Hot Topic Hantavirusinfektionen: Risiken realistisch einschätzen
Bericht:
Dr. Corina Ringsell
Redaktorin
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Aus aktuellem Anlass widmete sich ein FOMF WebUp dem Thema Hantaviren. Prof. Dr. med. Johannes Bogner, LMU Klinikum – Campus Innenstadt – Medizinische Klinik und Poliklinik IV, München, erläuterte neben Fakten zum Virus Symptome, Epidemiologie und seuchenhygienische Massnahmen im Fall des Andesvirus.
Zunächst ging Bogner auf den aktuellen Fall des Hantavirusausbruchs auf einem Kreuzfahrtschiff ein. Er betonte, dass die dort identifizierte Andesvariante in Europa nicht vorkommt und das Risiko daher als gering eingeschätzt werde. Doch auch in Europa gibt es Hantaviren, die zum Teil schwere Krankheiten verursachen können.1
Symptome und Letalität
Hantaviren gehören zu den RNA-Viren (Abb.1) und sind sehr heterogen. Ihre Hauptzielzellen sind die Endothelzellen, wo sie die Permeabilität steigern und Blutungen verursachen. Sie lösen verschiedene Symptomkomplexe mit unterschiedlicher Letalität aus. So liegt die Sterberate beim hämorrhagischen Fieber mit renalem Syndrom (HFRS) bei 12–15%. Die prognostisch günstigere Variante des HFRS, die Nephropathia epidemica (NE), hat dagegen nur eine Letalität von <1%, kann aber je nach dem Grad der Nierenschädigung auch zur Dialysepflicht führen. Das Hantavirus-assoziierte pulmonale Syndrom (HPS) geht mit einer Sterberate von 20–40% einher; die höchste Letalität hat mit 40–50% das Hantavirus-assoziierte kardiopulmonale Syndrom (HCPS).2
Symptome des HFRS und der NE
In Europa herrscht das HFRS vor. Dabei kommt es zu grippeähnlichen Symptomen wie plötzlich einsetzendem hohem Fieber (>38,5° über 3–4 Tage), Abgeschlagenheit, Schüttelfrost, Kopf-, Muskel- und Gliederschmerzen. Charakteristisch sind einseitige Flanken- und Rückenschmerzen. Dies geht in die Phase der Organbeteiligung über mit Nierenfunktionsstörungen, Oligurie, Schmerzen in der Nierengegend, Magen-Darm-Beschwerden, Sehstörungen wie Fotophobie sowie Blutungen in die Haut und Bindehäute. In schweren Fällen kann es zum Blutdruckabfall und Schock kommen.1
Die NE verursacht ähnliche Beschwerden wie das HFRS. Hier kommt häufig noch eine Nackensteife hinzu. Die Nierenbeteiligung zeigt sich in einer Proteinurie mit schaumigem Urin, Blut im Urin und zunächst Oligurie, die in eine Polyurie übergeht, und schliesslich im akuten Nierenversagen. Die Prognose ist jedoch günstiger als beim HFRS und die Nieren können sich auch wieder erholen.1
Symptome von HPS und HCPS
Das HPS wurde erstmals 1993 beschrieben und kann von mindestens 24 verschiedenen Hantaviren ausgelöst werden, nämlich den «Neuwelthantaviren», wozu auch das Andesvirus (ANDV) gehört.3
HPS und HCPS beginnen meist ebenfalls mit grippeähnlichen Symptomen und Magen-Darm-Beschwerden. Letztere können auch das einzige Symptom sein. Nach zwei bis 15 Tagen setzt die (kardio)pulmonale Phase ein, gekennzeichnet durch Atemnot, Tachypnoe, trockenen Husten, Hypoxämie und plötzlichen Blutdruckabfall bis zum Schock. Auch hier kommt es zu Blutungen in Haut und Bindehäute sowie Oligurie. Die Betroffenen sterben oft innerhalb von einer Woche nach Beginn der kardiopulmonalen Phase.1
Übertragung und Epidemiologie
Haupterregerreservoir sind Mäuse und Ratten, wobei jede Hantavirusspezies ihren eigenen Wirt mit einer oder mehreren eng verwandten Nagerspezies hat. Die Tiere selbst erkranken nicht. Die Infektion des Menschen erfolgt bei den meisten Virustypen über das Einatmen von Stäuben, etwa beim Fegen kontaminierter Dachböden, Scheunen etc., durch Bisse infizierter Nager oder Kontakt verletzter Haut mit kontaminierten Materialien.1 Eine Ausnahme ist das ANDV, das auch von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Notwendig dafür ist der enge Kontakt zu Erkrankten. Die Inkubationszeit liegt zwischen neun und 40 Tagen.3
Die Zahl registrierter Infektionen in Europa schwankt nicht nur von Land zu Land, sondern auch von Jahr zu Jahr stark. Ursache ist die jeweilige Entwicklung der Nagerpopulation.4 Die meisten Fälle treten in Finnland, Deutschland, Österreich und Slowenien auf. Die Schweiz ist hingegen kaum betroffen.5
Massnahmen zur Eindämmung des Andesvirus
Im aktuellen Fall des Ausbruchs auf dem Kreuzfahrtschiff gab die europäische Seuchenschutzbehörde ECDC Richtlinien zum Umgang mit den Passagieren heraus.Diesen zufolge gelten derzeit auch Passagiere und Crewmitglieder ohne Symptome aufgrund der langen Inkubationszeit als Hochrisikokontakte. Sie müssen sich zu Hause sechs Wochen lang in Quarantäne begeben. Sobald Symptome auftreten, ist die Abklärung in einer speziellen Infektionsstation erforderlich.6
Symptomatische Personen sind zu isolieren und zu testen. Der Nachweis ist mittels PCR (v.a. in der frühen symptomatischen Phase) oder Serologie (IgM) möglich, wobei die Serologie während der Inkubationsphase oft noch negativ ausfällt. Als Probenmaterial sind EDTA-Blut oder Buffy Coat am besten geeignet.6 Bei einem gesichert negativen Testergebnis wird die Quarantäne bis zum Ende der sechs Wochen weitergeführt. Im positiven Fall bleibt der Patient zur Behandlung auf der Infektionsstation.6 Eine spezifische Therapie oder Impfung existiert derzeit nicht. Die Behandlung erfolgt symptomatisch.2
Quelle:
FOMF WebUp: Hot Topic Hantavirus, 15. Mai 2026
Literatur:
1 Robert Koch Institut: Ratgeber zur Hantaviruserkrankung (2020); www.rki.de 2 Jonsson CB et al.: Clin Microbiol Rev 2010; 23(2): 412-41 3 Martínez VP et al.: N Engl J Med 2020; 383(23): 2230-41 4 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1295897/umfrage/hantavirus-fallzahl-in-europa-und-deutschland/ 5 www.bag.admin.ch/de/hantavirus-infektionen#Verbreitung-und-Häufigkeit- 6 www.ecdc.europa.eu/en/news-events/ecdc-publishes-guidance-management-passengers-linked-andes-hantavirus-outbreak-cruise?etrans=de
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