Die Wirbelsäule beim an Parkinson erkrankten älteren Menschen

Orthopädie & Traumatologie
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<p class="article-intro">Kurzer Leitfaden für die strukturelle Herangehensweise an die Behandlung des Parkinsonpatienten mit Rückenproblemen. </p> <p class="article-content"><div id="keypoints"> <h2>Keypoints</h2> <ul> <li>R&uuml;ckenprobleme bei Parkinsonpatienten m&uuml;ssen strukturell und multidisziplin&auml;r angegangen werden.</li> <li>Die Behandlung beginnt mit der Optimierung des Allgemeinzustands des Patienten.</li> <li>Abh&auml;ngig von der Pathologie und dem Behandlungswunsch des Patienten kann eine weitere konservative oder chirurgische Behandlung durchgef&uuml;hrt werden.</li> <li>Das Gleichgewicht der Wirbels&auml;ule muss bei der chirurgischen Behandlung mehr denn je ber&uuml;cksichtigt werden.</li> </ul> </div> <p>Morbus Parkinson ist eine neurodegenerative Erkrankung, die weltweit rund 4,1 Millionen Menschen betrifft. Allein in Deutschland leiden ca. 250 000&ndash;280 000 Menschen an der Parkinsonkrankheit. Dabei ist anzunehmen, dass sich die Zahl der Betroffenen in Anbetracht des schnell fortschreitenden demografischen Wandels bis zum Jahr 2030 verdoppeln wird.<sup>1</sup> Eine besondere medizinische Herausforderung steht bevor. <br /> Patienten mit Morbus Parkinson leiden h&auml;ufig an einer gest&ouml;rten K&ouml;rperhaltung, welche auf eine St&ouml;rung der f&uuml;r die aufrechte Haltung erforderlichen Reflexe sowie auf altersabh&auml;ngige Ver&auml;nderungen der Wirbels&auml;ule zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist.<sup>2, 3</sup> Myofasziale &Uuml;berlastung und konsekutive Muskelatrophie f&uuml;hren oft zu einer progressiven Haltungsinstabilit&auml;t, die mit der Dauer und Schwere der Erkrankung zunimmt.<sup>4, 5</sup> Zusammen mit der f&uuml;r die Parkinsonkrankheit typischen Gang- und Gleichgewichtsst&ouml;rung mit damit in Zusammenhang stehenden St&uuml;rzen und sturzbedingten Verletzungen kommt es h&auml;ufig zu einer deutlichen Beeintr&auml;chtigung der Lebensqualit&auml;t.<sup>6&ndash;8</sup><br /> F&uuml;r Wirbels&auml;ulenchirurgen stellt sich die Parkinsonkrankheit in der Regel als neuromuskul&auml;re St&ouml;rung bei &auml;lteren Patienten dar, die eine leichte bis schwere Haltungsst&ouml;rung aufweisen. Beschwerden infolge einer oft kombiniert vorliegenden sagittalen und koronaren Imbalance, gepaart mit den durch degenerative Instabilit&auml;t und Grundtremor akzelerierten Diskopathien und Spondylarthrosen, f&uuml;hren nicht selten zu einem hohen Leidensdruck bei den betroffenen Patienten. Neurologische Defizite als Folge einer degenerativen Vertebrostenose komplettieren das Gesamtbild des Wirbels&auml;ulenleidens beim Parkinsonpatienten.<sup>6, 8</sup><br /> Ein Drittel aller Parkinsonpatienten zeigt das Bild einer Deformit&auml;t. Ein signifikanter Anteil davon weist eine schwerere spinale Deformit&auml;t auf, welche mit negativen Folgen f&uuml;r die Lebensqualit&auml;t einhergeht.<sup>2, 6</sup> Die h&auml;ufigste Deformit&auml;t ist die klassische gebeugte Simian-Haltung. Andere h&auml;ufige Arten von Deformit&auml;ten sind Kamptokormie, Antecollis, Pisa-Syndrom (eine Rumpfdeviation in der koronaren Ebene) und Skoliose, vornehmlich der Lendenwirbels&auml;ule. Dabei k&ouml;nnen Deformit&auml;ten struktureller oder nichtstruktureller Art unterschieden werden. Bei einer nicht-strukturellen Deformit&auml;t kann sich der Patienten auf Aufforderung im Stand aktiv aufrichten oder korrigiert sich in R&uuml;ckenlage (Abb. 1). Dar&uuml;ber hinaus kann es zu spinalen Kompressionssyndromen kommen, wobei anzumerken ist, dass diese beim Parkinsonpatienten ebenso ohne eine spinale Deformit&auml;t h&auml;ufig auftreten k&ouml;nnen (Abb. 2).<sup>3</sup><br /> Aufgrund der Komplexit&auml;t der Erkrankung, ihrer Nebenerscheinungen und Folgen f&uuml;r die Integrit&auml;t der Wirbels&auml;ule erfordern R&uuml;ckenprobleme bei Parkinsonpatienten immer einen krankheitsspezifischen Ansatz. Leider ist die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema knapp, was bedeutet, dass eine strukturelle Herangehensweise an diese Patienten eine zus&auml;tzliche Herausforderung f&uuml;r den Arzt darstellt. Dieser Artikel dient darum als kurzer Leitfaden f&uuml;r die strukturelle Herangehensweise an den Parkinsonpatienten mit R&uuml;ckenproblemen.<br /> Bei einer strukturellen Analyse der R&uuml;ckenprobleme bei Parkinsonpatienten m&uuml;ssen Aspekte der Neurologie, Rehabilitationsmedizin sowie Wirbels&auml;ulenchirurgie betrachtet werden. Essenziell sind die spezifische Diagnose der Wirbels&auml;ulenerkrankung und zudem die optimale pharmakologische Einstellung des Parkinsonpatienten. Hierauf aufbauend k&ouml;nnen eine konzentrische Behandlung aus konservativ-orthop&auml;discher Medizin, physikalischer Rehabilitation, neurologisch-medikament&ouml;ser Therapie und Wirbels&auml;ulenchirurgie in einem personenbezogenen Behandlungsplan miteinbezogen und wenn m&ouml;glich miteinander verkn&uuml;pft werden. Denn obwohl das Komplikationsrisiko einer Wirbels&auml;ulenoperation in dieser Gruppe hoch ist, ist auch die Patientenzufriedenheit bei erfolgreicher Adressierung der Hauptprobleme der Patienten in dieser Population hoch.<sup>3, 8&ndash;10</sup> Dies kann sicherlich damit zusammenh&auml;ngen, dass R&uuml;ckenprobleme und Deformit&auml;ten in dieser Patientengruppe mit grossem Leid verbunden sind.<sup>6</sup></p> <p><img src="/custom/img/files/files_datafiles_data_Zeitungen_2019_Leading Opinions_Ortho_1904_Weblinks_lo_ortho_1904_s20_abb1_bilsen.jpg" alt="" width="550" height="365" /></p> <p><img src="/custom/img/files/files_datafiles_data_Zeitungen_2019_Leading Opinions_Ortho_1904_Weblinks_lo_ortho_1904_s21_abb2_bilsen.jpg" alt="" width="250" height="342" /></p> <h2>Diagnostik und Beurteilung</h2> <p>Die Diagnosestellung bei Parkinsonpatienten mit R&uuml;ckenproblemen beginnt mit einer gr&uuml;ndlichen Anamnese, welche sich in erster Linie auf die Symptome konzentriert, aber zugleich auch die Bed&uuml;rfnisse und Erwartungen des Patienten mit einbezieht. Dies kann als Baustein f&uuml;r die weitere Diagnose und Entscheidungsfindung dienen. Anschliessend sollte eine gr&uuml;ndliche neurologische Untersuchung durchgef&uuml;hrt werden. Bei Verdacht auf ein Kompressionssyndrom im R&uuml;cken sollte eine gezielte MRT gemacht werden. Im Falle einer klinisch signifikanten Deformit&auml;t muss sich die k&ouml;rperliche Untersuchung auch auf die Starrheit der Deformit&auml;t konzentrieren.<sup>3</sup> Hierbei ist zu beachten, dass sowohl eine Deformit&auml;t als auch gleichzeitig ein Kompressionssyndrom vorliegen kann.<sup>3</sup></p> <h2>Konservative und neurologische Behandlung</h2> <p>Der erste Schritt im Behandlungsprozess ist die optimale pharmakologische Einstellung des Parkinsonpatienten. Hierzu geh&ouml;rt nicht nur die neurologische Behandlung des Morbus Parkinson, sondern ebenso eine ad&auml;quate Schmerztherapie zur Linderung von Schmerzen infolge von sagittaler Imbalance, Spondylarthrosen, Diskopathie und Vertebrostenose. Allein hierdurch kann es zu einer deutlichen Verbesserung der Mobilit&auml;t kommen.<br /> In den wenigen bisher publizierten Studien zu diesem Thema wurde jedoch kein Effekt einer optimalen pharmakologischen Einstellung auf eine bereits vorliegende Deformit&auml;t nachgewiesen.<sup>11&ndash;13</sup> Die Erfahrungen im Umgang mit Parkinsonpatienten widersprechen hier der &auml;lteren publizierten Datenlage: Sehr wohl k&ouml;nnen durch eine optimierte pharmakologische Einstellung des Morbus Parkinson sowie eine gute Schmerztherapie eine Haltungsbesserung, verbesserte Mobilit&auml;t und somit bereits eine Reduktion des Leidensdrucks der Patienten erreicht werden. Die ganzheitliche Behandlung beginnt daher allzeit mit der Optimierung der medikament&ouml;sen Einstellung, da bereits hierdurch die Lebensqualit&auml;t verbessert werden kann. <br /> Eine weitere konservative Behandlung kann angewendet werden, wenn eine Deformit&auml;t nicht starr ist und von einem myelopathischen Bild keine Rede ist. Eine Optimierung der Medikation ist auch beim Pisa&shy;-Syndrom obligatorisch, da dieses vermehrt mit dem Einsatz von Neuroleptika, Antiemetika und/oder Cholinesterasehemmern verbunden ist. Die Erstbehandlung in diesem Fall besteht daher auch in einer medizinischen Anpassung.<sup>11</sup><br /> Eine andere konservative Behandlungsoption kann die Verabreichung von Botulinumtoxin-Injektionen in die Bauchmuskulatur sein. Die in der begrenzten Literatur beschriebene Wirkung ist variabel und nicht optimal reproduzierbar.<sup>13</sup> Die Verabreichung von Botulinumtoxin in die Iliopsoas-Muskulatur erscheint nicht sinnvoll.<sup>14</sup><br /> Bevor eine Operation in Erw&auml;gung gezogen wird, sollte der Parkinsonpatient auch eine &Uuml;berweisung f&uuml;r eine intensivierte Physiotherapie und idealerweise eine station&auml;re Rehabilitation erhalten. Dies dient auch im Sinne einer pr&auml;operativen Konditionierung (Stichwort &laquo;pr&auml;operative Rehabilitation&raquo;) der Optimierung von Stand- und Gangkoordination, der Aufdehnung von bereits progredienten Kontrakturen, der Steigerung der kardiologischen Belastungsreserve und dem Erlernen von Bewegungs-, &Uuml;bungs- und Trainingsmustern, welche dem Patienten dann auch nach einer grossen Korrekturoperation nicht mehr fremd sind. Das pr&auml;operative Anpassen von Ganghilfen und die Gew&ouml;hnung daran geh&ouml;ren ebenso zu den Grundlagen einer vern&uuml;nftigen pr&auml;operativen Planung beim Patienten mit Morbus Parkinson und fortgeschrittener Deformit&auml;t der Wirbels&auml;ule.<sup>15</sup><br /> Im Falle eines radikul&auml;ren Syndroms oder einer neurogenen Claudicatio kann, wie auch bei Patienten ohne Mb. Parkinson, eine gezielte Schmerztherapie in Betracht gezogen werden. Bei einem myelopathischen Bild ist eine konservative Therapie nicht angezeigt. Bei einer unzureichenden Wirkung konservativer Behandlungen sollte der Patient an einen spezialisierten Wirbels&auml;ulenchirurgen &uuml;berwiesen werden, welcher nebst spinaler Erfahrung in der Deformit&auml;tenchirurgie auch die notwendige Infrastruktur zur Behandlung perioperativer Herausforderungen und Komplikationen bei Mb. Parkinson anbieten kann.</p> <h2>Chirurgische Behandlung</h2> <p><strong>Indikation zur chirurgischen Behandlung </strong><br /> Ein Parkinsonpatient kann wegen begrenzter Haltungsver&auml;nderungen, Stenosen der Wirbels&auml;ule, die zu Kompressionssyndromen f&uuml;hren, oder einer Kombination aus beidem f&uuml;r eine chirurgische Behandlung in Betracht kommen. Es ist jedoch wichtig, zu erkennen dass diese Patientenkategorie medizinisch sehr komplex ist und dass R&uuml;ckenprobleme in dieser Gruppe multifaktorieller Genese sein k&ouml;nnen.<sup>2, 3</sup> Dies erfordert einen krankheitsspezifischen Ansatz und eine gute Patientenauswahl.<sup>8</sup><br /> Der Chirurg und der Patient m&uuml;ssen bei der Indikation erkennen, dass eine Wirbels&auml;ulenoperation bei Parkinsonpatienten mit einer h&ouml;heren Komplikationsrate verbunden ist als eine Wirbels&auml;ulenoperation bei Patienten ohne Parkinson.<sup>16</sup> Die Parkinsonkrankheit f&uuml;hrt zu einem erh&ouml;hten Risiko f&uuml;r postoperative Komplikationen, einschliesslich kardialer, urogenitaler und neurologischer Komplikationen, akuten Blutverlusts, Blutarmut und des damit verbundenen Bedarfs an Bluttransfusionsprodukten. Es gibt auch ein erh&ouml;htes Risiko f&uuml;r Reoperationen.<sup>16&ndash;18</sup> Diese Komplikationsraten sind in Tabelle 1 aufgef&uuml;hrt.<sup>8&ndash;10, 16, 18, 19</sup> <br /> Der Eckpfeiler der chirurgischen Indikation sollte eine Kombination aus Therapiewunsch seitens des Patienten und den zu erwartenden Ergebnissen und Komplikationen sein. Das Ziel der Behandlung ist die Linderung der Symptome und kann darin bestehen, die Mobilit&auml;t zu erh&ouml;hen und die Schmerzen zu lindern. <br /> Die Deformit&auml;t bei der Parkinson-Krankheit ist progressiv, auch gibt es in der Literatur immer mehr Hinweise darauf, dass ein Parkinsonpatient seiner zunehmenden Deformit&auml;t weniger Kompensationsmechanismen entgegensetzen kann, als dies bei Patienten mit adulter spinaler Deformit&auml;t ohne Mb. Parkinson der Fall ist.<sup>3</sup> Daher ist die Analyse des sagittalen Gleichgewichts und seiner Kompensationsmechanismen f&uuml;r einen chirurgischen Behandlungsplan unerl&auml;sslich.<sup>8</sup> Wenn der Patient eine normale sagittale Balance aufweist, dann reicht eine kurzstreckige und gezielte Operation aus (Abb. 2). Wenn jedoch ein sagittales Ungleichgewicht und eine Deformit&auml;t vorliegen, ist eine kurzstreckige Behandlung oder Instrumentierung kontraindiziert. Die Ergebnisse der Literatur haben gezeigt, dass bei kurzstreckiger chirurgischer Intervention beim Patienten mit sagittaler und/oder koronarer Imbalance die Komplikationsraten erh&ouml;ht sind.<sup>8&ndash;10</sup> Eine Korrektur zur Wiederherstellung der Bilanz ist dann obligatorisch (Abb. 3 und 5).<br /> Die Einteilung der Symptomschwere beim Mb. Parkinson nach dem Hoehn- Yahr-Score korreliert nicht nur mit dem Grad der Deformit&auml;t, sondern auch mit dem Erfolg der Operation. Je h&ouml;her der Hoehn-Yahr-Score pr&auml;operativ ist, desto gr&ouml;sser ist jedoch auch das Risiko f&uuml;r postoperative Komplikationen.<sup>5, 19</sup> Die pr&auml;operative Erfassung des Scores ist als Bezugspunkt im Rahmen einer Langzeitbehandlung der Parkinsonpatienten sinnvoll. So kann auch bei Mb. Parkinson und geringer Symptomschwere einer adulten spinalen Deformit&auml;t strategisch geplant und operativ korrigiert werden wie bei Patienten ohne Mb. Parkinson (Abb. 6). <br /> Die operative Wiederherstellung der sagittalen und frontalen Statik ist erforderlich, um ein gutes und nachhaltiges Ergebnis zu erzielen. Vor diesem Hintergrund muss eine Bewertung vorgenommen werden, die Erwartungen an die Patienten festgelegt und ein Behandlungsplan erstellt werden, der nicht nur den Operationsplan, sondern auch den pr&auml;- und postoperativen Verlauf umfasst.</p> <p><img src="/custom/img/files/files_datafiles_data_Zeitungen_2019_Leading Opinions_Ortho_1904_Weblinks_lo_ortho_1904_s21_abb3_bilsen.jpg" alt="" width="550" height="444" /> <img src="/custom/img/files/files_datafiles_data_Zeitungen_2019_Leading Opinions_Ortho_1904_Weblinks_lo_ortho_1904_s22_abb4_bilsen.jpg" alt="" width="800" height="333" /></p> <p><img src="/custom/img/files/files_datafiles_data_Zeitungen_2019_Leading Opinions_Ortho_1904_Weblinks_lo_ortho_1904_s23_abb5_bilsen.jpg" alt="" width="550" height="396" /></p> <p><img src="/custom/img/files/files_datafiles_data_Zeitungen_2019_Leading Opinions_Ortho_1904_Weblinks_lo_ortho_1904_s24_abb6_bilsen.jpg" alt="" width="800" height="305" /></p> <p><strong>Pr&auml;operative Planung</strong><br /> Freilich muss vor der Operation eine umfangreiche Diagnostik durchgef&uuml;hrt werden. Diese besteht aus R&ouml;ntgenaufnahmen der gesamten Wirbels&auml;ule in aufrechter Position von lateral und ap. Dar&uuml;ber hinaus erfolgt eine MRT-Untersuchung der spinalen Achse von C0 bis S1. Skip-Stenosen, kombiniert thorakolumbal und zervikal, liegen beim Patienten mit adulter spinaler Deformit&auml;t in einem Drittel der F&auml;lle vor.<sup>2</sup> Diese Rate ist bei den Parkinsonpatienten erh&ouml;ht. Insbesondere bei anstehenden langen thorakolumbosakralen Operationen sollte daher das Vorliegen einer gegebenenfalls noch asymptomatischen zervikalen Stenosesituation erkannt und in Abh&auml;ngigkeit vom Schweregrad diese ggf. sogar operativ saniert werden. Eine CT-Diagnostik definiert das Ausmass der kn&ouml;chernen Stenose-Anteile sowie die Rigidit&auml;t der Gelenke und der ventralen S&auml;ule. Dies dient der Beurteilung des notwendigen Ausmasses des intraoperativen Re lease mit dem Ziel, eine Flexibilit&auml;t der kn&ouml;chernen Elemente herzustellen, aber auch zur Beurteilung der Fusionschance in jedem Segment. Es ist wichtig zu wissen, dass Parkinsonpatienten &ndash; aufgrund von Unbeweglichkeit, Bewegungsmangel, Vitaminmangel, reduzierter Muskelkraft und geringem K&ouml;rpergewicht &ndash; eine geringere Knochendichte haben als gesunde Gleichaltrige. Zudem kann Levodopa eine Hyperhomocystein&auml;mie ausl&ouml;sen, die ein unabh&auml;ngiger Risikofaktor f&uuml;r Osteoporose ist.<sup>3, 20, 21</sup> Daher sollte bei geplanter Instrumentierung eine quantitative Computertomografie (Q-CT) durchgef&uuml;hrt und die operative Therapie erst geplant werden, wenn eine ad&auml;quate Knochentherapie f&uuml;r mindestens 3 Monate eingeleitet ist. Der Autor empfiehlt hierbei ein eher aggressives medizinisches Vorgehen, da eine Verbesserung der Knochenqualit&auml;t pr&auml;operativ eine deutliche St&uuml;tze in der Vermeidung postoperativer mechanischer Komplikationen darstellen kann.<br /> Parkinsonpatienten haben h&auml;ufig mehrere Risikofaktoren f&uuml;r die Entwicklung eines Delirs. Daher wird empfohlen, vorbeugend und beratend einen Geriater, Neurologen oder Psychiater zu konsultieren.<sup>22</sup> Zur pr&auml;operativen Vorbereitung geh&ouml;rt auch die Verbesserung des Gesamtzustands des Parkinsonpatienten, wie oben bereits beschrieben. Die Patienten sollten optimal an die Medikation angepasst sein, eine di&auml;tetische Reduktion von Risikofaktoren sollte erreicht sein (z. B. HbA<sub>1</sub>-Reduktion, BMI-Reduktion) und der Allgemeinzustand, die Muskelkraft und die Gehstrecke im Rahmen einer Rehabilitation sollen optimiert werden.<br /> In Abh&auml;ngigkeit von der Schwere neurologischer Symptome des Mb. Parkinson sollte eine &laquo;deep brain stimulation&raquo; (DBS) als eine pr&auml;operative Therapieoption mit nachweislich geringerer Komplikationsrate im Rahmen der chirurgischen Behandlung von Wirbels&auml;ulenproblemen bei Parkinsonpatienten erw&auml;hnt werden. DBS ist eine Option im Fall einer nicht starren Deformit&auml;t ohne das Auftreten einer neuralen Kompression. Nach bilateraler Stimulation des Nucleus subthalamicus ist eine gewisse Besserung zu erwarten, eine vollst&auml;ndige Wiederherstellung des Gleichgewichts ist jedoch in der Literatur nicht beschrieben.<sup>6, 23</sup> Bei Einlage von DBS gilt es, intraoperativ den Einsatz z.B. von elektrischen Ger&auml;ten am Patienten (monopolare Koagulation) mit der individuellen Ger&auml;techarakteristik der DBS abzustimmen. Alternativen zur Weichteildissektion sind auf dem Medizinmarkt erh&auml;ltlich.</p> <p><strong>Chirurgische Behandlung</strong><br /> Die wirbels&auml;ulenchirurgischen M&ouml;glichkeiten h&auml;ngen vom Gleichgewicht der Wirbels&auml;ule eines Patienten ab. Bei Parkin sonpatienten ist es wichtig, eine f&uuml;r den Patienten individualisierte korrekte sagittale Balance und eine optimale koronare Balance einzustellen. Eine sagittale &Uuml;berkorrektur sollte tunlichst vermieden werden (Abb. 4).<br /> Bei Vorliegen eines fokalen Problems, z.B. Vertebrostenose (Abb. 2), und erhaltener Statik in der sagittalen und koronaren Ebene kann eine kurze fokale Operation ausreichen sein.<sup>19</sup> Wenn bereits eine erhebliche Deformit&auml;t und Imbalance bestehen, ist es notwendig, diese zu beseitigen. Moon et al. zeigten in ihrer Serie, dass eine kurze lumbale Fusion entt&auml;uschende Ergebnisse liefert, teilweise aufgrund des Fortschreitens der sagittalen Imbalance, mechanischer Komplikationen postoperativ und der damit verbundenen Beschwerdesymptomatik (Abb. 4).<sup>24</sup> Andere Studien haben gezeigt, wie wichtig es ist, einer kombinierte sagittale und koronare Balance beim Parkinsonpatienten im Rahmen einer langstreckigen Korrekturspondylodese wiederherzustellen &ndash; dies im Hinblick auf Vermeidung kurz- und langfristiger Komplikationsraten sowie auf eine erreichbare hohe Patientenzufriedenheit in bis ca. 75 % der F&auml;lle.<sup>3, 8&ndash;10</sup><br /> Ein Versuch, die perioperative Komplikationsrate so niedrig wie m&ouml;glich zu halten, sollte immer unternommen werden. Die Erfahrung der Autoren zeigt, dass eine gute pr&auml;operative Vorbereitung die Komplikationsrate und die Erfolgschance positiv beeinflusst. Anzumerken bleibt, dass die intra- und postoperative Expertise der an&auml;sthesiologischen Behandlungsteams insbesondere beim Parkinsonpatienten einen signifikanten Einfluss auf das individuelle Outcome nehmen kann. Empirisch besteht bei An&auml;sthesisten und Chirurgen Konsensus, dass Narkosef&uuml;hrung sowie Blut-, Gerinnungs- und Fluid-Management beim betagten und medizinisch vorbelasteten Parkinsonpatienten eine besondere Herausforderung darstellen k&ouml;nnen. Eine entsprechende Teamausrichtung vor einer geplanten Parkinsonoperation kann daher einen wichtigen Behandlungsschritt darstellen.</p> <p><img src="/custom/img/files/files_datafiles_data_Zeitungen_2019_Leading Opinions_Ortho_1904_Weblinks_lo_ortho_1904_s22_abb4_bilsen.jpg" alt="" width="700" height="291" /></p> <h2>Postoperative Behandlung</h2> <p>Neben der &uuml;blichen postoperativen Versorgung von Patienten nach Wirbels&auml;ulen- und Deformit&auml;tsoperationen muss bei diesen Patienten ein besonderes Augenmerk auf die medikament&ouml;se Behandlung und Delirpr&auml;vention gelegt werden. Fehlt es an umfangreicher Erfahrung in der chirurgischen Abteilung, dann sollten Geriater und/oder Neurologen in die postoperative Behandlung einbezogen werden. Mobilisierung und Rehabilitation m&uuml;ssen so schnell wie m&ouml;glich eingeleitet werden.</p> <h2>Schlussfolgerungen</h2> <p>Wirbels&auml;ulenprobleme bei Parkinsonpatienten sind h&auml;ufig und gehen mit einem hohen Leidensdruck sowie einem Verlust an Lebensqualit&auml;t einher. Ein systematischer Ansatz ist angesichts der Komplexit&auml;t dieser Patientenkategorie und des multifaktoriellen Charakters dieses Problems angezeigt. Nach einer optimalen konservativen Behandlung und Vorbereitung kann eine Wirbels&auml;ulenchirurgie in Betracht gezogen werden, bei der es wichtig ist, eine gute sagittale Balance zu erreichen, um ein positives Ergebnis mit m&ouml;glichst wenigen Komplikationen zu erzielen.</p></p> <p class="article-footer"> <a class="literatur" data-toggle="collapse" href="#collapseLiteratur" aria-expanded="false" aria-controls="collapseLiteratur" >Literatur</a> <div class="collapse" id="collapseLiteratur"> <p><strong>1</strong> Berg D, Ebersbach G: Von der Forschung in die Klinik: Die Deutsche Parkinson Gesellschaft mit neuer Pr&auml;senz im Web. https://www.parkinson-gesellschaft.de/ aktuelles/36-von-der-forschung-in-die-klinik-die-deutsche-parkinson-gesellschaft-mit-neuer-praesenz-im-web. html (October 13, 2019) <strong>2</strong> Doherty KM et al.: Postural deformities in Parkinson&rsquo;s disease. 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