Aminosäuren – Booster für die Wundheilung?
Autorin:
Dr. med. Mirja Katrin Modreker
Ärztliche Leitung
MVZ Osterstrasse voramedic GmbH
Bad Salzuflen
E-Mail: m.modreker@voramedic-team.de
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Für den Wundheilungsprozess ist je nach Heilungsprozess die richtige Kombination aus Kohlenhydraten, Fetten und Proteinen sowie aus Mineralien, Spurenelementen und Vitaminen essenziell. Darüber hinaus wurde in den letzten Jahren zunehmend die Bedeutung einzelner Vitamine oder auch der Omega-3-Fettsäuren bekannt. Ein besonderes Augenmerk richtet sich derzeit auf die Aminosäuren, die Bausteine der Proteine.
Keypoints
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Mangelernährung zählt zu den Faktoren, diezu verzögerter Wundheilung bzw. Wundheilungsstörung führen.
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Für die Wundheilung sind das Zusammenspiel einer ausreichenden Gesamtenergieversorgung mit allen Grundnährstoffen, Mineralien, Spurenelementen und Vitaminen essenziell, ebenso wie eine ausreichende Versorgung mit speziellen Aminosäuren.
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Die Aminosäuren Arginin und Glutamin spielen eine wichtige Rolle im Wundheilungsprozess.
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Auch die Gruppe der verzweigtkettigen Aminosäuren zeigt einen positiven Effekt in der Wundheilung.
Für den Wundheilungsprozess wird ein Zusammenspiel aus allen Grundnährstoffen (Kohlenhydrate, Fette, Proteine) sowie Mineralien, Spurenelementen und Vitaminen benötigt. Je nach Phase des Heilungsprozesses ist eine jeweils unterschiedliche Dosiskombination erforderlich, da die einzelnen Substrate an unterschiedlichen Prozesswegen beteiligt sind und hier ihre essenzielle Bedeutung haben. Der Bedarf steigt mit der Grösse des Wundgebietes oder bei Komplikationen der Wundheilung.
In den letzten Jahren wurde zunehmend die Bedeutung der Proteine, einzelner Vitamine oder auch der Omega-3-Fettsäuren bekannt. In dieser Übersichtsarbeit soll das Augenmerk auf die Aminosäuren als Bausteine der Proteine gelegt werden. Der Grossteil der publizierten Studien befasst sich mit der Wundheilung (Wundheilungsstörung) beim diabetischen Fusssyndrom sowie bei Dekubitus.
Gesamtbedarf an Proteinen bei Erwachsenen
Allgemein wird für Erwachsene ein Proteinbedarf von 0,8g/kg Körpergewicht (KG) zugrunde gelegt. Dieser steigt mit zunehmendem Alter (ab 70 Jahre mind. 1g/kg KG) sowie akuten Erkrankungen und Mangelernährung. Für grössere Wunden sowie Dekubitus wird ein Bedarf von mind. 1,2–1,5g/kg KG veranschlagt.1
Risikofaktor Mangelernährung
Neben Adipositas, Ödemen, Arteriosklerose, Niereninsuffizienz, bestimmten Arzneimitteln etc. gilt eine Mangelernährung als wichtiger Faktor für eine verzögerte Wundheilung bzw. Wundheilungsstörung. Zur Definition sollten die «Global Leadership Initiative on Malnutrition»(GLIM)-Kriterien herangezogen werden. Für das Vorliegen einer Mangelernährung müssen ein phänotypisches und ein ätiologisches Kriterium erfüllt sein (Abb.1).2
Stehen die erforderlichen Nährstoffe nur unzureichend zur Verfügung, kann die Wundheilung nicht korrekt ablaufen, eine Wundheilungsstörung wird begünstigt.
Zur Erfassung einer Mangelernährung stehen unterschiedliche Screening-Tools zur Verfügung. Für den stationären Bereich ist z.B. das Nutritional Risk Screening (NRS 2002), für den ambulanten Bereich das Malnutrition Universal Screening Tool (MUST) zu nennen. Für geriatrische Patient:innen ist für alle Settings das Mini Nutritional Assessment (MNA), auch als Kurzversion (MNA-SF), validiert. (Nähere Details sind z.B. bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin verfügbar: www.dgem.de .)
Spezielle Aminosäuren?
In den letzten Jahren wurden einzelne Aminosäuren identifiziert, die eine besondere Rolle im Wundheilungsprozess spielen. So zeigt sich, dass insbesondere Arginin und Glutamin (über Steigerung der Hydroxyprolinkonzentration) als wichtige Bausteine für die Kollagensynthese notwendig sind.
Bereits in den ersten Studien, z.B. in der Pilot- und Review-Studie von Jones et al. 2014 zu Wunden beim diabetischen Fusssyndrom, wurde der Effekt einer Supplementation mit Arginin und Glutamin untersucht. Hier zeigte sich, dass die Supplementation zu einer verstärkten Kollagensynthese und damit zur einer Verbesserung der Wundheilung beitragen kann.4
Dieser Trend, dass Arginin und Glutamin einen positiven Effekt haben, dies aber nicht in allen Studien mit statistischer Signifikanz nachzuweisen ist, setzt sich in den Arbeiten der folgenden Jahre fort. So fassten Arribas-Lopez et al. in ihrem Systematic Review und ihrer Metaanalyse von 2021 zusammen, dass eine «Supplementation mit Arginin und Glutamin positiv die Wundheilung oder Parameter in Verbindung mit der Wundheilung inkl. Hospitalisierungsdauer und Mortalität beeinflussen kann».5
Eine kürzlich publizierte Arbeit von 2025 bestätigt ebenfalls einen positiven Trend bei allerdings weiterhin insgesamt unzureichender Beweislage.6
Diese, wenn auch mit Einschränkungen, positiven Effekte u.a. zu Arginin haben Studiengruppen aufgegriffen und Projekte mit speziellen, Arginin-angereicherten Trinksupplementen aufgestellt. Beispielsweise Neyens et al. 2017 zeigten in ihrem Review, dass sich (unter Berücksichtigung der limitierten Anzahl an Level-1-Studien) ein positiver Effekt auf den Wundheilungsprozess von Dekubitus durch orale Protein-, Arginin- und Mikronährstoff-angereicherte Trinksupplemente abzeichnet.7
«Branched-chain amino acids» (verzweigtkettige Aminosäuren)
Einer weiteren Gruppe von Aminosäuren, den verzweigtkettigen Aminosäuren, «branched-chain amino acids» (BCAA), Leucin, Isoleucin und Valin, konnten ebenfalls positive Effekte in der Wundheilung beim diabetischen Fusssyndrom nachgewiesen werden. In der Arbeit von Ma et al. 2023 wurde durch orale Gabe von täglich 4g BCAA neben einer konsequenten Wundversorgung eine signifikante Reduktion der Wundgrösse nachgewiesen.8 Eine 2025 publizierte Literaturrecherche konnte einerseits den potenziell förderlichen Effekt verzweigtkettiger Aminosäuren auf die Wundheilung aufzeigen, machte andererseits allerdings auch deutlich, dass die Verfügbarkeit der weiteren essenziellen Aminosäuren (wie Glutamin, Glycin, Arginin) für den optimalen Effekt erforderlich ist.9
Was bedeutet dies für den klinischen Alltag?
Zusammenfassend muss, wie der Überblick über die Studienlage darstellt, festgehalten werden, dass es zum jetzigen Zeitpunkt eine prinzipiell gute Datenlage zum positiven Effekt einzelner Aminosäuren, insbesondere Arginin und Glutamin, auf die Wundheilung gibt. Insgesamt ist die Studienlage aber nicht einheitlich, teilweise wird eine statistische Signifikanz verfehlt.
Auch der Cochrane Review 2024 zur Ernährungstherapie bei Dekubitus resümiert, dass der Benefit von Ernährungsinterventionen unterschiedlicher Zusammensetzungen für die Prävention und die Heilung von Druckulzera weiterhin unklar ist, es einen kleinen oder auch keinen Unterschied zur Standardernährung gibt. Es würden sich aber auch keine gastrointestinalen Nebenwirkungen zeigen. Für Arginin und Mikronährstoffe wird eingeräumt, dass, wenn auch nicht die Anzahl, so aber der Heilungsprozess begünstigt werden kann.
Ein Grund für dieses abschliessende Statement ist die weiterhin unzureichende Datenlage, insbesondere seien weiterhin grössere Studien erforderlich.10
Demgegenüber sind die Studienlage und damit die Empfehlungen bzgl. der Ernährungstherapie bei Patient:innen mit Mangelernährung bzw. mit einem Risiko für Mangelernährung deutlich. Hier kann sich insbesondere bei stationären Patient:innen ein verbessertes klinisches Outcome zeigen.11,12
Standard sollte somit sein, Patient:innen mit Mangelernährung bzw. mit einem Risiko dafür eine Ernährungstherapie zukommen zu lassen. Hier sind insbesondere Anreicherung der Kost sowie bilanzierte Trinksupplemente zu empfehlen. Diese sind bei nachgewiesener und dokumentierter Mangelernährung (s.o.) verordnungsfähig. In komplizierten Fällen kann eine ergänzende enterale Ernährung erwogen werden.
Mittlerweile gibt es auf dem Markt auch mit Arginin angereicherte Trinksupplemente, die in Anlehnung an o.g. Studien für Patient:innen mit Wundheilungsstörungen bzw. grossen Wunden entwickelt worden sind. Diese gelten allerdings als diätetisches Lebensmittel und sind somit nicht verordnungsfähig.
Fazit für die Praxis
Die Behandlung von Patient:innen mit Wunden/Wundheilungsstörungen ist eine interdisziplinäre Teamarbeit: Sowohl die lokale Wundversorgung, eine angemessene Schmerztherapie, die Mobilisierungstherapie mit Lagerung/entlastender Lagerung als auch die Sicherung einer ausreichenden Ernährung, vor allem die Ernährungstherapie bei Patient:innen mit Mangelernährung bzw. mit einem Risiko für Mangelernährung, sind essenziell.
Bezüglich der Ernährung ist zu betonen, dass nicht nur eine ausreichende Versorgung mit Proteinen und speziellen Aminosäuren für eine gute Wundheilung erforderlich ist, sondern vielmehr auch das Zusammenspiel einer ausreichenden Gesamtenergieversorgung mit allen Grundnährstoffen sowie Mineralien, Spurenelementen und Vitaminen essenziell ist.
Literatur:
1 European Pressure Ulcer Advisory Panel (EPUAP), Nationale Pressure Injury Advisory Panel, Pan Pacific Pressure Injury Alliance. The 2019 international prevention and treatment of pressure ulcers/injuries: clinical practice guideline. EPUAP 2019 2 Diagnostische Kriterien einer Mangelernährung: Kriterien nach GLIM. https://www.dgem.de/diagnostische-kriterien (zuletzt aufgerufen am 26.1.2026) 3 Cederholm T et al.: GLIM criteria for the diagnosis of malnutrition – a consensus report from the global clinical nutrition community. Clin Nutr 2019; 38(1): 1-9 4 Jones MS et al.: Targeted amino acid supplementation in diabetic foot wounds: pilot data and a review of the literature. Surg Infect (Larchmt) 2014; 15(6): 708-12 5 Arribas-López E et al.: The effect of amino acids on wound healing: a systematic review and meta-analysis on arginine and glutamine. Nutrients 2021; 13(8): 2498 6 Torsy T et al.: The role of glutamine and argnine in wound healing of pressure ulcers: a systematic review. Wound Repair Regen 2025; 33(4): e70077 7 Neyens JCL et al.: Arginine-enriched oral nutritional supplementation in the treatment of pressure ulcers: a literature review. Wound Medicine 2017; 16: 46-51 8 Ma YK et al.: Effect of branched-chain amino acids on wound healing in patients with diabetic foot ulcers. Clan Case Rep Int 2023; 7: 1610 9 Tanaka F et al.: Mythbusting the effect of BCAA on woundhealing. Journal Plastik Rekonstruksi 2025; 12(2): 62-9 10 Langer G et al.: Nutritional interventions for preventing and treating pressure ulcers. Cochrane Database Syst Rev 2024; 12(2): CD003216 11 Gomes F et al.: Association of nutritional support with clinical outcomes among medical inpatients who are malnourished or at nutritional risk. An updated systematic review and meta-analysis. JAMA Netw Open 2019; 2(11): e1915138 12 Schuetz P et al.: Individual nutritional support in medical inpatients at nutritional risk: a randomized clinical trial. Lancet 2019; 393(10188): 2312-21
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