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Von rezenten In-vivo-Daten bis zu Updates von etablierten Substanzen

<p class="article-intro">Wie jedes Jahr fand auch 2018 kurz vor Weihnachten die Veranstaltung „Wrap-Up ASH“ statt, bei der die Kongresshighlights vom ASH Annual Meeting 2018 präsentiert werden. Einerseits wurde über Langzeitdaten von schon länger verfügbaren Substanzen – wie den Tyrosinkinaseinhibitoren (TKI) bei CML – berichtet, andererseits wurden in Entwicklung befindliche Substanzen und auch In-vivo-Daten zu einem neuen Target bei myeloproliferativen Neoplasien vorgestellt.</p> <hr /> <p class="article-content"><h2>Thrombose und H&auml;mostase</h2> <p>Speziell bei der H&auml;mophilie hat sich durch die Entwicklung von Gentherapien in den vergangenen Jahren sehr viel getan. Univ.-Prof. Dr. Ingrid Pabinger, Medizinische Universit&auml;t (MU) Wien, pr&auml;sentierte die Achtjahres-Follow-up-Ergebnisse einer Studie mit einem ssAAV(&bdquo;self-complementary adeno-associated virus&ldquo;)-Vektor, der ein Codon-optimiertes Faktor-IXGen enth&auml;lt. Die einmalige intraven&ouml;se Verabreichung f&uuml;hrte bei 10 Patienten mit schwerer H&auml;mophilie B zu einem dosisabh&auml;ngigen Anstieg der Plasmaspiegel von Faktor IX, die bei allen 10 Patienten bei einem medianen Follow-up von 6,7 &plusmn; 1,0 Jahren stabil blieben. Die j&auml;hrliche Blutungsrate wurde unter der nur einmal verabreichten Therapie gegen&uuml;ber den Resultaten in der Pr&auml;-Gen-&Auml;ra um 82 % reduziert, ohne dass eine Substitution erforderlich war. Es traten auch keine Sp&auml;ttoxizit&auml;ten auf.<sup>1</sup> &bdquo;Das klinische Bild einer schweren H&auml;mophilie hat sich auf jenes einer mittleren H&auml;mophilie reduziert&ldquo;, kommentierte Pabinger diese Ergebnisse.<br /> Auch f&uuml;r H&auml;mophilie A liegen Daten zur Gentherapie vor: Im Rahmen einer Phase-I/II-Studie wurde die Pr&uuml;fsubstanz Spk-8011 12 Patienten mit mittelschwerer/ schwerer H&auml;mophilie A in drei Dosierungen verabreicht. In der gesamten Kohorte wurde eine Reduktion der j&auml;hrlichen Blutungsrate um 97 % erreicht. Der bei einigen Patienten verzeichnete asymptomatische Transaminasenanstieg konnte mit Kortikosteroiden gemanagt werden.<sup>2</sup><br /> &bdquo;Die Gentherapie ist ante portas und wird in weniger als zehn oder gar weniger als f&uuml;nf Jahren Einzug in die klinische Praxis finden&ldquo;, ist Pabinger &uuml;berzeugt.<br /> Sehr ermutigend sind die Ergebnisse zur Thomboseprophylaxe mit Isoquercetin bei Krebspatienten mit hohem Thromboserisiko. Isoquercetin ist ein Quercetin- Flavonoid, das in vielen Obst- und Gem&uuml;sesorten, u. a. in der Mango, vorkommt. Isoquercetin wurde in einer 1000-mgund in einer 500-mg-Dosis oral verabreicht. Als prim&auml;rer Endpunkt war die Reduktion von D-Dimer am Tag 56 definiert. Nur unter der 1000-mg-Dosis wurde eine Reduktion von D-Dimer um im Median 20 % nachgewiesen, die mit einem entsprechenden Abfall der Fibrinogen&auml;quivalenten Einheiten um im Median 206 ng/ml einherging. Es wurden keine Thromboembolien und auch keine Nebenwirkungen (AE) verzeichnet.<sup>3</sup> Pabinger berichtete, dass eine Phase-III-Studie bereits in Planung ist.</p> <p><strong>Brauchen wir DOAK (direkte orale Antikoagulanzien) bei Tumorpatienten?</strong><br /> Dieser Frage wurde u. a. in der CASSINI- Studie nachgegangen: 841 Krebspatienten mit hohem Risiko f&uuml;r ven&ouml;se Thromboembolien (VTE; Khorana-Score &ge; 2) wurden zum Erhalt von Rivaroxaban (10 mg t&auml;glich) bzw. Placebo f&uuml;r 24 Wochen randomisiert. In der ITT(&bdquo;Intent-totreat&ldquo;)- Population traten VTE bei 5,95 % der Patienten in der Rivaroxaban- und bei 8,79 % der Patienten in der Placebogruppe auf. Der p-Wert von 0,101 ist somit nicht signifikant. Insgesamt wurden jedoch 38,7 % der VTE nach Beendigung der aktiven Studienphase (Nachbeobachtung bis zum Tag 180) dokumentiert. Eine pr&auml;spezifizierte Analyse aller Patienten in der aktiven Studienphase ergab, dass VTE nur bei 2,62 % der Patienten unter Rivaroxaban und bei 6,41 % unter Placebo verzeichnet worden waren. Der dazu berechnete p-Wert von 0,007 l&auml;sst den Schluss zu, dass Rivaroxaban in der aktiven Studienphase zu einer signifikanten Reduktion von VTE f&uuml;hrte (Abb. 1). Die Inzidenz an schweren Blutungen war gering. Erstmals wurde in einer Studie zu DOAK eine signifikante Reduktion des Mortalit&auml;tsrisikos erzielt: Im koprim&auml;ren sekund&auml;ren Wirksamkeitsendpunkt VTE und Mortalit&auml;t aufgrund aller Ursachen betrugen die Ergebnisse 23,1 vs. 29,5 % zugunsten von Rivaroxaban (p=0,030).<sup>4</sup> Ob sich DOAK in der Onkologie etablieren, wird die Zukunft zeigen.</p> <p><img src="/custom/img/files/files_datafiles_data_Zeitungen_2019_Jatros_Onko_1902_Weblinks_jatros_onko_1902_s8_abb1.jpg" alt="" width="600" height="398" /></p> <h2>Update zu TKI bei CML</h2> <p>Bereits in der Zulassungsstudie konnte gezeigt werden, dass unter Nilotinib vs. Imatinib rascher molekulare Remissionen erzielt werden k&ouml;nnen, wobei das Ansprechen unabh&auml;ngig vom Alter war. Im Vergleich zu j&uuml;ngeren Patienten traten aber bei den &auml;lteren mehr kardiovaskul&auml;re (CV) Ereignisse auf.<sup>5</sup> Diese Beobachtungen konnten in einer retrospektiven Analyse von Patienten, die im Rahmen von prospektiven klinischen Studien Nilotinib als Erstlinientherapie erhalten hatten, erneut best&auml;tigt werden. Das Erreichen einer molekularen Remission (MR3, MR4) war altersunabh&auml;ngig, thromboarterielle Ereignisse traten mit 41,3 % am h&auml;ufigsten bei den &ge; 60-J&auml;hrigen auf, wobei eine kumulative Inzidenz im Verlauf beobachtet wurde. Interessant ist, dass Progressionen fr&uuml;h eintraten (mediane Zeitspanne nach Therapiestart: sechs Monate) und die meisten Progressionen in der Altersgruppe der 18- bis 39-j&auml;hrigen Patienten verzeichnet wurden (6,1 vs. 2,7 bei den 40- bis 59-J&auml;hrigen vs. 1,9 % bei den &ge; 60-J&auml;hrigen).<sup>6</sup><br /> SPIRIT-2 ist die gr&ouml;&szlig;te Phase-III-Studie zum Vergleich von Dasatinib mit Imatinib. Im Zeitraum von 2008 bis 2013 wurden in Gro&szlig;britannien 814 Patienten mit neu diagnostizierter CML im 1:1-Design zur Therapie mit einer der beiden Substanzen randomisiert. Am ASH-Kongress 2018 wurden die finalen Ergebnisse zum prim&auml;ren Endpunkt &ndash; dem ereignisfreien F&uuml;nfjahres&uuml;berleben (EFS) &ndash; pr&auml;sentiert: Sowohl das EFS als auch das Gesamt&uuml;berleben (OS) waren zwischen den beiden Gruppen vergleichbar (p-Wert gem&auml;&szlig; Log-Rank-Test 0,318 bzw. 0,690). Auch hier zeigte sich, dass eine MRR (&bdquo;major molecular response&ldquo;, definiert als MR3 und BCR-ABL-Ratio &lt; 0,1 %) unter dem Tyrosinkinaseinhibitor (TKI) der zweiten Generation Dasatinib rascher erreicht wird als unter Imatinib, dem TKI der ersten Generation. Imatinib holte den Unterschied &uuml;ber die Zeit hinweg auch nicht auf, ein Plateau trat nach ca. drei Jahren ein. Die MMR-Rate nach f&uuml;nf Jahren betrug 83 vs. 63 % (p&lt;0,0001). Obwohl nicht im Protokoll vorgesehen, erfolgte bei 7 Patienten im Dasatinib- und bei 37 Patienten im Imatinibarm eine Stammzelltransplantation (SCT).<sup>7</sup> &bdquo;Das kann darauf zuzuf&uuml;hren sein, dass TKI der zweiten Generation w&auml;hrend der Studienphase in Gro&szlig;britannien nicht so gut verf&uuml;gbar waren. Eine SCT ist zudem g&uuml;nstiger als die dauerhafte Einnahme eines TKI der zweiten Generation. Aus diesem Grund sind in Osteuropa auch heute noch die SCT-Raten deutlich h&ouml;her als bei uns&ldquo;, erl&auml;uterte Prim. Univ.-Prof. Dr. Andreas Petzer, Ordensklinikum Linz. Mittlerweile sind bereits TKI der dritten (z. B. HQP1351) und vierten Generation (z. B. PF-114) in klinischer Entwicklung.</p> <h2>Myeloproliferative Neoplasien (MPN)</h2> <p>Bei den MPN wurden Calreticulin-Mutationen (CALR-Mt) als potenzielles therapeutisches Target identifiziert &ndash; diese werden bei 30 % der Patienten mit essenzieller Thrombozyt&auml;mie oder prim&auml;rer Myelofibrose vorgefunden. Im Rahmen einer In-vivo-Studie wurde auch nachgewiesen, dass CALR-mt-Proteine im Plasma mit der Allellast korrelieren. Au&szlig;erdem k&ouml;nnen rekombinante CALR-mt-Zellen benachbarte Zellen &uuml;ber den Thrombopoetinrezeptor stimulieren, wobei ein selektiver Effekt auf CALR-mt-Zellen beobachtet worden ist.<sup>8</sup> &bdquo;Man geht davon aus, dass man diese Proteine mit Antik&ouml;rpern oder auch Small Molecules blockieren kann. Es d&uuml;rfte ein nicht zu weit in der Ferne gelegenes Ziel sein, entsprechende Therapien daf&uuml;r zu entwickeln&ldquo;, gab sich Univ.-Prof. Dr. Heinz Gisslinger, MU Wien, optimistisch.<br /> Gisslinger pr&auml;sentierte sowohl am ASH-Kongress als auch bei der Wrap-Up- Veranstaltung die Dreijahresergebnisse zur Therapie von Polycythaemia vera (PV) mit Ropeginterferon alfa-2b (Ropeg) vs. BAT (&bdquo;best available therapy&ldquo;). Als BAT wurde fast immer Hydroxyurea (HU) gew&auml;hlt. Zwar dauert es bei Ropeg wesentlich l&auml;nger, bis eine komplette h&auml;matologische Response erzielt wird, daf&uuml;r aber bleibt die Response aufrecht, w&auml;hren unter HU trotz Beibehaltung der Dosis eine Unterlegenheit vs. Ropeg zu verzeichnen war. Dasselbe gilt f&uuml;r die molekulare Response: Auch hier ist eine klare Trennung der Kurven nach ca. 12 Monaten, bei HU danach sogar ein Abfall, zu beobachten. Erw&auml;hnenswert ist auch, dass unter Ropeg nicht nur die Allellast von JAK2-, sondern auch jene von Bystander- Mt abgefallen ist (p=0,036 vs. HU).<sup>9</sup> &bdquo;Ropeg d&uuml;rfte &uuml;ber die Zeit hinweg zu einer Krankheitsmodifikation f&uuml;hren. Wir sind davon &uuml;berzeugt, dass diese Therapie &ndash; wenn sie fr&uuml;h im Krankheitsverlauf initiiert wird &ndash; eine der besten ist, die wir gegenw&auml;rtig PV-Patienten anbieten k&ouml;nnen&ldquo;, berichtete Gisslinger. Ropeg wurde am 13. Dezember 2018 von der EMA (European Medicines Agency) f&uuml;r PV zugelassen.<sup>10</sup></p> <h2>Therapie des Mantelzelllymphoms (MCL)</h2> <p>&bdquo;Beim MCL stellt eine autologe SCT mit anschlie&szlig;ender Rituximab-Erhaltungstherapie den Standard f&uuml;r junge, therapienaive Patienten dar&ldquo;, erkl&auml;rte OA Dr. Thomas N&ouml;sslinger, Hanusch-Krankenhaus Wien, der u. a. die gepoolten Ergebnisse von drei Studien zur Induktionstherapie pr&auml;sentierte. In zwei Studien wurden drei Zyklen Rituximab/Bendamustin (R/B) gefolgt von drei Zyklen R/Cytarabin (R/C) verabreicht. In der dritten Studie wurden die Kombinationen alternierend verabreicht: RB in den Zyklen 1, 3, 5 und RC in den Zyklen 2, 4, 6. Das mediane Patientenalter lag bei 57 Jahren. Alle bis auf 9 Patienten konnten der autologen SCT (ASCT) zugef&uuml;hrt werden, die Responseraten waren zwischen den Studien vergleichbar. Allerdings wurde beim alternierenden Regime ein verz&ouml;gertes Thrombozyten-Engraftment beobachtet, die sequenzielle Gabe erwies sich als deutlich g&uuml;nstiger hinsichtlich einer prolongierten Thrombozytopenie nach der ASCT.<sup>11</sup><br /> Zanubrutinib ist ein hoch selektiver Bruton-TKI(BTK)-Inhibitor der zweiten Generation, der zurzeit bei verschiedenen h&auml;matologischen Entit&auml;ten untersucht wird. In einer Phase-I-Studie wurde im Blut und in Lymphknotenbiopsien von Patienten mit verschiedenen relapsierten/ refrakt&auml;ren (R/R) B-Zell-Malignomen eine komplette und &uuml;ber 24 Stunden anhaltende Blockade der BTK nachgewiesen.<sup>12</sup> Am ASH-Kongress wurden die Ergebnisse einer offenen Phase-II-Studie vorgestellt, in der 86 Patienten mit R/R MCL (im Median vier Vortherapien) mit 160 mg Zanubrutinib zweimal t&auml;glich bis zur Krankheitsprogression oder bis zum Auftreten von inakzeptablen Toxizit&auml;ten behandelt wurden. Das Ansprechen wurde PET-basiert gem&auml;&szlig; der Lugano-Klassifikation durch ein unabh&auml;ngiges Review-Komitee beurteilt. Bei den 85 auswertbaren Patienten betrug die &bdquo;overall response rate&ldquo; 84 %, bei 50 Patienten wurde sogar eine komplette Response festgestellt.<sup>13</sup> &bdquo;Weitere BTK-Inhibitoren der zweiten Generation befinden sich in klinischer Entwicklung&ldquo;, so N&ouml;sslinger.</p></p> <p class="article-quelle">Quelle: Wrap-Up ASH, 20. Dezember 2018, Wien </p> <p class="article-footer"> <a class="literatur" data-toggle="collapse" href="#collapseLiteratur" aria-expanded="false" aria-controls="collapseLiteratur" >Literatur</a> <div class="collapse" id="collapseLiteratur"> <p><strong>1</strong> Nathwani A et al.: ASH 2018: Abstract #491 <strong>2</strong> George L et al.: ASH 2018: Abstract #487 <strong>3</strong> Zwicker J et al.: ASH 2018: Abstract #985 <strong>4</strong> Khorana A et al.: ASH 2018: Abstract #LBA-1 <strong>5</strong> Saglio G et al.: N Engl J Med 2010; 362: 2251-2259 <strong>6</strong> Gugliotta G et al.: ASH 2018: Abstract #458 <strong>7</strong> O&rsquo;Brian S et al.: ASH 2018: Abstract #457 <strong>8</strong> Pecquet C et al.: ASH 2018: Abstract #004 <strong>9</strong> Gisslinger H et al.: ASH 2018: Abstract #579 <strong>10</strong> EMA/CHMP/867687/2018 <strong>11</strong> Merryman R et al.: ASH 2018: Abstract #445 <strong>12</strong> Tam C et al.: ASH 2016: Abstract #642 <strong>13</strong> Song Y et al.: ASH 2018: Abstract #148</p> </div> </p>
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