigende Evidenzbasis, aber sie kommt zu langsam und zu ungleich bei den Menschen an. Der Swiss Campus ist genau darauf ausgerichtet: «from discovery to real-life impact».

Drei Elemente sind dabei entscheidend. Erstens: Partnerschaften mit den Strukturen, denen die Bevölkerung vertraut – bei uns sind das national Pro Senectute, die Hausärztinnen und Hausärzte sowie die Kantone und international die WHO. Zweitens: Niederschwelligkeit. Diese erreichen wir über Online-Screenings, Heimprogramme, Pflegefachexpert:innen in Zusammenarbeit mit den Hausärztinnen und Hausärzten. Und drittens: gesundheitsökonomische Evidenz. Wenn wir zeigen, dass funktionsorientierte Gesundheitsförderung Spitalaufenthalte reduziert und Pflegekosten senkt, ziehen Krankenkassen und Politik mit. Genau diesen Brückenschlag leistet ICOPE-SWISS unter dem Dach des Swiss Campus und in Zusammenarbeit mit Pro Senectute.

Wie früh sollten wir anfangen – und ist es irgendwann zu spät?
© Jacqueline Visentin

Staatsbesuch aus Deutschland. Von links nach rechts: Prof. H. A. Bischoff-Ferrari, Ministerin Judith Gerlach aus Bayern, Conradin Carmer, Regierungsratspräsident des Kt. Basel-Stadt, und PD Dr. med. Nikolaus Buchmann, Swiss Campus for Healthy Longevity, Universität Basel

H. A. Bischoff-Ferrari: Je früher, desto besser – aber es ist nie zu spät. Im Idealfall legen wir die Grundlage in Kindheit und Jugend. Ab dem mittleren Lebensalter verdichten sich die Effekte: Wer ab 40 oder 50 gesunde Lebensstilfaktoren konsequent etabliert, kann viel erreichen. Aber – und das ist mir besonders wichtig – auch bei den über 70-Jährigen sehen wir noch eindrucksvolle Effekte. Genau das hat DO-HEALTH gezeigt: 61 Prozent weniger invasive Krebserkrankungen, 39 Prozent weniger Pre-Frailty, ein messbar verlangsamtes biologisches Altern – bei Menschen, die zu Studienbeginn im Mittel 75 Jahre alt waren.

Der menschliche Körper bleibt bis ins hohe Alter erstaunlich anpassungsfähig. Daher lohnt es sich an jedem Tag, in die eigene Gesundheit zu investieren. Diese Botschaft soll nicht nur eine wissenschaftliche bleiben, sondern sich an jeden Menschen in der Schweiz richten. Dafür stehen der Swiss Campus for Healthy Longevity und ICOPE-SWISS.

Vielen Dank für das Interview, Frau Professor Bischoff-Ferrari!
Tipp

Mehr Informationen zum Swiss
Campus for Healthy Longevity an der Universität Basel finden Sie hier: www.swiss-hlc.com

1 Bischoff-Ferrari HA et al.: Individual and additive effects of vitamin D, omega-3 and exercise on DNA methylation clocks of biological aging in older adults from the DO-HEALTH trial. Nature Aging 2025; 375-85

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