Lasertherapie des intraoralen Haarwachstums nach Zungenrekonstruktion
Autor:innen:
Dr. med. (RO) Milad Noori
Dr. med. C. Bettina Rümmelein
Hautwerk AG
Zürich
E-Mail: klinik@hautwerk.ch
Sie sind bereits registriert?
Loggen Sie sich mit Ihrem Universimed-Benutzerkonto ein:
Sie sind noch nicht registriert?
Registrieren Sie sich jetzt kostenlos auf universimed.com und erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln, bewerten Sie Inhalte und speichern Sie interessante Beiträge in Ihrem persönlichen Bereich
zum späteren Lesen. Ihre Registrierung ist für alle Unversimed-Portale gültig. (inkl. allgemeineplus.at & med-Diplom.at)
Intraorales Haarwachstum nach Lappenplastiken ist eine vorhersehbare, für Betroffene oft belastende Folge rekonstruktiver Chirurgie im Kopf-Hals-Bereich. Die Laser-Epilation stellt eine wirksame minimalinvasive Therapie dar, ist im enoralen Einsatz jedoch technisch anspruchsvoll und bislang nur begrenzt standardisiert.
Keypoints
-
Intraorales Haarwachstum nach Lappenplastiken ist eine vorhersehbare Folge bei Verwendung haartragender Donorareale und kann zu relevantem funktionellem Leidensdruck führen.2,3
-
Die Laserepilation (z.B. Alexandrit 755nm, Diode 808nm, Nd:YAG 1064nm) stellt eine wirksame minimalinvasive Therapieoption dar, erfordert jedoch mehrere Sitzungen und ist nur bei pigmentierten Haaren effektiv.2,6,7
-
Die enorale Laseranwendung ist technisch anspruchsvoll – eingeschränkte Zugänglichkeit, feuchte Schleimhaut und fehlende spezifische Appli-kationssysteme erfordern ein schrittweises Vorgehen mit initial konservativen Parametern.2,3,6
-
Eine präoperative Laserepilation des Donorareals sollte, wenn klinisch möglich, erwogen werden, um postoperatives intraorales Haar-wachstum zu minimieren.2,5
Freie und gestielte Lappenplastiken gehören zum Standardrepertoire der rekonstruktiven Mundhöhlenchirurgie, insbesondere nach Tumorresektionen im Kopf-Hals-Bereich.1 Je nach Donorareal wird dabei behaarte Haut intraoral transplantiert – und in vielen Fällen persistiert das Haarwachstum auch nach Einheilung des Transplantats.2,3 rotz benignen Befunds kann es klinisch zu relevantem Leidensdruck kommen, zum Beispiel durch Fremdkörpergefühl, Dysphagie und erschwerte Mundhygiene.3,4 Die Laserepilation zeigt in Fallserien vielversprechendere Ergebnisse als minimalinvasive Therapieoptionen, ist jedoch in der praktischen Durchführung technisch anspruchsvoll. Verfügbare Lasersysteme sind primär für die kutane Anwendung konzipiert, und standardisierte Protokolle für die enorale Anwendung sind bislang nur begrenzt beschrieben.2,5
Klinik und Problemstellung
Die Rekonstruktion komplexer Defekte der Mundhöhle erfolgt häufig mittels freier oder gestielter Lappenplastiken, die eine funktionelle und strukturelle Wiederherstellung ermöglichen.1 Häufig verwendete Donorareale sind unter anderem der Radialis-Unterarmlappen und der anterolaterale Oberschenkellappen, die beide potenziell behaarte Haut enthalten.1,7
Wird solche Haut intraoral eingebracht, kann es zu persistierendem Haarwachstum im Transplantatbereich kommen.2,3 Onkologisch ist dieser Befund ohne Bedeutung, für die Betroffenen jedoch oft mit erheblicher Beeinträchtigung verbunden. Häufig berichten Patienten über ein störendes Fremdkörpergefühl, Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme sowie eine erschwerte Mundhygiene.3,4 Insbesondere nach Zungenrekonstruktion wird das Haarwachstum aufgrund der mechanischen Irritation als ausgeprägt störend empfunden.2,4
Aus dermatologischer Sicht ergibt sich hier eine relevante Schnittstelle zur rekonstruktiven Chirurgie, da diese funktionellen Beschwerden typischerweise nicht im Fokus der primären chirurgischen Versorgung stehen.2,4
Pathophysiologie
Transplantierte Haut behält ihre adnexalen Strukturen, einschliesslich Haarfollikel, auch nach Einheilung im Empfängergebiet.8–11 Untersuchungen zeigen, dass intraoral platzierte Hautlappen ihre histologische Architektur über längere Zeiträume erhalten, wobei Haarfollikel regelmässig nachweisbar bleiben.8–11
Das klinisch beobachtete persistierende Haarwachstum spricht dafür, dass die intraorale Umgebung keine relevante Suppression der Haarfollikelaktivität bewirkt.8–11 Obwohl fasziokutane Lappen makroskopisch ein der Mundschleimhaut ähnliches Erscheinungsbild annehmen können, bleibt die histologische Grundstruktur der Haut erhalten.9–11
Entscheidend ist hierbei vor allem die Wahl des Donorareals, da haarreiche Regionen ein deutlich höheres Risiko für diese Komplikation aufweisen.1,7 Das Auftreten intraoraler Haare kann daher als vorhersehbare Folge bestimmter Rekonstruktionsverfahren verstanden werden.2,3
Therapeutische Optionen und Stellenwert der Lasertherapie
Zur Behandlung intraoralen Haarwachstums stehen verschiedene Ansätze zur Verfügung, darunter mechanisches Kürzen, Elektrolyse sowie laserbasierte Verfahren.2,5 Während konservative Massnahmen häufig nur kurzfristige Linderung bieten, zeigen Fallserien eine anhaltende Reduktion des Haarwachstums unter Lasertherapie.2,6,7
Der Wirkmechanismus entspricht dem Prinzip der selektiven Photothermolyse, bei der melaninreiche Haarstrukturen gezielt thermisch geschädigt werden.5,12 Verschiedene Lasersysteme, darunter Alexandrit-, Dioden- und Nd:YAG-Laser, wurden in diesem Kontext erfolgreich eingesetzt.5,6 Bei weissem oder grauem Haar ist die Laserepilation aufgrund des fehlenden Melanins als Chromophor nicht wirksam.6,12
Technische Herausforderungen der enoralen Anwendung
Die Durchführung einer Laserepilation im intraoralen Bereich ist aufgrund anatomischer und technischer Gegebenheiten anspruchsvoll (Abb.1a+b).2,3,6 Die orale Schleimhaut ist feucht, beweglich und anatomisch schwer zugänglich, insbesondere im posterioren Bereich.2,7
Abb. 1a+b:Intraoraler Applikator mit Abstandshalter (5mm) zur Laserepilation im Mundbereich. Die spezielle Grösse und Bauform ermöglichen eine Anwendung in schwer zugänglichen intraoralen Arealen
Gängige Lasersysteme sind für die Behandlung ebener Hautareale konzipiert.5,12 Eine stabile Applikation im Mundraum ist oft schwierig, und eine reproduzierbare Energieabgabe kann insbesondere bei eingeschränkter Zungenmobilität limitiert sein.2 Spezifische Applikationssysteme für den intraoralen Einsatz sind bislang nur begrenzt verfügbar.2,5
In unserer Klinik verwenden wir den DEKA-Laser (Synchro FT, DEKA M.E.L.A., Florenz, Italien) im Epilationsmodus. Dieses System arbeitet mit einem Nd:YAG-Laser (1064nm), der aufgrund seiner tieferen Gewebepenetration und geringeren Melaninabsorption eine effektive Zerstörung pigmentierter Haarfollikel bei gleichzeitig reduziertem Risiko epidermaler Schäden ermöglicht. Die Wahl der Spotgrösse und Fluenz wird individuell an die klinische Situation angepasst. Im intraoralen Bereich werden initial konservative Parameter gewählt, um thermische Schäden an der umgebenden Schleimhaut zu minimieren.3
Fallbeispiel Nummer 1
Ein 58-jähriger Patient stellte sich nach Überweisung durch die Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie zur dermatologischen Mitbeurteilung bei persistierendem intraoralem Haarwachstum vor. Anamnestisch bestand ein Zungenrandkarzinom links (pT2 pN0 M0), welches chirurgisch reseziert und mit freiem anterolateralem Oberschenkellappen (ALT-Lappen) rekonstruiert worden war.
Klinisch zeigte sich ein ausgeprägtes Haarwachstum im Bereich des rekonstruierten Zungendefekts (Abb.2a). Der Patient berichtete über ein störendes Fremdkörpergefühl sowie Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme.
Abb. 2: (a) Ausgedehntes intraorales Haarwachstum im Bereich der rekonstruierten Zunge nach Lappenplastik. Sichtbare terminale Haare auf transplantierter Haut, (b) deutliche Reduktion des intraoralen Haarwachstums nach Laserepilation (Nd:YAG 1064). Vereinzelte Resthaare sichtbar
Wir führten eine Behandlung mittels DEKA-Laser (Synchro FT, 1064nm Nd:Yag) im Epilationsmodus (Spotgrösse 5mm, Fluenz 36J/cm2) durch. Die thermisch geschädigten Haare wurden anschliessend vorsichtig mit einer Pinzette entfernt. Aufgrund einer eingeschränkten Zungenmobilität konnten laterale Haarareale nicht vollständig erfasst werden und wurden initial lediglich gekürzt.
Im weiteren Verlauf wurde die Behandlung in insgesamt 2 Sitzungen im Abstand von 6 Monaten fortgeführt. Nach bereits einer Sitzung zeigte sich eine deutliche Reduktion des Haarwachstums (Abb.2b). Der Patient berichtete über eine subjektive Verbesserung der Beschwerden.
Fallbeispiel Nummer 2
Eine junge Patientin stellte sich zur dermatologischen Mitbeurteilung bei persistierendem intraoralem Haarwachstum im Bereich des Gaumens vor. Anamnestisch bestand ein niedriggradiges mukoepidermoides Karzinom des Oberkiefers rechts, welches im Mai 2022 mittels Teilmaxillektomie reseziert worden war. Die Defektdeckung erfolgte primär durch eine Rekonstruktion mit einem freien Fibulalappen. Im weiteren Verlauf wurden zusätzliche operative Eingriffe, unter anderem eine Lappenplastik sowie die Insertion dentaler Implantate, durchgeführt.
Klinisch zeigte sich ein ausgeprägtes Haarwachstum im Bereich des transplantierten Gewebes am harten Gaumen (Abb.3a). Die Patientin berichtete über eine zunehmende subjektive Beeinträchtigung im Sinne eines störenden Fremdkörpergefühls. Eine eigenständige Entfernung der Haare mittels Zupfens wurde regelmässig durchgeführt, führte jedoch zu keiner nachhaltigen Besserung. Aufgrund der Persistenz der Beschwerden erfolgte die Vorstellung zur Lasertherapie.
Wir führten eine Behandlung mittels DEKA-Laser (Synchro FT, 1064nm Nd:YAG) im Epilationsmodus durch. Die Fluenz betrug 36J/cm2 bei angepasster Spotgrösse, insgesamt wurden etwa 20 Einzelschüsse appliziert. Die Behandlung wurde von der Patientin aufgrund der erhöhten Sensibilität im Transplantatbereich als schmerzhaft beschrieben.
Im weiteren Verlauf erfolgten insgesamt drei Laserbehandlungssitzungen. Zwischenzeitlich wurde die Patientin erneut operativ versorgt, wobei es postoperativ zu einer prolongierten Wundheilung kam. Nach Abheilung zeigten sich bereits nach den ersten Behandlungen eine deutliche Reduktion der Haardichte sowie eine Verfeinerung der Haarstruktur (Abb.3b). Die Patientin berichtete über eine klare subjektive Verbesserung der Symptomatik und eine Reduktion des funktionellen Leidensdrucks.
Abb. 3: (a) Ausgeprägtes intraorales Haarwachstum im Bereich des harten Gaumens nach rekonstruktiver Lappenplastik, (b) deutliche Reduktion der Haardichte nach einmaliger Laserepilation (Nd:YAG 1064nm)
Praktisches Vorgehen und klinische Erfahrung
Die Indikation stellen wir primär anhand des funktionellen Leidensdrucks.2,4 Eine sorgfältige klinische Beurteilung des Areals hinsichtlich Zugänglichkeit, Haarfarbe und -dichte sowie Mobilität der umliegenden Strukturen ist die Grundlage.2,3
In der praktischen Durchführung empfiehlt sich ein schrittweises Vorgehen mit initial konservativen Parametern.2,3 Eine vollständige Erfassung aller Haarareale ist insbesondere bei eingeschränkter Zungenmobilität nicht immer möglich, sodass ergänzende mechanische Massnahmen erforderlich sein können.1 Mehrere Behandlungssitzungen sind in der Regel notwendig, wobei der Therapieerfolg anhand der funktionellen Verbesserung zu beurteilen ist.2,3,4
Literatur:
1 Ranganath K et al.: Comparing outcomes of radial forearm free flaps and anterolateral thigh free flaps in oral cavity reconstruction: a systematic review and meta-analysis. Oral Oncol 2022; 135: 106214 2 Katz A et al.: Intraoral laser hair removal: a scoping review. Lasers Surg Med 2024; 56(6): 534-40 3 Shim TN et al.: Hairy intraoral flap—an unusual indication for laser epilation: a series of 5 cases and review of the literature. Br J Oral Maxillofac Surg 2011; 49(7): e50-2 4 Shields BE et al.: A hairy situation: laser hair removal after oral reconstruction. Ann Otol Rhinol Laryngol 2018; 127(3): 205-8 5 Koch D et al.: The diverse application of laser hair removal therapy: a tertiary laser unit’s experience with less common indications and a literature overview. Lasers Med Sci 2015; 30(1): 453-67 6 Kaune KM et al.: Successful Nd:YAG laser therapy for hair removal in the oral cavity after plastic reconstruction using hairy donor sites. Dermatology 2013; 226(4): 324-8 7 Scarano A et al.: Eradication of hairy mouth after oncological resection of the tongue and floor of the mouth using a diode laser 808 nm. Lasers Surg Med 2019; 51(6): 516-21 8 Behera S et al.: Assessment of clinical and histological changes in the skin paddle of pectoralis major myocutaneous flap in intraoral reconstruction: a prospective cohort study. Ann Plast Surg 2020; 84(2): 173-7 9 Choi JW et al.: Analysis of morphological and histologic changes in intraoral fasciocutaneous free flaps used for oropharyngeal reconstruction. Ann Plast Surg 2014; 72(6): 674-9 10 Beahm EK et al.: Histologic changes of intraoral free skin flaps. Am J Surg 1997; 174(5): 492-4 11 Sinclair A et al.: Histological changes in radial forearm skin flaps in the oral cavity. Clin Anat 2004; 17(3): 227-32 12 Martin KA et al.: Evaluation and treatment of hirsutism in premenopausal women: an Endocrine Society clinical practice guideline. J Clin Endocrinol Metab 2018; 103(4): 1233-57
Das könnte Sie auch interessieren:
Die Rekonstruktion des Nasenflügels mit dem Nasolabiallappen
Die Komplexität der Nasenflügelrekonstruktion steigt mit Lage, Grösse und Tiefe des Defekts. Die Rekonstruktion mit einem Nasolabiallappen kann je nach den Erfordernissen des Defektes ...
Operative Möglichkeiten zur Behandlung der Gesichtslähmung
Die Fazialisparese, eine Lähmung der Gesichtsmuskulatur aufgrund einer Schädigung des Nervus facialis, führt zu erheblichen Funktionseinschränkungen durch herabhängende Mundwinkel, ...
Ästhetische Ansätze in der medizinischen Dermatologie
Die ästhetische Dermatologie wird häufig mit rein kosmetischen Indikationen assoziiert. In den letzten Jahrzehnten hat sich jedoch zunehmend gezeigt, dass ästhetische Verfahren eine ...