30 Jahre Berufspolitik
o. Univ.-Prof. Dr. Peter Hussleinem
Vorstand der Universitätsklinik für Frauenheilkunde
Wien
E-Mail: ph@husslein.at
DDr. Nadja Taumberger
Abteilung Gynäkologie
Krankenhaus der Barmherzigen Brüder
Graz und Medizinische Universität Graz
E-Mail: nadja.taumberger@medunigraz.at
Drei Jahrzehnte berufspolitischer Entwicklungen in der Frauenheilkunde: Univ.-Prof. Dr. Peter Husslein spricht über die Entwicklung der Selbstbestimmungsrechte für Schwangere und den grenzenlosen Glauben an die Technik. DDr. Nadja Taumberger richtet den Blick in die Zukunft und diskutiert, welche Rolle künstliche Intelligenz künftig in Entscheidungsprozessen, Versorgung und ärztlicher Verantwortung spielen wird.
P. Husslein: Die eindrucksvollen Erfolge der Reproduktionsmedizin, aber auch die Tatsache, dass die Komplikationsrate der geplanten Sectio – unter anderem durch die Verbesserung der Spinalanästhesie – so niedrig ist, dass man sie als Alternative zum Versuch einer vaginalen Geburt diskutieren kann.
Was war der größte Erfolg in den letzten 30 Jahren?
P. Husslein: Die Akzeptanz der Patientin beziehungsweise Schwangeren als Partnerin in einem Dialog, in dem der Arzt seine medizinische Kompetenz und die Patientin ihre Kompetenz über ihre Lebensführung einbringt.
Was war der größte Irrtum der letzten 30 Jahre?
P. Husslein: Der Glaube an die grenzenlosen Möglichkeiten der Technik: Eine MR-Vermessung des Beckens zur Prognose eines vaginalen Geburtsversuchs war ebenso erfolglos wie die Einführung der KI zur besseren Interpretation des CTG; vollends gescheitert ist die Vorstellung, dass moderne Geburtshilfe darin besteht, im Kreißsaal alle mütterlichen und kindlichen Parameter durch Geräte zu überwachen und die persönliche Betreuung dadurch reduzieren zu können.
Was aus den letzten 30 Jahren sollte unbedingt bewahrt werden?
P. Husslein: Der Frauenarzt sollte als ganzheitlicher Betreuer von der Pubertät bis ins hohe Alter – idealerweise über die Facharztgrenzen hinaus – der „Hausarzt der Frau“ bleiben, naturgemäß unter Einbeziehung von Spezialist:innen, dort, wo es notwendig ist.
N. Taumberger: Ich denke, dass wir in 30 Jahren rückblickend überrascht sein werden, wie viele Aufgaben wir im Jahr 2025 noch manuell erledigt haben. KI und computergestützte Systeme werden unseren Berufsalltag grundlegend verändern. Bestimmte Algorithmen und Assistenzsysteme werden unsere Arbeitsweise so stark prägen, dass es künftig kaum mehr vorstellbar sein wird, wie wenig wir heute noch digital unterstützt arbeiten.
Was wird der größte Erfolg in den kommenden 30 Jahren sein? N. Taumberger: Ich denke, der größte Erfolg wird die Kombination aus KI und menschlicher Intelligenz sein. Das Zusammenspiel dieser beiden hochentwickelten Systeme hat das Potenzial, die Qualität der Medizin in vielen Bereichen deutlich zu verbessern – etwa in der Radiologie, bei der Befundung sowie in der chirurgischen Therapie. Darüber hinaus wird die fortschreitende Digitalisierung zu einer spürbaren Entlastung führen, beispielsweise für Ordinationsassistentinnen im telefonischen Bereich, da zahlreiche Abläufe automatisiert werden.
Was könnte der nächste große Irrtum in den kommenden 30 Jahren sein?
N. Taumberger: Ein mögliches Risiko besteht darin, dass menschliche Expertise zunehmend durch ein übermäßiges Vertrauen in KI verdrängt wird. Ich denke, der Schlüssel zum Erfolg liegt jedoch in der Kombination beider Systeme. Wenn grundlegende Fertigkeiten und Basiskompetenzen in der medizinischen Ausbildung vernachlässigt werden, besteht die Gefahr, dass sich Ärztinnen und Ärzte zu stark auf technische Unterstützung verlassen und essenzielles Fachwissen verloren geht.
Was sollte in den nächsten 30 Jahren unbedingt bewahrt bleiben?
N. Taumberger: Etwas, das bereits in den vergangenen Jahrzehnten zu kurz gekommen ist und unbedingt bewahrt bzw. stärker gefördert werden sollte, sind der klinische Hausverstand sowie eine patientenzentrierte Diagnostik. Entscheidend ist, sich nicht ausschließlich auf Laborbefunde zu stützen, sondern den Menschen als Ganzes in den Mittelpunkt zu stellen. In dem Moment, in dem wir primär Befunde behandeln und nicht mehr die Person dahinter sehen, verlieren wir als Ärztinnen und Ärzte unsere Menschlichkeit – und damit auch eines der wesentlichsten Unterscheidungsmerkmale gegenüber der KI.
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