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Ein Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft

30 Jahre Endokrinologie

Die gynäkologische Endokrinologie hat in den letzten Jahrzehnten einen tiefgreifenden Wandel erfahren. Während Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Johannes Ott auf zentrale Entwicklungen, Fortschritte und Fehlannahmen der vergangenen 30 Jahre zurückblickt, richtet Dr. Daniel Mayrhofer den Fokus nach vorne und skizziert mögliche Trends, Chancen und Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte. Gemeinsam entsteht so ein facettenreiches Bild eines Fachgebiets im stetigen Wandel – geprägt von wachsender gesellschaftlicher Offenheit, medizinischem Fortschritt und der Perspektive auf eine zunehmend personalisierte hormonelle Medizin.

J. Ott: In meinen Augen unter anderem: die sehr erfreuliche Tatsache, dass der Stellenwert der Frauengesundheit – und hier natürlich auch der hormonellen Frauengesundheit – in der Medizin und in der öffentlichen Wahrnehmung stark angestiegen ist. Das betrifft in meinen Augen neben anderen Themen die Wechselbeschwerden, das prämenstruelle Syndrom und die Dysmenorrhö. Außerdem betrifft es auch die Offenheit in der Gesellschaft für ein anderes Kerngebiet unserer ärztlichen „hormonellen Tätigkeit“: die zunehmende Akzeptanz der Geschlechtsinkongruenz, ohne die unsere medizinischen Maßnahmen kaum zu Therapieerfolgen in der Lebensqualität der Betroffenen führen könnten.

Auch wenn in all diesen Gebieten weiterhin „Luft nach oben ist“, ist es ein sehr erfreulicher Trend.

Was war der größte Erfolg in den letzten 30 Jahren?

J. Ott: Ich denke, dass ich das nicht auf einen Erfolg herunterbrechen kann.Einzelne große Durchbrüche überwiegen in meinen Augen auch nicht das stetige Bemühen, mit kleinen Schritten in ihrer Summe große Veränderungen zu erzielen. Ich denke hier an verschiedenste medizinische Erkenntnisse und Neuerungen, die für uns heutzutage zum Standard gehören und insgesamt hochrelevante Erkenntnisse in der gynäkologischen Endokrinologie darstellen: zum Beispiel die Assoziation zwischen Adipositas, Lebensstil und diversesten von uns behandelten Krankheitsbildern, darunter auch die Diskussion um das PCO-Syndrom mit und ohne Insulinresistenz; die Klarstellung, welche Arten der menopausalen Hormontherapie risikofrei bzw. sogar von gesundheitlichem Vorteil für die Frauen sind; und der stete Rückgang operativer Lösungen für unterschiedlichste Krankheitsbilder durch die zunehmende Zahl konservativer Therapiemethoden.

<< „Große Durchbrüche überwiegen in meinen Augen nicht das stetige Bemühen, mit kleinen Schritten in ihrer Summe große Veränderungen zu erzielen.“>>
J. Ott
Was war der größte Irrtum der letzten 30 Jahre?

J. Ott: Die Annahme, dass die menopausale Hormontherapie/Hormonersatztherapie eine hochriskante Angelegenheit sei, die bei den Anwenderinnen verschiedene Risiken erhöhen würde.

Was aus den letzten 30 Jahren sollte unbedingt bewahrt werden?

J. Ott: Die Offenheit, über hormonelle Gesundheit kritisch diskutieren zu können, sowie das Interesse, sich auch weiterhin in groß angelegten Studien mit allen Details zu Therapieerfolg, -sicherheit und -risiken zu beschäftigen.

D. Mayrhofer: In 30 Jahren werden wir erstaunt darauf zurückblicken, wie selbstverständlich komplexe hormonelle Prozesse in starre diagnostische und therapeutische Konzepte gepresst wurden.

Die Zeiten, in denen mit den 3 Fragen „Wie altsind Sie? Wie viel wiegen Sie? Wie regelmäßig ist Ihr Zyklus?“ die endokrine Abklärung abgeschlossen war und die Indikation für die Verschreibung einer Pille gestellt wurde, werden durch das tiefere Verständnis von hormonellen Zusammenhängen und das Konzept der personalisierten Medizin im Sinne eines „shared decision making“ abgelöst sein. Im Zuge dieser Entwicklung könnte ich mir vorstellen, dass die Nachfrage nach „hormonellem Microdosing“ bei allen Geschlechtern und für jede Altersgruppe steigen wird. Ein frühes Anzeichen für diese Entwicklung könnte die zunehmende Nachfrage nach Hormonersatztherapien für Männer sein (v.a. wegen der anabolen Wirkung von Testosteron).

Was wird der größte Erfolg in den kommenden 30 Jahren sein?

D. Mayrhofer: Der größte Erfolg könnte darin liegen, Lebensabschnitte wie Pubertät, reproduktive Jahre und Menopause sowie deren hormonelle Begleiterscheinungen nicht mehr zwangsläufig als behandlungsbedürftige Defizite zu betrachten sondern als Teil eines physiologischen Prozesses. Viele hormonelle Veränderungen sind medizinisch nicht zwangsläufig behandlungsbedürftig und sollten folglich auch nur behandelt werden, wenn daraus ein Leidensdruck entsteht. Ein weiterer Meilenstein könnte die zunehmende Awareness für das Thema Fertilitätsprotektion sein. Durch Fortschritte v.a. in der Behandlung von Krebserkrankungen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter rücken Themen wie Reproduktion und die Bewahrung der endokrinen Funktionen mehr in den Fokus. Im Bereich der Kinderwunsch- bzw. Infertilitätsbehandlung werden technische Fortschritte wie die Uterustransplantation, „artificial uterus“ und artificial ovary“ und die Legalisierung von „social egg-freezing“ neue Möglichkeiten schaffen. Zu wünschen ist, dass Fortschritte der Reproduktionsmedizin von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen begleitet werden, die auch strukturelle Hindernisse für Familiengründungen – wie den Gender-Care-Gap, unzureichende Kinderbetreuung oder familienfeindliche Karrieremodelle – abbauen.

<< „Der größte Erfolg könnte darin liegen, Lebensabschnitte sowie deren hormonelle Begleiterscheinungen nicht mehr zwangsläufig als behandlungsbedürftige Defizite zu betrachten, sondern als Teil eines physiologischen Prozesses.“>>
D. Mayrhofer
Was könnte der nächste große Irrtum in den kommenden 30 Jahren sein?

D. Mayrhofer: In den letzten Jahrzehnten wurde der Fokus der gynäkologischen Endokrinologie zunehmend auf Reproduktionsmedizin gelegt. Obwohl Fertilität und Familienplanung sicherlich wichtige und relevante Aspekte im Leben sein können, befinden sich die meisten Frauen durchschnittlich doppelt so lange in „nichtreproduktiven“ Lebensphasen. Vor diesem Hintergrund droht dennoch das klinische und wissenschaftliche Interesse an nicht reproduktionsrelevanten Beschwerdebildern zunehmend in den Hintergrund zu rücken. Während die Zahl an privaten IVF-Zentren steigt, werden öffentliche Anlaufstellen und qualifizierte Ausbildungszentren für gynäkologische Endokrinologie zunehmend rarer. Für die Gesundheit von Frauen und Transgenderpersonen wäre ein weiterer Rückgang dieses Bereichs von großem Nachteil.

Was sollte in den nächsten 30 Jahren unbedingt bewahrt bleiben?

D. Mayrhofer: Nicht zuletzt wegen der starken Nachfrage nach reproduktionsmedizinischen Angeboten ist ein großer Teil der endokrinologischen Expertise in die Privatwirtschaft bzw. Niederlassung abgewandert. Übrig bleiben wenige öffentliche und universitäre Zentren mithochspezialisierter endokrinologischer Expertise. Diese Zentren jedoch sind es, die für die endokrinologische Ausbildung junger Kolleg:innen von großer Bedeutung sind. Es bleibt zu hoffen, dass gynäkologische Endokrinologie weiterhin als wichtiger Eckpfeiler der Frauengesundheit im öffentlichen Interesse bleibt.

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