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Intravenöse Vitamincocktails

Longevity per Infusion: kein harmloser Trend

Infusionen mit hoch dosierten Mikronährstoffen werden zunehmend als Lifestyle-Booster vermarktet. Versprochen werden u.a. mehr Energie, schönere Haut, schnellere Regeneration oder ein gestärktes Immunsystem. U.a. warnt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ausdrücklich vor möglichen gesundheitlichen Risiken.

Hoch dosierte Vitamine und Mineralstoffe per Infusion direkt ins Blut tröpfeln lassen – der Trend kommt aus den USA, im Englischen werden die Anbieter u.a. als „drip bar“ bezeichnet. Sie richten sich überwiegend an gesunde Menschen, im Vordergrund stehen Wellness-, Leistungs- und Longevity-Versprechen: mehr Energie, bessere Konzentration, schnellere Regeneration nach Sport oder Stress, ein stärkeres Immunsystem, ein verbessertes Hautbild und ein gesteigertes allgemeines Wohlbefinden.

Die Inszenierung ist häufig luxuriös: Wellness-Ambiente, individuell zusammengestellte „Vitamincocktails“ und der Eindruck einer maßgeschneiderten Gesundheitsoptimierung. In den USA gehören „IV-Lounges“ und mobile Infusionsservices bereits seit Längerem zum Wellness-Lifestyle. Die Idee stammt aus dem Jahr 2012, als ein geschäftstüchtiger Arzt in Las Vegas „Hangover Heaven“ entwickelte, einen mobilen Infusionsservice gegen den Kater nach einer durchzechten Nacht.

Im besten Fall Placeboeffekte

Die meisten Expert:innen sind sich einig, dass diese Anwendungen bestenfalls eine Verschwendung von Geld und im schlimmsten Fall potenziell gefährlich sind. Medizinische Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und kürzlich auch das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) kritisieren die meist sehr teuren Behandlungen.1 Der Hintergrund: Es gibt keine wissenschaftlich haltbaren Beweise dafür, dass diese Infusionen bei gesunden Menschen die Wirksamkeitsversprechen erfüllen. Mehrere Übersichtsarbeiten kommen zu dem Schluss, dass für die meisten Wellness- oder Longevity-Versprechen keine belastbare Evidenz vorliegt.2,3 Eine Analyse aus dem Jahr 2025 beschreibt die Datenlage ausdrücklich als unzureichend und weist darauf hin, dass insbesondere für gesunde Menschen hochwertige klinische Studien fehlen.2 Die Autor:innen betonen, dass viele behauptete Effekte eher auf anekdotischen Berichten oder selbstberichteten Verbesserungen beruhen als auf gut konzipierten randomisierten klinischen Studien.

Darüber hinaus gibt es einige kleine Studien zur i.v. Vitamintherapie und deren Auswirkungen auf bestimmte Erkrankungen. Eine Studie aus dem Jahr 2009 untersuchte 34 Erwachsene mit Fibromyalgie, die den „Myer’s Cocktail“, eine hoch dosierte Mischung aus verschiedenen Vitaminen und Mineralstoffen, über mehrere Wochen erhielten. Nach acht Wochen berichteten die Teilnehmer:innen signifikante Verbesserungen bezüglich Schmerzen, Depressionen und Lebensqualität. Die Placebogruppe berichtete jedoch ebenfalls über einige signifikant positive Effekte.4 Solche Ergebnisse lassen sich auch nicht ohne Weiteres auf gesunde Personen übertragen. Einige Daten weisen zudem auf mögliche Risiken hin. Dazu zählen u.a. Hypervitaminosen infolge von Überdosierungen, Volumenüberlastungen, Elektrolyt- und Säure-Basen-Störungen sowie allergische Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock. Hinzu kommen die typischen Risiken intravenöser Anwendungen wie Paravasate, Luftembolien oder Kreislaufprobleme, etwa wenn Flüssigkeit zu rasch verabreicht wird. Besonders gefährdet sind vulnerable Patient:innengruppen, darunter ältere Menschen sowie Personen mit Herz-, Nieren- oder Stoffwechselerkrankungen.1 Als Hauptrisiken von Vitamin-C-Infusionen gelten u.a. Oxalatnephropathie, Hypernatriämie sowie Hämolyse bei Patient:innen mit Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel, insbesondere bei sehr hohen oder wiederholten Dosen.5

Fazit: Während Infusionstherapien in der Medizin bei klar definierten Indikationen unverzichtbar sein können – etwa bei Mangelzuständen, Malabsorption oder bestimmten onkologischen Therapiekonzepten –, fehlt für ihren Einsatz als Wellness- oder Longevity-Maßnahme bei gesunden Menschen bislang eine belastbare wissenschaftliche Grundlage. (red)

1 Pressemitteilung des BfArM vom 12.5.2026: https://www.bfarm.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2026/pm04-2026.html ; zuletzt aufgerufen am 28.5. 2026 2 Alangari A: To iv or not to iv: the science behind intravenous vitamin therapy. Cureus 2025; 17(6): e86527 3 Dayal SBS, Kolasa KM: Consumer intravenous vitamin Therapy. Wellness boost or toxicity threat? Nutrition Today 2021; 56(5): 234-8 4 Youngblood Gregory S: IV Vitamin therapy: Understanding the lack of proven benefit and potential risks of this health fad. https://mcpress.mayoclinic.org/living-well/iv-vitamin-therapy-understanding-the-lack-of-proven-benefit-and-potential-risks-of-this-health-fad/ ; zuletzt aufgerufen am 28.5. 2026 5 Alangari A et al.: Clinical benefits and risks of high-dose intravenous vitamin C: a systematic review. J Med Life 2026; 19(1): 16-23

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