„Auf die nächste Generation warten besondere Herausforderungen“
Unser Gesprächspartner:
Prim. Univ.-Prof. Dr. Gerd Rasp
Vorstand der Universitätsklinik für Hals-Nasen-Ohren-Krankheiten
Uniklinikum Salzburg
E-Mail: g.rasp@salk.at
Das Interview führte Mag. Andrea Fallent
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Wir sprachen mit Prim. Univ.-Prof. Dr. Gerd Rasp, Universitätsklinik für Hals-Nasen-Ohren-Krankheiten am Uniklinikum Salzburg, über seine Ziele als Präsident der HNO-Gesellschaft, aktuelle Forschungsschwerpunkte und dringende gesundheitspolitische und gesellschaftliche Maßnahmen.
Blick nach vorne, nicht nach hinten“, lautet das Motto von Prim. Univ.-Prof. Dr. Gerd Rasp, Salzburg, in Bezug auf die Entwicklungen und Herausforderungen in der Medizin und seine Verantwortung als Klinikvorstand und Präsident der Österreichischen HNO-Gesellschaft. Im Interview mit JATROS Pneumologie & HNO erläutert Rasp seine vorrangigen Anliegen, wissenschaftliche Errungenschaften seines Fachbereichs und das besondere Motto des kommenden HNO-Kongresses in Salzburg.
Welche Themen liegen Ihnen als amtierendem Präsidenten der Österreichischen HNO-Gesellschaft besonders am Herzen?
G. Rasp: Mir liegt besonders am Herzen, dass die Weiterentwicklung, die in unserem Fach Tradition hat, voranschreitet. Ich möchte die technischen Innovationen, auch jene im Rahmen der Ausbildung beziehungsweise in Lehrkonzepten, in den Vordergrund stellen. Daher auch das bewusst gewählte Motto „Next Generation“ für den HNO-Kongress 2026 in Salzburg. Auf die nächste Generation warten besondere Herausforderungen und darauf muss die Gesellschaft vorbereitet sein: Blick nach vorne, nicht nach hinten.
Stichwort Herausforderungen. Welcher Art sind denn die Herausforderungen, mit denen in Zukunft zu rechnen ist?
G. Rasp: Einerseits haben wir in der arbeitenden Population das Generationenthema. Wenn die Boomer als sehr geburtsstarke Jahrgänge aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, stehen schlicht und ergreifend weniger Leute zur Verfügung. Damit ändern sich Lebensmodelle ganz erheblich und vieles gerät aus den Fugen. Heute arbeitet man nicht mehr 60 bis 80 Stunden pro Woche, weil sonst die Familie auseinanderbricht. Und dementsprechend ist es heutzutage oft auch so, dass man für eine Stelle, die vorher ein Mitarbeiter ausgefüllt hat, zwei braucht.
Zudem wurde die Kassenmedizin im niedergelassenen Bereich so erfolgreich in ihrer Attraktivierung heruntergefahren, dass sich in manchen Fachbereichen keine jungen Ärzte mehr finden. Wir leisten uns viele Funktionäre und Verwaltungsreformen in dem Bereich, aber davon kommt nicht mehr viel beim Patienten an.
Dann ist die Kontaktzeit am Patienten im Rahmen der Ausbildung in der Medizin ein großes Thema. Da sind wir auch wieder bei den früheren 60 bis 80 Wochenstunden. Es ist einerseits eine sehr gute Entwicklung, dass Mediziner nicht mehr völlig enthemmte Arbeitszeiten haben. Aber auf der anderen Seite bedeutet das für die Lehre und die Ausbildung natürlich auch erhebliche Einschränkungen. Zum Beispiel gibt es kaum mehr Kontinuität in der Arbeit. Sinnvolle Regelungen führen dazu, dass man einen Patienten, den man behandelt oder operiert hat, nicht mehr kontinuierlich drei, vier Tage hintereinander sieht. Das ist für die Ausbildung suboptimal. Aber auch im Bereich der Führung ergeben sich durchaus Probleme mit Nachbesetzungen.Schon allein das jetzige Niveau zu halten, ist eine enorme Herausforderung.
Auf welchen Forschungsprojekten liegt an Ihrer Abteilung der Fokus?
G. Rasp: Forschung im Bereich der HNO betrifft die drei großen Themen Otologie, Rhinologie und Tumorerkrankungen. Und als viertes noch die Versorgungsforschung, die ein bisschen stiefmütterlich behandelt wird. Sie geht der Frage nach: Wie geht es dem Patienten nach Maßnahme A, nach Maßnahme B und so weiter?
Konkret können wir in meinem Team über einige Forschungsbereiche berichten, die sich durchaus sehr positiv entwickeln. An der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg, an der PMU, gibt es zum Beispiel eine sehr aktive Forschergruppe, die sich mit bestimmten Membranproteinen beschäftigt, die auch im Innenohr eine Rolle spielen. Ein anderes Beispiel: Einer meiner Oberärzte hat ein Mausmodell etabliert, mit dem man sehr differenziert in die molekulare Thematik von Hörstörungen reingehen kann. Das ist ein wichtiges Zukunftsthema. Zu den Tumorbehandlungen gibt es interessante Versorgungsforschungsaspekte, zu denen PhD-Arbeiten laufen. In den Bereichen Immunologie und Biologicals sind wir ebenfalls sehr aktiv.
Was waren Ihrer Einschätzung nach die größten Meilensteine in der HNO-Forschung der vergangenen Jahre?
G. Rasp: Entscheidende Meilensteine sind die computerbasierte Navigation, zu der wir an der Klinik viel Entwicklungsarbeit mitgeleistet haben, und die Robotik, die vor allem für Eingriffe über die Mundhöhle genützt wird. Es gibt zudem schon erste Ansätze, gewisse Ohroperationen robotisch zu machen. Das gilt auch für die Chirurgie der Nase, die zahlenmäßig den größten Anteil bei uns ausmacht, sobald es da geeignete Systeme gibt. Es wird banal mit einem Roboterarm anfangen, der das Endoskop hält und dabei nicht ermüdet. Mit diesen Schritten wird die Chirurgie a) einfacher werden, b) besser und c) wird man vor allem die „Lebensdauer“ von Chirurgen verlängern, weil die Haltung während Operationen generell alles andere als gesund für die Wirbelsäule ist. Ein robotisches System wird dann eine ergonomische Position ermöglichen. Komplexe Eingriffe, für die man vorher fünf Personen gebraucht hat, kann man so mit zwei Mitarbeitern inklusive Assistenz durchführen. Was allen Erbsenzählern bezüglich der Anschaffungskosten den Wind aus den Segeln nimmt, weil Personal die meisten Kosten verursacht.
Neben diesem technischen Bereich gibt es seit einiger Zeit im großen Umfang monoklonale Antikörper und „small molecules“, die sehr gezielt in Stoffwechselvorgänge eingreifen. Sie erweitern die therapeutischen Möglichkeiten insbesondere in der Rhinologie, aber auch in der Tumortherapie. Meistens sind die Kosten für diese Wirkstoffe sehr viel höher als für das, was wir vorher zur Verfügung hatten, aber die Wirkung ist auch sehr viel spezifischer – insbesondere für Patientengruppen, denen wir bis jetzt nicht wirklich gut helfen konnten. Auch im Bereich der virusbedingten Tumorerkrankungen, Stichwort humane Papillomaviren – HPV – oder auch Epstein-Barr-Viren, tut sich viel, nicht nur in der allgemeinen Wahrnehmung. Derzeit wird die erste therapeutische Impfung bei HPV-Tumoren in Studien geprüft, die vor allem bei den häufig mit HPV assoziierten Oropharynxkarzinomen zum Einsatz kommen könnte. Einen Tumor mit einer Impfung behandeln zu können, wäre eine sehr erstrebenswerte Bereicherung.
Sie haben mit der ARGE Rhinologie und Schädelbasischirurgie eine neue Arbeitsgemeinschaft innerhalb der Österreichischen HNO-Gesellschaft initiiert. Im Zentrum steht ein innovatives Register zur Datenerfassung bei Patienten mit Nasenpolypen. Gibt es dazu ein Update?
G. Rasp: Das Projekt ist auf der Zielgeraden. Die Programmierung, die Auswertung sind jetzt noch am Laufen, auch der Ethikkommissionsantrag. Ich hoffe, dass wir das Projekt dieses Jahr fertig bekommen, sodass dann bald jeder damit arbeiten und die Benefits nützen kann. Die künstliche Intelligenz dieser Datenbank kann zum Beispiel Patienten automatisch nach einem bestimmten Zeitraum per SMS oder E-Mail daran erinnern, einen Online-Fragebogen zur Therapie auszufüllen, was ohne KI einen riesigen administrativen Aufwand bedeutet. Im Endeffekt geht es um merkliche Verbesserungen für den Patienten.
Der kommende österreichische HNO-Kongress im September in Salzburg steht wie bereits erwähnt unter dem Motto „Next Generation – verstehen, verbinden, verändern“. Was wird die Teilnehmer dort erwarten?
G. Rasp: Erwarten wird die Teilnehmer ein Kongress, der in manchen Teilbereichen anders ist, als sie das bisher kennen. Ich will zur Umsetzung aber noch nicht allzu viel verraten. Meistens ist es in Organisationen so, dass eine Generation in der Führung sitzt, die dann vieles nach ihren Bedürfnissen und Erlebenswelten vorgibt. Das haben wir anders gemacht. Unser Organisationsteam ist von der Generation Z bis zum Boomer aufgestellt (Abb.1) und dementsprechend haben wir auch gewisse Aspekte an die „next generation“ angepasst.
Abb. 1: Das Organisationsteam des kommenden HNO-Kongresses: Dr. Johanna Felber, Mag. Heidi Hohensinn, OÄ Dr. Patricia Bäck, OÄ Dr. Magdalena Stocker, OÄ Dr. Ursula Unterberger, MSc, Dr. Bernhard Stecher, Prim. Univ.-Prof. Dr. Gerd Rasp (v.l.n.r.)
Gibt es generelle Entwicklungen in der Medizin, die Sie mit Sorge verfolgen?
G. Rasp: In Österreich ist jeder über die Krankenkassen pflichtversichert und die Anspruchshaltung der Versicherten ist dementsprechend groß. Es wird einen Shift geben und dieser Shift ist in Österreich sogar schon relativ weit fortgeschritten – noch auf eine verträgliche Weise. Zum Beispiel mit dem Wahlarzt- versus Kassenarztsystem, bei dem sich der Anteil der Behandlungskosten immer mehr in die private Richtung verschiebt. Diese Entwicklung wird in Hinblick auf die Zugänglichkeit zur Medizin eine Schere in unserer Gesellschaft aufmachen, die mich mit einer gewissen Sorge erfüllt.
Was mich mit ganz großer Sorge erfüllt, ist, wie man mit den Herausforderungen der Zukunft umgeht. Wir haben eine alternde Gesellschaft und wir wissen, dass in der Endphase des Lebens 80% der Gesundheitskosten entstehen. Daher muss sich die Gesellschaft entscheiden, wo sie die vorhandenen Mittel zukünftig investieren wird, damit das Gesundheitssystem finanzierbar bleibt. Kurz gesagt: Wir müssten eigentlich heute vermehrt in die Gesundheit der Kinder investieren, denn um die Kindergesundheit ist es nicht so toll bestellt. Da klaffen Realität und Notwendigkeit auseinander. Man weiß heute, dass medizinische Maßnahmen bei einem sehr jungen Menschen sehr kosteneffizient sind, zum Beispiel wenn man einem taub geborenen Kind ein Implantat für 50000 bis 80000 Euro und damit einen üblichen beruflichen Werdegang ermöglicht. Dem gegenüber steht ein Mensch am Lebensende, wo hohe finanzielle Investitionen, zum Beispiel im Zuge einer modernen Tumortherapie, meist eine Lebensverlängerung um wenige Monate bewirken. Ich glaube, in diesem Bereich muss in der Gesellschaft ein Denkprozess einsetzen, was sie sich in Zukunft leisten will. Das wird ein schmerzlicher Prozess werden, aber er ist unumgänglich.
Welche allgemeinen Entwicklungen in der Medizin empfinden Sie als positiv?
G. Rasp: Dass in vielen Bereichen leitliniengerecht behandelt wird, also die zunehmende Berücksichtigung der evidenzbasierten Medizin, hebt den Standard. Qualitätsmanagement und Zertifizierungen verbessern in ersten Teilbereichen ebenfalls die Patientenversorgung, wenn man zum Beispiel an Operationen bei Pankreastumoren denkt. Es ist sinnvoll, dass diese komplexen Eingriffe zertifizierten Zentren vorbehalten sind, wo der Eingriff mindestens 25-mal im Jahr durchgeführt wird. Ähnlich werden sich Operationen von Kindern unter drei Jahren zwangsläufig auf wenige Zentren konzentrieren, die über ein Kinderanästhesie-Team und eine Kinderintensivstation verfügen, wo man die Kinder schnell adäquat überwachen kann. In solche versorgungsrelevanten Regionen werden wir zukünftig vorstoßen, was wahrscheinlich für unsere Medizinlandschaft deutliche Änderungen bedingt.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
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