Hundert Jahre Klimakterium
Autor:
Univ.-Ass. Prof. Dr. Markus Michael Metka
Facharzt für Frauenheilkunde
Präsident der Österreichischen Anti-Aging-Gesellschaft und Präsident der Österreichischen Meno-/Andropause-Gesellschaft
Wien
E-Mail: office@markusmetka.com
Das Klimakterium ist weit mehr als eine hormonelle Übergangsphase. Es spiegelt wie kaum ein anderes medizinisches Thema den Wandel wissenschaftlicher Konzepte, gesellschaftlicher Erwartungen und ärztlicher Haltung wider. Die letzten hundert Jahre – von den frühen endokrinologischen Visionen der 1920er-Jahre bis zur aktuellen Renaissance der individualisierten Hormontherapie – erzählen eine Geschichte von Fortschritt, Überinterpretation, Ernüchterung und Neubewertung.
Die frühen Ideen (1910–1930): Verjüngung als medizinische Vision
Der Beginn des 20. Jahrhunderts war eine Zeit, in der Endokrinologie und Sexualmedizin noch untrennbar mit philosophischen und gesellschaftlichen Vorstellungen von Vitalität verbunden waren. So entstand die Idee, hormonelle Funktionen gezielt zu manipulieren, um Alterungsprozesse aufzuhalten.
Eine Schlüsselfigur dieser Epoche war Eugen Steinach (1861–1944). Der in Hohenems (Vorarlberg) geborene Physiologe postulierte, dass eine Reaktivierung der Gonadenfunktion zu körperlicher und geistiger Verjüngung führen könne. Die nach ihm benannte Steinach’sche Operation – eine Vasoligatur zur vermeintlichen Stimulation der inneren Sekretion – wurde international diskutiert und durchgeführt. Prominente Intellektuelle wie Sigmund Freud oder William Butler Yeats ließen sich behandeln.
Parallel dazu sorgte Serge Voronoff mit Affenhodentransplantationen für Aufsehen. Rückblickend erscheinen diese Ansätze abenteuerlich, doch sie markieren einen entscheidenden Wendepunkt: Das Altern – und damit auch das Klimakterium – wurde erstmals als hormonell beeinflussbarer Zustand verstanden.
Die chemische Revolution (1930–1940): Hormone werden Substanzen
Mit der Isolierung und Synthese von Steroidhormonen begann eine neue Ära. Forscher wie Adolf Butenandt, Edward Doisy und Tadeus Reichstein legten die biochemische Grundlage für eine rationale Hormontherapie. Östrogene, Gestagene und Androgene wurden messbar, dosierbar und reproduzierbar verfügbar.
Damit verlagerte sich der Fokus vom chirurgischen und experimentellen Eingriff hin zur pharmakologischen Substitution. Das Klimakterium wurde zunehmend als Mangelsituation verstanden – ein Paradigmenwechsel, der die kommenden Jahrzehnte prägen sollte.
Premarin und die Etablierung der Hormontherapie (1940–1960)
Mit der Einführung von Premarin begann die systematische klinische Anwendung von Östrogenen. Die Behandlung klimakterischer Beschwerden wurde medizinischer Standard, zunächst vor allem symptomorientiert. Gleichzeitig entstand ein neues ärztliches Selbstverständnis: Das Klimakterium galt nicht mehr als unvermeidliches Schicksal, sondern als behandelbarer Zustand.
Diese Phase war geprägt von Optimismus, aber auch von begrenztem Wissen über Langzeitfolgen. Dennoch legte sie den Grundstein für die breite Akzeptanz der Hormontherapie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Die „goldene Zeit“ (1970–1990): Prävention und Aufbruch
Zwischen den 1970er- und den frühen 1990er-Jahren erreichte die Hormontherapie ihren Höhepunkt. Sie wurde nicht nur zur Behandlung vasomotorischer und anderer extragenitaler Symptome eingesetzt, sondern zunehmend als präventives Instrument gegen Osteoporose, kardiovaskuläre Erkrankungen und Alterungsprozesse insgesamt verstanden.
In dieser Phase entstanden spezialisierte Einrichtungen wie die Ambulanz für klimakterische Beschwerden und Osteoporose an der I. Universitätsfrauenklinik Wien (1984). Das Klimakterium wurde interdisziplinär gedacht, die Lebensqualität der Frau rückte in den Mittelpunkt.
Gesellschaftlich wurde diese Entwicklung durch eine zunehmende Sichtbarkeit des Themas unterstützt. Das Altern der Frau verlor langsam seinen Tabucharakter – zumindest in medizinischen Kreisen.
Der Bruch (2002–2004): die WHI und ihre Folgen
Mit der Veröffentlichung der Ergebnisse der Women’s Health Initiative (WHI) im Jahr 2002 kam es zu einem abrupten Paradigmenwechsel. Die zunächst undifferenzierteKommunikation der Risiken der kombinierten Hormontherapie führte zu einem massiven Vertrauensverlust – sowohl bei Ärzt:innen als auch bei Patientinnen.
Die Folge war ein nahezu vollständiger Rückzug der Hormontherapie aus der klinischen Praxis. Das Klimakterium wurde erneut pathologisiert, diesmal jedoch im Sinne einer therapeutischen Zurückhaltung. Viele Frauen blieben mit ihren Beschwerden unbehandelt, präventive Konzepte wurden aufgegeben.
Rückblickend zeigt sich, dass nicht die Daten selbst, sondern deren Interpretation und Verallgemeinerung den eigentlichen Bruch verursachten.
Die Renaissance (ab ca. 2020): Differenzierung und Individualisierung
Seit etwa 2020 ist eine klare Neubewertung zu beobachten. Re-Analysen der WHI-Daten, neue Studien und ein besseres Verständnis von Timing, Applikationsform und individueller Risikokonstellation haben zu einer Renaissance der Hormontherapie geführt.
Das Klimakterium wird heute nicht mehr monolithisch betrachtet, sondern als dynamische Übergangsphase, in der hormonelle, metabolische, immunologische und psychosoziale Faktoren interagieren. Konzepte wie Inflammaging, personalisierte Medizin und Prävention rücken in den Vordergrund.
Auch gesellschaftlich hat sich der Diskurs verändert. Öffentliche Stimmen – prominent vertreten etwa durch Oprah Winfrey (USA) – haben das Thema Menopause enttabuisiert und in die Mitte der Gesundheitsdebatte gerückt.
1925–2025: Was bleibt, was kommt?
Hundert Jahre Geschichte des Klimakteriums zeigen eindrucksvoll, wie eng medizinische Erkenntnis, Zeitgeist und ärztliche Haltung miteinander verwoben sind (Abb.1). Von visionären, teils naiven Anfängen über eine Phase unkritischer Euphorie, einen radikalen Bruch bis hin zur heutigen differenzierten Betrachtung lässt sich ein zentrales Lernziel formulieren:
Nicht das Klimakterium hat sich verändert – sondern unser Verständnis davon.
Die Zukunft liegt in individualisierten, evidenzbasierten und ganzheitlichen Konzepten, die Symptome ernst nehmen, Risiken realistisch bewerten und die Lebensqualität in den Mittelpunkt stellen. Das Klimakterium ist damit nicht länger ein Endpunkt, sondern ein medizinisch gestaltbarer Abschnitt eines langen, gesunden Lebens.
Literatur:
beim Verfasser
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