Migräne im Kindes- und Jugendalter: erkennen, verstehen, behandeln
Autorin:
Prof. Dr. Dagny Holle-Lee
Klinik für Neurologie
Westdeutsches Kopfschmerzzentrum
Universitätsmedizin Essen
E-Mail: dagny.holle-lee@uk-essen.de
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Migräne zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter, wird jedoch im klinischen Alltag häufig übersehen oder fehldiagnostiziert. Die klinische Präsentation unterscheidet sich oft deutlich von derjenigen im Erwachsenenalter und ist häufig weniger typisch. Neben klassischen Kopfschmerzattacken treten insbesondere im Kindesalter zahlreiche atypische Manifestationen auf. Der folgende Beitrag gibt einen praxisorientierten Überblick über klinische Besonderheiten, frühe Hinweise, diagnostische Strategien und aktuelle Therapieoptionen.
Keypoints
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Migräne ist eine häufige, aber oft übersehene Erkrankung im Kindes- und Jugendalter.
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Die Symptomatik unterscheidet sich deutlich von der im Erwachsenenalter.
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Migräne-Äquivalente sind wichtige, oft verpasste Diagnosen.
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Eine sorgfältige Anamnese ist der Schlüssel zur Diagnose.
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Die Therapie sollte multimodal erfolgen und nichtmedikamentöse Maßnahmen einschließen.
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Eine frühzeitige Behandlung kann Chronifizierung verhindern.
Migräne beginnt früh – oft früher als gedacht
Migräne im Kindes- und Jugendalter ist eine häufige, jedoch nach wie vor unterschätzte neurologische Erkrankung. Bereits im Schulalter sind relevante Anteile der Bevölkerung betroffen, mit einer deutlichen Zunahme im Jugendalter. Neben der individuellen Krankheitslast hat Migräne in dieser Altersgruppe erhebliche Auswirkungen auf den Alltag: Schulfehlzeiten, Leistungseinbußen und Einschränkungen sozialer Aktivitäten sind häufig die Folge.1
Ein zentrales Problem besteht darin, dass die Erkrankung häufig erst spät erkannt wird. Anders als bei Erwachsenen präsentiert sich Migräne bei Kindern oft weniger typisch. Hinzu kommt, dass jüngere Patient:innen ihre Beschwerden häufig nicht präzise beschreiben können. Dadurch werden Symptome nicht selten zunächst anderen Ursachen wie Stress, Infekten oder funktionellen Beschwerden zugeschrieben.
Frühe Hinweise: Gibt es Vorläufer?
Zunehmend rückt die Frage nach frühen Manifestationen der Migräne in den Fokus. Hinweise mehren sich, dass migränetypische Mechanismen bereits im Säuglingsalter wirksam sein könnten. Besonders gut untersucht ist die Assoziation zwischen mütterlicher Migräne und kindlicher Kolik.2 Kinder von betroffenen Müttern haben ein deutlich erhöhtes Risiko für exzessives Schreien im Säuglingsalter. Diskutiert werden gemeinsame pathophysiologische Mechanismen wie eine genetische Prädisposition, eine erhöhte sensorische Empfindlichkeit sowie eine Dysregulation zentraler neuronaler Netzwerke.
Auch wenn die Datenlage noch begrenzt ist, sprechen diese Beobachtungen dafür, funktionelle Beschwerden im frühen Kindesalter als mögliche Vorläufer einer späteren Migräne zu interpretieren. Für die klinische Praxis bedeutet dies vor allem eine erhöhte Sensibilität für migränetypische Entwicklungen im weiteren Verlauf.
Klinische Besonderheiten im Kindesalter
Die Migräne im Kindesalter unterscheidet sich in mehreren wesentlichen Punkten von derjenigen im Erwachsenenalter.3 Ein zentrales Merkmal ist die häufig kürzere Attackendauer. Während Migräneattacken bei Erwachsenen oft mehrere Stunden bis Tage anhalten, können sie bei Kindern deutlich kürzer sein.
Auch die Schmerzlokalisation ist häufig anders: Kinder berichten typischerweise über bilaterale, meist frontal-temporal lokalisierte Schmerzen. Vegetative Begleitsymptome stehen oft im Vordergrund. Übelkeit, Erbrechen, Blässe und ausgeprägte Müdigkeit prägen das klinische Bild und können die Kopfschmerzen sogar überlagern. Hinzu kommt, dass Kinder ihre Beschwerden häufig indirekt äußern. Rückzug, Reizbarkeit oder ein vermehrtes Schlafbedürfnis können wichtige Hinweise sein. Die Beobachtung durch Eltern und Betreuungspersonen spielt daher eine zentrale Rolle in der Diagnostik.
Migräne-Äquivalente: die „versteckte“ Migräne
Eine besondere diagnostische Herausforderung stellen Migräne-Äquivalente dar.3 Dabei handelt es sich um klinische Syndrome, die ohne typische Kopfschmerzen auftreten, jedoch der Migräne zugeordnet werden.
Am häufigsten ist die abdominelle Migräne.4 Sie äußert sich durch wiederkehrende, meist periumbilikale Bauchschmerzen mittlerer bis starker Intensität. Die Episoden dauern mehrere Stunden und sind häufig von Übelkeit, Blässe und Appetitlosigkeit begleitet. Zwischen den Attacken sind die Kinder vollständig beschwerdefrei.
Das Alice-in-Wonderland-Syndrom ist eine seltenere, aber eindrückliche Manifestation mit Wahrnehmungsstörungen, bei denen Objekte oder Körperteile als vergrößert oder verkleinert wahrgenommen werden.5
Weitere seltene Formen sind die akut konfusionelle Migräne mit vorübergehender Desorientierung und kognitiven Beeinträchtigungen sowie die hemiplegische Migräne mit passageren motorischen Ausfällen. Gerade Letztere erfordert eine sorgfältige differenzialdiagnostische Abklärung gegenüber neurologischen Notfällen.
Chronische Migräne im Jugendalter
Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für Chronifizierung. Von einer chronischen Migräne spricht man bei mindestens 15 Kopfschmerztagen pro Monat, davon mindestens acht mit migränetypischen Merkmalen über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten.
Chronische Verläufe sind mit einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität verbunden. Neben häufigen Schulfehlzeiten zeigen betroffene Jugendliche oft einen Rückzug aus sozialen Aktivitäten und eine reduzierte Leistungsfähigkeit. Zudem besteht ein erhöhtes Risiko für psychische Komorbiditäten.
Diagnostik: Anamnese ist entscheidend
Die Diagnostik der Migräne im Kindes- und Jugendalter ist primär klinisch. Eine strukturierte Anamnese ist der wichtigste Baustein.
Von Bedeutung sind insbesondere:
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Schmerzcharakter und -lokalisation
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Attackendauer und -frequenz
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Begleitsymptome
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mögliche Triggerfaktoren
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Familienanamnese
Apparative Diagnostik ist in der Regel nicht notwendig. Sie sollte jedoch bei atypischen Verläufen oder Warnzeichen erfolgen, etwa bei neurologischen Defiziten oder progredienter Symptomatik.
Therapie: multimodaler Ansatz erforderlich
Nichtmedikamentöse Therapie
Nichtmedikamentöse Maßnahmen bilden die Grundlage jeder Migränetherapie und sollten konsequent umgesetzt werden.6
Dazu gehören:
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regelmäßiger Schlaf-wach-Rhythmus
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strukturierte Mahlzeiten
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ausreichende körperliche Aktivität
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Stressreduktion
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Entspannungstechniken
Das Führen eines Kopfschmerztagebuchs kann helfen, individuelle Trigger zu identifizieren und den Verlauf zu dokumentieren. Ebenso wichtig ist die Aufklärung von Eltern und Lehrkräften, um ein besseres Verständnis für die Erkrankung zu schaffen.
Medikamentöse Therapie
Akuttherapie
Die Akuttherapie zielt auf eine rasche Linderung der Beschwerden ab.6 Oft hilft es bereits, wenn das Kind sich hinlegt und versucht zu schlafen. Viele Kinder und Jugendliche nutzen diesen Therapieansatz intuitiv selbst als Erstes. In Abhängigkeit vom Alter können dann auch medikamentöse Akutmedikationen in Erwägung gezogen werden.
Im Kleinkindalter können bereits Ibuprofen und Paracetamol eingesetzt werden. Ab 12 Jahren besteht die Möglichkeit, Sumatriptan und Zolmitriptan nasal einzusetzen, im Einzelfall kann auch ein früherer Einsatz evaluiert werden. Gerade nach der Pubertät kann auch „off label“ der Einsatz von Erwachsenentriptanen geprüft werden.
Bei begleitender Übelkeit kann auch der Einsatz von Metoclopramid (ab 1 Jahr) und Domperison (ab 12 Jahren) sowie Domperidon (z.B. Zäpfchen 40mg ab >8kg) evaluiert werden.
Prophylaxe
Eine prophylaktische Therapie ist bei häufigen oder stark beeinträchtigenden Migräneattacken indiziert.6 Als erste Option kann Magnesium ggf. in Kombination mit Riboflavin (Vitamin B2) und Coenzym Q10 eingesetzt werden. In Deutschland ist bislang nur Propranolol für Kinder unter 18 Jahren zugelassen. Andere Medikamente wie Amitriptylin, Flunarizin oder Topiramat können im Einzelfall „off label“ eingesetzt werden. Hier müssen eine ausführliche Aufklärung und klare Beurteilung der Kosten-Nutzen-Abwägung erfolgen.
Neue Therapieansätze wie CGRP-Antikörper gewinnen zunehmend an Bedeutung und könnten zukünftig auch im pädiatrischen Bereich eine größere Rolle spielen. Auch Onabotulinumtoxin A kann im Einzelfall sinnvoll sein.7
Literatur:
1 Sun Q et al.: Global epidemiology and burden of migraine in children and adolescents from 1990 to 2021: insights from the global burden of disease Study 2021. J Pain Res 2025; 18: 5265-81 2 Emami F et al.: Association between maternal migraine and infantile colic: a narrative review. BMC Pediatr 2025; 25(1): 591 3 Khan A et al.: Current trends in pediatric migraine: clinical insights and therapeutic strategies. Brain Sci 2025; 15(3): 280 4 Napthali K et al.: Abdominal migraine. Cephalalgia Int J Headache 2016; 36(10): 980-6 5 Mastria G et al.: Alice in wonderland syndrome: a clinical and pathophysiological review. BioMed Res Int 2016; 2016: 8243145 6 Hassan A et al.: Management of migraine in children and adolescents: a systematic review of guidelines and practice recommendations. Cephalalgia Int J Headache 2026; 46(2): 3331024251413283 7 Papetti L et al.: Onabotulinumtoxin-A for chronic migraine in children and adolescents: a narrative review of current evidence and clinical perspectives. Toxins 2025; 17(10): 476
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