30 Jahre Urogynäkologie
OA Dr. Stephan Kropshofer
Leitender Oberarzt Urogynäkologie, stationsführender Oberarzt
Universitätsfrauenklinik Innsbruck
E-Mail: stephan.kropshofer@tirol-kliniken.at
Dr. Greta Carlin
Universitätsklinik für Frauenheilkunde
Medizinische Universität Wien
E-Mail: greta.carlin@meduniwien.ac.at
Drei Jahrzehnte im Wandel der Urogynäkologie: OA Dr. Stephan Kropshofer zieht Bilanz einer Entwicklung, die insbesondere durch die erfolgreiche Etablierung spezialisierter Beckenbodenzentren geprägt wurde und die Versorgung nachhaltig verbessert hat. Dr. Greta Carlin blickt nach vorn und sieht die Zukunft in individualisierten Therapiekonzepten – weg vom „One size fits all“-Ansatz hin zu maßgeschneiderter Diagnostik und Behandlung.
Was hätten wir vor 30 Jahren nicht für möglich gehalten?
S. Kropshofer: Vor 30 Jahren war der Umbruch im Bereich der Stressinkontinenzbehandlung von der doch eher invasiven Kolposuspension zur einfach administrierbaren suburethralen (TVT) Operation ein sogenannter „game changer“. Niemandem war klar, wie auf diesem Gebiet die Behandlung der Inkontinenz deutlich verbessert werden würde.
Was war der größte Erfolg in den letzten 30 Jahren?
S. Kropshofer: Den größten Erfolg sehe ich nicht in der Entwicklung neuer Techniken, sondern in der Implementation von Beckenbodenzentren in fast allen österreichen Bundesländern und in der teilweisen „Enttabuisierung“ des mit Scham behafteten Krankheitsbildes.
Was war der größte Irrtum der letzten 30 Jahre?
S. Kropshofer: Der größte Irrtum war meiner Meinung nach die zu unkritische Übernahme des chirurgischen Einbaus von Netzen von der (Hernien-)Chirurgie in den vaginalen Anwendungsbereich. Die unüberprüfte Übernahme hätte durch etwas diffizilere Überprüfung der Nebenwirkungen besser gehandelt werden können.
Was aus den letzten 30 Jahren sollte unbedingt bewahrt werden?
S. Kropshofer: Was unbedingt bewahrt werden sollte, ist die Unverwechselbarkeit unseres Fachgebietes: Die vaginale Chirurgie bietet insbesondere auch in der Senkungstherapie einen uniquen Zugangsweg mit geringen Komplikations- und hohen Erfolgsraten, welche nur durch Gynäkolog:innen durchgeführt werden kann.
Was werden wir in 30 Jahren rückblickend erstaunt betrachten?
G. Carlin: Unsere Diagnostik war über lange Zeit erstaunlich wenig standardisiert. Ich bin überzeugt, dass künstliche Intelligenz hier vieles verändern wird, etwa beim Beckenboden-Ultraschall, in der MRT oder in der Urodynamik, und damit zu objektiveren und besser vergleichbaren Ergebnissen führen kann.Gleichzeitig haben die Debatten rund um Medizinprodukte oft eine enorme Polarisierung gezeigt. Das Thema Mesh ist dafür ein gutes Lehrbeispiel, weil es deutlich macht, wie schwierig es ist, Innovation, Patientensicherheit und eine angemessene Kommunikation miteinander in Einklang zu bringen. Und schließlich hat man gesehen, dass Lifestyle-Technologien der wissenschaftlichen Evidenz häufig voraus waren. Verfahren wie Lasertherapien wurden bereits breit eingesetzt, obwohl die Datenlage dafür lange Zeit vergleichsweise dünn war.
Was wird der größte Erfolg in den kommenden 30 Jahren sein?
G. Carlin: Wir bewegen uns zunehmend weg vom „One size fits all“-Ansatz. Entscheidend wird ein besseres Matching sein – also die Frage, welche Patientinnen wirklich von Physiotherapie, einem Pessar, medikamentösen Optionen oder einer Operation profitieren und bei wem diese Maßnahmen weniger sinnvoll sind.Gleichzeitig stehen wir vor der Herausforderung, eine hochwertige Versorgung trotz steigender Patientinnenzahlen sicherzustellen. Durch die demografische Entwicklung sehen wir mehr ältere Patientinnen und damit auch einen wachsenden Behandlungsbedarf – bei gleichzeitig gleichbleibend hohen Qualitätsansprüchen.Ein weiterer wichtiger Punkt sind klar definierte Standards. Sie sind die Grundlage dafür, Ergebnisse besser vergleichen zu können – sowohl in der klinischen Praxis als auch in der Forschung.
Was könnte der nächste große Irrtum in den kommenden 30 Jahren sein?
G. Carlin: Ein möglicher nächster großer Irrtum wäre aus meiner Sicht, erneut auf ein vermeintliches „Wundermittel“ zu setzen, ohne belastbare harte Endpunkte und ausreichende Langzeitdaten zu haben. Gerade im Device-Bereich sehen wir oft, dass Innovationen schneller verbreitet werden als die evidenzbasierte Absicherung durch randomisierte Studien.Hinzu kommt die Gefahr überzogener Heilungsversprechen. Erkrankungen des Beckenbodens sind häufig chronisch und multifaktoriell – das bedeutet, dass sich nicht alles vollständig „wegtherapieren“ lässt, sondern oft ein realistisches Erwartungsmanagement notwendig ist.
Was sollte in den nächsten 30 Jahren unbedingt gewahrt bleiben?
G. Carlin: Was auf jeden Fall erhalten bleiben muss, sind eine konsequente Patientinnenzentrierung und eine ehrliche Aufklärung. Dazu gehört auch, Unsicherheiten transparent zu machen und realistische Erwartungen zu vermitteln, anstatt falsche Hoffnungen zu wecken.Ebenso zentral sind eine saubere Indikationsstellung und solides chirurgisches Handwerk. Techniken und Methoden mögen sich im Laufe der Zeit verändern, aber die grundlegenden Prinzipien guter Chirurgie bleiben bestehen.Und nicht zuletzt ist Interdisziplinarität entscheidend. Die optimale Versorgung gelingt nur im Zusammenspiel verschiedener Fachbereiche – von der Urogynäkologie und Urologie über Physiotherapie bis hin zu Hebammen und Pflege.
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