Frischer Wind in Hamburg – Highlights vom DGU 2025
Autorin:
Dr. Anna Mangge
Univ.-Klinikum für Urologie
Medizinische Universität Graz
E-Mail: anna.mangge@medunigraz.at
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Vom 17. bis 20.9.2025 fand in Hamburg der 77. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) statt. Der Kongresspräsident Prof. Dr. Bernd Wullich betont in seinen Grußworten, dass der Kongress weit über die reine Wissensvermittlung hinausgeht, denn der diesjährige DGU-Kongress stand ganz unter dem Motto „Urologie verbindet“.
Keypoints
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Die neue S3-Leitlinie zeigt, dass die DRU in der PCA-Vorsorge obsolet ist und Männer ab 45 Jahren zur Früherkennung beraten werden sollten.
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Generative Modelle und spezialisierte Algorithmen können bereits heute vergleichbare Qualität wie menschliche Expert:innen erreichen und künftig klinische Entscheidungsprozesse bereichern.
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Internationale Daten zeigen Defizite der Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung. Gezielte Intervention und adäquate Informationen für Patient:innen bieten Ansätze für Strategien, um die Versorgung zu verbessern.
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Nachhaltigkeit ist Zukunftsaufgabe der Urologie – Klimaschutz ist Gesundheitsschutz. Mit energieeffizienten Strukturen, ressourcenschonenden Prozessen und digitalen Technologien übernehmen wir ökologische Verantwortung, ohne die Versorgungsqualität zu gefährden.
Breaking News
Mit knapp 7000 Teilnehmer:innen wurde bei über 130 wissenschaftlichen Vorträgen zu den Themen (molekulare) Uroonkologie und Präzisionsmedizin, Versorgungsforschung und Qualitätssicherung, Infektiologie, Gendermedizin, künstliche Intelligenz in der Urologie und Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen der fachliche Austausch gelebt. In der Industrieausstellung und vor allem beim Festabend in der Hamburger Fischhalle kam auch das Knüpfen persönlicher Verbindungen nicht zu kurz.
Mit dem Leitthema „Urologie verbindet“ setzt der Präsident ein deutliches Zeichen: Nachhaltigkeit ist längst mehr als ein Randaspekt, sie wird zur Grundlage verantwortungsvoller Medizin. Wie Prof. Bernd Wullich betonte, steht die Urologie an einem Wendepunkt – Klimawandel, Ressourcenknappheit und demografischer Wandel verlangen ein Umdenken. Besonders hervorgehoben wurde die Nachhaltigkeitsoffensive der DGU, die u.a. digitale Innovation zur Reduktion des ökologischen Fußabdrucks im Gesundheitswesen fördern soll. Damit wurde klar: Klimaschutz ist Gesundheitsschutz – und nachhaltiges Handeln die Voraussetzung für eine zukunftsfähige Urologie.
Die neue S3-Leitlinie zum Prostatakarzinom (PCA) reiht sich in das Thema der Nachhaltigkeit ein und stand dieses Jahr im Fokus. Besonders diskutiert wurde das idealerweise organisierte risikoadaptierte Screening mittels prostataspezifischen Antigens (PSA) ab 45 Jahren, das auf der PROBASE-Studie basiert. Expert:innen diskutierten über Nutzen, Kostenübernahme und die in der Relevanz abnehmende Rolle der digital-rektalen Untersuchung.
Die PROBASE-Studie ist die bislang größte randomisierte Studie zum risikoadaptierten PSA-Screening bei 45-jährigen Männern in Deutschland. Sie schloss 46642 Teilnehmer ein. Ziel war es, die Wirksamkeit eines frühen (ab 45 Jahre) versus ein verzögertes PSA-Screening (ab 50 Jahre) zur Früherkennung eines PCA unter Berücksichtigung des individuellen Risikos zu untersuchen. In der ersten Screeningrunde der Gruppe mit sofortigem PSA-Screening (n=23301) hatten 89,2% der Männer niedrige (<1,5ng/mL), 9,3% mittlere (1,5–2,99ng/mL) und 1,5% hohe PSA-Werte (3ng/mL). Nach Bestätigungsmessung umfasste die Hochrisikogruppe 186 Männer (0,8%). Von diesen unterzogen sich 120 einer Biopsie, bei der 48 Prostatakarzinome nachgewiesen wurden (Prävalenz 0,2%), davon 44 (91,7%) mit ISUP ≤2 und nur 4 (8,3%) mit ISUP ≥3. In der Gruppe mit verzögertem Screening ohne sofortige PSA-Bestimmung, mit lediglich digital-rektaler Untersuchung (DRU) (n=6537) wurden nur zwei Karzinome entdeckt (0,03%). Die Studie verdeutlicht, dass auf eine DRU in der PCA-Früherkennung verzichtet werden kann, während ein risikoadaptiertes PSA-Screening eine Früherkennung des PCA ermöglicht (Abb. 1).1
Abb. 1: CONSORT-Flussdiagramm der PROBASE-Studie: Rekrutierung, Randomisierung und erste Screeningrunde von 46 642 45-jährigen Männern. Arm A erhielt sofortige PSA-basierte Risikostratifizierung, Arm B verzögertes Screening mit digital-rektaler Untersuchung (DRU) und PSA ab 50 Jahren. Zahlen zu Risikogruppen, Biopsien und Prostatakrebsdiagnosen in der ersten Screeningrunde sind angegeben1
Onkologie
Besonders spannend waren die Ergebnisse der Forschungsgruppe um Kerstin Junker aus Homburg an der Saar. Sie konnte zeigen, dass Nectin-4 im Serum von Patient:innen mit Harnblasentumoren nachweisbar ist und erhöhte Nectin-4-Konzentrationen mit Invasivität und Metastasierung assoziiert sind. Nectin-4 im Serum und seine dynamischen Veränderungen während der Therapie könnten somit geeignete Marker für die Therapieoptimierung bei der Behandlung mit Enfortumab/Vedotin-Pembrolizumab darstellen.
Sophie Knipper aus Berlin untersuchte in der BioPoP-Studie den prognostischen Wert zirkulierender Tumorzellen (CTC) vor „PSMA radio-guided surgery“ bei Patienten mit oligorezidiviertem Prostatakarzinom. Sie erkannte, dass CTC-Messungen helfen könnten, Patienten mit ungünstigerer Prognose zu identifizieren – ein weiterer Hinweis darauf, dass die Liquid Biopsy zu einem integralen Bestandteil der personalisierten Medizin avanciert.
Versorgungsforschung
Ein zentrales Highlight war die Vorstellung neuer Daten aus dem ProNAT-Register (Nationales Register Prostatakarzinom) der Deutschen Uro-Onkologen e.V. (d-uo). Das prospektive, nichtinterventionelle Register bildet die reale Versorgungssituation von Patienten mit neu diagnostiziertem Prostatakarzinom in Deutschland ab und liefert damit wertvolle Erkenntnisse zur Qualität und Umsetzung leitliniengerechter Diagnostik und Therapie. Erste Auswertungen zeigten deutliche Unterschiede zwischen klinischer Praxis und Leitlinienempfehlungen, etwa bei der Nutzung moderner bildgebender Verfahren wie mpMRT oder PSMA-PET-CT sowie bei der Wahl der Biopsietechnik. ProNAT unterstreicht damit die Bedeutung registerbasierter Versorgungsforschung, um Versorgungsstrukturen zu bewerten, Optimierungspotenziale zu identifizieren und die Brücke zwischen evidenzbasierter Leitlinie und klinischem Alltag zu stärken.
Sophie Knipper setzte auch im Bereich der Versorgungsforschung Impulse. In einer deutschlandweiten Online-Umfrage aus dem Jahr 2024 mit knapp 1000 teilnehmenden Urolog:innen zeigt sich eine hochqualifizierte, aber stark belastete deutsche Urologie. Hohe Arbeitsbelastung, der Wunsch nach Arbeitszeitreduktion und familiäre Verpflichtungen verdeutlichen den Bedarf an strukturellen Veränderungen. Eine angepasste Personalplanung und familienfreundlichere Arbeitsmodelle erscheinen für eine nachhaltige Versorgung unerlässlich.
Iva Simunovic aus Graz beleuchtete die Problematik der urologischen Versorgung aus Patient:innensicht. Die Verzögerung elektiver urologischer Operationen erhöht die psychische und körperliche Belastung – insbesondere bei nichtonkologischen Patient:innen. Komplikationen traten bereits präinterventionell bei 33% der ver.schobenen Eingriffe auf. Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit eines verbesserten Kapazitätsmanagements. Lesen Sie dazu den Artikel in dieser Ausgabe.
Künstliche Intelligenz
Die Zukunft passiert jetzt – das zeigte Emily Rinderknecht aus Regensburg, die die Qualität der Therapieempfehlungen multidisziplinärer Tumorboards (MTB) mit denen von Large Language Models verglichen hat. Sie kam zu dem Schluss, dass generative künstliche Intelligenz (KI) MTB unter definierten Bedingungen nahezu gleichwertig ersetzen und künftig eine wertvolle Ergänzung im klinischen Alltag sein kann.
Das RAIDAS-Projekt aus Graz entwickelt eine KI, die bei der Befundung multiparametrischer MRTs der Prostata – äquivalent zum PIRADS-Score – unterstützen soll. RAIDAS erkennt mehr Läsionen und zeigt eine vergleichbare Testgenauigkeit wie Radiolog:innen, ist jedoch mit einer höheren csPCa-Rate bei RAIDAS-<3-Befunden assoziiert. Eine prospektive Evaluation läuft bereits.
Marianne Leitsmann aus Graz arbeitet in einer internationalen Kooperation mit dem aQua-Institut in Göttingen an einem KI-basierten Algorithmus, der eine sofortige, begründete Bereitstellung von Therapieempfehlungen in der Behandlung des Hodenkarzinoms ermöglichen soll. Das sogenannte „KI-Konsil“ zeigt bereits in der ersten Evaluationsphase vielversprechende Ergebnisse.
Ein besonderes digitales Highlight des DGU-Kongresses 2025 war der UroBot, der erstmals in erweiterter Form zum Einsatz kam. Der KI-gestützte Chat-Assistent diente den Teilnehmer:innen als interaktiver Kongressguide und erleichterte die Orientierung im umfangreichen Programm mit über 130 wissenschaftlichen Veranstaltungen. Über die DGU-Kongress-App oder die Website konnten Besucher:innen per Texteingabe gezielt nach Sitzungen, Referent:innen oder Themen suchen, sich persönliche Tagespläne zusammenstellen und Echtzeit-Updates zu Raum- oder Programmänderungen erhalten. Der UroBot verdeutlichte eindrucksvoll, wie digitale Technologien den Wissenstransfer und die Kongresserfahrung in der Urologie weiter modernisieren.
Infektiologie und Gendermedizin
Fast zeitgleich mit dem DGU-Kongress fand im September die von der European Association of Urology (EAU) initiierte Urology Week unter dem Motto „Raising Global Awareness on Urinary Tract Infections“ statt. In diesem Rahmen wurde eine internationale Befragung von über 3000 Erwachsenen in fünf Ländern der Europäischen Union präsentiert, die dramatische Wissensdefizite in der Bevölkerung aufzeigte. Nur 43% der Befragten wussten, dass das Wischen von vorne nach hinten nach dem Toilettengang zur Prävention von Harnwegsinfektionen beiträgt. 17% glaubten, dass die eigenständige Einnahme von Antibiotika eine sinnvolle Prophylaxe darstelle. Fast die Hälfte war sich des wachsenden Problems antimikrobieller Resistenzen nicht bewusst. Diese Daten verdeutlichen den dringenden Bedarf an öffentlicher Aufklärung, um Prävention zu verbessern und den verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika zu fördern.
Ich durfte in Hamburg mein laufendes Projekt zur Förderung nichtantibiotischer Behandlung bei lokalisierten Harnwegsinfektionen (HWI) vorstellen. Ziel der Studie ist es, die Rate der Verschreibung von Antibiotika in der Behandlung lokalisierter HWI durch konsensuell entwickelte, evidenzbasierte Hilfsmittel – wie das „Nicht-Antibiotika-Rezept“ und eine Gesundheitsinformation für Patientinnen – in der fachärztlichen und allgemeinmedizinischen Niederlassung zu senken. Eine randomisiert-kontrollierte Interventionsstudie ist in Planung.
Zudem präsentierte ich unsere in der Steiermark erhobenen Daten zu genderspezifischen Unterschieden bei E.-coli-Harnwegsinfektionen. Wir konnten zeigen, dass Escherichia-coli-Resistenzen bei Harnwegsinfektionen signifikant zwischen Frauen und Männern variieren. Geschlechtsspezifische Unterschiede müssen daher künftig sowohl in der Forschung als auch in der Klinik stärker berücksichtigt werden, um die Wirksamkeit antibiotischer Therapien zu verbessern und die Entwicklung weiterer Resistenzen einzudämmen (Abb. 2).
Abb. 2: Genderspezifische Unterschiede in Resistenzmustern bei E.-coli-Harnwegsinfektionen, (p<0,05)
Auch jenseits der Infektiologie muss der Begriff „Gender“ in der Medizin neu gedacht werden. Hanna Hagen aus Wien zeigte mit ihren Projekten zur Lebensqualität von trans Frauen – sowohl während der Wartezeit für geschlechtsangleichende Operationen („trial in progress“) als auch postoperativ –, wie wichtig es ist, über den Tellerrand gesellschaftlicher Normen hinauszublicken.
Das zeigte auch Matthias Jahnen aus München, der verdeutlichte, wie wichtig es ist, bei Patientinnen mit einer Blasenentleerungsstörung an die Möglichkeit einer sexuellen Gewalterfahrung in der Vergangenheit zu denken, und dass der Einsatz von Fragebögen, einer Uroflowmetrie mit gleichzeitiger Ableitung eines Beckenboden-Elektromyogramms und einer Restharnsonografie zur urologischen Abklärung von Frauen mit sexuellen Gewalterfahrungen gut toleriert wird und die Möglichkeit bietet, organisch behandelbare Krankheitsbilder zu identifizieren.
Abschließendes und Ausblick
Bernd Wullich übergab am Ende des diesjährigen DGU seine Präsidentschaft an Prof. Dr. Susanne Krege. Und auch in Österreich tut sich aktuell einiges in Bezug auf Frauen in der Urologie, speziell auf der Führungsebene. Auch dieser Artikel legt einen Fokus auf weibliche Wissenschaftlerinnen und Genderthemen.
Der 77. DGU-Kongress lässt trotz eines enormen Wissenstransfers einige Punkte offen und lädt zur Diskussion ein:
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Wie können wir die künstliche Intelligenz sinnvoll in unseren Arbeitsalltag integrieren?
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Wie können wir Urolog:innen uns zusammenschließen, um dem Problem zunehmender antimikrobieller Resistenzen zu begegnen?
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Wie lassen sich Karriere und Privatleben am besten vereinbaren?
Diese Fragen konnte ich für mich am DGU 2025 zwar nicht endgültig klären – doch bei dieser Fülle an exzellenten Vorträgen, lebhaften Diskussionen, regem Wissensaustausch sowie durch viel Freude und Begeisterung für die Urologie wurde der fachliche internationale Zusammenhalt deutlich gestärkt. Der Innovation steht also nichts im Weg – insbesondere, wenn man sich untereinander austauchen kann und so gemeinsame Kräfte bündelt. Und auch in Österreich tut sich aktuell einiges in Bezug auf Frauen in der Urologie, speziell auf der Führungsebene und im Bereich der Forschung (siehe folgender Artikel).
Wie jedes Jahr war der DGU ein Fortbildungs-Highlight – und ich freue mich schon jetzt auf den nächsten DGU, der vom 16. bis 19. September 2026 in Düsseldorf unter dem Motto „Dem Leben eine Zukunft geben“ stattfinden wird.
Literatur:
1 Arsov C et al.: A randomized trial of risk-adapted screening for prostate cancer in young men-Results of the first screening round of the PROBASE trial. Int J Cancer 2022; 150(11): 1861-9
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