Differenzialdiagnose zwischen der Borderline-Persönlichkeitsstörung und der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (cPTBS)
Autor:innen:
Univ.-Prof. Dr. Thomas Stompe1
DDr. Kristina Ritter2
1 Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Klinische Abteilung für SozialpsychiatrieMedizinische Universität Wien
2 Österreichische Gesellschaft für
Forensische Psychiatrie
E-Mail: thomas.stompe@meduniwien.ac.at
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Die zwei Krankheitsbilder zeigen einige symptomatische Überlappungen, was Grund häufiger Fehldiagnosen in der Praxis ist. Zwar treten diese Störungsbilder oft komorbid auf, doch eine korrekte Differenzierung bleibt entscheidend. Von der Diagnose hängt nicht nur die therapeutische Strategie ab, sondern auch die Schuldfähigkeits- und Prognosebeurteilung.
Keypoints
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Seit der Einführung der Diagnose cPTBS erwies sich, dass ein Teil der Borderline-Patient:innen unter einer interpersonellen Traumatisierung leidet.
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Für die therapeutische Strategie hat das bedeutende Konsequenzen. Im Gegensatz zur strukturellen Persönlichkeitsstörung, die die BPD darstellt, ist die cPTBS schließlich mit einer Traumatherapie gezielt zugänglich.
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Während bei der Behandlung einer BPD strukturierte, beziehungsorientierte Therapieverfahren zum Erfolg führen können, können dieselben Verfahren bei einer cPTBS zur Retraumatisierung führen, die fälschlicherweise mitunter als Therapieresistenz interpretiert werden kann.
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Für die klinische Praxis folgt daraus, dass eine strukturierte Trauma- und Triggeranalyse heute unverzichtbar ist, bevor eine Borderline-Diagnose gestellt wird. Schließlich hat die korrekte Diagnose Folgen für die Beurteilung der Schuldfähigkeit und ggf. Maßnahmenplanung.
Zusammenfassung
Die Differenzialdiagnose zwischen der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ (EIPS/„Borderline Personality Disorder“, BPD) und der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (cPTBS) hat mit der Einführung der cPTBS in der ICD-11 eine neue klinische und forensische Relevanz erhalten. Beide Störungsbilder zeigen eine erhebliche symptomatische Überlappung, insbesondere in den Bereichen Affektinstabilität, Selbstverletzung, Dissoziation und interpersonelle Dysregulation, was in der klinischen Praxis häufig zu Fehldiagnosen führt. Ziel dieser Übersichtsarbeit ist es, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen EIPS/BPD und cPTBS auf der Grundlage der ICD-11-Nosologie, empirischer Studien und klinischer Erfahrung systematisch darzustellen und ihre Bedeutung für Diagnostik, Therapie und forensische Beurteilung herauszuarbeiten.
Die Befundlage zeigt, dass cPTBS und BPD trotz hoher Komorbidität empirisch unterscheidbare Konstrukte darstellen. Während die BPD primär durch eine Störung der Persönlichkeitsorganisation mit Identitätsdiffusion und interpersoneller Dysregulation gekennzeichnet ist, beruht die cPTBS auf einer chronisch traumakonditionierten Dysregulation des Stress- und Gefahrensystems mit typischen PTSD-Kernsymptomen und Störungen der Selbstorganisation. Klinisch unterscheiden sich die Störungsbilder insbesondere in der Triggerlogik (Beziehungsstress vs. Trauma-Reminder), im Selbstkonzept (Identitätsdiffusion vs. traumabedingte Scham und Schuld) und in der Reaktion auf therapeutische Interventionen. Ein erheblicher Teil der als Borderline diagnostizierten Patient:innen erfüllt die Kriterien einer cPTBS. Die korrekte Differenzierung ist entscheidend, da sie unterschiedliche therapeutische Strategien erfordert und im forensischen Kontext maßgeblichen Einfluss auf Schuldfähigkeits- und Prognosebeurteilungen hat.
Einleitung
Die Abgrenzung zwischen der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ (EIPS; international: Borderline Personality Disorder, BPD) und der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (cPTBS) gehört zu den derzeit umstrittensten und klinisch folgenreichsten Fragen der Psychiatrie und Psychotraumatologie. Seit der Einführung der cPTBS als eigenständige Diagnose in der ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation1 ist sichtbar geworden, dass ein erheblicher Teil jener Patientinnen und Patienten, die über Jahrzehnte als „Borderline“ diagnostiziert wurden, in Wahrheit unter den Folgen lang andauernder, interpersoneller Traumatisierung leiden.2,3
In der klinischen Praxis präsentieren sich beide Störungsbilder mit einer nahezu identischen Symptomoberfläche: ausgeprägte Affektinstabilität, intensive und konflikthafte Beziehungen, chronische innere Leere, Impulsivität, Selbstverletzung, Suizidalität sowie dissoziative Phänomene sind sowohl bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung als auch bei der cPTBS häufig zu beobachten.4,5 Diese phänomenologische Überlappung hat dazu geführt, dass in vielen Versorgungssystemen traumatisierte Menschen, insbesondere Frauen mit Missbrauchs- und Vernachlässigungserfahrungen, systematisch mit der Diagnose „Borderline“ etikettiert wurden, obwohl ihr klinisches Bild besser durch eine chronische Traumafolgestörung erklärbar wäre.6,7
Die Einführung der cPTBS in der ICD-11 stellt insofern einen Paradigmenwechsel dar, als erstmals ein Diagnosekonzept vorliegt, das nicht nur akute Traumafolgen, sondern auch die tiefgreifenden Störungen der Affektregulation, des Selbstbildes und der Beziehungsfähigkeit als direkte Konsequenz anhaltender Traumatisierung anerkennt.1,8 Damit wurde eine Kategorie geschaffen, die exakt jene klinischen Phänomene abbildet, die bislang im Grenzbereich zwischen Posttraumafolgestörung und Persönlichkeitsstörung verortet waren.
Diese Neubewertung ist nicht nur von theoretischer Bedeutung. Sie hat unmittelbare Konsequenzen für die therapeutische Strategie, die Prognoseeinschätzung und – besonders im psychiatrisch-forensischen Kontext – für die Beurteilung von Schuldfähigkeit und Rückfallrisiko. Während die Borderline-Persönlichkeitsstörung traditionell als strukturelle Persönlichkeitsstörung mit relativ stabilen interpersonellen und affektiven Dysregulationen verstanden wird,9,10 ist die cPTBS eine erworbene Störung des Stress- und Gefahrenverarbeitungssystems, die prinzipiell einer gezielten Traumatherapie zugänglich ist.4,11
Ziel dieses Beitrags ist es, auf der Grundlage der aktuellen ICD-11-Nosologie, empirischer Studien und klinischer Erfahrung eine differenzierte, praxisnahe und forensisch relevante Abgrenzung zwischen EIPS/BPD und cPTBS zu entwickeln.
Historische Entwicklung und nosologische Einordnung
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung entstammt der psychodynamischen Tradition der „Borderline-Organisation“12 und wurde mit dem DSM-III13erstmals als eigenständige Persönlichkeitsstörung operationalisiert. In den folgenden DSM-Versionen (DSM-IV, DSM-5-TR) wird BPD als ein tiefgreifendes Muster von Instabilität in Affekten, Selbstbild und zwischenmenschlichen Beziehungen sowie ausgeprägter Impulsivität definiert.14 Die Diagnose basiert auf dem Vorliegen einer bestimmten Anzahl phänomenologischer Kriterien wie Angst vor Verlassenwerden, instabiler Beziehungen, Identitätsstörung, Selbstschädigung und affektiver Instabilität.
Wesentlich ist dabei, dass Trauma kein notwendiges Diagnosekriterium ist. Zwar zeigen epidemiologische Studien, dass ein Großteil der BPD-Patient:innen traumatische Kindheitserfahrungen aufweist, doch bleibt eine relevante Minderheit ohne nachweisbare schwere interpersonelle Traumatisierung, was die konzeptuelle Einordnung als Persönlichkeitsstörung erklärt.15,16
Das Konzept der komplexen PTBS wurde erstmals systematisch von Judith Herman6 beschrieben, die bei Überlebenden lang andauernder interpersoneller Traumatisierung ein Syndrom identifizierte, das über die klassische PTBS hinausgeht. Neben Intrusionen, Vermeidung und Hyperarousal zeigten diese Patient:innen massive Störungen der Affektregulation, ein tiefgreifend negatives Selbstbild und schwere Beziehungsstörungen.
Diese Beobachtungen wurden in der ICD-11 formalisiert. Die WHO definiert cPTBS als Kombination aus den drei PTBS-Kernclustern (Wiedererleben, Vermeidung, anhaltendes Bedrohungsgefühl) plus drei Bereichen der Störung der Selbstorganisation („disturbances of self-organization“, DSO): Affektregulationsstörung, negatives Selbstkonzept (Scham, Schuld, Wertlosigkeit) und Beziehungsstörung.1,2
Mehrere empirische Studien zeigen, dass sich cPTBS und BPD trotz Überschneidungen unterscheiden lassen. Latent-Class-Analysen und Strukturgleichungsmodelle belegen klar unterscheidbare Symptomprofile.3,5,7 Karatzias et al.3 fassen diese Evidenz dahingehend zusammen, dass es sich um überlappende, aber nicht identische Störungsbilder handelt.
Epidemiologie, Traumaexposition und Komorbidität
Die Lebenszeitprävalenz der Borderline-Persönlichkeitsstörung liegt in bevölkerungsbasierten Studien bei etwa 1–2%, während in psychiatrischen Ambulanzen und stationären Settings Anteile von 10–20% berichtet werden.10,17 Die hohe klinische Sichtbarkeit erklärt sich aus der hohen Inanspruchnahme psychiatrischer Versorgung durch Suizidalität, Selbstverletzung und Beziehungskrisen. Die cPTBS weist in der Allgemeinbevölkerung Prävalenzen von etwa 1,5–3% auf, in traumaexponierten klinischen Populationen jedoch von 10–30% und mehr.5,7,18
Während bei BPD schwere Kindheitstraumata in 70–90% berichtet werden, ist bei cPTBS eine lang andauernde interpersonelle Traumatisierung nahezu universell (>90%).7,15,16 Die Komorbidität zwischen beiden Diagnosen liegt bei etwa 20–40% in Richtung BPD→cPTBS und 10–30% in Richtung cPTBS→BPD.3,5,7
Symptomatische Überlappungen, klinische Phänotypen und Differenzialdiagnostik
Beide Störungsbilder zeigen Affektinstabilität, Impulsivität, Selbstverletzung, Suizidalität, Dissoziation und Beziehungsstörungen.5,7 Der entscheidende Unterschied liegt in der Triggerlogik: BPD reagiert primär auf Beziehungsbedrohung,9,19 cPTBS auf Gefahr und Trauma-Reminder.11,20 Auch das Selbstbild unterscheidet sich: BPD ist geprägt von Identitätsdiffusion, cPTBS von stabiler, traumabedingter Scham und Schuld.11,12
Die valide Differenzierung erfordert:
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systematische Traumaerhebung
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Erfassung der PTBS-Kernsymptome
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Analyse der Trigger
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Bewertung von Selbstbild und Dissoziation
Empfohlen wird die Kombination aus International-Trauma-Questionnaire (ITQ) für ICD-11-PTBS/cPTBS2 und strukturierten Persönlichkeitsinterviews für BPD.14
Ätiologie und neurobiologische Modelle
Die klinischen Unterschiede zwischen EIPS/BPD und cPTBS lassen sich nur verstehen, wenn ihre unterschiedlichen Entstehungsmechanismen berücksichtigt werden. Obwohl beide Störungsbilder mit emotionaler Instabilität, Impulsivität und Beziehungsschwierigkeiten einhergehen, beruhen sie auf grundlegend verschiedenen neurobiologischen und entwicklungspsychologischen Prozessen.
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung wird klassisch als Ergebnis einer interaktionellen Entwicklung verstanden: Eine Kombination aus affektiver Vulnerabilität, unsicherer oder desorganisierter Bindung und einer invalidierenden Umwelt führt zur Ausbildung einer instabilen Persönlichkeitsorganisation.9,19 Traumatische Erfahrungen können diesen Prozess verstärken, sind aber nicht zwingend notwendig für die Entstehung der Störung.
Die cPTBS hingegen entsteht durch lang andauernde, interpersonelle Traumatisierung in Zuständen von Ohnmacht, typischerweise in der Kindheit oder in Abhängigkeitsbeziehungen. Entscheidend ist nicht ein einzelnes Ereignis, sondern eine chronische Situation fehlender Kontrolle und fehlenden Schutzes.6,11
Neurobiologisch zeigt sich bei cPTBS eine anhaltende Dysregulation des Stress- und Gefahrensystems. Bildgebende und neuroendokrine Studien belegen:
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eine Hyperreaktivität der Amygdala,
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eine verminderte inhibitorische Kontrolle durch den präfrontalen Kortex,
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strukturelle und funktionelle Veränderungen des Hippocampus
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sowie eine chronisch veränderte Hypothalamus-Hypophysen-Achse.21,22
Das Gehirn lernt infolge früher Gewalt, dass die Welt jederzeit gefährlich ist. Bei BPD finden sich zwar ebenfalls Veränderungen in der Emotionsverarbeitung, diese sind jedoch stärker mit sozialer Zurückweisung und Beziehungskonflikten gekoppelt als mit klassischen Trauma-Triggern.23
Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal ist die Art, wie belastende Erfahrungen gespeichert werden. Bei cPTBS sind traumatische Erlebnisse häufig im impliziten, sensorischen Gedächtnis verankert. Sie werden nicht als Vergangenheit erinnert, sondern als gegenwärtige Bedrohung reaktiviert, was Flashbacks und Triggerreaktionen erklärt.21,24 Bei BPD sind belastende Beziehungserfahrungen in der Regel narrativ integriert; sie werden erinnert, aber nicht in der gleichen Weise neurobiologisch „wiedererlebt“.
Die Dissoziation ist bei cPTBS ein primärer Überlebensmechanismus, der sich in Depersonalisation, Derealisation und „Wegsein“ äußert und direkt mit Trauma-Triggern gekoppelt ist.21 Bei BPD tritt Dissoziation häufiger sekundär im Rahmen starker Affekte auf und dient der Affektmodulation, nicht primär dem Überleben.23
Die Bindungsdynamik unterscheidet sich ebenfalls. Bei BPD dominieren desorganisierte Bindungsmuster mit starker Nähe-Distanz-Ambivalenz.25 Bei cPTBS steht hingegen ein traumabedingtes Misstrauen im Vordergrund: Nähe wird als potenzielle Gefahr erlebt.11 Diese neurobiologischen Unterschiede erklären, warum cPTBS-Patient:innen in scheinbar harmlosen Situationen plötzlich in Erstarren, Panik oder Aggression geraten, während BPD-Patient:innen typischerweise im Rahmen interpersoneller Eskalationen destabilisieren. Beide sehen oberflächlich ähnlich aus – ihr innerer Mechanismus ist jedoch grundverschieden.
Verlauf, Prognose und klinische Dynamik
Trotz ihrer symptomatischen Überschneidung zeigen EIPS/BPD und cPTBS deutlich unterschiedliche Verlaufsformen, was für Therapieplanung, Prognose und forensische Bewertung von großer Bedeutung ist.
Langzeitstudien zur Borderline-Persönlichkeitsstörung zeigen, dass sich viele akute Symptome wie Selbstverletzung, Suizidalität und impulsive Durchbrüche im Verlauf von 10–20 Jahren deutlich reduzieren. Dennoch bleiben häufig eine fragile Identität, interpersonelle Konfliktmuster und emotionale Dysregulation bestehen.9,26 Die Störung „reift“, verschwindet jedoch selten vollständig.
Die cPTBS hingegen zeigt ohne gezielte Traumatherapie oft einen chronisch persistierenden Verlauf mit anhaltender Hypervigilanz, sozialem Rückzug, hoher Komorbidität und wiederkehrenden Triggerkrisen. Gleichzeitig ist die cPTBS bei adäquater Behandlung deutlich besser reversibel, da die zugrunde liegenden Trauma-Spuren im Nervensystem gezielt bearbeitet werden können.4,11
Bei BPD beginnt selbstschädigendes Verhalten häufig bereits in der Adoleszenz und ist eng mit Beziehungskrisen und Affektregulation verbunden.19,26 Im höheren Lebensalter nimmt dieses Verhalten bei vielen Betroffenen ab. Bei cPTBS bleibt das Risiko für Suizidalität und Selbstverletzung hingegen hoch, solange Flashbacks, Scham und Ohnmacht bestehen. Diese Verhaltensweisen dienen hier primär der Unterbrechung traumatischer Zustände oder der Wiederherstellung von Körperwahrnehmung.4,7
Die Reaktion auf Therapie unterscheidet sich fundamental:
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BPD reagiert am besten auf strukturierte, beziehungsorientierte Verfahren wie dialektisch-behaviorale Therapie (DBT), MBT oder Schematherapie, die auf Affektregulation und Identitätsstabilisierung abzielen.9,10
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cPTBS benötigt primär Stabilisierung und Traumaverarbeitung (z.B. „eye movement desensitization and reprocessing“ [EMDR], traumafokussierte kognitive Therapie). Wird der Trauma-Alarm reduziert, verbessern sich Affektstabilität und Beziehungen oft rasch.4,11
Ein häufiger Fehler ist die Behandlung von cPTBS mit reinem Borderline-Fokus. Dies kann zu Retraumatisierung, Zunahme von Dissoziation und Eskalation führen und fälschlich als Therapieresistenz interpretiert werden.3
Therapeutische Implikationen
Die differenzialdiagnostische Unterscheidung zwischen EIPS/BPD und cPTBS ist therapeutisch von zentraler Bedeutung, da beide Störungsbilder grundlegend unterschiedliche Behandlungsansätze erfordern. Mehrere Autor:innen weisen darauf hin, dass eine Fehlklassifikation von cPTBS als Borderline zu inadäquater Therapie und potenzieller Retraumatisierung führen kann.3,4,7
Für die Borderline-Persönlichkeitsstörung existieren gut validierte psychotherapeutische Verfahren. Dazu gehören insbesondere die DBT, MBT, die Schematherapie und die übertragungsfokussierte Psychotherapie.9,10,19,27 Gemeinsames Ziel dieser Verfahren ist es, die Affektregulation zu verbessern, dysfunktionale Beziehungsmuster zu verändern und eine kohärentere Identität aufzubauen.
Traumatherapie kann ergänzend sinnvoll sein, ist bei BPD jedoch nicht notwendigerweise der zentrale Behandlungsfokus.Die Behandlung der cPTBS folgt einer anderen Logik. Internationale Leitlinien empfehlen ein phasenorientiertes Vorgehen mit:28
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Stabilisierung und Sicherheit (Triggerkontrolle, Ressourcenarbeit, Emotionsregulation),
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Traumaverarbeitung (z.B. EMDR, traumafokussierte kognitive Therapie, narrative Exposition),
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Integration und Selbstaufbau.4,11
Das therapeutische Ziel ist hier nicht primär Persönlichkeitsveränderung, sondern die Rekalibrierung eines chronisch übererregten Nervensystems. Wenn cPTBS als BPD behandelt wird, kann die Betonung von Konfrontation, Beziehungsklärung und Affektfokus zu einer Zunahme von Flashbacks, Dissoziation und Selbstschädigung führen.3,7 Umgekehrt bleibt bei einer reinen Traumatherapie ohne strukturelle Persönlichkeitsarbeit die Beziehungspathologie bei BPD oft unbehandelt. Somit gilt folgende Regel:
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wenn Trigger, Flashbacks und Scham dominieren → Traumatherapie,
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wenn Identitätsdiffusion und Beziehungsspiralen dominieren → Persönlichkeitsfokus.
Forensische Implikationen
Die Unterscheidung zwischen EIPS/BPD und cPTBS ist im forensisch-psychiatrischen Kontext von erheblicher Bedeutung, da beide Störungsbilder unterschiedliche Auswirkungen auf Tatmotivation, Steuerungsfähigkeit, Rückfallrisiko und Maßnahmenindikation haben.3,4
Ein zentraler Unterschied liegt in der tatnahen Psychodynamik. Bei BPD-assoziierten Delikten stehen typischerweise interpersonelle Konflikte, Kränkungen und Trennungsängste im Vordergrund. Die Handlungen entstehen aus eskalierenden Beziehungssituationen heraus und behalten meist eine interpersonelle Logik.9,19
Bei cPTBS-assoziierten Taten dominieren hingegen traumakonditionierte Alarmreaktionen. Trigger wie Tonfall, körperliche Nähe oder Autorität können Flashbacks und dissoziative Zustände auslösen, in denen Betroffene subjektiv erneut in einer lebensbedrohlichen Situation sind.11,21 Das Verhalten folgt dann einer Überlebenslogik, nicht einer bewussten Beziehungsgestaltung.
Tab. 1: Unterschiede zwischen der Boderline-Persönlichkeitsstörung (BPD) und der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung
Bei BPD liegt in der Regel eine verminderte, aber nicht aufgehobene Steuerungsfähigkeit vor. Die Handlungen sind affektgetrieben, bleiben jedoch in ihrer Motivation und Zielgerichtetheit nachvollziehbar.9 Bei cPTBS können Flashbacks, Dissoziation und autonomer Alarmzustand zu einer massiven Beeinträchtigung oder vorübergehenden Aufhebung der Steuerungsfähigkeit führen, da das Handeln reflexhaft und nicht willentlich gesteuert ist.4,21
Auch prognostisch bestehen relevante Unterschiede. BPD ist häufig chronisch und durch Beziehungskrisen rückfallgefährdet, während cPTBS bei adäquater Traumatherapie eine deutlich bessere Prognose aufweist.11,26 Eine Fehlklassifikation von cPTBS als BPD kann im Maßnahmenvollzug zu Retraumatisierung und Eskalation führen.3
Diskussion und Fazit
Die Einführung der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung in der ICD-11 hat die diagnostische Landschaft grundlegend verändert. Erstmals steht eine Kategorie zur Verfügung, die die chronischen Affekt-, Selbst- und Beziehungsstörungen nach lang andauernder interpersoneller Traumatisierung als eigenständige Traumafolgestörung anerkennt.1,2
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung und die cPTBS teilen eine große symptomatische Schnittmenge, repräsentieren jedoch zwei unterschiedliche klinische Realitäten. BPD ist primär eine Störung der Persönlichkeitsorganisation, geprägt durch Identitätsdiffusion und instabile Beziehungsmuster.9,12 cPTBS hingegen ist eine erworbene Störung des Stress- und Gefahrenverarbeitungssystems, deren Kern ein chronisch überaktiviertes Trauma-Alarmnetzwerk mit tiefgreifenden Auswirkungen auf Selbstbild und Bindung ist.6,21
Für die klinische Praxis folgt daraus, dass eine strukturierte Trauma- und Triggeranalyse heute unverzichtbar ist, bevor eine Borderline-Diagnose vergeben wird.3,5 Therapeutisch müssen Traumafokussierung und Nervensystem-Stabilisierung bei cPTBS Vorrang haben, während bei BPD strukturierende und beziehungsorientierte Verfahren zentral sind. Im forensischen Kontext entscheidet diese Differenzierung darüber, ob eine Tat als beziehungsdynamisch-affektive Handlung oder als traumabedingte Überlebensreaktion zu bewerten ist – mit entsprechend unterschiedlichen Konsequenzen für Schuldfähigkeit und Maßnahmenplanung.
Zusammenfassend zeigt die aktuelle Evidenz, dass ein erheblicher Teil dessen, was über Jahrzehnte als „Borderline“ diagnostiziert wurde, heute präziser als komplexe Traumafolgestörung verstanden werden kann. Diese Neubewertung eröffnet nicht nur neue therapeutische Perspektiven, sondern ist auch für die forensische Beurteilung von zentraler Bedeutung.
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