Wie effektiv ist Psilocybin bei schweren Depressionen?
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Psychedelika wie das aus Pilzen gewonnene Psilocybin gelten als große Hoffnung in der Therapie von Depressionen. Doch wie gut ist ihre Wirkung wirklich? Die kürzlich publizierten Daten der EPISODE-Studie bringen neue wichtige Erkenntnisse in diesem Einsatzgebiet.
Psilocybin – eine vor allem in bestimmten Pilzen natürlich vorkommende psychoaktive Substanz – zählt zu den klassischen Psychedelika. Diese Substanzen können die Wahrnehmung, das emotionale Erleben und das Bewusstsein tiefgreifend verändern. Dies macht sie für die Behandlung psychischer Erkrankungen interessant. Seit einigen Jahren sind Psychedelika wieder verstärkt in den Fokus der psychopharmakologischen Forschung gerückt.
Die bislang durchgeführten Pilotstudien weisen darauf hin, dass Psilocybin sicher und gut verträglich ist, wenn persönliche Risikofaktoren ausgeschlossen werden und es in einem kontrollierten therapeutischen Setting verabreicht wird. Die Pilotstudien haben zudem gezeigt, dass Psilocybin eine schnell eintretende und lang anhaltende Wirkung bei Depressionen, Angststörungen und Substanzgebrauchsstörungen haben kann.
Aktuelle Studie: wirksam, aber kein Wundermittel
Eine randomisierte, dreifach verblindete Phase-IIb-Studie aus Deutschland liefert Hinweise auf eine mögliche antidepressive Wirkung von Psilocybin bei therapieresistenter Depression – der primäre Endpunkt wurde jedoch nicht erreicht.1 An der am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim und der Charité Berlin durchgeführten EPISODE-Studie nahmen 144 Patient:innen mit therapieresistenter Depression teil. Nach Absetzen antidepressiver Medikation erhielten sie randomisiert 2 Dosen im Abstand von 6 Wochen mit unterschiedlichen Dosierungssequenzen aus Psilocybin (5mg, 25mg) und Nicotinamid (100mg) als aktivem Placebo. Die Behandlung wurde psychotherapeutisch begleitet. Nicotinamid wurde als aktives Placebo eingesetzt, da es begrenzt psychoaktive Wirkungen zeigt. So wurde versucht, sicherzustellen, dass die Teilnehmenden der Studie nicht wissen, welches Präparat sie einnehmen, und die Verblindung erfolgreich ist.
Die Forscher:innen erfassten die Depressionsschwere mit der „Hamilton Rating Scale for Depression“ (HAMD17). Die Therapie mit Psilocybin galt als erfolgreich, wenn sechs Wochen nach der ersten Psilocybin-Dosis (und noch vor der zweiten) die Depressionssymptomatik um mindestens 50% geringer war als zu Beginn der Untersuchung. Diese Reduktion konnte in der Studie nicht gezeigt werden.
Zusätzlich erhoben die Forschenden sekundäre Endpunkte. Laut dieser sollte sich die Symptomatik auf der HAMD17 oder auf der „Beck Depression Inventory II“ (BDI-II) über die sechs Wochen statistisch signifikant verbessern. Dieser Endpunkt konnte bei einer Menge von 25mg Psilocybin erreicht werden.
Es handelt sich bei der Studie um die erste, die beim primären Endpunkt kein signifikantes Ergebnis zeigt. „Der negative primäre Endpunkt ist klinisch entscheidend und lässt sich durch sekundäre Analysen nicht kompensieren. Diese deuten zwar auf eine mögliche antidepressive Wirkung hin, bleiben aber explorativ“, kommentierte Prof. Dr. Georg Hasler, Ordinarius für Psychiatrie und Psychotherapie an der Schweizer Universität Freiburg, die Eregbnisse.
Daten zu Sicherheit und Nebenwirkungen
Was die Sicherheit angeht, wurden bei der Gabe von 25mg Psilocybin häufiger akute unangenehme Nebenwirkungen und Suizidgedanken beobachtet. Zwei Patienten hatten ernste Nebenwirkungen, darunter ein Patient, der eine anhaltende Halluzinationsstörung davontrug. „Die berichteten Nebenwirkungen sind bei einer so großen und schwer erkrankten Stichprobe leider nicht überraschend“, so Hasler. „Sie unterstreichen, wie wichtig eine sorgfältige Patientenauswahl, eine gründliche Vorbereitung und Begleitung während der Behandlung sowie eine angemessene Nachsorge bei psychedelischen Therapien sind.“
Fazit und Ausblick von Experten
„Das Potenzial liegt in einem möglicherweise schnellen Effekt bei therapieresistenter Depression. Gleichzeitig zeigen Sicherheitssignale und der hohe Betreuungsaufwand, dass diese Behandlung sorgfältiges Monitoring erfordert und nicht als einfache Alternative zu bestehenden Therapien betrachtet werden kann“, resümiert Hasler. Der Ausblick von Prof. Dr. Matthias Liechti, Chefarzt der Abteilung für Klinische Pharmakologie & Toxikologie, Universitätsspital Basel: „Psilocybin ist eine Option für die Behandlung der schweren oder therapierefraktären Depression. Ich gehe von Marktzulassungsanträgen in den USA in den nächsten Jahren aus. In Europa dürften Behandlungen vorerst noch für einige Zeit nur in Studien oder in speziellen limitierten Zugangsprogrammen möglich sein. Längerfristig wird sich die Behandlung aber vermutlich als Zweitlinientherapie oder für einen Teil der Patienten etablieren.“ (red)
Quelle:
Mitteilungen des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit und Science Media Center vom 18. März 2026
Literatur:
1 Mertens LJ et al.: Efficacy and safety of psilocybin in treatment-resistant major depression. The EPISODE randomized clinical trial. JAMA Psychiatry 2026. doi: 10.1001/jamapsychiatry.2026.0132
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