Vorgehensweise bei Verdacht auf eine auditive Verarbeitungsstörung (AVS)
Autoren:
Mag. Dr. Bertram Weber
Mag. Franz Muigg, PhD
Universitätsklinik für Hör,- Stimm- und Sprachstörungen (HSS) Innsbruck
E-Mail: bertram.weber@tirol-kliniken.at
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Auditive Verarbeitungsstörungen (AVS) sind ein seit Jahren sehr kontrovers diskutiertes Thema, welches sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie mit uneinheitlichem Vorgehen verbunden ist. In diesem Beitrag soll ein im Rahmen des Österreichischen HNO-Kongresses in Linz 2025 präsentiertes Abklärungskonzept für AVS vorgestellt werden.
Keypoints
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Bislang gibt es weder eine einheitliche Definition des Störungsbildes noch anerkannte diagnostische Kriterien und Behandlungsstandards.
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Die meisten Fachleute sehen AVS allerdings als eigenständige Diagnose.
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An der Innsbrucker Uniklinik für Hör,- Stimm- und Sprachstörungen wurde ein Konzept für eine interdisziplinäre AVS-Abklärung entwickelt.
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Betroffene Kinder werden in 5 Kategorien eingeteilt, an denen sich auch die Therapieempfehlungen orientieren.
Auditive Verarbeitungsstörungen (AVS bzw. „auditory processing disorder“; APD) werden seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Bis heute fehlen sowohl eine international einheitliche Definition des Störungsbildes als auch anerkannte diagnostische Kriterien und Behandlungsstandards. Kinder mit AVS haben zwar deutliche Schwierigkeiten bei der Verarbeitung von Sprache und Geräuschen, zeigen aber im Reintonaudiogramm unauffällige Hörschwellen. Bisher existiert noch kein diagnostischer Goldstandard und in Fachkreisen besteht wenig Konsens darüber, welche Tests und Merkmale für die Diagnose ausschlaggebend sind.1 Entsprechend uneinheitlich fallen auch die Empfehlungen für therapeutische Maßnahmen aus: Die Wirksamkeit gängiger audiologischer Trainingsverfahren ist bislang nur unzureichend durch Studien belegt, sodass insgesamt eine gewisse Zurückhaltung geboten ist, solange evidenzbasierte Leitlinien fehlen.2
Eigenständiges Störungsbild oder eher ein Symptomkomplex?
In der einschlägigen Literatur stellt sich immer wieder eine zentrale Streitfrage: Sind AVS als eigenständiges Störungsbild anzusehen oder sind sie eher ein Symptomkomplex, der im Rahmen anderer neurokognitiver Entwicklungsstörungen auftritt? Verschiedene Autor:innen vermuten, dass viele vermeintliche AVS-Fälle in Wahrheit auf Defizite in Sprache, Aufmerksamkeit oder Gedächtnis zurückzuführen sind. So kamen de Wit et al. 2016 in einer systematischen Übersichtsarbeit zu dem Schluss, dass die Hörprobleme betroffener Kinder häufig eher Folgen von kognitiven, sprachlichen und attentionalen Beeinträchtigungen sind und weniger ein isoliertes auditorisches Defizit darstellen.3 In ähnlicher Weise zeigte eine faktoranalytische Studie von Ahmmed et al. 20144, dass sich die Leistungsmuster von Kindern mit Verdacht auf AVS auf drei Faktoren zurückführen lassen: einen auditorischen Verarbeitungsfaktor sowie zwei übergeordnete Faktoren, nämlich das Arbeitsgedächtnis bzw. die exekutive Aufmerksamkeit sowie die Verarbeitungsgeschwindigkeit. Reine, isolierte auditive Verarbeitungsdefizite traten dabei kaum auf. Dies untermauert die Beobachtung, dass AVS-Symptome oftmals im Kontext anderer Entwicklungsstörungen (Sprachentwicklungsstörungen, Aufmerksamkeitsdefizite u.a.) auftreten.
Auch klinische Befunde legen eine Überlappung nahe: So zeigte eine Studie aus Australien, dass die Mehrzahl der Kinder, die zur AVS-Diagnostik überwiesen wurden, laut Elternbericht eher die typischen Merkmale einer Aufmerksamkeitsstörung aufwiesen als spezifische AVS-Symptome. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass in vielen Verdachtsfällen statt einer echten Hörverarbeitungsstörung andere Ursachen – etwa ADHS – im Vordergrund stehen.5
Gleichzeitig gibt es aber auch Stimmen, die AVS als eigenständiges Störungsbild verteidigen. Eine Umfrage unter Audiolo-g:innen ergab, dass die meisten Fachleute APD/AVS als eigenständige Diagnose betrachten. Allerdings räumten viele derselben Befragten ein, dass Komorbiditäten häufig sind und eine Überdiagnose von AVS in der Praxis vorkommen kann.6 Auch Iliadou et al. plädieren dafür, AVS als eigenes Störungsbild anzuerkennen, und verweisen darauf, dass es bereits als zentrale Hörverarbeitungsstörung in der ICD-10 unter dem Code H93.25 geführt wird.7 Diese Autor:innen widersprechen damit der Auffassung, AVS sei lediglich ein unspezifisches Symptom, und betonen, dass neuere klinische Entwicklungen und Forschungsbefunde für die Eigenständigkeit der Störung sprechen. Beispielsweise werden in der Literatur neurophysiologische Besonderheiten bei Kindern mit AVS beschrieben, etwa abweichende Muster in auditorischen Potenzialen, was auf spezifische neurobiologische Korrelate hindeuten könnte.8
Anspruchsvolle Diagnostik
Unbestritten ist, dass die Diagnostik einer AVS äußerst anspruchsvoll ist. Die Symptomatik ist vielgestaltig (polymorph) und überschneidet sich häufig mit anderen Entwicklungsauffälligkeiten, was die Abgrenzung erschwert. Expert:innen fordern deshalb interdisziplinäre Untersuchungsansätze, um dieser Komplexität gerecht zu werden. So betonen Rouillon et al., dass Kinder mit Verdacht auf AVS umfassend audiologisch, sprachlich und neuropsychologisch getestet werden sollten.9 Ein multidisziplinäres Testprotokoll kann nicht nur echte auditive Verarbeitungsstörungen identifizieren, sondern auch Begleit- oder Alternativdiagnosen (wie Aufmerksamkeitsdefizite oder kognitive Beeinträchtigungen) aufdecken. Darüber hinaus wird an objektiven Messmethoden geforscht, um die Diagnostik zu verbessern.
Insgesamt gelten zwei Problemfelder als zentral für die Weiterentwicklung der AVS-Diagnostik: zum einen die Trennung primär auditiver Defizite von übergeordneten kognitiven Störungen (Stichwort Modalitätsspezifität), zum anderen die Verbesserung der diagnostischen Kriterien und Testverfahren, um übermäßige und Fehldiagnosen zu vermeiden. Hier wird unter anderem diskutiert, objektive audiologische Tests (z.B. Hirnstammpotenziale) verstärkt einzubeziehen, um die Spezifität der Diagnose zu erhöhen.8 Allerdings befindet sich dieser Ansatz noch im Forschungsstadium – in der Routinediagnostik werden bildgebende Verfahren bislang nicht eingesetzt.
Innsbrucker Modell für eine AVS-Abklärung
Aufgrund der oben genannten Schwierigkeiten, die mit der Diagnostik und damit auch mit der Behandlung von Kindern mit dem Verdacht auf eine AVS verbunden sind, wurde von uns an der Innsbrucker Universitätsklinik für Hör,- Stimm- und Sprachstörungen (HSS) versucht, ein Konzept zu entwickeln, das folgende Kriterien erfüllen sollte:
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bestmögliche Hilfestellung für die betroffenen Familien durch individuell angepasste und praktische Empfehlungen,
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geringer zeitlicher Aufwand für die betroffenen Familien (2 Termine),
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interdisziplinäre und multiprofessionelle Abklärung (Audiologie, Logopädie, Medizin, Psychologie),
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ressourcenschonendes Vorgehen (Dauer der Gesamtuntersuchung max. 3–4h)
Vor diesem Hintergrund wurde das „Innsbrucker Modell für eine AVS-Abklärung“ interdisziplinär entwickelt, das die Expertise aus Audiologie, Logopädie, Medizin und (Neuro-)Psychologie in einem integrierten Diagnoseprozess vereint. Ziel ist ein ressourcenschonendes, aber differenziertes und vor allem praxisorientiertes Vorgehen.
Praktisches Vorgehen
Die diagnostische Abklärung und Beratung umfasst drei Blöcke, die innerhalb von zwei Terminen erfolgen und deren Ablauf in Tabelle1 beschrieben ist.
Abklärung bei 62 Kindern
Von Jänner 2022 bis Dezember 2025 wurden 62 Kinder im Volksschulalter mit der Fragestellung AVS nach dem dargestellten Schema von uns untersucht. Dabei zeigte sich, dass die betroffenen Kinder im Wesentlichen in die folgenden 5 Kategorien eingeteilt werden konnten:
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Kategorie 1: Kinder mit deutlich ausgeprägten auditiven Schwächen und keinen oder nur geringfügigen sprachlichen Auffälligkeiten.
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Kategorie 2: Kinder mit vorrangig umgebungsbedingten Sprachauffälligkeiten (Mehrsprachigkeit), welche in der deutschen Zweitsprache im Vergleich zur Erstsprache reduziert/unsicher/weniger erfahren sind und daher in der Volksschule zunehmend Probleme bekommen.
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Kategorie 3: Kinder mit deutlichen (therapiewürdigen) sprachlichen Problemen, die neben ihren sprachlichen Auffälligkeiten auch auditive Herausforderungen kaum bewältigen können.
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Kategorie 4: Kinder mit relevanten Entwicklungsproblemen bzw. psychosozialen Auffälligkeiten (beispielsweise emotionalen Problemen, ADHS-Symptomatiken, Verhaltensproblemen), welche nicht ursprünglich mit sprachlichen bzw. auditiven Problemen zu erklären sind. Ebenfalls fallen in diese Kategorie Kinder mit (diagnostizierter) Lese/-Rechtschreib-Störung (LRS) oder Dyskalkulie.
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Kategorie 5: Kinder mit keinen therapiewürdigen Auffälligkeiten. Ihre Eltern sind jedoch aufgrund von Einzelbeobachtungen (Eltern, Pädagog:innen) verunsichert und möchten, obwohl keine nennenswerten Probleme vorhanden sind, eine Abklärung durchführen lassen.
Die Ergebnisse
Von den 62 untersuchten Kindern konnten nur 5 Kinder der Kategorie 1 zugeordnet werden (Tab.2). Sie hatten keine bedeutsamen sprachlichen Auffälligkeiten oder anderen entwicklungsrelevanten Beeinträchtigungen, wie Aufmerksamkeitsdefizite, eine Lese/Rechtschreib-Störung oder psychosoziale Schwierigkeiten. Die Schwäche in den auditiven Leistungen (Merkfähigkeit, Verstehen im Störgeräusch etc.) war ihre einzige oder zumindest ihre hervorstechendste Symptomatik.
Die meisten der untersuchten Kinder hatten jedoch entweder bedeutsame sprachliche Schwierigkeiten oder andere Entwicklungsprobleme bzw. psychosoziale Auffälligkeiten. Hinsichtlich der sprachlichen Auffälligkeiten konnten die Kinder mit Migrationshintergrund und einer mangelhaften Deutsch-Kompetenz (n=9) von den Kindern abgegrenzt werden, die eine therapiewürdige Sprachstörung aufwiesen (n=17). Ein bedeutsamer Anteil der Kinder (n=25) zeigte zudem Entwicklungsprobleme, psychosoziale Auffälligkeiten oder deutliche Aufmerksamkeitsdefizite. Eine kleine Gruppe von Kindern (n=6) konnte der Kategorie 5 zugeordnet werden. Sie zeigten bei den Untersuchungen keine bedeutsame Symptomatik und lieferten bei der sprachlichen, audiologischen und psychologischen Untersuchung durchschnittliche Ergebnisse.
Dieses Ergebnis bedeutet, dass bei nur 8% der Kinder, bei denen ein Verdacht auf eine AVS geäußert wurde, tatsächlich eine AVS-Diagnose möglich wäre.
Therapeutische Empfehlungen
Je nach den individuellen Untersuchungsergebnissen des betroffenen Kindes unterschieden sich auch unsere therapeutischen Empfehlungen. Während bei Kindern mit sprachlichen Einschränkungen die Fortsetzung bzw. Aufnahme einer logopädischen Behandlung empfohlen wurden, war bei Kindern mit Migrationshintergrund und mangelnder Deutsch-Kompetenz u.a. ein vermehrter Kontakt mit deutschsprachigen Personen anzustreben. Kinder mit Entwicklungsbeeinträchtigungen bzw. sozialen und/oder emotionalen Schwierigkeiten bedurften einer weiteren, ausführlichen (psychologischen) Diagnostik und gegebenenfalls auch einer entsprechenden Behandlung. Bei allen Kindern mit auditiven Beeinträchtigungen war es zudem sinnvoll, die Schule darüber zu informieren, um die Bedingungen im Schulalltag für diese Kinder so günstig wie möglich zu gestalten (Sitzplatz etc.). In diesem Zusammenhang erwies sich auch die Kontaktaufnahme zu einer Beratungslehrerin für den Bereich AVS als sehr hilfreich. Bei Kindern der Kategorie 5, bei denen keine therapierelevante Symptomatik gefunden wurde, waren Information, Beratung und Beruhigung der Eltern das erste Ziel.
Bei allen Kindern wurde im Anschluss an das Beratungsgespräch mit den Eltern ein entsprechender Befundbericht verfasst und den Eltern zur weiteren Verwendung zugesandt.
Schlussbemerkung
Auditive Verarbeitungsstörungen werden wohl aus mehreren Gründen noch länger eine besondere Herausforderung für alle beteiligten Berufsgruppen bleiben. Das vorgestellte Abklärungskonzept löst zwar auch nicht alle Probleme, welche die Diagnostik und Behandlung dieses Störungsbildes in sich tragen, in der klinischen Praxis hat es sich jedoch als äußerst geeignet erwiesen, den betroffenen Familien eine schnelle und praktische Hilfestellung zu geben, ohne dass die personellen und zeitlichen Ressourcen über die Maßen hinaus strapaziert werden.
Literatur:
1 Micallef LA: Auditory processing disorder (APD): Progress in diagnostics so far. A mini-review on imaging techniques. J Int Adv Otol 2015; 11(3): 257-61 2 Fey ME et al.: Auditory processing disorder and auditory/language interventions: an evidence-based systematic review. Lang Speech Hear Serv Sch 2011; 42(3): 246-64 3 de Wit E et al.: Characteristics of auditory processing disorders: a systematic review. J Speech Lang Hear Res 2016; 59(2): 384-413 4 Ahmmed AU et al.: Assessment of children with suspected auditory processing disorder: a factor analysis study. Ear Hear 2014; 35(3): 295-305 5 Bench J et al.: On differentiating auditory processing disorder (APD) from attention deficit disorder (ADD): an illustrative example using the Cattell-Horn-Carroll (CHC) model of cognitive abilities. Int J Audiol 2020; 59(3): 224-9 6 Ismen K, Emanuel DC: Auditory processing disorder: protocols and controversy. Am J Audiol 2023; 32(3): 614-39 7 Iliadou VV et al.: A European perspective on auditory processing disorder-current knowledge and future research focus. Front Neurol 2017; 21(8): 622 8 Maggu AR, Overath T: An objective approach toward understanding auditory processing disorder. Am J Audiol 2021; 30(3): 790-5 9 Rouillon I et al.: Auditory processing disorder in children: the value of a multidisciplinary assessment. Eur Arch Otorhinolaryngol 2021; 278(12): 4749-56
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