ADHS, Sport und Bewegung: Ein Überblick aus klinischer Perspektive
Autor:
Dr. med. Carlos Gonzalez Hofmann
Fort- und Weiterbildungskommission SGSPP
E-Mail: c.gonzalez-hofmann@hin.ch
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Die Schweizerische Gesellschaft für Sportpsychiatrie und -psychotherapie (SGSPP) bezweckt die Förderung der Sportpsychiatrie und -psychotherapie über die Lebensspanne in der Schweiz im Leistungssport und in der Allgemeinbevölkerung. In Leading Opinions Neurologie & Psychiatrie wird regelmässig über die jüngsten Entwicklungen der Sportpsychiatrie und -psychotherapie in der Schweiz und ihre Tätigkeitsfelder – im Breiten-, Gesundheits- und Leistungssport – berichtet. In diesen Gesellschaftsnachrichten bildet der Leistungssport den Schwerpunkt, im Speziellen die Diagnostik und der Umgang mit psychischen Beschwerden und Erkrankungen.
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, betrifft rund 5–6% der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, wobei auch heute noch viele Betroffene nicht erkannt bzw. diagnostiziert werden. Rund 30% der Betroffenen weisen vorwiegend ein Aufmerksamkeitsdefizit auf, rund 10% vorwiegend Hyperaktivität und Impulsivität, während sich rund 60% gemischt präsentieren. Gemäss den Wender-Utah-Kriterien werden neben Aufmerksamkeitsdefizit, Hyperaktivität und Impulsivität auch Desorganisation, emotionale Irritabilität, affektive Labilität und Temperament als typische Merkmale aufgeführt. Diese Symptomerweiterung ist dem oft zu beobachtenden Symptomshift mit Entwicklung emotionaler Regulationsprobleme in der Frühadoleszenz geschuldet. Während die gängigen Diagnosekriterien (ICD-10/11 und DSM-5) ein klar diagnostizierbares Störungsbild definieren, sollte die ADHS besser als Spektrumstörung verstanden werden, da es auch subklinische Ausprägungen gibt und Menschen auch nur ein einzelnes Merkmal aufweisen können, ohne ADHS zu haben.
Die ADHS geht mit Störungen der Exekutivfunktionen einher, wie einer Störung des Arbeitsgedächtnisses, mangelnder Hemmungskontrolle, mangelnder Handlungsplanung, Unlustvermeidung und Vermeidung von Belohnungsaufschub. Bei Hyperaktivität ist eher ein schlanker Habitus, bei Aufmerksamkeitsdefizit eher ein adipöser Habitus zu beobachten. Es gibt Korrelationen zwischen AD(H)S mit überwiegendem Aufmerksamkeitsdefizit und Adipositas.1 Mit zunehmender Hyperaktivität kann auch ein erhöhter Muskeltonus beobachtet werden, der im Erwachsenenalter oft mit Rückenschmerzen (statistisch meist «Kreuzschmerzen») einhergeht. Bei einem Teil der Betroffenen können auch motorische Probleme, wie zum Beispiel Koordinationsprobleme, auftreten. Es kann sich zudem eine motorische Entwicklungsverzögerung bemerkbar machen, die bereits im Kleinkindesalter beobachtet werden kann und die mutmasslich auf Exekutivfunktionsstörungen beruht.
Bewegungsverhalten
Während in der öffentlichen Wahrnehmung Personen mit ADHS meist mit dem «Zappelphilipp» assoziiert werden, kann sich das ADHS-assoziierte Bewegungsverhalten auf vielfältige Weise manifestieren. Aus zahlreichen Anamneseberichten gibt es bereits Einblicke in die Entwicklung von Kindern, noch bevor eine Diagnose möglich ist:2 Bei Säuglingen kann oft ein erhöhter Bewegungsdrang beobachtet werden, mit oft eher spätem Erlernen des Krabbelns. Laufen wiederum gelingt meist früh und geht rasch ins Rennen über. Kleinkinder laufen oft weg und klettern viel. Die oft mit ADHS assoziierte Zappeligkeit tritt meist in der Primarschulzeit zutage und kann mit lebhaftem Herumtoben einhergehen. In der Jugend kann bei Hyperaktivität der Bewegungsdrang stark zunehmen, bei geringer Hyperaktivität kann es jedoch zu reduziertem Bewegungsverhalten kommen. Bei Erwachsenen kann einereduzierte Bewegungsinhibition auffallen, was durch ungebremste Bewegungsimpulse zu Unfällen oder Verletzungen führen kann.
Grundsätzlich spielen zwei biologische Faktoren der ADHS eine grosse Rolle: zum einen die Hyperaktivität, die zu Bewegung drängen kann, zum anderen die spezielle Motivationsdynamik, die sich aus dem Wechselspiel von dem Ruhenetzwerk («default mode network») und anderen Netzwerken (z.B. Salienznetzwerk) ergibt. Ist das Interesse an etwas, z.B. Bewegung, hoch genug, überstimmen die anderen Netzwerke das Ruhenetzwerk und es kommt zur Ausbildung von Motivation und Antrieb für die Bewegung. Fehlt dieser Impuls, bremst das Ruhenetzwerk die Antriebsbildung aus und verhindert oder erschwert die Aktivität.
Sport mit ADHS
Motorische Entwicklungsverzögerungen, fehlende Motivation und Unlustvermeidung sowie eine reduzierte Daueraufmerksamkeit können die Teilhabe an Sport erschweren. Dies dürfte ein Grund sein, warum Menschen mit ADHS meist weniger sportlich aktiv sind als gleichaltrige Menschen ohne ADHS.3 Auf der anderen Seite profitieren Betroffene stärker von sportlicher Aktivität als Menschen ohne ADHS.3 Die Studienlage zeigt, dass sich vor allem regelmässiger moderater bis intensiver Ausdauersport (3-mal pro Woche je 45 bis 90 Minuten) positiv auf die Ausprägung der ADHS-Merkmale auswirkt.4 Durch regelmässiges sportliches Training wird die Freisetzung von Dopamin, Noradrenalin und Serotonin im Gehirn gefördert.5 Es können sowohl Verbesserungen der Kernmerkmale Aufmerksamkeitsdefizit, Hyperaktivität und Impulsivität beobachtet werden als auch Verbesserungen der Störungen der Exekutivfunktionen. Ebenso bessert sich meist die emotionale Selbstregulation durch regelmässige sportliche Aktivität. Auch auf komorbide Störungen gibt es positive Auswirkungen (Symptomlinderung).
Bei Kindern hat sich in der Praxis bewährt, die sportlichen und spielerischen Aktivitäten abwechslungsreich zu gestalten, um die Motivation und somit die Teilhabe aufrechtzuerhalten. Bei Jugendlichen mit Hyperaktivität und Impulsivität hat sich in der Praxis Kampfsport als hilfreich erwiesen, aber auch Bouldern. Aufgrund der beschriebenen Wechselwirkung der zentralen Netzwerke (v.a. Ruhenetzwerk) mit der Motivations- und Antriebsbildung sollte viel Augenmerk auf die Vorzüge der sportlichen Aktivität (z.B. Steigerung des Wohlbefindens, Spass, Gemeinschaft, Erfolg) gelegt und kein Druck ausgeübt werden.
Für ADHS-Betroffene bestehen ein erhöhtes Verletzungsrisiko und eine erhöhte Unfallgefahr. Dies kann durch erhöhte Risikobereitschaft, mangelnde Impulskontrolle, motorisches Ungeschick und Aufmerksamkeitsprobleme bedingt sein. Bei der Empfehlung von Bewegungsaktivitäten und Sport sollte dies bei der Beratung von Betroffenen bzw. den Eltern von betroffenen Minderjährigen berücksichtigt werden. Die Einnahme von Stimulanzien reduziert das Verletzungsrisiko.6
Das Wichtigste in Kürze
Menschen mit ADHS weisen biologische Faktoren auf, die regelmässige Bewegung und die Teilhabe an sportlichen Aktivitäten erschweren können. ADHS-Betroffene bewegen sich im Schnitt weniger als gleichaltrige Nichtbetroffene, was mit einem erhöhten Risiko für Adipositas einhergeht. Im Gegenzug profitieren Menschen mit ADHS aber deutlich mehr von sportlicher Aktivität als gleichaltrige Menschen ohne ADHS. Regelmässige sportliche Aktivität bessert die Kernsymptome der ADHS ebenso wie die Exekutivfunktionen und die emotionale Selbstregulation. Ein erhöhtes Verletzungs- und Unfallrisiko ist bei der Auswahl und Durchführung sportlicher Aktivitäten zu berücksichtigen.
Fortbildungsangebote
Die nächsten Kurstage zum Curriculum «Sportpsychiatrische und -psychotherapeutische Basisversorgung» finden statt am 5. 6. 2026, 4. 9. 2026 und 6. 11. 2026.
Die Teilnahme an einzelnen Kurstagen ist möglich. Details finden sich auf der SGSPP-Homepage.
Weitere Informationen und aktuelle Nachrichten zur Schweizerischen Gesellschaft für Sportpsychiatrie und -psychotherapie finden sich auf der SGSPP-Homepage:
www.sgspp.ch
Literatur:
1 Khalife N et al.: Childhood attention-deficit/hyperactivity disorder symptoms are risk factors for obesity and physical inactivity in adolescence. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 2014; 53(4): 425-36 2 Clausen MC, Seifritz E (Hrsg.): Lehrbuch der Sportpsychiatrie und -psychotherapie. Band 2: Sport und Bewegung bei psychischen Erkrankungen. Göttingen: Hogrefe, 2024. 1-512 3 Parr JW: Attention-deficit hyperactivity disorder and the athlete: new advances and understanding. Clin Sports Med 2011; 30(3): 591-610 4 Zang Y: Impact of physical exercise on children with attention deficit hyperactivity disorders. Evidence through a meta-analysis. Medicine (Baltimore) 2019; 98(46): e17980 5 Lin T-W, Kuo Y-M: Exercise benefits brain function: the monoamine connection. Brain Sci 2013; 3(1): 39-53 6 Mikolajczyk R et al.: Injury prevention by medication among children with attention-deficit/hyperactivity disorder: a case-only study. JAMA Pediatr 2015; 169(4): 391-5
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