Multiple Syringome: ein Update
Autor:innen:
Dr. Julia Karnik1
Prim. Priv.-Doz. Dr. Christian Posch, PhD1,2
1 Abteilung für Dermatologie & Venerologie
Klinik Landstraße Wien
2 Abteilung für Dermatologie & Venerologie
Klinik Hietzing Wien
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Multiple Syringome stellen ein seltenes, benignes und bislang nur unzureichend erforschtes Krankheitsbild dar. Es können vier Untergruppen unterschieden werden. Die aktuell verfügbaren therapeutischen Optionen sind limitiert und begrenzen sich auf eine lokale Entfernung der Läsionen.
Keypoints
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Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer.
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Eine genetische Prädisposition scheint eine relevante Rolle zu spielen.
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Syringome wurden in Zusammenhang mit bestimmten genetischen und syndromalen Erkrankungen wie dem Marfan-Syndrom, Trisomie 21 sowie dem Ehlers-Danlos-Syndrom beschrieben.
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Als potenzielle Auslöser eruptiver Syringome gelten unter anderem Radiatio, Laser-behandlungen oder mechanische Irritationen wie Rasur.
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Clear-Cell-Syringome treten vorwiegend bei Patienten mit pathologischem Glukosestoffwechsel wie im Rahmen eines Diabetes mellitus auf.
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Die psychische Beeinträchtigung aufgrund der kosmetischen Folgen ist nicht zu unterschätzen. Therapeutische Optionen sind begrenzt.
In der Literatur wurden bisher über 800 Fälle von Syringomen beschrieben, wobei weniger als 100 Fälle auf generalisierte Formen zutreffen. Weniger als 50 Fälle betreffen genetisch bedingte Formen.1–3
Es handelt sich um benigne, in der Regel asymptomatische, hautfarbene bis gelblich imponierende Papeln und Knoten, die von den ekkrinen Schweißdrüsenausführungsgängen ausgehen. Betroffen sind überwiegend junge Erwachsene, wobei Frauen im Vergleich zu Männern etwa doppelt so häufig erkranken.1,4–7 Pathophysiologisch handelt es sich um eine klonale Proliferation epithelialer Zellen der ekkrinen Schweißdrüsenausführungsgänge, die überwiegend die äußere Zellschicht im Übergangsbereich zwischen intraepidermalem und dermalem Anteil betrifft.2–7
Die Diagnosesicherung erfolgt histopathologisch. In der Histologie ist der Nachweis multipler kleiner ekkriner Gänge sowie epithelialer Stränge in der Dermis, häufig mit einer kommaförmigen Ausziehung charakteristisch.2 Immunhistochemische Analysen unter Verwendung von Zytokeratinmarkern belegen, dass Syringome sowohl aus intraepidermalen als auch aus intraglandulären ekkrinen Gängen hervorgehen können.2
Differenzialdiagnosen
Differenzialdianostisch sind insbesondere Milien, Xanthome, Hidrozystome, Trichoepitheliome, Verrucae planae, Xanthelasmen sowie selten Histiozytosen zu berücksichtigen. Bei Manifestationen im Bereich der Augenlider sollten zusätzlich kutane Mastozytosen, Fibrofollikulome, Vellushaarzysten, Angiofibrome und fibroelastische Papulosen differenzialdiagnostisch erwogen werden.1,2
Untergruppen
Nach Friedman und Butler lassen sich vier Formen unterscheiden: lokalisiert, generalisiert, familiär und mit Trisomie 21 assoziiert.1
Lokalisierte Syringome treten überwiegend in der periorbitalen Region (81%) auf und präsentieren sich klinisch als gelbliche Papeln. Seltener können sie auch an anderen Körperarealen (z.B. genital) beobachtet werden. Darüber hinaus bestehen Assoziationen mit Bindegewebserkrankungen, wie dem Ehlers-Danlos-Syndrom und dem Marfan-Syndrom.2,6
Als Untergruppe der lokalisierten Syringome werden Clear-Cell-Syringome beschrieben. Sie zeigen eine intrazelluläre Glykogenakkumulation infolge eines gestörten Glukosestoffwechsels, wie er bei Diabetes mellitus vorkommen kann.2,8
Generalisierte/multiple Syringome sind durch das Auftreten in einer oder mehreren Körperregionen gekennzeichnet. Eine Unterform stellen die eruptiven Syringome dar, bei denen exogene Triggerfaktoren als Auslöser angenommen werden. Daneben existieren generalisierte Formen, deren Ätiologie bislang ungeklärt ist. Für einzelne generalisierte Varianten wird ein genetischer Zusammenhang diskutiert.1,2,9 Bei eruptiven Syringomen kommt es zu einem plötzlichen Auftreten multipler, teils erythematöser Papeln, die am Stamm und an den Extremitäten lokalisiert sein können. Pathophysiologisch wird eine hyperplastische Reaktion der ekkrinen Schweißdrüsen auf einen auslösenden Reiz oder eine entzündliche Komponente diskutiert. Als mögliche Triggerfaktoren wurden unter anderem Radiatio, Rasur sowie Laserhaarentfernung beschrieben. Nach Sistieren des auslösenden Reizes persistieren die Syringome in der Regel.2,9 Einzelne Fallberichte beschreiben zudem eine mögliche Assoziation mit bilateralen Nierenzellkarzinomen im Sinne eines paraneoplastischen Phänomens.10
Genetische Formen von Syringomen sind selten und bislang nur begrenzt untersucht. In der Literatur wird konsistent ein autosomal-dominanter Erbgang beschrieben. In einer Kopplungsstudie aus dem Jahr 2010 wurden sieben Familien mit multiplen Syringomen untersucht, darunter 24 betroffene und 11 nicht betroffene Familienmitglieder. Die Genotypisierung erfolgte mittels eines genomweiten SNP-Arrays unter Annahme vollständiger Penetranz. Eine parametrische Linkage-Analyse identifizierte eine signifikante Kopplung auf Chromosom 16q22 mit einem maximalen „Logarithm of Odds“(LOD)-Score von 4,51 bei Θ=0,00. Der LOD-Score ist ein etabliertes statistisches Maß zur Quantifizierung der Stärke genetischer Kopplung und gibt die Wahrscheinlichkeit an, dass zwei Loci gemeinsam vererbt werden; Werte über 3 gelten als Hinweis auf eine Kopplung, Werte unter −2 sprechen gegen eine Kopplung. Der in dieser Studie erreichte Wert liegt deutlich oberhalb des Schwellenwertes und entspricht einer Odds-Ratio von etwa 32000:1 zugunsten einer Kopplung. Durch nachfolgende Haplotyp- und Rekombinationsanalysen konnte das gekoppelte Intervall auf etwa 6,63 Centimorgan (cM) eingegrenzt werden, eine genetische Maßeinheit zur Beschreibung der Rekombinationshäufigkeit. Dieses Intervall war bei allen betroffenen, jedoch nicht bei nicht betroffenen Familienmitgliedern nachweisbar und umfasst etwa 143 annotierte Gene. Eine spezifische pathogene Variante konnte nicht identifiziert werden. Die Studie definiert jedoch einen robusten genetischen Locus und unterstreicht die Bedeutung genetischer Faktoren in der Pathogenese multipler Syringome.1,11
Therapieoptionen
Das klinische Bild multipler/generalisierter Syringome kann vor allem bei jungen Erwachsenen mit einer nicht zu unterschätzenden psychischen Belastung einhergehen.
Syringome stellen überwiegend ein kosmetisches Problem dar, da sie benigne und meist asymptomatisch sind. Die Therapie beschränkt sich auf lokale Interventionen, wobei die CO2-Laser-Therapie als effektivste Methode mit akzeptablem Nebenwirkungsprofil gilt. Modifizierte Lasertechniken, wie die Pinhole-Methode oder der Einsatz des CO2-Lasers im Vaporisationsmodus, sowie die Kombination mit Trichloressigsäure-Peelings können das Risiko für Narbenbildung reduzieren und die Geweberegeneration fördern. Die Pinhole-Methode stellt dabei ein minimalinvasives Verfahren dar, bei dem mittels fokussierten Laserstrahls multiple punktförmige Mikroperforationen in die Hautläsion eingebracht werden. Dadurch wird eine gezielte Gewebeablation bei gleichzeitiger Schonung des Gewebes ermöglicht. Elektrochirurgische Verfahren, insbesondere die intraläsionale Elektrokoagulation mit isolierten Nadeln, erlauben eine Reduktion von Größe und Anzahl der Läsionen bei Schonung der Epidermis, erfordern jedoch mehrere Sitzungen und weisen bislang keine gesicherten Langzeitergebnisse auf. Alternativ kommen chirurgische Exzision, Radiofrequenzablation, YAG-Laser oder Kryochirurgie zum Einsatz. Rezidive, Narbenbildung und Dyspigmentierungen sind häufige Komplikationen destruktiver Verfahren. Medikamentöse Ansätze, darunter topische oder systemische Retinoide, Atropin oder Tranilast, ein antifibrotisch und antiinflammatorisch wirkendes Anthranilsäure-Derivat, zeigen nur in Einzelfällen therapeutische Wirkung, wobei die Evidenz überwiegend auf Fallberichten und kleinen Fallserien beruht. 2,8,12–14
Zusammenfassung
Es handelt sich bei multiplen Syringomen um ein seltenes, benignes Krankheitsbild, das bei Frauen etwa doppelt so häufig auftritt wie bei Männern. In Einzelfällen bestehen Assoziationen mit syndromalen Erkrankungen sowie eine genetische Prädisposition. Therapeutisch stehen vor allem lokale, destruktive Verfahren im Vordergrund, wie Lasertherapie oder elektrochirurgische Entfernung. Topische oder systemische Retinoide können in ausgewählten Fällen eingesetzt werden, wobei die Evidenz hierfür bislang nur auf Fallberichten basiert.
Literatur:
1 Wu WM, Lee YS: Autosomal dominant multiple syringomas linked to chromosome 16q22. Br J Dermatol 2010; 162(5): 1083-7 2 Williams K, Shinkai K: Evaluation and management of the patient with multiple syringomas: A systematic review of the literature. J Am Acad Dermatol 2016; 74(6): 1234-40.e9 3 Ibekwe P: Familial eruptive syringoma in a Nigerian girl. Clin Exp Dermatol 2016; 41(4): 383-5 4 Kim BC et al.: An immunohistochemical study of the origin of the solid strand in syringoma, using carcinoembryonic antigen, epithelial membrane antigen, and cytokeratin 5. Int J Dermatol 2012; 51(7): 817-22 5 Garrido-Ruiz MC et al.: Eruptive syringoma developed over a waxing skin area. Am J Dermatopathol 2008; 30(4): 377-80 6 Marzano AV et al.: Familial syringoma: report of two cases with a published work review and the unique association with steatocystoma multiplex. J Dermatol 2009; 36(3): 154-8 7 Timpanidis PC et al.: Progesterone receptor-positive eruptive syringoma associated with diabetes. J Am Acad Dermatol 2003; 48(5 Suppl): S103-4 8 Lin LY et al.: Clear cell syringoma of the eyelids, a distinctive histopathologic variant associated with diabetes mellitus. Ophthalmic Plast Reconstr Surg 2023; 39(1): e20-e22 9 Incel Uysal P et al.: Coexistence of adult onset eruptive syringoma and bilateral renal cell carcinoma: a case report. Am J Dermatopathol 2017; 39(1): 56-8 10 Ghanadan A, Khosravi M: Cutaneous syringoma: a clinicopathologic study of 34 new cases and review of the literature. Indian J Dermatol 2013; 58(4): 326 11 Dawn Teare M, Barrett JH: Genetic linkage studies. Lancet 2005; 366(9490): 1036-44 12 Kang WH et al.: A new treatment for syringoma. Combination of carbon dioxide laser and trichloroacetic acid. Dermatol Surg 1998; 24(12): 1370-4 13 Woo SS et al.: Evaluation of the pinhole method using carbon dioxide laser on facial telangiectasia. J Clin Med 2023; 12(8): 2849 14 Massoud G et al.: Unlocking the potential of tranilast: targeting fibrotic signaling pathways for therapeutic benefit. Int Immunopharmacol 2024; 137: 112423
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