Komplementäre & integrative Medizin bei Antibiotikaresistenzen und Pandemien
Autor:
Univ.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Peter Panhofer, MBA, MSc. (TCM)
Zentrum für Allgemeinmedizin und Evidenzbasierte Methoden
Medizinische Fakultät
Sigmund Freud PrivatUniversität
Wien
Web: www.medostwest.com
E-Mail: dr.panhofer@medostwest.com
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Komplementäre Behandlungsmethoden können zum Beispiel bei Atemwegsinfekten und Otitis media evidenzbasiert in multimodale Therapiekonzepte der HNO eingebunden werden – vor allem dann, wenn ein entsprechender Patientenwunsch besteht. Auch bei den viralen Pandemien hat sich die Integration von TCM-Kräuterrezepturen zur Prävention und Behandlung bewährt.
Keypoints
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In der Cochrane Library liegt „Complementary & Alternative Medicine“ im Top-10-Ranking der 37 Themenbereiche hinsichtlich der Anzahl der durchgeführten Metaanalysen.
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Probiotika und Phytopharmaka können bei akuter Otitis media von Kindern und bei Atemwegsinfekten den Antibiotikaeinsatz signifikant senken.
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Durch Integration von Kräuterrezepturen der TCM in moderne konventionelle State-of-the-Art-Behandlungen lassen sich multimodale Therapiekonzepte gegen virale Pandemien optimieren.
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Akupunktur kann bei den Indikationen allergische Rhinitis, Rhinosinusitis und bei Schmerzen im Kopf- und Halsbereich evidenzbasiert eingesetzt werden.
Einleitung
„Wenn ich weiter geblickt habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stand.“ (Isaac Newton, 1675) Wahre Innovation und Fortschritt sind, vor allem in der Medizin, ohne Erfahrung und traditionelles Wissen kaum möglich. 2021 waren Antibiotikaresistenzen weltweit mit 4,71 Millionen Todesfällen assoziiert und haben 1,14 Millionen Todesfälle kausal bedingt.1 Die Schätzungen für 2050 liegen optimistisch bei 11,08 Millionen und pessimistisch bei 92,02 Millionen Toten jährlich.
Die komplementäre & integrative Medizin kann auf Basis der zunehmend guten Studienlage evidenzbasiert in die Therapiekonzepte der HNO integriert werden und den Antibiotikaeinsatz bei Mittelohrentzündungen und Atemwegsinfekten signifikant senken. Die Integration von TCM-Kräuterrezepturen vermag die Prävention und Behandlung von viralen Epidemien und Pandemien zu optimieren.
Definition evidenzbasierte Komplementärmedizin
Die Definitionen des National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH) der National Institutes of Health (NIH) sind international anerkannt:2
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Integrativmedizin (NCCIH): Integrative Gesundheit vereint konventionelle und komplementäre Ansätze auf koordinierte Weise.
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Komplementärmedizin (NCCIH): Wenn ein Nicht-Mainstream-orientierter Ansatz zusammen mit der konventionellen Medizin verwendet wird, wird er als „komplementär“ betrachtet.
Prof. David L. Sackett begründete die moderne evidenzbasierte Medizin und definierte sie folgendermaßen: Integration individueller klinischer Expertise mit der bestmöglichen externen Evidenz aus systematischer Forschung sowie Einbindung der Werte und Wünsche der Patient:innen.3 Die Qualität/Sicherheit der Evidenz, sprich, wie sicher der beobachtete Effekt „wahr“ ist und wie stark eine medizinische Empfehlung (für Leitlinien) ausgesprochen werden kann, wird mit der GRADE(Grading of Recommendations, Assessment, Development & Evaluation)-Klassifikation erhoben.4
Externe Evidenz der Komplementärmedizin
Der höchste Grad der Evidenz zeigt sich bei Metaanalysen und systematischen Reviews (MASR) von randomisiert kontrollierten Studien („randomized controlled studies“; RCT). International gilt die unabhängig agierende Cochrane Collaboration als Goldstandard für Metaanalysen. Mit Stand 31.12.2025 gab es 9531 publizierte MASR, wobei der Themenbereich „complementary & alternative medicine“ (CAM; Komplementär- und Alternativmedizin) auf Platz 7 von 37 Themenbereichen liegt (Abb. 1). Zu den Top-5-CAM-Therapien zählen „Supplemente“, „Phytotherapie“, „Ernährungsmedizin“, „Akupunktur“ und „physikalisch basierte Therapien“ (Abb.1). Im CAM-Segment wurden 41 MASR zum Themenbereich „Lunge & Atemwege“ und 19 MASR zum Themenbereich „Hals, Nasen & Ohren“ durchgeführt.
Abb. 1: Metaanalysen und systemische Reviews der Cochrane Collaboration: Top-10-Themen (modifiziert nach Panhofer P 2026)
CAM-Therapie Top 1: Supplemente
Eine Cochrane-MASR bestätigte, dass Vitamin C bei der Prävention und Therapie der banalen Erkältung eingesetzt werden kann.5 In der Normalbevölkerung zeigten sich kleine, aber signifikante Effekte, wobei Personen mit besonderer Belastung massiv von Ascorbinsäure profitierten (Tab.1). Insgesamt konnten Krankheitsdauer und Schweregrad der Symptome signifikant reduziert werden.
Tab. 1: Metaanalysen und systematische Reviews (MASR) zu Therapien der komplementären Medizin bei HNO-Indikationen (modifiziert nach Panhofer P 2026)
Eine weitere Cochrane-MASR attestierte Zink eine signifikante Reduktion der Mittelohrinfekte, besonders bei mangelernährten Kindern6 (Tab.1). Das Risiko einer systematischen Verzerrung („risk of bias“; RoB) war in beiden MASR insgesamt niedrigund die Aussagekraft damit moderat bis hoch.
Eine rezente Netzwerk-MASR analysierte orale Nahrungsergänzungsmittel zur Prävention von Atemwegsinfektionen (Tab.1).7 Die Inzidenz von respiratorischen Infekten konnte mit Catechinen, antimikrobiellen sekundären Pflanzenstoffen, Bifidobacterium animalis und Multistamm-Probiotika am besten gesenkt werden. Bei Influenza und Covid-19 wirkte Vitamin D als beste Prävention. Multistamm-Probiotika und Catechine konnten zudem die Dauer der Atemwegsinfekte, Multistamm-Probiotika auch die Symptomschwere von respiratorischen Infekten signifikant verändern.
CAM-Therapie Top 2: Phytotherapie
In der rezenten ERA-PRIMA MASR vermochte Echinaceaspecies die Antibiotikagabe durch die Prävention von Atemwegsinfekten signifikant zu senken (Tab.1). 8 Zudem wurde durch den Einsatz der antimikrobiellen und immunmodulierenden Phytopharmaka das Risiko für Rezidive und Komplikationen von respiratorischen Infekten klinisch relevant reduziert. Der RoB war gering bis moderat und die Qualität der Evidenz damit akzeptabel.
Eine ältere Cochrane-MASR konnte eine signifikante Genesungsrate von Halsschmerzen durch die Kräuterrezepturen der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) Fufang Caoshanhu Hanpian, Ertong Qingyan Jiere Koufuye und die Yanhouling-Mixtur detektieren. Allerdings war das RoB hoch und die Qualität der Evidenz damit sehr gering und nicht sicher (Tab.1).9
Ein rezentes systematisches Review von 68 MASR unterstrich die Überlegenheit einer Kombination von TCM-Kräuterrezepturen mit konventioneller Medizin gegenüber alleiniger konventioneller Medizin bei der Behandlung von Covid-19 (Tab.1).10 Über 90% der Analysen zeigten, dass die Wirksamkeit der Behandlung, der Schweregrad der Covid-19-Infektion und der Krankheitsverlauf anhand von Lungen-CT sowie CRP durch die integrative Nutzung von TCM-Kräutern optimiert worden waren. Bei einem Fünftel der Analysen konnten die Nebenwirkungen einer Covid-19-Behandlung durch die TCM-Integration sogar signifikant gesenkt werden, während unerwünschte Wirkungen durch die Phytotherapie nicht signifikant häufiger auftraten.
CAM-Therapie Top 3: Ernährungsmedizin
Laut einer Cochrane-MASR konnten Probiotika die Otitis-media-Rezidive bei Kindern signifikant verhindern und dadurch den Einsatz von Antibiotika um ein Drittel senken (Tab.1).11 Die Qualität der Evidenz war insgesamt moderat.
In einer weiteren MASR zeigte der Einsatz von Prä-/Pro-/Synbiotika bei allergischer Rhinitis signifikante Effekte auf den Total Nasal Symptom Score (TNSS), den allgemeinen Nasenzustand und die Lebensqualität(Tab.1).12 Der Großteil der Analysen (43/53: 82,7%) hatte eine hohe oder moderate Qualität der Evidenz.
CAM-Therapie Top 4: Akupunktur
Laut einem systematischen Review zählen Gesichtsschmerz und allergische Rhinitis seit 2002 zu den 28 geprüften WHO-Indikationen für Akupunktur.13 Herpes-zoster-Neuralgien, Hals- und Ohrenschmerzen, Fazialisparese, Epistaxis und die temporomandibuläre Dysfunktion fallen unter die 64 WHO-Indikationen mit therapeutischem Effekt der Akupunktur. Zu den 25 vom obersten Sanitätsrat der Republik Österreich anerkannten Akupunktur-Indikationen zählen „Kopfschmerzen“, „allergische Rhinitis“, „Sinusitis“ und „Asthma bronchiale“.14
Drei nachfolgende große systematische Reviews evaluierten in einem „evidence mapping“ Akupunkturindikationen im Zeitraum von 2005 bis 2022.15–17 Klare positive Effekte zeigt Akupunktur bei allergischer Rhinitis16 und bei Schmerzen im Kopfbereich.15–17 Weitere potenziell positive Effekte erzielt Akupunktur auch bei temporomandibulärer Dysfunktion,15,16 bei Rhinosinusitis,17 bei Fazialisparese,17 bei postoperativen Halsschmerzen17 sowie bei Herpes-zoster-Neuralgien17 (Tab.1). Die Qualität der Evidenz wird als moderat bis hoch eingestuft.
CAM-Therapie Top 5: physikalisch basierte Therapie
Eine kleine MASR konnte zeigen, dass die hyperbare Sauerstofftherapie die Rate einer 25%igen Steigerung der Hörschwelle um 30% erhöht (Tab.1).18 Die Qualität der Evidenz war insgesamt moderat.
Zusammenfassung
Komplementäre Behandlungsmethoden können ganz klar evidenzbasiert in multimodale Therapiekonzepte der HNO eingebunden werden, vor allem, wenn ein entsprechender Patientenwunsch besteht. Die Akupunktur kann insbesondere bei (chronischen) Schmerzen im Kopfbereich und bei der allergischen Rhinitis eingesetzt werden. Probiotika und Phytopharmaka (Echinacea species) sind in der Lage, Atemwegsinfekte und Mittelohrentzündungen signifikant zu reduzieren und zu verhindern. Sie helfen dabei, den Einsatz von Antibiotika einzudämmen – ein wichtiger Schritt im Kampf gegen die exponentiell ansteigenden Antibiotikaresistenzen, die die globale Gesundheitspolitik schon jetzt vor große Herausforderungen stellen.
Bei viralen Pandemien hat die Integration von TCM-Kräuterrezepturen während der zwei großen Coronaausbrüche (SARS, Covid-19) den Erfolg in der Prävention und Behandlung eindrücklich bewiesen.
Literatur:
1 GBD 2021 Antimicrobial Resistance Collaborators: Global burden of bacterial antimicrobial resistance 1990-2021: a systematic analysis with forecasts to 2050. Lancet 2024; 404(10459): 1199-226 2 https://www.nccih.nih.gov/health/complementary-alternative-or-integrative-health-whats-in-a-name ; zuletzt aufgerufen am 19.1.2026 3 Sackett DL et al.: Evidence based medicine: what it is and what it isn’t. BMJ 1996; 312(7023): 71-2 4 Guyatt GH et al.: Going from evidence to recommendations. BMJ 2008; 336(7652): 1049-51 5 Hemilä H, Chalker E: Vitamin C for preventing and treating the common cold. Cochrane Database Syst Rev 2013; 2013(1): CD000980 6 Gulani A, Sachdev HS: Zinc supplements for preventing otitis media. Cochrane Database Syst Rev 2014; 2014(6): CD006639 7 Zhu Z et al.: Comparative effectiveness of oral nutritional supplements in preventing respiratory tract infections among adults: a systematic review and network meta-analysis. EClinicalMedicine. 2025; 88: 103479 8 Gancitano G et al.: Echinacea Reduces Antibiotics by Preventing Respiratory Infections: A Meta-Analysis (ERA-PRIMA). Antibiotics (Basel). 2024; 13(4): 364 9 Huang Y et al.: Chinese medicinal herbs for sore throat. Cochrane Database Syst Rev 2012; 2012(3): CD004877 10 Panhofer P et al.: TCM-Phytotherapie und klassische Akupunktur bei viralen Epidemien. In: Prävention und Therapie viraler Epidemien: Immunsystem stärken mit der evidenzbasierten Integrativen Medizin. Berlin, Heidelberg: Springer, 2024. https://doi.org/10.1007/978-3-662-67508-3_11;zuletzt aufgerufen am 14.1.202611 Scott AM et al. Probiotics for preventing acute otitis media in children. Cochrane Database Syst Rev 2019; 6(6): CD012941 12 Liu D et al.: Efficacy and safety of gastrointestinal microbiome supplementation for allergic rhinitis: A systematic review and meta-analysis with trial sequential analysis. Phytomedicine 2023; 118: 154948 13 World Health Organization (WHO): Acupuncture: review and analysis of reports on controlled clinical trials 2002 . https://chiro.org/acupuncture/FULL/Acupuncture_WHO_2003.pdf3.pdf ; zuletzt aufgerufen am 14.1.2025 14 https://www.sozialversicherung.gv.at/cdscontent/content_print.xhtml?contentid=10007.844294 ; zuletzt aufgerufen am 19.1.2026 15 Hempel S et al.: Evidence map of acupuncture. Washington DC: U.S. Departmentof Veterans Affairs 2014; https://www.hsrd.research.va.gov/publications/esp/acupuncture.cfm ; zuletzt aufgerufen am 12.1.2026 16 McDonald J, Janz S: The Acupuncture Evidence Project. Australian Acupuncture and Chinese Medicine Association Ltd 2017; https://acupuncture.org.au/resources/publications/the-acupuncture-evidence-project ; zuletzt aufgerufen am 12.1.2026 17 Hempen M, Hummelsberger J: The state of evidence in acupuncture: A review of metaanalyses and systematic reviews of acupuncture evidence (update 2017-2022). Complement Ther Med 2025; 89: 103149 18 Bennett MH et al.: Hyperbaric oxygen for idiopathic sudden sensorineural hearing loss and tinnitus. Cochrane Database Syst Rev 2012; 10(10): CD004739
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