Neugeborenen-Hörscreening, eEKP und moderne Frühintervention bei Kindern
Autoren:
Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Dominik Riss
Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie
Medizinische Universität Wien
E-Mail: dominik.riss@meduniwien.ac.at
Priv.-Doz. Mag. Dr. Daniel Holzinger
Institut für Sinnes- und Sprachneurologie Krankenhaus Barmherzige Brüder Linz
Klinisches Forschungsinstitut für Entwicklungsmedizin
Johannes Kepler Universität Linz
E-Mail: daniel.holzinger@jku.at
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Der elektronische Eltern-Kind-Pass (eEKP) wird in Österreich ab Herbst 2026 den analogen gelben Mutter-Kind-Pass ablösen: welche Änderungen dies für das Neugeborenen-Hörscreening bringt und welche Aspekte für die optimale Versorgung hörbeeinträchtigter Kinder wichtig sind.
Keypoints
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Neugeborenen-Screening: beidohrig, 2-mal innerhalb des ersten Lebensmonats.
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Bei auffälligem Hörscreening ist die Terminvereinbarung durch den Screener bei der abklärenden Pädaudiologie unerlässlich, um bei Nichterscheinen nachrufen zu können.
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Effektive moderne Frühintervention bedeutet das interdisziplinäre koordinierte Zusammenwirken von Screening und Tracking, HNO-Diagnostik und hörtechnischer Versorgung, enwicklungsmedizinischer Begleitung und familienzentrierter Frühintervention.
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Eine früh begonnene und evidenzbasierte Hörfrühintervention kann altersgerechte Sprachkompetenz bis zum Schuleintrittsalter ermöglichen.
Update zu Neugeborenen-Hörscreening und eEKP
Das universelle Neugeborenen-Hörscreening (NHS) ist eine wesentliche Errungenschaft in der Versorgung von Neugeborenen mit einer Hörstörung. Fast 2 von 1000 Neugeborenen kommen mit einer bleibenden Hörstörung zur Welt.1 Meist tritt die Hörstörung isoliert auf, das heißt, dass das Kind sonst keine Auffälligkeiten aufweist. Es gibt daher keine Hinweise, die auf die Hörstörung hindeuten würden. International beachtete Guidelines sind vom Joint Committee on Infant Hearing ( www.jcih.org ) festgehalten.2 Für Österreich hat die Arbeitsgemeinschaft Audiologie der Österreichischen HNO-Gesellschaft das SAV-Konzept erstellt, welches seit 2017 die Guidelines für den Ablauf des Screenings und der Versorgung von konnatalen Hör-störungen darstellt.3 SAV steht für Screening, Abklärung und Versorgung. Die zeitlichen Benchmarks werden in der 1-3-6-Regel zusammengefasst: Screening im 1. Lebensmonat, Abklärung bis zum 3. Lebensmonat und Versorgung spätestens bis zum 6. Lebensmonat.
Das Neugeborenen-Hörscreening ist aktuell in Österreich im gelben Mutter-Kind-Pass in einer einzigen Zeile im Rahmen der Untersuchungen des Neugeborenen dokumentiert. Es wird weder festgehalten, ob beide Ohren gemessen wurden, noch mit welcher Methode die Messung durchgeführt wurde. Dies ist ein untragbarer Zustand für viele, die mit Hörstörungen im Kleinkindalter zu tun haben.
Was sich mit dem eEKP ändert
Dies soll sich aber schon sehr bald ändern. Wie auch in den Medien berichtet wurde, startet in Österreich der elektronische Eltern-Kind-Pass (eEKP) bereits 2026. Weil sonst die Förderung durch die Europäischen Union gefährdet wäre, entstand ein gewisser Zeitdruck, sodass nun alle ab 1. Oktober 2026 in Österreich festgestellten Schwangerschaften nicht mehr im gelben Mutter-Kind-Pass, sondern im elektronischen Eltern-Kind-Pass erfasst werden.
Was den Untersuchungsablauf betrifft, soll das Neugeborenen-Hörscreening eine eigene elektronische Seite bekommen und Kinderbetreuungsgeld-relevant werden. Es werden die zwei bis maximal drei Hörscreenings, welche innerhalb des ersten Lebensmonats abgeschlossen sein müssen, jeweils separat dokumentiert. Dabei werden auch die auffällige Seite und die angewandte Screening-Methode (otoakustische Emissionen [OAE] oder Hirnstammaudiometrie [BERA]) protokolliert.
Interventionen bei auffälligem Hörscreening
Bei auffälligem Hörscreening ist der Screener laut SAV-Konzept verpflichtet, einen Termin für die weitere Abklärung an einem pädaudiologischen Zentrum zu vereinbaren. Es ist nicht ausreichend, nur eine Überweisung mitzugeben. Die aktiveTerminvereinbarung ist deshalb wichtig, weil das abklärende Zentrum bei Nichteinhalten des Termins die Eltern kontaktieren und nochmals zur Abklärung einladen kann. Diese Intervention ist laut Literatur in 20–35% der Fälle erforderlich und essenziell für die Einhaltung der vorgegebenen Untersuchungszeitfenster.4,5
Das abklärende pädaudiologische Zentrum führt eine ausführliche Untersuchung inklusive Trommelfellbegutachtung und Tympanometrie durch, welche im Rahmen des Screenings noch nicht erforderlich sind. Sollte hierbei ein Paukenerguss festgestellt werden, darf maximal einen Monat gewartet werden, bis eine frequenzspezifische Hirnstammaudiometrie durchgeführt wird.
Liegt eine bleibende Hörstörung vor, so wird eine Hörgeräteversorgung begonnen und eine Hörfrühintervention eingeleitet. Da diese Zeitpunkte (so früh wie möglich!) eine wesentliche Aussagekraft für die Sprachkompetenz haben, werden sie im Rahmen des elektronischen Eltern-Kind-Passes auch dokumentiert.
Kinder mit Hörstörungen, die nicht innerhalb der vorgegebenen Zeitfenster gescreent, abgeklärt und versorgt (Hörgerät+Hörfrühintervention) werden, haben zum 3. Geburtstag massive Sprachdefizite.6 Leider können diese Defizite zumeist nicht mehr aufgeholt werden, sodass auch bei Teenagern diese Unterschiede in der Sprachkompetenz noch nachgewiesen werden können.7
Die Bedeutung moderner Frühintervention
Oberösterreichische Daten zeigen deutliche Effekte der Umsetzung eines verbindlichen Trackings nach auffälligem NHS nach dem oben dargestellten Schema. So konnte der Anteil der Kinder, die vor dem Alter von 6 Monaten (vgl. JCIH-Leitlinie) pädaudiologisch versorgt wurden,2 in zwei repräsentativen Geburtskohorten von 26% auf 81% gesteigert werden. Zudem wurde die Abdeckungsrate des NHS von 91,4% auf 97,6% erhöht.8
Internationale Studien zu sprachlich-kommunikativen und sozioemotionalen Entwicklungsverläufen von Kindern mit kongenitalen Hörstörungen belegen den entscheidenden Einfluss familiären Engagements in der Frühintervention, kombiniert mit früher Erkennung und hörtechnischer Versorgung.9,10 So erklärt die Qualität und erst in zweiter Linie die Quantität der Eltern-Kind-Interaktion einen enormen Anteil von über 30% der sprachlichen Entwicklungsoutcomes Cochlea-implantierter Kinder.11
Unterstützung der Eltern
Das Interaktionsverhalten der Eltern ist oftmals einerseits aufgrund deutlicher Erschütterung durch die Diagnose sowie andererseits aufgrund untypischer oder ausbleibender Hörreaktionen und expressiver Sprachentwicklung des Kindes irritiert. Eltern sind jedoch zumeist die wichtigsten Kommunikationspartner ihres Kindes, die mit Abstand die meiste Zeit mit ihrem Kleinkind verbringen.
Familienzentrierte Frühintervention unterstützt Eltern in der Diagnoseverarbeitung, dies auch über Vernetzung mit gleich betroffenen Eltern (Eltern-Peers). Ihr wiedererlangtes positives psychosoziales Befinden wirkt sich wiederum auf positive Stile der Interaktion mit ihren Kindern und die Akzeptanz hörtechnischer Versorgung aus. Eltern erwerben Kompetenzen im Umgang mit der Hörtechnik, sie erhalten umfangreiche Information, um ihr Verständnis von kindlichen Hörstörungen und von Entwicklungsprädiktoren zu vertiefen. Schließlich erwerben sie, häufig in einem begleiteten Prozess der Beobachtung des eigenen Interaktionsverhaltens betreffend ihr Kind, optimal an ihr Kind und seinen aktuellen Entwicklungsstand angepasste Kommunikationsstrategien. Dies beinhalten die sensitive Lenkung der kindlichen Aufmerksamkeit, das Angebot wahrnehmbaren Sprachinputs, das Timing der Interaktion, häufiges Versprachlichen kognitiver und emotionaler Zustände oder den Einsatz spezifischer Sprachförderstrategien.
Zentral ist hierbei die elterliche Responsivität, d.h. ein Reagieren auf kommunikative Signale des Kindes, und so die Motivationssteigerung des Kindes zu Kommunikationsinitiativen. Sprache wird schließlich nicht passiv, sondern durch häufige aktive Teilnahme des Kindes an Konversationen in einer Vielfalt alltäglicher Situationen erlernt.
In partnerschaftlicher Kooperation mit Fachpersonal werden ausgehend von regelmäßigen Entwicklungskontrollen die Förderstrategien dem aktuellen Entwicklungsprofil des Kindes angepasst. Die Prinzipien moderner familienzentrierter Frühintervention wurden in internationalen Konsensusdokumenten12 zusammengefasst. Sie beinhalten neben dem Grundprinzip eines partnerschaftlichen Miteinanders von Fachpersonal und Familien, der Unterstützung von Eltern bei Entscheidungen auf optimaler Informationsbasis, sozialer und emotionaler Unterstützung von Familien sowie gezielterBegleitung der Eltern-Kind-Interaktion auch den Einsatz assistiver Kommunikationstechnologien und -systeme, den frühen und barrierefreien Zugang zur Frühintervention, qualifiziertes und spezialisiertes Interventionspersonal, das „Navigation“ durch multidisziplinäre Netzwerke bietet, und schließlich multidimensionale Entwicklungsdiagnostik und ständige Qualitätssicherung der Programme.
Die auf der HNO-Jahrestagung 2025 in Linz erstmals präsentierten Ergebnisse der oberösterreichischen AChild-Studie13 zeigen, dass Kinder mit Hörstörungen im Programm FLIP (Familienzentriertes Linzer Frühinterventionsprogramm) im Durchschnitt sprachliche Entwicklungen zeigen, die weitestgehend ihrem nichtsprachlichen Entwicklungsstand entsprechen.
Kinder sind somit bei Verfügbarkeit eines umfassenden Versorgungssystems früher Erkennung, Diagnostik, hörtechnischer Versorgung, entwicklungsmedizinischer Diagnostik, familienzentrierter Frühintervention unter Einschluss von Eltern-zu-Eltern-Support und Kontaktangeboten mit erwachsenen Menschen mit Hörbeeinträchtigung (Abb.1), in der Lage, ihr nonverbales kognitives Potenzial auch sprachlich auszuschöpfen. Die detaillierten Ergebnisse werden demnächst in Fachjournalen veröffentlicht.
Abb. 1: Integrierte Versorgung von Kindern mit Hörstörungen und ihren Familien (modifiziert nach Dall M et al. 2022)13
Literatur:
1 Morton CC, Nance WE: Newborn hearing screening--a silent revolution. N Engl J Med 2006; 354(20): 2151-64 2 Joint Committee on Infant Hearing: Year 2019 Position Statement: Principles and guidelines for early hearing detection and intervention programs (2019). J Early Hearing Detect Intervent 2019; 4(2): 1-44 3 Österreichische Gesellschaft für HNO-Heilkunde und Kopf-und Hals-Chirurgie:SAV-Konzept Österreich. https://www.hno.at/fileadmin/userdaten/uploads/Neugeborenenhoerscreening_Richtlinien_2017.pdf ; zuletzt aufgerufen am 13.1.2026 4 Brockow I et al.: Newborn hearing screening in Bavaria-is it possible to reach the quality parameters? Int J Neonatal Screen 2018; 4(3): 26 5 Ravi R et al.: Follow-up in newborn hearing screening – A systematic review. Int J Pediatr Otorhinolaryngol 2016; 90: 29-36 6 Yoshinaga-Itano C et al.: Early hearing detection and vocabulary of children with hearing loss. Pediatrics 2017; 140(2): e20162964 7 Pimperton H et al.: The impact of universal newborn hearing screening on long-term literacy outcomes: a prospective cohort study. Arch Dis Child 2016; 101(1): 9-15 8 Holzinger D et al.: Development and implementation of a low-cost tracking system after newborn hearing screening in upper Austria: Lessons learned from the perspective of an early intervention provider. Children 2021; 8(9): 743 9 Yoshinaga-Itano C: Successful outcomes for deaf and hard-of-hearing children. Semin Hear 2000; 21(4): 309-26 10 Holzinger D et al.: Early onset of family centred intervention predicts language outcomes in children with hearing loss. Int J Pediatric otorhinolaryngol 2011; 75(2): 256-60 11 Holzinger D et al.: The impact of family environment on language development of children with cochlear implants: A systematic review and meta-analysis. Ear and hearing 2020; 41(5): 1077-91 12 Moeller MP et al.: Family-centered early intervention deaf/hard of hearing (FCEI-DHH): guiding values. J Deaf Studies Deaf Educ 2024; 29(SI): SI8-26 13 Dall M et al.: Understanding the impact of child, intervention, and family factors on developmental trajectories of children with hearing loss at preschool age: design of the AChild study. J Clin Med 2022; 11(6): 1508
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