Real-World-Daten zu Daridorexantbei chronischer Insomnie
Autor:innen:
Prof. Dr. Jens Kuhn1
Prof. Dr. Yaroslav Winter2
Dr. Corinna Frohn3
Prof. Dr. Göran Hajak4
Dr. Stefan Ries5
Dr. Henry Memczak, PhD6
Julia Kleylein-Sohn6
Priv.-Doz. Dr. Michael Saletu7
Priv.-Doz. DDr. Lucie Bartova8
Korrespondierender Autor: Prof. Dr. Jens Kuhn
E-Mail: J.Kuhn@alexianer.de
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Chronische Insomnie ist eine häufige und klinisch relevante Erkrankung mit erheblicher individueller und gesellschaftlicher Belastung. Innovative Therapieansätze wie duale Orexin-Rezeptor-Antagonisten erweitern das Behandlungsspektrum, doch belastbare Daten aus dem Versorgungsalltag sind bislang begrenzt. Die ProDiGyA-Studie liefert hierzu erstmals systematische Real-World-Evidenz aus Deutschland und Österreich.
Keypoints
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Chronische Insomnie betrifft einen relevanten Anteil der Bevölkerung und ist mit hoher Krankheitslast verbunden.
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Daridorexant bietet als dualer Orexin-Rezeptor-Antagonist einen innovativen Wirkmechanismus.
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ProDiGyA liefert prospektive Real-World-Daten zur Anwendung im klinischen Alltag in Deutschland und Österreich.
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Die Ergebnisse können die evidenzbasierte Therapieentscheidung und Versorgung verbessern.
Hintergrund
Chronische Insomnie stellt eine der häufigsten Schlafstörungen dar und ist durch persistierende Ein- und Durchschlafstörungen sowie eine relevante Beeinträchtigung der Tagesaktivität gekennzeichnet. Die Diagnose setzt voraus, dass die Symptome mehrmals pro Woche über mindestens drei Monate hinweg bestehen und trotz ausreichender Schlafmöglichkeiten auftreten.1
Epidemiologische Daten zeigen, dass etwa 6–10% der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland und Österreich betroffen sind.2 Die Erkrankung geht häufig mit einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität, reduzierter Leistungsfähigkeit sowie erhöhten Fehlzeiten am Arbeitsplatz einher.3 Darüber hinaus bestehen häufig Komorbiditäten, insbesondere affektive Störungen wie Depressionen und Angststörungen, aber auch neurologische und internistische Erkrankungen. Chronische Insomnie ist dabei oft kein Randphänomen, sondern ein zentrales, oft persistierendes Leitsymptom, das zahlreiche psychiatrische und somatische Erkrankungen begleitet. Sie wirkt dabei bidirektional, indem sie sowohl als Risikofaktor für die Entstehung und Chronifizierung dient als auch den Verlauf und die Prognose der Grunderkrankung erheblich verschlechtert.4 Eine gezielte Behandlung der Insomnie ist daher häufig entscheidend für den Gesamterfolg der Therapie.
Therapie der chronischen Insomnie
Die Therapie der chronischen Insomnie erfolgt gemäß Leitlinien primär durch kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I), die sowohl in präsenzbasierter als auch digitaler Form durchgeführt werden kann. In der klinischen Realität ist deren Verfügbarkeit jedoch häufig eingeschränkt. Bei unzureichendem Ansprechen oder fehlender Umsetzbarkeit können pharmakologische Therapieoptionen zum Einsatz kommen. Traditionelle Hypnotika wie Benzodiazepine oder Z-Substanzen sind dabei aufgrund potenzieller Nebenwirkungen und Abhängigkeitsrisiken meist auf eine kurzzeitige Anwendung bis max. 4 Wochen beschränkt.4,5
Daridorexant: dualer Orexin-Rezeptor-Antagonist
Mit Daridorexant steht seit der europäischen Zulassung 2022 erstmals ein Vertreter der dualen Orexin-Rezeptor-Antagonisten (DORA) zur Verfügung, der einen neuen Wirkmechanismus adressiert.6,7 Durch die selektive Hemmung der Orexin-1- und Orexin-2-Rezeptoren wird der zentralnervöse Wachheitsantrieb reduziert, wodurch ein physiologischer Schlaf unterstützt wird.8 Klinische Studien über bis zu 52 Wochen konnten eine signifikante Verbesserung sowohl nächtlicher Schlafparameter als auch der Tagesaktivität zeigen, ohne Hinweise auf relevante Entzugssymptome, körperliche Abhängigkeit oder Missbrauchspotenzial.9,10
Trotz dieser Daten aus Zulassungsstudien besteht ein Bedarf an Erkenntnissen aus der Routineversorgung, da kontrollierte Studienbedingungen die Realität im klinischen Alltag nur bedingt widerspiegeln. Unterschiede ergeben sich insbesondere hinsichtlich Patientencharakteristika, Komorbiditäten, Begleitmedikation und Adhärenz. Vor diesem Hintergrund wurde die ProDiGyA-Studie initiiert, um die Anwendung von Daridorexant im Versorgungsalltag systematisch zu untersuchen.11
Die ProDiGyA-Studie
ProDiGyA ist als prospektive, nichtinterventionelle, multizentrische, einarmige Studie konzipiert. Insgesamt sollen bis zu 900 erwachsene Patient:innen in Deutschland und Österreich eingeschlossen werden. Voraussetzung für die Teilnahme ist eine neu begonnene Behandlung mit Daridorexant gemäß der aktuellen Fachinformation (Tab. 1). Die Entscheidung zur Therapieeinleitung erfolgt unabhängig von der Studienteilnahme durch den behandelnden Arzt im Rahmen der klinischen Routine. Dieses Design ermöglicht eine realitätsnahe Abbildung der Versorgungssituation.
Die Studie wird in bis zu 100 Zentren durchgeführt, darunter Facharztpraxen und Kliniken aus den Bereichen Psychiatrie, Neurologie, Schlafmedizin und Allgemeinmedizin. Die breite fachliche Streuung trägt dazu bei, die Heterogenität der Patientenpopulation abzubilden. Die Rekrutierungsphase ist auf 6–9 Monate ausgelegt, während der individuelle Beobachtungszeitraum pro Patient bis zu 12 Monate beträgt. Die Datenerhebung erfolgt im Rahmen routinemäßiger Arztkontakte. Geplante Besuchszeitpunkte können zu Behandlungsbeginn (Baseline) sowie zu Follow-up-Terminen nach 1, 3, 6, 9 und 12 Monaten im Rahmen der Studie dokumentiert werden (Abb. 1).
Abb. 1: Visitenschema von ProDiGyA. F2F – persönliche Visite („face-to-face“), UEs – unerwünschte Ereignisse, ISI – Insomnie-Schweregrad-Index, BDI-II – Beck-Depressions-Inventar, PGI-C – Frage zum Allgemeinzustand (Patient Global Impression of Change)
Primärer Outcome-Parameter ist der Insomnia Severity Index (ISI) als validierter patientenberichteter Endpunkt zur Quantifizierung des Schweregrads der Insomnie. Ergänzend werden der Patient Global Impression of Change (PGI-C) sowie das Beck-Depressions-Inventar (BDI-II) erhoben, um sowohl subjektive Veränderungen des Allgemeinzustands der Patientinnen und Patienten als auch mögliche Effekte auf die depressive Symptomatik abzubilden.
Neben klinischen Endpunkten werden umfangreiche Informationen zur Patientencharakteristik erhoben, einschließlich soziodemografischer Daten, Krankheitsdauer, bisheriger Therapien und relevanter Komorbiditäten. Darüber hinaus werden Verschreibungs- und Anwendungsmuster von Daridorexant dokumentiert, etwa Dosierung, Einnahmezeitpunkt, Persistenz der Therapie sowie mögliche Therapieumstellungen. Auch Daten zu begleitenden nichtmedikamentösen und medikamentösen Behandlungsansätzen werden erhoben.
Der primäre Endpunkt der Studie ist die maximale Veränderung des ISI-Scores im Vergleich zur Baseline während des Beobachtungszeitraums. Dieser Endpunkt erlaubt eine Bewertung der Wirksamkeit und berücksichtigt zeitlich individuelle Unterschiede im Ansprechen auf die Therapie. Zu den sekundären Endpunkten zählen unter anderem die Veränderungen des ISI im Zeitverlauf, Patientenzufriedenheit gemessen mittels PGI-C, Veränderungen depressiver Symptome sowie gesundheitsökonomische Parameter wie Arbeitsunfähigkeitstage.
Ein zentraler Bestandteil der Studie ist die systematische Erfassung von Sicherheits- und Verträglichkeitsdaten, insbesondere bei der unter Real-World-Bedingungen zu erwartenden hohen Zahl von Patienten mit bestehenden Komorbiditäten. Dazu zählen allgemein unerwünschte Ereignisse, unerwünschte Arzneimittelwirkungen sowie unerwünschte Ereignisse von besonderem Interesse wie Narkolepsie-ähnliche Symptome sowie Suizidalitätsparameter. Diese Daten können wichtige Erkenntnisse zur Anwendungssicherheit von Daridorexant unter Alltagsbedingungen liefern und die Ergebnisse klinischer Studien ergänzen.
Die statistische Auswertung erfolgt deskriptiv, was dem explorativen Charakter der Studie entspricht. Ziel ist es, ein möglichst umfassendes Bild der Anwendung von Daridorexant im klinischen Alltag zu zeichnen. Die Ergebnisse können dazu beitragen, Hypothesen für zukünftige Studien zu generieren und die evidenzbasierte Versorgung weiterzuentwickeln.
Erkenntnisgewinn für die Praxis
Insgesamt adressiert ProDiGyA eine wesentliche Lücke zwischen klinischer Forschung und Versorgungspraxis. Durch die Kombination von patientenberichteten Outcomes, klinischen Parametern und Versorgungsdaten entsteht ein umfassendes Bild der Therapie mit Daridorexant. Die gewonnenen Erkenntnisse sind nicht nur für die klinische Praxis relevant, sondern können auch die Datenbasis für gesundheitspolitische Entscheidungen und Leitlinienempfehlungen erweitern. Damit leistet die Studie einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Behandlung von chronischer Insomnie.
Literatur:
1 American Psychiatric Association: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. 5th ed. 2022 2 Morin CM et al.: Epidemiology of insomnia. Sleep Med Clin 2013 3 Hafner M et al.: The societal and economic burden of insomnia in adults. RAND Europe 2023 4 Riemann D et al.: The European Insomnia Guideline: an update on the diagnosis and treatment of insomnia 2023. J Sleep Res 2023; 32(6): e14035 5 Spiegelhalder K et al.: Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“. Somnologie 2025 6 Fachinformation QUVIVIQ™, 04/2025 7 Krystal AD et al.: Understanding the sleep-wake cycle: sleep, insomnia, and the orexin system. J Clin Psychiatry 2013; 1: 3-20 8 Di Marco T et al.: Number, duration, and distribution of wake bouts in patients with insomnia disorder: effect of daridorexant and zolpidem. CNS Drugs 2023; 37(7): 639-53 9 Mignot E et al.: Safety and efficacy of daridorexant in patients with insomnia disorder: results from two multicentre, randomised, double-blind, placebo-controlled, phase 3 trials. Lancet Neurol 2022; 21(2): 125-39 10 Kunz D et al.: Long-term safety and tolerability of daridorexant in patients with insomnia disorder. CNS Drugs 2023; 37(1): 93-106 11 ProDiGyA-Studienprotokoll, Version 2.0, 2025
Autor:innen
1 Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie, Alexianer Köln GmbH, und Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Uniklinik Köln
2 Klinik und Poliklinik für Neurologie, UKS – Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg
3 MVZ Solingen-Aufderhöhe, Diakonie Bethanien GmbH, Solingen
4 Münchner Psychiatrie Service Professor Hajak bei ProSomno Klinik, München
5 Neurologisch-Psychiatrische Gemeinschaftspraxis, NeuroCentrum Odenwald, Darmstadt
6 Idorsia Pharmaceuticals Germany GmbH, München
7 Schlafzentrum am Landeskrankenhaus GrazII, Abteilung für NeurologieÖsterreichische Gesellschaft für Schlafmedizin und SchlafforschungHaus mit Herz, Schwechat-Mannswörth
8 Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie (Klinische Abteilung für Allgemeine Psychiatrie), Medizinische Universität Wien
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