Top 5 News zu Pruritus 2025
Bericht:
Mag. Barbara Schröpfer-Senkyr
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Prof. Dr. med. Simon Müller, Basel, präsentierte in seinem Vortrag im Rahmen der Veranstaltung «Haus der Dermatologie 2025», die am 4. Dezember 2025 in Luzern stattfand, seine persönliche Rangliste der wichtigsten wissenschaftlichen, therapeutischen und Guideline-relevanten Neuerungen zum Thema Pruritus, der neu nicht mehr nur als Symptom, sondern auch als eigenständige Erkrankung gilt.
Rang 5 – neue konsensusbasierte Definition von Pruritus
Samuel Hafenreffer beschrieb Pruritus 1623 in einer ersten medizinischen Definition als eine unangenehme Sensation, die den Drang auslöst, sich zu kratzen. Die Kritik an dieser alten Definition bestand seit einiger Zeit darin, dass ein klarer Krankheitsaspekt fehlte und dass die Abgrenzung zum Schmerz unklar war. Im neuen internationalen Delphi-Konsensus1 wird Pruritus sowohl als Empfindung als auch als Erkrankung definiert (Abb.1), was die Grundlage für eine in Analogie zur Schmerzmedizin eigene Pruritusmedizin darstellt:
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Empfindung: Pruritus ist ein unangenehmes Gefühl auf der Haut und/oder den benachbarten Schleimhäuten, das häufig den Drang zum Kratzen auslöst und durch eine Vielzahl externer und interner Faktoren ausgelöst, verschlimmert oder verbessert werden kann.
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Erkrankung: Chronischer Pruritus (CP) ist definiert mit einem intermittierenden oder kontinuierlichen Verlauf über mindestens 6 Wochen und kann hinsichtlich Dauer, Intensität, Qualität, Verlauf, Ausmass, Lokalisation und Auswirkungen auf die persönliche, soziale oder berufliche Lebensqualität und Gesundheit erheblich variieren. CP unterscheidet sich typischerweise vom akuten Pruritus durch langfristige strukturelle und funktionelle Veränderungen der Juckreizverarbeitung. Pruritus kann ein Symptom von Krankheiten sein. Er kann aber trotz Heilung der ursprünglichen Krankheit oder des Auslösers bestehen bleiben und somit zu einer eigenständigen Krankheit werden.
Rang 4 – Nemolizumab («the new kid on the block»)
Nemolizumab ist für die Therapie der atopischen Dermatitis (AD) und der Prurigo nodularis (PN) zugelassen. Es handelt sich dabei um einen Interleukin(IL)-31-Rezeptor-A-Inhibitor,2 der die Aktivierung der IL-31-Signalkaskade in Keratinozyten, Immun- und Nervenzellen sowie bei der PN auch in Fibroblasten hemmt und dadurch die Krankheitsaktivität von PN und AD reduziert.3 Nemolizumabreduziertneuronale Juckreizsignale, wirkt antientzündlich, normalisiert epidermale Dysregulation und zeigt bei PN zusätzlich antifibrotische Effekte.2,3
In den Zulassungsstudien zeigten sich bereits am zweiten Tag eine statistisch signifikante rasche und ausgeprägte Juckreizreduktion sowie eine konsekutive Schlafverbesserung unter Nemolizumab vs. Placebo.4 Die Verbesserung der Hautläsionen erfolgte verzögert, nahm aber über die Monate hin weiter zu. Nach 100 Wochen zeigte sich bei 92% der Probanden eine >-4-Punkte-Verbesserung des Juckreizes bzw. bei 74% im IGA-0/1-Ansprechen.5–7 Weiters zeigten die Zulassungsstudien weder erhöhte Inzidenz für Konjunktivitis, Infektionen der oberen Atemwege, Anaphylaxien oder Neoplasien noch für ophthalmischen Herpes zoster im Vergleich zu Placebo.2,5,6,8 Nemolizumab ist kein Immunsuppressivum9 und erfordert keine Laboruntersuchungen vor bzw. während der Behandlung.2,9
Rang 3 – das heilende Wasser aus Paris
Als einfache Lokaltherapie finden Natriumhypochlorit-Bäder («Javel-Bäder») ihre Anwendung zur Reduktion von Juckreiz.10 Claude-Louis Berthollet, französischer Chemiker und Arzt, erzeugte 1789 in seinem Labor im Pariser Stadtteil Javel Kaliumhypochlorit («Eau de Javel»), das erste moderne Bleichmittel. Natriumhypochlorit dient als Haushaltsprodukt zur Reinigung und Desinfektion von Böden, Oberflächen oder Sanitärräumen (Waschbecken, Spülen, WC, Siphons). Dank seiner oxidierenden Wirkung ist es bakterizid, fungizid, viruzid und sporozid.
Für die dermatologische Therapie wird ein Bad mit einer Konzentration von 0,005% 2x Woche für 10 Minuten empfohlen.11 In 10 randomisiert-kontrollierten Studien mit insgesamt 307 Patient:innen konnte neben einer leicht antientzündlichen und antipruritischen Wirkung gezeigt werden, dass Javel-Bäder den Schweregrad der AD um ca. 10% gegenüber den Kontrollgruppen reduzierten. Die Kolonisation mit S. aureus wurde leicht verringert. Es traten allerdings Trockenheit und Irritationen der Haut auf.10,12
Zu achten ist auf die richtige Konzentration bzw. Dosierung. Bei 5%-Natriumhypochlorit ist die Faustregel für eine 0,005%-Lösung: Anzahl Liter in der Badewanne=Anzahl ml Javel (=1ml Javel pro Liter Wasser). Bei einer vollen Badewanne mit 150Litern sind das 150ml Javel, bei einer teilvollen Badewanne mit 120Litern 120ml Javel und bei einer Babywanne mit ca. 15Litern 15ml Javel (ca. 1 Esslöffel).11 Javel-Bäder bieten sich als kostengünstige, sichere und wirksame Therapieoption an.
Rang 2 – neue Swiss Practice Recommendations für Prurigo nodularis
Eine Expertengruppe unter der Leitung von Prof. Dr. med. Simon Müller hat 2025 neue aktualisierte Empfehlungen für PN erarbeitet, die bisher als Poster veröffentlicht wurden.13 Dies war aus mehreren Gründen nötig: Die letzten IFSI-Guidelines (International Forum for the Study of Itch) sind bereits mehr als 5 Jahre alt und decken weder die aktuelle Evidenzlage für gewisse Therapien wie Biologika noch Empfehlungen für vulnerable Patient:innen (Ältere, Schwangere/Stillende, Krebspatient:innen, Kinder) ab.14 Die neuen schweizerischen evidenzbasierten und personalisierten Empfehlungen richten die Therapiewahl nach der Krankheitsschwere, dem Evidenzgrad und nach der individuellen Eignung für die Patient:innen aus. Zudem enthalten sie Therapieziele für die zugelassenen Biologika Dupilumab und Nemolizumab, und es sind klare Empfehlungen für Ältere, Schwangere/Stillende, Kinder und Krebspatient:innen angeführt.13
Rang 1 – europäische Leitlinie zu chronischem Pruritus 2025
Die neue, sehr umfassende europäische Guideline zum CP beinhaltet ein evidenzbasiertes Update zur Diagnostik sowie zu topischen, systemischen, physikalischen und psychosomatischen Therapien bei CP in all seinen Facetten.15 So finden sich darin Hilfestellungen für nahezu alle Erscheinungsformen von CP. Es gibt erstmals auch Kapitel zu Itch Questionnaires (5-D Itch Scale, German Itch Questionnaire, ItchyQuant, ISS, ItchyQol etc.), CP bei Kollagenosen (Fibromyalgie, Lupus erythematodes, Dermatomyositis, Sjögren-Syndrom etc.), CP bei systemischen Infektionen (Covid-19, HIV, HCV, Toxocariose, Oxyuriasis, Onchozerkose etc.), zu neurologischen und psychogenen Ursachen oder zu Geschlechtsunterschieden bei CP. Weiters finden sich Übersichtstabellen zu pruritogenen Medikamenten, Biologika und Small Molecules sowie zu evidenzbasierter Therapieauswahl.
Fazit
Nach fast 400 Jahren wurde Pruritus erstmals neu und konsensusbasiert definiert. Juckreiz gilt somit nicht mehr nur als unangenehmes Symptom, sondern auch als eigenständige Erkrankung, wenn er >6 Wochen andauert. Damit rückt Pruritus konzeptionell in eine Linie mit Schmerz, was die Grundlage für eine eigenständige Pruritusmedizin bildet. Für die Behandlung von Juckreiz stehen mittlerweile wirksame und zielgerichtete Therapien zur Verfügung.
Quelle:
«Top 5 News zu Pruritus 2025 – eine persönliche Rangliste», Vortrag von Prof. Dr. med. Simon Müller, Dermatologie Universitätsspital Basel; Haus der Dermatologie 2025 am 4. Dezember 2025, Luzern
Literatur:
1 Ständer S et al.: A multidisciplinary Delphi consensus on the modern definition of pruritus: sensation and disease. J Eur Acad Dermatol Venereol 2026; 40(1): 59-66 2 NEMLUVIO®-Fachinformation, Stand der Information: Juli 2025 3 Kabashima K, Irie H: Interleukin-31 as a clinical target for pruritus treatment. Front Med 2021; 8: 638325 4 Ständer S et al.: Nemolizumab elicits an early and rapid itch response in prurigo nodularis within 2 days: a post hoc analysis of OLYMPIA 1 & 2 data. Poster presented at EADV Congress, Amsterdam, Netherlands; Sept 25-28, 2024 5 Ständer S et al.: Efficacy and safety of nemolizumab in patients with moderate to severe prurigo nodularis: the OLYMPIA 1 randomized clinical phase 3 trial. JAMA Dermatol 2025; 161(2): 147-56 6 Kwatra SG et al.: Phase 3 trial of nemolizumab in patients with prurigo nodularis. N Engl J Med 2023; 389(17): 1579-89 7 Ständer S et al.: Nemolizumab long-term efficacy and safety up to 100 weeks in the OLYMPIA open-label extension study in patients with prurigo nodularis: an interim analysis. Presented at International Congress of Dermatology, Rome, Italy; June 18-21, 2025 8 Silverberg JI et al.: Nemolizumab with concomitant topical therapy in adolescents and adults with moderate-to-severe atopic dermatitis (ARCADIA 1 and ARCADIA 2): results from two replicate, double-blind, randomised controlled phase 3 trials. Lancet 2024; 404(10451): 445-60 9 Wollenberg A et al.: European Guideline (EuroGuiDerm) on atopic eczema: living update. J Eur Acad Dermatol Venereol 2025; 39(9): 1537-66 10 Stolarczyk A et al.: Bleach baths enhance skin barrier, reduce itch but do not normalize skin dysbiosis in atopic dermatitis. Arch Dermatol Res 2023; 315(10): 2883-92 11 Chu DK et al.: Atopic dermatitis (eczema) guidelines: 2023 American Academy of Allergy, Asthma and Immunology/American College of Allergy, Asthma and Immunology Joint Task Force on Practice Parameters GRADE- and Institute of Medicine-based recommendations. Ann Allergy Asthma Immunol 2024; 132(3): 274-312 12 Bakaa L et al.: Bleach baths for atopic dermatitis: a systematic review and meta-analysis including unpublished data, Bayesian interpretation, and GRADE. Ann Allergy Asthma Immunol 2022; 128(6): 660-8 13 Mueller S et al.: Swiss practice recommendations on CPG including PN. Poster presentation from SGDV 2025 14 Ständer S et al.: IFSI-guideline on chronic prurigo including prurigo nodularis. Itch 2020; 5(4): e42 15 Weisshaar E et al.: European S2k guideline on chronic pruritus. Acta Derm Venereol 2025; 105: adv44220
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