PrEP

Die kleine Revolution in der HIV-Prävention

<p class="article-intro">Mitte der 1990er-Jahre, als eine HIV-Infektion noch einem Todesurteil gleichkam und sogar medizinisches Personal der Meinung war, die Krankheit könne nur Homosexuelle treffen, beherrschten Angst und Panik die Debatte rund um das Thema.</p> <hr /> <p class="article-content"><p>Seither hat sich &ndash; zum Gl&uuml;ck &ndash; einiges getan. Zwar ist das HI-Virus nach wie vor nicht endg&uuml;ltig besiegt, doch in Schach halten l&auml;sst es sich mittlerweile sehr gut. Eine Infektion mit HIV ist l&auml;ngst kein Todesurteil mehr: Infizierte Menschen haben heute nahezu die gleiche Lebenserwartung wie Nicht-Infizierte und haben sich damit zu sogenannten &bdquo;longterm survivors&ldquo; entwickelt. Und nicht nur das: Auch die Lebensqualit&auml;t hat deutlich zugenommen. Als die sogenannte antiretrovirale Therapie (ART) noch in den Kinderschuhen steckte, bestimmten die Tabletteneinnahme und deren Nebenwirkungen den gesamten Alltag HIV-positiver Menschen. Im Jahr 2018 werden bereits standardm&auml;&szlig;ig Single-Tablet-Regime verschrieben: eine Tablette, einmal am Tag. Die Nebenwirkungen werden mit jeder neuen Therapie-Generation reduziert.</p> <h2>Die Stigmatisierung der Gesellschaft</h2> <p>Was geblieben ist, ist die Stigmatisierung: Obwohl eine HIV-Infektion heute wie eine chronische Krankheit behandelt wird, haftet ihr das &bdquo;Schmutzige&ldquo; durch die &uuml;berwiegend sexuelle &Uuml;bertragung leider nach wie vor an. Viele sind der Meinung, HIV-Positive w&auml;ren selbst schuld an ihrer Infektion &ndash; Verst&auml;ndnis oder gar Mitgef&uuml;hl gibt es seitens der Gesellschaft selten. Das wirkt sich auch auf die Pr&auml;vention aus: Wie sollen Menschen dazu bewegt werden, Verantwortung zu &uuml;bernehmen und sich zu sch&uuml;tzen oder testen zu lassen, wenn HIV noch immer so tabuisiert wird?<br /> Die Hauptursache f&uuml;r HIV-Infektionen ist immer noch ungesch&uuml;tzter Geschlechtsverkehr und das Kondom ist eine der sichersten Methoden, um sich vor einer Ansteckung zu sch&uuml;tzen. Dennoch gibt es Situationen, in denen Kondome rei&szlig;en, man sich nicht ausschlie&szlig;lich auf ein Kondom verlassen will oder in denen man oft noch gar keines in Verwendung hat &ndash; beispielsweise bei oralen Praktiken. In &Ouml;sterreich gibt es zahlreiche Menschen, die mit einem (nicht in Behandlung stehenden) HIV-positiven Partner oder einer HIV-positiven Partnerin leben und die sich dadurch einer Risikosituation aussetzen. Auch wer vor oder w&auml;hrend des Sex Drogen (Stichwort &bdquo;Chemsex&ldquo;) einnimmt, l&auml;uft Gefahr, auf den Schutz mit Kondom zu &bdquo;vergessen&ldquo; &ndash; ein zunehmendes Problem in den letzten Jahren. Schlie&szlig;lich haben auch jene, die h&auml;ufig (Anal-)Sex mit wechselnden Partnern haben, ein erh&ouml;htes HIV-Ansteckungsrisiko.<br /> F&uuml;r diese Risikogruppen wurde in Europa im Sommer 2017 ein HIV-Medikament, das urspr&uuml;nglich in der HIV-Therapie eingesetzt wird, zur sogenannten Pr&auml;-Expositions- Prophylaxe (kurz: PrEP) zugelassen. Im Rahmen dieser Pr&auml;-Expositions-Prophylaxe nehmen HIV-negative Personen das Medikament t&auml;glich ein, um sich vor einer Ansteckung mit dem HI-Virus zu sch&uuml;tzen. Die Wirkstoffkombination Emtricitabin/ Tenofovir verhindert die Vermehrung des HI-Virus im K&ouml;rper &ndash; die Person bleibt deshalb HIV-negativ. Das bekannteste &ndash; weil lange Zeit auch einzige &ndash; Pr&auml;parat dieser Art ist Truvada<sup>&reg;</sup> des Herstellers Gilead.</p> <h2>PROUD-Studie best&auml;tigt PrEP-Erfolg</h2> <p>In der sogenannten PROUD-Studie konnte das Infektionsrisiko bei t&auml;glicher Einnahme von Emtricitabin/Tenofovir um durchschnittlich 86 % reduziert werden &ndash; bei sehr guter Therapieadh&auml;renz sogar um 99 % .<sup>1, 2</sup> Die Verwendung eines Kondoms ist trotz PrEP auch weiterhin unerl&auml;sslich: Die Medikamente sch&uuml;tzen ausschlie&szlig;lich vor einer Ansteckung mit HIV und Hepatitis B, nicht aber vor anderen sexuell &uuml;bertragbaren Krankheiten. Genau da setzt allerdings auch der gr&ouml;&szlig;te Kritikpunkt der PrEP an: Die Tabletten k&ouml;nnten dazu verleiten, auf Kondome zu verzichten, was zur st&auml;rkeren Verbreitung von anderen sexuell &uuml;bertragbaren Krankheiten f&uuml;hren k&ouml;nnte. Zudem sind auch die Nebenwirkungen der t&auml;glichen Einnahme von so hoch dosierten HIV-Medikamenten bei gesunden Menschen nicht zu untersch&auml;tzen &ndash; bei l&auml;ngerer Einnahme kann es etwa zu einer Einschr&auml;nkung der Leistungsf&auml;higkeit der Nieren kommen.<br /> Eine umfassende Beratung und Begleitung bei der PrEP-Einnahme ist demnach unerl&auml;sslich. Nach und nach etablierten sich nationale Leitlinien der PrEP-Beratung, die auf diese Faktoren R&uuml;cksicht nehmen. Die deutsch-&ouml;sterreichischen PrEPLeitlinien wurden erst im Mai dieses Jahres &uuml;berarbeitet. Um die Gefahr von Resistenzbildungen zu verringern, ist in diesen etwa vorgeschrieben, dass vor Start einer PrEP eine bereits bestehende HIV-Infektion unbedingt ausgeschlossen werden muss. HIVTests sind des Weiteren auch in den regelm&auml;&szlig;igen Kontrolluntersuchungen, die alle drei Monate von den behandelnden HIVMediziner durchgef&uuml;hrt werden sollen, enthalten. Zudem wird auf weitere sexuell &uuml;bertragbare Krankheiten wie Syphilis gescreent und die Nierenfunktion &uuml;berpr&uuml;ft. Eine erst k&uuml;rzlich pr&auml;sentierte Studie aus Boston konnte sogar einen Zusatznutzen der PrEP-Kontrolluntersuchungen f&uuml;r weitere gesundheitliche Parameter (z.B. Raucherberatung und Screening-Test auf Depressionen) best&auml;tigen.<sup>3</sup></p> <h2>Eine finanzielle Belastung</h2> <p>Bei aller PrEP-Euphorie blieb allerdings ein Haken: Eine Monatspackung Truvada&reg; kommt auf etwa 1000 Euro und wird in den meisten europ&auml;ischen L&auml;ndern nicht von den Krankenkassen bezahlt. Die PrEP ist f&uuml;r viele Menschen &ndash; besonders f&uuml;r jene Zielgruppen, die sie am meisten ben&ouml;tigen &ndash; oft unleistbar. Im Herbst 2017 ist das Patent von Gilead zwar ausgelaufen, Generika, die nun auf dem Markt sind, kosten aber immer noch etwa 300 Euro pro Monatspackung.<br /> In Deutschland ebnete schlie&szlig;lich der K&ouml;lner Apotheker Erik Tenberken den Weg f&uuml;r eine bezahlbare PrEP: Nach monatelangen Verhandlungen gelang es ihm im Herbst 2017, den den Monatsbedarf an PrEP-Pr&auml;paraten des Herstellers Hexal schon um rund 50 Euro anzubieten. Diesem Beispiel folgend wird seit Beginn des Jahres im Rahmen eines Pilotprojekts mit Sandoz auch in einer Wiener Apotheke die PrEP um 59 Euro angeboten. Beide Pilotprojekte verzeichnen einen enormen Zulauf und werden von der sogenannten PRIDE-Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Hendrik Streeck vom Institut f&uuml;r HIVForschung am Universit&auml;tsklinikum Essen begleitet.<br /> Kurz vor der Welt-Aids-Konferenz, die im Juli in Amsterdam stattgefunden hat, warnte UNAIDS in einer Presseaussendung, dass man mit der bisherigen Strategie zur Bek&auml;mpfung von HIV vom Erreichen der UNAIDS-Ziele, die Epidemie bis 2020 unter Kontrolle zu bringen, noch weit entfernt sei.<sup>4</sup> Und zwar auch, weil gerade Risikogruppen nur schwer vom Gesundheitssystem erreicht werden k&ouml;nnen. In Deutschland denkt Gesundheitsminister Spahn deshalb schon &uuml;ber eine &Uuml;bernahme der Kosten f&uuml;r die PrEP durch die Krankenkassen nach &ndash; die Deutsche Aidshilfe jubelt, die Krankenkassen erwartungsgem&auml;&szlig; weniger.<sup>5</sup> Um die PrEP tats&auml;chlich als wirksame Pr&auml;ventionsma&szlig;nahme zu etablieren, wird eine langfristige Sicherstellung der Finanzierung unumg&auml;nglich sein. Unser solidarisches Krankenkassensystem baut aber auch darauf, dass jeder Einzelne Verantwortung &uuml;bernimmt. Eine zielgruppengenaue Abgabe der PrEP hilft eben jenen, die mit anderen Pr&auml;ventionsm&ouml;glichkeiten Schwierigkeiten haben, diese Verantwortung zu &uuml;bernehmen. Die ausf&uuml;hrliche Beratung und die regelm&auml;&szlig;igen Kontrolluntersuchungen erm&ouml;glichen zudem eine engmaschige gesundheitliche Betreuung von PrEP-Beziehern, die sie andernfalls eventuell nicht in Anspruch nehmen k&ouml;nnen oder wollen. Die g&uuml;nstigen Pilotmodelle sind schlie&szlig;lich ein erster Schritt, um die PrEP auch finanziell jenen zug&auml;nglich zu machen, die sie am dringendsten ben&ouml;tigen. Wie sich der Einsatz der PrEP tats&auml;chlich auf die HIV-Pr&auml;vention auswirkt, wird erst in einigen Jahren deutlich werden &ndash; bis dahin werden wir die Entwicklungen mit Spannung weiterverfolgen.</p></p> <p class="article-footer"> <a class="literatur" data-toggle="collapse" href="#collapseLiteratur" aria-expanded="false" aria-controls="collapseLiteratur" >Literatur</a> <div class="collapse" id="collapseLiteratur"> <p><strong>1</strong> McCormack S et al.: Preexposure prophylaxis to prevent the acquisition of HIV-1 infection (PROUD): effectiveness results from the pilot phase of a pragmatic open-label randomised trial. The Lancet 2016; 387: 53-60 <strong>2</strong> Anderson PL et al.: Emtricitabine-tenofovir concentrations and pre-exposure prophylaxis efficacy in men who have sex with men. Sci Transl Med 2012; 4: 151ra125 <strong>3</strong> Marcus J et al: hiv preexposure prophylaxis as a gateway to primary care. Am J Public Health 2018: e1-e3 <strong>4</strong> UNAIDS: UNAIDS warns that progress is slowing and time is running out to reach the 2020 HIV targets. Press Release 2018: 18. 7. 2018 <strong>5</strong> Schwinn M: HIV-Prophylaxe soll Krankenkassenleistung werden. S&uuml;ddeutsche Zeitung Online 2018: https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/hiv-prophylaxe- pille-statt-gummi-1.4065359</p> </div> </p>
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