Entwicklung der Suizidraten bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen
Autor:innen:
Prof. Dr. med. Urs Hepp1,2
Dr. med. Stephan Kupferschmid3
Dr. med. Kerstin Gabriel Felleiter4
PD Dr. phil. Niklaus Stulz4
1 hepp-health GmbH, Zürichwww.hepp-health.ch
2 Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik, Universitätsspital Zürich
3 Privatklinik Meiringen AG, Thun
4 Luzerner Psychiatrie AG, Luzern
E-Mail: hepp@hin.ch
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Die Suizidraten bei männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen sanken in den 1980er- und 1990er-Jahren und stagnieren seither bei den Jugendlichen von 10–17 Jahren, während sie bei den jungen Erwachsenen weiter sanken. Die Suizidraten der weiblichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind über die letzten Jahrzehnte auf einem niedrigeren Niveau stabil. Die Entwicklung der Suizidraten wird in dieser Arbeit in Beziehung zu anderen Indikatoren psychischer Gesundheit und der steigenden Inanspruchnahme psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung diskutiert.
Keypoints
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Die Suizidrate Jugendlicher und junger Erwachsener ist in den letzten zwei Jahrzehnten nicht angestiegen.
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Psychische Belastung und Suizidgedanken haben bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zugenommen. Dennoch ist die Zufriedenheit bemerkenswert hoch, was ein Hinweis auf eine gute Resilienz sein kann.
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Die Inanspruchnahme ambulanter und stationärer psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlungen ist in den letzten Jahren stark angestiegen, was kaum durch eine entsprechende Zunahme psychischer Störungen erklärbar ist.
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Da die Methodenrestriktion eine evidenzbasierte Art der Suizidprävention ist, lohnt sich die Analyse der einzelnen Suizidmethoden, um passgenaue Präventionsstrategien zu entwickeln.
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Die Zunahme von IV-Renten aufgrund psychischer Störungen bei jungen Erwachsenen ist besorgniserregend. Die berufliche Integration junger Menschen sollte gestärkt werden.
Seit der Covid-Pandemie steht die psychische Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen vermehrt im Fokus. In den Medien wird oft über die Zunahme von suizidalem Erleben und Verhalten junger Menschen berichtet. Dabei werden Daten aus Befragungen, Zahlen zur Inanspruchnahme und epidemiologische Daten teils unkritisch verwendet. Hier lohnt sich eine differenzierte Betrachtung, da eine unsachgemässe Berichterstattung über suizidales Erleben und Verhalten auch negative Auswirkungen haben kann.
Generelle psychische Befindlichkeit
Der kürzlich erschienene Nationale Gesundheitsbericht (NGB) gibt eine umfassende und differenzierte Übersicht zur psychischen Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.1 Verlässliche epidemiologische Quer- und Längsschnittdaten zu psychischen Krankheiten von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen stehen in der Schweiz nicht zur Verfügung. Daten zur psychischen Befindlichkeit wurden deshalb im NGB aus verschiedenen Befragungen und Quellen zusammengetragen:2
Zwei Drittel der 11–15-Jährigen haben im Jahr 2022 ein mittleres bis gutes psychisches Wohlbefinden, wobei die Mädchen niedrigere Werte zeigen als die Jungen. Bei den 16- bis 25-Jährigen sind 9 von 10 mit ihrem Leben zufrieden. Gleichzeitig berichten ein Drittel der männlichen und gut die Hälfte der weiblichen Jugendlichen geringe Kontrollüberzeugungen sowie niedrige Energie und Vitalität. Rund ein Fünftel in dieser Altersgruppe berichtet von mittelschweren bis schweren depressiven Symptomen, wobei junge Frauen stärker betroffen sind. Seit 2017 war ein Anstieg der Depressions- und Angstsymptome zu beobachten.
Psychische Gesundheit und Arbeit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen
In einer aktuellen WorkMed-Befragung von 49000 Lernenden (23% aller Lernenden) aus allen Landesteilen der Schweiz gab eine grosse Mehrheit an, die Lehre positiv zu erleben: Rund 80% der Lernenden geht es in der Lehre gut bis sehr gut, rund 85% finden es spannend in der Lehre und sind stolz, in ihrem Lehrbetrieb zu arbeiten. Fast 90% haben das Gefühl, dass sie bei der Arbeit etwas Sinnvolles tun. Gleichzeitig gaben jedoch 61% der Lernenden psychische Belastungen während der Lehre an.3 Demgegenüber sind die IV-Neuberentungen bei den unter 25-Jährigen, insbesondere bei den jungen Frauen, massiv angestiegen, was sich kaum mit einer alleinigen Zunahme psychischer Störungen erklären lässt (Abb. 1). In dieser Altersgruppe werden die IV-Neurenten aber praktisch ausschliesslich aufgrund von psychischen Störungen zugesprochen.
Abb. 1: IV-Neurenten in der Schweiz, Altersgruppe 18–24 Jahre (nach Bundesamt für Sozialversicherungen [BFS])
Suizidales Erleben und Verhalten
Gemäss Schweizerischem Gesundheitsobservatorium (Obsan) berichteten 2022 rund 8% der Schweizer Bevölkerung über Suizidgedanken in den letzten 2 Wochen und 0,3% von einem Suizidversuch in den letzten 12 Monaten.4 Bei den 15- bis 19-jährigen Frauen berichten 23% von Suizidgedanken, was einen deutlichen Anstieg gegenüber den Vorbefragungen von 2012 und 2017 bedeutet. Bei den jungen Männern gaben rund 12% Suizidgedanken in den letzten zwei Wochen an, wobei kein signifikanter Anstieg beobachtet werden konnte.
In der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen berichteten rund 5% aller Befragten, in den letzten fünf Jahren einen Suizidversuch unternommen zu haben, wobei der Wert bei den weiblichen Jugendlichen bei 7% und den männlichen Jugendlichen bei knapp 3% lag. Diese Werte sind deutlich höher als in den höheren Altersklassen. Suizidversuche werden in der Schweiz nicht systematisch erfasst und es liegen dazu keine verlässlichen Daten vor. Das Obsan analysierte die Hospitalisierungen aufgrund eines mutmasslichen Suizidversuchs.4 Insgesamt gab es in der Schweiz im Jahr 2022 über 14000 Hospitalisierungen aufgrund eines mutmasslichen Suizidversuchs, was einer Rate von 1,7 Hospitalisierungen pro 1000 Einwohner:innen entspricht (Frauen 2,1; Männer 1,2). Die Rate bei den 15- bis 19-jährigen Frauen hatte sich zwischen 2017 und 2022 mehr als verdoppelt (2017: 3,8; 2022: 9,5) und auch bei den 20- bis 24-jährigen Frauen war annähernd eine Verdoppelung der Raten zu beobachten (2017: 2,6; 2022: 5,1). Die Hospitalisierungsraten aufgrund eines mutmasslichen Suizidversuchs der über 25-jährigen Frauen waren insgesamt stabil. Bei den Männern war über denselben Zeitraum eine leichte Erhöhung bei den 15- bis 24-Jährigen zu beobachten, bei den über 25-jährigen Männern waren die Raten stabil.
Suizide
In einer kürzlich publizierten Studie wurde die Entwicklung der Suizidraten und -methoden über fünf Jahrzehnte mit besonderem Fokus auf die Altersgruppe der 10–17-Jährigen analysiert.5 In dieser Altersgruppe kam es zwischen 1969 und 2023 zu insgesamt 1194 Suiziden. Die Suizidrate war über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg bei den männlichen Jugendlichen höher als bei den weiblichen (Abb.2a). Nach Höchstwerten in den 1980er-Jahren nahm die Gesamtsuizidrate unter den männlichen Kindern und Jugendlichen wieder ab, wobei es seit der Jahrtausendwende kaum mehr zu einer weiteren Reduktion der Inzidenzrate kam. Bei weiblichen Kindern und Jugendlichen war die Suizidrate, im Vergleich zu den männlichen Altersgenossen, über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg auf niedrigerem Niveau relativ stabil (Abb. 2a). Erhängen war in der Altersklasse der 10–17-Jährigen bei beiden Geschlechtern die häufigste Suizidmethode (29,9% bei den Mädchen bzw. 39,7% bei den Jungen), dies jeweils gefolgt von Schienensuiziden (23,2% bzw. 18,5%). Im Zeittrend zeigten sich deutliche Geschlechtsunterschiede bei den einzelnen Methoden (Abb. 3): Bei den männlichen Jugendlichen ist vor allem eine Abnahme der Schusswaffensuizide bemerkenswert, was direkt auf die präventive Wirkung der geringeren Verfügbarkeit von Schusswaffen zurückzuführen ist.6,7 Gleichzeitig war auch ein Rückgang der Suizide durch Erhängen zu beobachten, eine Methode, die kaum der Prävention durch Restriktion der Verfügbarkeit zugänglich ist. Dieser Befund deutet darauf hin, dass die Bemühungen in der universellen oder indizierten Prävention erfolgreich waren. Zudem ist es ein klarer Hinweis darauf, dass es kaum zu einer Methodensubstitution der Schusswaffensuizide gekommen ist. Beunruhigend ist die Entwicklung der Schienensuizide, die bei beiden Geschlechtern im langfristigen Trend eher zugenommen haben.8
Abb. 2a: Jährliche Suizidrate pro 100000 Einwohner:innen (Personenjahre): (a) 10–17 Jahre (Kupferschmid S et al.)5
In der 18–24-jährigen Bevölkerung ereigneten sich zwischen 1969 und 2023 insgesamt 6166 Suizide. Die geschlechterspezifischen Verlaufsmuster der Suizidraten waren mit jenen in der jüngeren Bevölkerung (10–17 Jahre) vergleichbar (Abb.2b). Allerdings war die Gesamtsuizidrate unter männlichen jungen Erwachsenen (18–24 Jahre) auch in den letzten Jahren noch rückläufig.
In der Altersklasse der 18–24-Jährigen waren Schusswaffen bei den Männern (37,8%) und Intoxikationen bei den Frauen (28,4%) die häufigsten Suizidmethoden, dies jeweils gefolgt von Erhängen (Männer: 22,1% bzw. Frauen 20,9%).
Auch in dieser Altersgruppe zeigten sich deutliche Geschlechtsunterschiede bei den einzelnen Methoden (Abb. 4): Bei den jungen Männern ist auch eine starke Abnahme der Schusswaffensuizide und der Suizide durch Erhängen zu beobachten. Vergiftungen waren bei beiden Geschlechtern rückgängig, während Schienensuizide im Trend eher zugenommen haben.
Abb. 3: Jährliche Raten spezifischer Suizidmethoden pro 100 000 Einwohner:innen (Personenjahre): 10–17 Jahre (Kupferschmid S et al.)5
Abb. 4: Jährliche Raten spezifischer Suizidmethoden pro 100000 Einwohner:innen (Personenjahre): 18–24 Jahre
Inanspruchnahme psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung
Generell zeigte sich in den letzten Jahren eine Zunahme der Inanspruchnahme ambulanter und stationärer Behandlungsangebote aufgrund psychischer Erkrankungen. Diese Zunahme war bei den unter 18-Jährigen, insbesondere bei den weiblichen Jugendlichen, überproportional. Zwischen 2012 und 2023 kam es zu einer Verdoppelung der Hospitalisierungsrate (+115%) in dieser Altersgruppe. Auch in der spital- und praxisambulanten Psychiatrie waren die Zunahmen – insbesondere bei den weiblichen Jugendlichen – bei den unter 18-Jährigen überproportional hoch. Auch diese Zunahme lässt sich kaum mit einer realen Zunahme psychischer Störungen erklären.9
Diskussion
Die zur Verfügung stehenden Daten zur psychischen Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigen ein durchzogenes, teils widersprüchliches Bild. Die psychische Belastung hat insbesondere bei weiblichen Jugendlichen und jungen Frauen in den letzten Jahren zugenommen, dieser Trend hat bereits lange vor Covid angefangen und ging auch danach weiter. Suizidgedanken und Hospitalisationen aufgrund von Suizidversuchen haben bei den weiblichen Jugendlichen und jungen Frauen stark zugenommen, während ein solcher Trend bei männlichen Jugendlichen und jungen Männern viel weniger ausgeprägt war.
Obwohl der Anteil von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die eine grosse psychische Belastung berichten, hoch ist, gibt doch die grosse Mehrheit an, mit ihrer Lebenssituation insgesamt und der beruflichen Ausbildung zufrieden zu sein. Die berufliche Integration ist gerade für junge Menschen von zentraler Bedeutung und viele können im Lauf der Ausbildung an Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit gewinnen. Der markante Anstieg der Neuberentungen von jungen Erwachsenen ist hingegen ein Alarmzeichen und es ist entscheidend, hier viel zu investieren, damit Jugendliche den Einstieg ins Berufsleben erfolgreich meistern können. Die Zunahme der IV-Renten aus psychischen Gründen basiert kaum auf einer tatsächlichen Zunahme psychischer Störungen.
Trotz Hinweisen auf eine Zunahme von Suizidgedanken und Suizidversuchen in den letzten Jahren sanken die Suizidraten bei männlichen Jugendlichen bis Anfang der 2000er-Jahre und sind seither stabil geblieben. Bei den weiblichen Jugendlichen sind die Raten seit fünf Jahrzehnten auf einem konstanten Niveau. Bei beiden Geschlechtern kam es in den letzten Jahren, insbesondere während der Covid-Zeit, zu keinem Anstieg. Möglicherweise ist dies auf die allgemeine Prävention und spezifische Interventionen zur Methodenrestriktion einerseits und eine erhöhte Inanspruchnahme psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlungen andererseits zurückzuführen.
Literatur:
1 Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Hrsg.): Nationaler Gesundheitsbericht 2025 – psychische Gesundheit in der Schweiz: Entwicklung, Förderung, Prävention und Versorgung. Neuchâtel: BFS; 2025 2 von Wyl A et al.: Die psychische Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium, Hrsg. Nationaler Gesundheitsbericht 2025 – psychische Gesundheit in der Schweiz: Entwicklung, Förderung, Prävention und Versorgung. Neuchâtel: BFS; 2025: 74-105 3 Schmocker B et al.: Psychische Gesundheit von Lernenden in der Berufslehre. Olten und Binningen: Fachhochschule Nordwestschweiz und WorkMed AG; 2025 4 Peter C, Tuch A: Suizidales Erleben und Verhalten in der Bevölkerung der Schweiz 2022 (Obsan Bulletin 08/2024). Neuchâtel: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium; 2024 5 Kupferschmid S et al.: Entwicklung der Suizidraten bei Kindern und Jugendlichen in der Schweiz zwischen 1969 und 2023. Suizidprophylaxe 2025; 52: 90-95 6 Thoeni N et al.: Suicide by firearm in Switzerland: who uses the army weapon? Results from the national survey between 2000 and 2010. Swiss Med Wkly 2018; 148: w14646 7 Stulz N et al.: Trends in suicide methods in Switzerland from 1969 to 2018: an observational study. Swiss Med Wkly 2022; 152: 40007 8 Hepp U et al.: Prävention von Schienensuiziden in der Schweiz. Psychiatr Prax 2025; DOI: 10.1055/a-2592-6053 9 Tuch A, Jörg R: Die Versorgung psychisch erkrankter Personen. In: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium, Hrsg. Nationaler Gesundheitsbericht 2025 – psychische Gesundheit in der Schweiz: Entwicklung, Förderung, Prävention und Versorgung. Neuchâtel: BFS; 2025: 362-403
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